Dream Theater Pordenone (2012)
Autor: Jernej Vene
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Pordenone / Palasport Forum / Italien
Konzertdatum: 20.02.2012
Besucherzahl: 2200
Kartenpreis: 46,00€ (Vorverkauf) / 48,00€ (Abendkasse)
Schon die Entscheidung selbst, dieses Konzert zu besuchen, war so leicht wie ein Windhauch. Die Könige des technischen Prog-Metal wiederzusehen ist immer ein Erlebnis – erst recht, wenn sie so nah bei uns spielen. Unterwegs gab’s auch Nieselregen, aber nur bis zur italienischen Grenze, wo der mediterrane Einfluss damit kurzen Prozess machte.
Alte italienische Gewohnheit: Die Veranstalter kündigen schon Tage vor dem Konzert eine Anfangszeit an, die dann aber um eine ganze Stunde verschoben wird. So spielte Vorband Periphery erst um 20:30 Uhr. Die Jungs aus Maryland geben sich Mühe und sind instrumentaltechnisch durchaus solide, interessant auch dadurch, dass sie keine Verstärker verwenden, sondern die Gitarren direkt ins Mischpult einspeisen. Das Sextett stützt sich auf drei (!) Gitarristen, die ihre Sieben-Saiter sehr engagiert zücken. Einer davon war definitiv einer zu viel. Wenn ich bedenke, dass Petrucci bei Dream Theater alles alleine stemmt…
An ihre Musik glauben sie mit sichtlicher Begeisterung. Sänger Spencer Sotelo ist in den »hörerfreundlicheren« Registern sogar interessant, aber das Metalcore-Gemurmel und -Gebrüll war für viele zu viel des Guten. Viele flüchteten zum Merch-Stand oder vertrieben sich die Zeit an der Bar. Periphery werden auch eine musikalische Neuausrichtung brauchen, wenn sie einen bleibenden Eindruck hinterlassen wollen.
Dream Theater sorgten natürlich mit den ersten Tönen von John Petrucci dafür, dass Periphery nur noch eine blasse Erinnerung waren. Ähnlich wie Nieselregen im Wind fliegen auch die Finger aller vier Instrumentalisten der Band.
In der gleichen Halle hab ich sie auch vor fast vierzehn Jahren (April 1998) gesehen, und der Vergleich drängt sich auf. Es geht weniger darum, die Erfahrenheit zu vergleichen, als vielmehr um die Tatsache, dass sie musikalisch nicht gealtert sind – was bei vielen in einer so langen Karriere der Fall wäre. Das damalige Konzert war performativ sehr überzeugend, der Sound aber war der schlechteste von allen sieben Dream Theater-Konzerten, die ich bis dahin gehört hatte. Na ja, diesmal war der Bass von John Myung anfangs etwas schwammig, aber bereits beim dritten Song lief alles so, wie es sein sollte.
Verwunderlich ist allerdings, dass trotz des sprichwörtlich leidenschaftlichen italienischen Publikums noch Platz für mindestens 500 weitere Köpfe in der Halle gewesen wäre. Die Krise hat offenbar ihre Tentakel ausgestreckt…
Das überwiegend männliche Publikum verfiel zwar nicht in Trance, wusste aber auf die beste Jazz-Manier die herausgestellten Soli der Instrumentalisten zu würdigen. Mehrfach skandierte das Publikum Pe – Tru – Cci und Man – Gi – Ni. Auch diesmal ist es schwer, jemanden besonders hervorzuheben, denn ihre Brillanz raubte uns mühelos die Sinne und entrückte uns aus der realen Welt. Die scheinbare Leichtigkeit der Darbietung wirkt trotz der Komplexität ungemein luftig. Und es ist so viel mehr als das. Jahre der Arbeit, des Übens und des Erfahrungsammelns setzen sie nach wie vor auf den Prog-Metal-Olymp; im Einklang mit der Songauswahl zeigte ihre musikalische Darbietung nach wie vor eine große Liebe zum Auftreten – wohlgemerkt, nicht zur bloßen Selbstdarstellung. Mike Mangini wirkt als Neuling eigentlich vollständig integriert; das Erbe von Mike Portnoy ist natürlich tief und gewichtig, aber Mangini war mehr als überzeugend. Sein Spiel hat er vollständig dem Streben nach größtmöglicher Kompaktheit des Bandsounds untergeordnet. Also genau so viel, wie nötig war – und das war eine Menge. Die musikalische Dichte von Dream Theater ist meistens ungemein satt, doch die Meister mildern sie gelegentlich mit einzigartigen lyrischen Passagen.
