Die Logik der Bewegung – ein Blick hinter die Kulissen von Moveknowledgement (2007)

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Datum des Interviews: 22.10.2007

Der verregnete Montag ging langsam in seine Schlussphase über, und die in leichten Dunst und Nieselregen gehüllte Metelkova lag ziemlich verlassen da. Auf kreative Art. Zur vereinbarten Zeit halte ich vor der Gala Hala. Aus dem abgedunkelten Inneren weht der Sound eines versteckten Pulses herüber. Backstage wird geprobt, ich dagegen warte diesmal auf andere Schützlinge des Labels Kapa – meine Gesprächspartner von Moveknowledgement, den Platzhirschen aus Novo mesto in Sachen Fusion – Dub – Jungle – Rock-Sound, einer Band, die trotz all ihrer unglaublichen musikalischen Erfolge im Ausland bei uns noch immer ziemlich anonym ist, auch wenn schon so mancher von ihr gehört hat. Gegen sieben Uhr abends geht die Tür auf, und ins Herz des Tempels der alternativen Kultur treten N’Toko, der charismatische Sänger der Band, und der dreadlocktragende Guru der tiefen Frequenzen und des funkig-dubbigen Beats der Sound-Schamanen aus Novo mesto, Bassist Dejan Slak.

RockLine: Jungs, es freut mich, dass wir endlich am selben Tisch sitzen können – also ihr sitzt, ich bleib einfach stehen – und dass wir wenigstens ein Stück weit zum Kern der ganzen Schönheit und von allem kommen, was Moveknowledgement ausmacht. Hinter euch liegen ein paar Auslandsgigs, mit denen ihr euren guten Ruf wieder über die Grenzen hinausgetragen habt. Wie waren eure Eindrücke und Gedanken nach den Auftritten in Ungarn und Deutschland?

N’Toko: Eigentlich war zuerst Deutschland – der erste Gig war unser Auftritt in Berlin beim Festival Popkom, und das Ganze war ziemlich undergroundig. Die Kumpels, die dabei waren, meinten, vor uns lief ein echter Berliner Underground-Gig in einem ziemlich kleinen Laden, es waren einige Leute da, aber das Rock-Ambiente war trotzdem total authentisch und gut. Für uns war es echt richtig gut. Klar waren wir von Berlin schon allein deshalb, weil es Berlin ist, total begeistert. Die Stimmung war voll in Ordnung.

RockLine: Für viele war das die erste Begegnung mit eurer Musik und mit dem, was Moveknowledgement ausmacht. Was war der rote Faden, bzw. mit welchen Erwartungen seid ihr nach Berlin gefahren? Wurden die Erwartungen erfüllt?

N’Toko: Egal wohin wir fahren, unsere Erwartung ist immer nur, so gut wie möglich zu spielen und den besten Gig zu haben, natürlich je nachdem, welche Bedingungen uns dort zur Verfügung stehen. Schwer vorherzusagen, was dich dort erwartet – es kann ein richtig einmaliger Laden sein, mit tollem Sound und allem, aber es kommt kein Mensch, oder es ist irgendein Loch, in dem du mit äußerster Mühe alles zusammenbaust, die Bühne, aber das Publikum und die Stimmung machen alle Probleme wett. Man kann nie alles bis ins Letzte vorhersehen. Wir haben auch keine Erwartungen, dass wir irgendwohin kommen und uns jemand entdeckt oder was weiß ich. Eigentlich fahren wir überallhin mit dem Grundziel, einen möglichst guten, wenn nicht den besten Gig zu haben.

RockLine: Trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen heimischen und ausländischen Bühnen. Die Leute haben nämlich deutlich höhere Erwartungen an einheimische Acts. Ausländischen Acts gegenüber sind sie, eben weil es Ausländer sind, nicht selten deutlich weniger kritisch. Wie würdet ihr das Klima auf heimischen und ausländischen Bühnen vergleichen?

