Dream Theater – John Petrucci (1995)

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Autor: Jernej Vene

Interviewdatum: 03.02.1995

Die New Yorker Band DREAM THEATER ist zweifellos führend im Bereich des Progressive Metal. Über das Leben auf Tour und generell über seine Liebe zur Musik hat uns Gitarrist JOHN PETRUCCI erzählt.

Vene: Hallo John! Wie geht’s dir?

Petrucci: Bestens! Ich hab gerade Törtchen und Kaffee zum Frühstück gehabt.

Vene: Wann bist du ins Bett gekommen?

Petrucci: Wir sind um halb fünf morgens in München angekommen, und dann hab ich sechs Stunden geschlafen.

Vene: Ist es schwer, Rockmusiker zu sein?

Petrucci: Ja, Touren sind anstrengend, die Arbeit im Studio dagegen nicht. Da fühle ich mich wohl.

Vene: Spielst du gern Gitarre, und wann hast du damit angefangen?

Petrucci: Ich spiele sie über alles gern, angefangen habe ich mit zwölf. Davor habe ich auf der Orgel herumgehämmert, die wir zu Hause hatten.

Vene: Hast du deine Eltern dazu gebracht, dir eine Gitarre zu kaufen?

Petrucci: Ja.

Vene: Warst du auf einer Musikschule?

Petrucci: In der Highschool habe ich einen Musiktheorie-Kurs besucht, und nach dem Abschluss bin ich für ein Jahr nach Boston ans Berklee College Of Music gegangen. Eigentlich sind der Bassist John Myung und ich zusammen dorthin gegangen, und da haben wir Mike Portnoy kennengelernt, den heutigen Schlagzeuger von Dream Theater.

Vene: Nach dem großen Erfolg von Images And Words habt ihr Awake aufgenommen. Seid ihr damit zufrieden? Wie haben Fans und Radiosender reagiert?

Petrucci: Man muss wissen, dass die Leute unterschiedlich reagieren. Kurz bevor Awake rauskam, haben wir eine kurze Promotour durch Europa gespielt. Die Radiojournalisten haben das Album positiv bewertet, manche meinten sogar, es sei besser als das vorherige. Einige waren nicht überzeugt, dass die neue Platte besser ist, aber es war eben so, dass sie zum ersten Mal überhaupt ein neues Werk mit dem vorherigen vergleichen konnten. Vielleicht ist der Vergleich unserer beiden Platten sogar ein bisschen gefährlich. Wir haben sie nämlich mit zwei verschiedenen Produzenten in unterschiedlichen Lebensphasen aufgenommen, deshalb sind sie natürlich verschieden. Es ist aber immer so, dass die einen etwas Neues wollen und die anderen das, woran sie von früher gewöhnt sind.

Vene: Manche wissen gar nicht, dass es auch euer Debüt When Dream And Day Unite gibt. Klanglich ist es mit den beiden Nachfolgern nicht vergleichbar, aber die Musik ist großartig. Vielleicht sollte man es in ein paar Jahren klanglich überarbeiten (remastern)?

Petrucci: Ja, auf jeden Fall, da stimme ich zu.

Vene: Wer ist euer neuer Keyboarder?

Petrucci: Er heißt Derek Sherinian. Vorher hat er bei Alice Cooper gespielt und auf Touren mit Kiss. Er ist gebürtiger Armenier und war mit uns in Berklee. Er ist ein verdammt guter Freund und Musiker, und auch altersmäßig passen wir zusammen. Offiziell ist er noch kein Bandmitglied, aber ich denke, das wird er bald sein.

Vene: Euer ehemaliger Keyboarder Kevin Moore hat Dream Theater verlassen? Was macht er jetzt?

Petrucci: Er ist an die Westküste der USA gezogen und nimmt dort Soloprojekte auf. Ich habe viele seiner Demos gehört. Er macht eben, was er will.

Vene: Kannst du unseren Lesern das Gefühl und die Botschaft des Albums Awake erklären?

Petrucci: Ich glaube, es hat viel mehr Charakter, oder Rückgrat, als unser voriges Images And Words. Es zeigt uns so, wie wir sind. Dazu hat vor allem die Arbeit im Studio beigetragen, denn der Produzent hat uns seine Vorstellung von Musik nicht aufgedrängt, sondern uns freie Hand gelassen, damit wir unsere Ideen umsetzen konnten. Von der vorigen Tour haben wir den guten Sound mitgenommen und ihn dann auf die neue Platte übertragen. Wir hatten viel mehr Freiheit als vorher. Der Produzent hat es geschafft, unsere Ideen zu bewahren und sie auf die Platte zu bringen. Unser Sänger James La Brie hat sich richtig gut geschlagen. Auf Awake singt er rau, kehlig, keuchend oder ganz natürlich. Damit haben wir auch unseren Ausdruck als Band vertieft. In den Texten findest du viele verschiedene Botschaften. Mit dem Titel Awake meinten wir einen Bewusstseinszustand, wie wir ihn den Hörern hinterlassen wollen. Die Musik darauf muss man entspannt hören, jedes Mal in sich aufsaugen und so wach werden (Awake).

Vene: Wie alt bist du?

Petrucci: Siebenundzwanzig.

Vene: Du hast ja noch dein ganzes Leben vor dir!

Petrucci: Ja, aber die Zeit vergeht viel zu schnell!

Vene: John, du giltst als extrem schneller Gitarrist, der trotzdem mit Gefühl spielt. Wie bringst du Technik und „Eier“ unter einen Hut?