Dream Theater sorgten für eine ausgiebige Präsentation ihres aktuellen Albums A Dramatic Turn Of Events. Nicht so wichtig ist, warum genau diese und so viele Songs – wichtiger ist, dass sie live absolut gleichwertig mit jedem älteren Track sind. Ältere Fans der amerikanischen Meister kamen vor allem bei 6:00, Surrounded, A Fortune In Lies sowie den zwei Highlights von Images And Words – Wait For Sleep und Surrounded – voll auf ihre Kosten. Immer wieder staunt man über Petruccis unglaubliche Tonkontrolle; die Dramatik, die er mit der Gitarre heraufbeschwört, ist einfach unglaublich. Er weiß, dass die Gitarre die Verlängerung seiner grenzenlosen musikalischen Ideen ist, und Gott bewahre, dass er eines Tages aus irgendeinem Grund nicht mehr spielen könnte. Das würde ihn wohl schnell zugrunde richten…
Jordan Rudess ergänzte bei den meisten Songs dankbar die Melodien und sorgte für einen üppigen Klangteppich. Bassist Myung hielt trotz der Anforderungen und Komplexität der Musik Petrucci mühelos die Waage; zusammen feuerten die beiden einige höllische Unisoni ab, bei denen gelegentlich auch Rudess mithalf (Outcry). A Fortune In Lies präsentierte natürlich Petruccis ganzes Arsenal: Tapping, String Skipping und blitzschnelle Glissandi sind nur die drei offensichtlichsten Techniken.
Petrucci unterstützte Sänger James La Brie stimmlich einige Male, wirkte dabei aber mehr oder weniger blass. Zu wenig Kraft oder zu niedrig im Mix – eben. Aber eine komplexe Gitarrenlinie zu spielen und gleichzeitig zu singen, das verdient nur Lob. Ansonsten beherrscht La Brie die Bühne nach wie vor souverän. Bei ihm bestätigt sich das Sprichwort, dass der Schein trügt. Der kräftige Kerl mit dem durchdringenden Blick ist überhaupt nicht so, wie man ihn sich vorstellt. Seine Freundlichkeit und Zugänglichkeit sind eine willkommene Komponente des gesamten Dream Theater-Images. Der Kontakt mit dem Publikum war genau richtig dosiert, La Brie hat sich mehr Mühe gegeben, als nötig gewesen wäre. Zu Beginn erklärte er kurz, dass die Band mit dem neuen Mitglied neue Energie gewonnen hat und ein neues, wichtiges Kapitel schreibt. Die Jahre merkt man ihm ein wenig an; die Frisur müsste langsam mal erneuert und der zentimeterhohe Haaransatz beseitigt werden. Die Gesangsarbeit hat er mit Bravour erledigt; er gönnte uns auch drei oder vier durchdringende Schreie, die eines jungen Roger Daltrey würdig gewesen wären.
Schlagzeuger Mangini demonstrierte mit dem obligatorischen Solo sein Können und seine Vielseitigkeit. Na ja, wenn er am Berklee lehrt, wissen wir, was die Uhr geschlagen hat. Dream Theater haben einen solchen Schlagzeuger wirklich sehr gebraucht. Er hat frischen Wind in die Segel gebracht, und das Schiff fährt weiter. Als komplex kompakte, aber nicht seelenlose Maschine schreiten Dream Theater selbstbewusst in ein neues Jahrzehnt ihres musikalischen Lebens. Die vollständige Bestätigung dieses Satzes fand auf der Bühne der Halle in Pordenone statt.
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist
Dream Is Collapsing (von Hans Zimmer, aufgenommenes Intro)
1.Bridges in the Sky 2.6:00
3.Build Me Up, Break Me Down
4.Surrounded
5.The Dark Eternal Night
6.Schlagzeugsolo
7.A Fortune in Lies
8.Outcry
9.Wait for Sleep
10.Far from Heaven
11.On the Backs of Angels
12.War Inside My Head
13.The Test that Stumped Them All
14.The Spirit Carries On
15.Breaking All Illusions
—Zugabe—
16. As I Am
Bildergalerie














































