Dig In Deep
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Tyketto
Label: Frontiers Records
Erscheinung: 2012
Laufzeit: 46:51
Wertung: 4/5
Tyketto ist jene famose Melodic-Rock-Band, die am Ende der Achtziger auftauchte und der es nie vergönnt war, kommerziellen Erfolg einzufahren. Ganz einfach. Sie wurde von der Grunge-Welle weggespült, die in den Neunzigern folgte. Nach siebzehn Jahren seit der letzten Studioalbum-Veröffentlichung („Shine“, 1995 – darauf sang der spätere „Jouneyman“ Steve Augeri und nicht Danny Vaughn) kehren Tyketto also zurück. Sie kehren in der Originalbesetzung Danny Vaughn (Gesang), Brooke St. James (Gitarre), Michael »Arbeeny« Clayton (Schlagzeug) und Jimi Kennedy (Bassgitarre) zurück!
»Dig in Deep« ist das große, reife Comeback der Band. Keine Angst, Tyketto werden euch damit nicht enttäuschen! Natürlich muss man dabei ein paar Dinge im Blick behalten. Erstens darf man von »Dig In Deep« keine Neuauflage der ersten beiden Studioalben erwarten, und auch keinen Versuch, den Hit-Single Forever More neu einzufangen. »Dig In Deep« ist nämlich viel, viel näher an den Vaughn-Produktionen dran als an den ersten beiden Tyketto-Alben. Das ist sehr logisch. Clayton und Vaughn blieben danach in Dannys Projekt Vaughn vereint, das seinen Erstling »Traveller« allerdings erst 2007 veröffentlichte. Mit ihnen zusammen wirkte bei Vaughn noch ein weiteres ehemaliges Tyketto-Mitglied mit. Das ist Jamie Scott, der beim zweiten Tyketto-Album in der Besetzung Bassist Jimi Kennedy ablöste. Interessant ist, dass weder Scott noch Clayton beim Aufnehmen des Albums Traveller mit Vaughn zusammenarbeiteten.
»Dig In Deep« ist eigentlich die Fortsetzung des Albums »Traveller« des Vaughn-Projekts, was bedeutet, dass das Album »Traveller« selbst pauschal als das verlorene Tyketto-Album gelten kann. Danny Vaughn ist als vokaler Interpret, Arrangeur und Texter nämlich eine sehr starke Ausdrucksfigur, die auf jedem Produkt den sichtbarsten Stempel seiner allgemeinen künstlerischen Kreativität hinterlässt. Der Vorteil von Vaughn gegenüber anderen Musikern des melodischen Rocks ungefähr gleichen Jahrgangs liegt vor allem darin, dass Vaughn ein außergewöhnlicher Texter ist. Deshalb bewahrt die Substanz von »Dig In Deep« viel mehr Greifbarkeit, als man von ähnlichen Bands eigentlich erwarten würde, die ungefähr zu der Zeit aufgewachsen sind, als Bon Jovi und Whitesnake mit ihren Alben die Konkurrenz von den Spitzen der weltweiten Musikcharts fegten (Kenner von Tyketto werden wissen, warum genau diese beiden Bands zitiert werden). Vaughn hat eine besondere Stimmfarbe, die sich aus dem Kern eines typischen Tyketto-Songs nicht schwer herausschälen lässt. Das Suchen nach Parallelen mit der vokalen Interpretation ist natürlich diesmal eine sehr undankbare Aufgabe, aber wenn schon, dann wäre das gelegentlich ein Hauch der Stimmfarbe von Jimi Jamison (Survivor). Besonders in einigen Refrain-Melodien des ersten Albumteils, wenn sich der Grundmelodie eine Vokalharmonie im Terzett hinzugesellt.
»Dig In Deep« trägt eine außerordentlich lebendige Produktion, die meisterhaft klanglich gefüllt und detailreich kontrastiert ist. Es besitzt eine kraftvoll detonierende »Groove«-Rhythmussektion, eine glühend dynamische Ansprechbarkeit der führenden Gitarrenphrasen, mit Soli, in denen St. James beweist, dass er den Gitarrenhals mindestens ebenso teuflisch bearbeiten kann wie der vollständig »aufgepumpte« Jimi Bell (House Of Lords). Der Hintergrund ist oft mit der reizvollen Begleitrolle einer Akustikgitarre gefüllt, was eine Art Konstante in Danny Vaughns Schaffen darstellt. Der Titelsong ist etwa besonders düster, trägt die Kontur einer rauen Led Zeppelin-Figuration in einigen Übergangs-Gitarnenornamenten sowie eine piekende Refrain-Melodie, die sich mit etwas Fantasie auch in eine aerosmithsche Love In An Elevator verwandeln könnte. Tyketto verstecken ihre Blues-Wurzeln nicht, die die melodische Reinheit der kompakten »Zünder« (sprich: Songs) in keiner Weise überdecken, sondern als zusätzliche Würze dienen, wunderbar eingewoben in die Hauptformen der Album-Songs. Das ist jene Finesse des Tyketto-Stils, weswegen viele sie schon von Anfang an mit Whitesnake und/oder Bon Jovi verglichen haben. Natürlich ist in den Songs oft auch das düster-epische Element klarer hervorgehoben, so wie im persönlich bekennenden The Fight Left In Me.
»Dig In Deep« ist das Album der reifen Neuausrichtung von Tyketto, das mit den neuen Zeiten harmoniert. Der katapultartige Zwischenstopp auf dem Weg zu dieser Entwicklungsstufe des Tyketto-Artismus für das Jahr 2012 ist natürlich das Album des Vaughn-Projekts namens »Traveller«. Das neue Album besitzt eine klar greifbare Substanz von 11 detailliert arrangierten Melodic-Rock-Songs, willig lebendige Vibrationen, einen klar ausgearbeiteten Charakter und eine klar kontrastierte Ausdrucksvielfalt, die dynamisch von den Leitmotiven der Songs angetrieben wird. Ein ausgezeichnetes Comeback-Album mit reif definiertem Arrangements-Attribut, das das Ergebnis einer langen Entstehungszeit, eines reichen Fundus an verwertbaren Ideen und vor allem der Erfahrenheit von Musikern ist, die sich im Studio so »drehen« können, wie es nötig ist. Hoffen wir, dass dem Album »Dig in Deep« auch weitere neue Studio-Fortsetzungen folgen werden.
Besetzung
Danny Vaughn – Gesang, Gitarre
Brooke St. James – Gitarre
Jimi Kennedy – Bassgitarre
Michael Clayton – Schlagzeug
Produktion
Danny Vaughn
Tracklist
- Faithless
- Love to Love
- Here’s Hoping It Hurts
- Battle Lines
- The Fight Left in Me
- Evaporate
- Monday
- Dig In Deep
- Sound Off
- Let This One Slide
- This Is How We Say Goodbye