Petrucci: Technik ist für mich ein Werkzeug, mit dem ich etwas sagen kann. Ich höre viel klassische Musik. Ein Beispiel: Ein Komponist konnte etwas Langsames und Schönes schreiben oder auch irgendeinen total abgedrehten Wahnsinn. Das Orchester musste in der Lage sein, alles Geschriebene zu spielen. Wenn sie das technisch hinbekommen haben, haben sie auch verstanden, was der Komponist mit seiner Musik sagen wollte. Bei mir ist es genauso. Ich benutze die Technik als Werkzeug für meinen Ausdruck. Natürlich hilft die Technik auch dann, wenn ich mir im Kopf etwas ausdenke und es mit ihrer Hilfe später umsetze. Deshalb übe ich viel. Was die „Eier“, das Gefühl und die Direktheit angeht, hängt das oft davon ab, wo du aufgewachsen bist. Als ich ein junger Spund war, habe ich viel Hardrock gehört. Led Zeppelin, Black Sabbath, Van Halen, Deep Purple, aber auch Progressive-Bands haben mir immer gefallen. Mich haben Musiker angezogen, die gefühlvoll und melodisch gespielt haben.

Vene: Bei Dream Theater schreiben alle Mitglieder Songs. Ist das freundschaftliche Zusammenarbeit oder Wettbewerb?

Petrucci: Beim Songschreiben arbeiten wir immer zusammen. Manchmal kommt es vor, dass einer von uns einen Song allein schreibt. Zuletzt habe ich unseren letzten Hit The Silent Man allein geschrieben. Die meisten Songs schreiben wir aber gemeinsam, darauf freuen wir uns auch immer. Wenn wir spielen, messen wir uns immer, wer besser ist. Einer der Gründe, warum Kevin Moore Dream Theater verlassen hat, war, dass er seine eigenen Ideen durchsetzen wollte und dabei nie nachgegeben hat. Er hat viel beim Schreiben mitgemacht, aber sein musikalischer Geschmack wurde so speziell, dass er überhaupt nicht nachgeben oder sich den anderen anpassen wollte.

Vene: Wie bereitest du dich auf eure langen Touren vor?

Petrucci: Wenn wir zu Hause sind, mache ich viel Sport und gehe laufen und halte mich generell körperlich fit. Auf Tour nehme ich Vitamine, trinke keinen Alkohol und nehme keine Drogen. Wenn es irgendwie geht, schlafe ich gern richtig gut. Am schwersten ist es für mich, wenn ich viel reise und viele Zeitzonen durchquere. Vor dem Auftritt übe ich immer, damit ich abends in Topform bin.

Vene: Was bedeutet es dir, Mitglied von Dream Theater zu sein?

Petrucci: Ich bin sehr stolz darauf. Als ich als Knirps mit der Gitarre angefangen und mir die Haare habe wachsen lassen, hab ich mich viel mit meinen Eltern gestritten. Dann bin ich auf die Musikschule gegangen und wollte mir etwas beweisen. Irgendwo tief in mir wusste ich, dass ich es eines Tages schaffen würde. Ich war ein guter Student, und wenn ich mich einer Sache gewidmet habe, habe ich sie gut gemacht. Das Ganze ist großartig, weil ich heute das machen kann, was ich am liebsten tue. Das ist eine Art innere Zufriedenheit. Ich habe Job und Hobby verbunden, mehr noch, Gitarrespielen ist etwas, das ich tun muss – das ist meine Leidenschaft!

Vene: Was hältst du von moderner Popmusik?

Petrucci: Ich kenne nicht alles, weil ich keine Zeit habe, sie zu verfolgen. Moderner, beziehungsweise Alternative Rock hat zu wenig Substanz und gefällt mir deshalb nicht. Natürlich gibt es Ausnahmen, die okay sind, zum Beispiel Soundgarden. Die haben gute Songs. Ich höre nicht viel Radio und sammle keine CDs mit moderner Popmusik. Mir liegt die klassische Musik am Herzen, die mir erlaubt, Musik anders zu betrachten. Das hilft auch beim Songschreiben.

Vene: Hilft dir dein Wissen über Musiktheorie bei der Arbeit?

Petrucci: Absolut! Ich habe ein paar Notenbücher zu unseren Platten geschrieben. Normalerweise schreiben wir unsere Musik nicht vorher auf, außer wenn ich will, dass John Myung dasselbe spielt wie ich. Das kommt bei den anspruchsvolleren Teilen der Songs vor. Ich habe auch viel mit anderen Musikern gespielt. Letztes Mal haben wir in London gespielt, und das Repertoire bestand aus lauter Coverversionen. Unter den Gästen war der Gitarrist von Yes, Steve Howe, und mit ihm haben wir ein paar Songs dieser Band gespielt. Auch zwei Mitglieder von Marillion kamen zum Konzert und wollten mit uns einen ihrer Hits spielen. Eine halbe Stunde vor dem Auftritt habe ich die Noten für diesen Song aufgeschrieben. Wenn du dieses Wissen hast, hilft es dir immer. Auch bei meinen Artikeln in Magazinen und bei den Kursen ist das sehr praktisch.

Vene: Was hat Dream Theater deiner Meinung nach zum Starstatus gebracht?

Petrucci: Keine Ahnung! Na ja, eigentlich weiß ich wirklich nicht, was uns dahin gebracht hat, wo wir heute sind. Wir spielen anspruchsvollere Musik als andere Bands, haben längere Songs, und gerade deswegen haben wir auch keinen großen kommerziellen Erfolg erwartet. Die Hörer nehmen uns bis zu einem gewissen Punkt an, später tauchen sie dann komplett in unsere Musik ein. Da liegt also der Schlüssel zu unserem Erfolg!

Vene: Danke!!

Petrucci: Keine Ursache!! Keep On Rockin‘!

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