Dejan: Zu Hause ist es immer anders, weil die Leute dich kennen, und so kommen in der Heimat deutlich mehr Leute. Im Ausland schwankt die Besucherzahl – manchmal sind es weniger, manchmal so, na… kommt drauf an, das Ausland ist ja immer anders als das, was Slowenien bietet, weil dich die Leute dort anders kennen als hier. Dort kommen die Leute, um dich als Band zu hören, als Moveknowledgement.

RockLine: Wo spielt ihr lieber – zu Hause oder im Ausland?

N’Toko: Überall, denn überall kann es super oder furchtbar sein. Wir hatten überall schon gute und schlechte Gigs. Natürlich hat es seinen eigenen Reiz, irgendwo auf die Bühne zu kommen, wo die Leute extra gekommen sind, um dich und deine Musik zu hören, weil du anderswo eigentlich in der Rolle bist, dass die Leute zufällig da sind, dich dort zum ersten Mal sehen und überhaupt nicht wissen, was sie von der Band erwarten können bzw. was die Band auf der Bühne eigentlich machen und präsentieren wird. Aber daran sind wir inzwischen auch so gewöhnt, dass wir immer wieder vor neuem Publikum stehen wollen und es sogar brauchen, dem du alles von null beweisen musst, dass du es wert bist, gehört zu werden.

RockLine: Ihr spielt größtenteils Material vom neuen Album Listen To Nebukadnezar. Das klingt im Vergleich zu dem, was ihr auf Sun Sun und auf dem Album Ant People gemacht habt, ziemlich anders. Ihr musstet das Konzept und das klangliche Gesicht eurer Band praktisch neu aufbauen, weil sich der Großteil der Besetzung geändert hat. Was ist der rote Faden, zumal das Hören des Albums das Gefühl vermittelt, es handle sich um ein Konzeptalbum?

Dejan: Wir haben nicht gerade mit einem Konzept herumgespielt. Das ist spontan entstanden. Früher war die Besetzung größer, jetzt sind es andere Leute, bzw. die Reihen haben sich gelichtet. Jetzt sind wir zu fünft, und das ist weniger als vorher. Jeder kennt sich auf seine Art, zumindest teilweise, mit Produzentenkram aus, und jeder hat seine Vision, in deren Mittelpunkt die Musik steht, die aber jeweils anders gedacht ist, und jeder trägt dazu bei. Der Sound hat sich verändert, denn früher hat im Gegensatz zu heute ein Mensch alle Texte und die Musik geschrieben, jetzt machen wir das alle zusammen. Dieser Faden ist dann völlig intuitiv. Alles ist spontan entstanden, als Chemie zwischen uns fünfen.

RockLine: Die zentrale Botschaft kommt über die Texte. Du (N’Toko) wurdest zum ersten Mal in die Rolle gestellt, dich ganz allein mit dem Mikro auseinanderzusetzen, und bist nicht nur Rapper. Jetzt bist du der Hauptsprecher der Botschaft von Moveknowledgement an die Massen. Auf welche Themen hast du dich auf diesem Album als alleinige Kehle der Band konzentriert?

N’Toko: Generell ist meine Philosophie bei Texten in letzter Zeit, dass ich versuche, möglichst wenig gleich auf den ersten Blick etwas mitzuteilen und den Leuten etwas wortwörtlich zu suggerieren, sondern die Sache energetisch möglichst offen zu lassen. Ich will nicht, dass die Songs hermetisch angelegt sind, so wie damals, als du beim Gig sagen konntest: „Dieser Song handelt von Ökologie, der hier davon, was wir über dies und das denken…“. Mir kommt vor, irgendwann kommt die Zeit, in der man aufhören muss, den Dingen, die man in der Welt sieht und spürt und zu denen man bis dahin immer seine Meinung abgegeben hat, bestimmte Bewertungen zu verpassen, sondern man versucht sie nur anzudeuten, eingefasst in den Kontext des Textes. Nicht so sehr körperlich, sondern eher geistig. Das heißt – es gibt keine stahlharten Themen, sondern eher Impressionen und Visionen, Bilder – eben reale und irreale, die ich anzubieten habe. So wie auch die anderen Jungs nicht mit jedem Riff direkt eine Botschaft senden, mache ich das auch nicht mit irgendeinem meiner Reime, sondern will einen ähnlichen Effekt erzielen wie sie mit dem Riff.

RockLine: Ihr habt in den Fundus der Geschichte gegriffen und die Figur Nebukadnezar als jemanden gewählt, mit dem du alles zu einem Ganzen verbindest – warum Nebukadnezar?

N’Toko: Das erzähle ich… (Lachen) Immer fragen sie die anderen Mitglieder etwas Ähnliches, die dann sagen, das hat sich Miha ausgedacht (Lachen). Nebukadnezar ist für uns einfach ein Wort, das gut klingt, und zweitens ist es eine sehr interessante historische Figur, die in der Bibel negativ dargestellt wird und die auch die Geschichte selbst ähnlich negativ bewertet. Es geht um den babylonischen König, der die Israeliten versklavt hat, und nicht nur sie, sondern den Großteil der damals bekannten Welt. Für uns war er der Gegenpol zu dieser ganzen Reggae-Mythologie, die sich unserer Meinung nach irgendwann zu sehr ins Bewusstsein mancher Leute gefressen hat, wir wollten dagegen eine Dub-Musik machen, die auf denselben Gewässern segelt, aber mit mehr babylonischer Mentalität. Nebukadnezar stand für uns für die Ikone eines modernen, realeren oder, wenn ihr wollt, eher babylonischen Trips.

Kaja (die PR-Frau der Band meldet sich aus dem Hintergrund): Die Frage ist, wie viele ihr damit tatsächlich bekehren konntet… (und zeigt auf Dejan, der ziemlich beeindruckende Dreadlocks hat) (Lachen)

N’Toko: Ja, früher war er Rasta…. (Lachen)

Dejan: Jetzt bin ich fast Skin. Skin-Rasta.

N’Toko: Immer weniger Rasta.

RockLine: Musik lässt sich ja auf mehreren Ebenen wahrnehmen. Einerseits geht es um den Vibe, andererseits um die Ideologie, die man als Musiker vertritt. Zu welcher Seite zieht es euch? Für welches Prinzip steht ihr konsequent?

Dejan: Zuerst steht an erster Stelle die Musik.

N’Toko: Wir haben keine Ideologie, nach der wir streben. Mehr noch: Wir sind alle zusammen gegen jede Ideologie, die blind Gläubige züchten würde. Wir versuchen uns darauf zu konzentrieren, Musik zu machen, die samt den Texten davon Abstand hält, einen engen Gedankenrahmen darstellen zu wollen. Musik will das sein, was sie ist – so wie es der Natur jedes Menschen gegeben ist. Manche identifizieren sich dann mit bestimmten Ansichten, Städten, einem Konzept, wir wollen einfach das sein, was wir sind, und uns keine Etiketten aufkleben, die in die Domäne irgendwelcher Bewegungen oder Ideologien gehören.

RockLine: Wie ist denn die Entstehungsgeschichte von Moveknovledgement? Wie kam es dazu, dass ihr euch aus allen Winden zusammengefunden und das Ganze als vollwertige Besetzung gestartet habt?

N’Toko: Das ist eine ziemlich lange Geschichte. Es geht um zehn Jahre Personalwechsel. Die Anfänger sind noch immer unser jetziger Gitarrist Uroš Weinberger und Goran Baloh, der leider schon verstorben ist. Die beiden hatten eine Serie von Bands, die Songs haben sie aber immer zusammen gemacht. Dann haben wir uns gefestigt, als ich mich dem Duo anschloss, und dann waren wir ein Trio, das nicht auftrat und keine Band hatte, sondern wir haben einfach Musik und Songs bei Uroš zu Hause geschrieben. Dann haben wir nach etwa einem Jahr den jetzigen Schlagzeuger David Cvelbar eingeladen mitzumachen, weil wir ihn schon vorher kannten, dann kam noch ein Bassist, dann haben wir einen Keyboarder gefunden. In dieser Besetzung haben wir angefangen zu spielen, dann kam eine Sängerin (Sandra Tomovič) dazu, und nach zwei, drei Jahren hat sich diese Besetzung gefestigt, und wir haben noch Bläser dazugeholt. Das war das Team des Albums Sun Sun. Diese Besetzung hielt bis zum Album Ant People, als wir schon den Keyboarder und den Bassisten gewechselt hatten – da kommt unser jetziger Bassist Dejan in unsere Reihen. Nach Ant People ist dann wieder passiert, dass wir auf fünf Mitglieder geschrumpft sind.

RockLine: Wenn wir uns darauf konzentrieren, das musikalische Konzept des Albums live nachzubilden – was wäre der nächste logische Schritt, den Moveknowledgement klanglich in Zukunft gehen könnte, bzw. welchen Weg schlagt ihr vielleicht schon ein? Habt ihr eventuell Material für ein kommendes neues Album?

Dejan: Ein paar Songs sind auf jeden Fall schon da. Für eine EP kriegt man sie schon zusammen.

N’Toko: Es fehlen noch drei Songs bis zur Platte. Klar ist noch ein bisschen Arbeit. Wir wissen schon ungefähr, wohin es uns zieht…

Dejan: Wir warten halt noch ein bisschen, bis wir sie fertig haben.

RockLine: Wann könnten wir dann auf einen würdigen Nachfolger von Nebukadnezar hoffen?

N’Toko: Gute Frage. Wir haben von den früheren Platten gelernt, dass es am besten ist, möglichst wenig zu reden und anzukündigen, wann das nächste Ding kommt. Sagen wir mal, dann, wenn wir mit allem total zufrieden sind. Wir wissen schon, wohin wir mit der Mucke wollen, warten aber nur auf das richtige Feeling.

Dejan: Wir werden versuchen, für die nächste Platte einen noch bösartigeren Diktator zu finden, der die Fäden einer neuen kreativen Genese lenken könnte (Lachen)

RockLine: Was nicht möglich sein wird, wenn ihr nicht Hitler als Figur nehmt…

Dejan: Nein. Der würde uns nicht passen (Lachen)

N’Toko: Das wäre wieder eine Sache der Ideologien… (Lachen)

RockLine: Neben dem Besetzungswechsel war auch der Labelwechsel ein großer Sprung. Von Goga seid ihr zu Kapa Records gewechselt. Wie zufrieden seid ihr unter dem neuen Dach und was erwartet ihr als Band weiterhin vom neuen Label?

Dejan: Hmmm… (Lachen)

N’Toko: Das ist, eigentlich… Jetzt muss ich aufpassen, was ich sage (zeigt auf Kaja) (Lachen). Tatsächlich ist Kapa für uns das erste echte Label. Vorher war es bloße Zusammenarbeit, dass dir halt jemand eine Platte rausbringt. Dann hörte es auf. Es kam zu keiner gemeinsamen Entwicklung im Sinne eines gemeinsamen Plans, was man nach dem Release mit der Platte vorhat. Mit Kapa arbeiten wir schon zwei Platten lang zusammen, und als Freunde und Konzertveranstalter bewähren sie sich mehr als nur. Von uns wird Professionalität auf der Ebene der Musikalität erwartet, aber das ist super, weil uns die Dinge besser aufgesetzt vorkommen, weil es eine gemeinsame Vision gibt, was wir mit der Musik weiter anstellen.

RockLine: Produzenten sind diejenigen, die der Platte ihr endgültiges Gesicht verpassen. Wenn ihr die Möglichkeit und ein unbegrenztes Budget hättet – wen würdet ihr als Produzenten für das nächste Album wählen?

Dejan: Meiner Meinung nach würden wir uns für das Geld lieber ein eigenes Studio hinstellen. Und das selber machen. (Lachen)

N’Toko: Entweder das oder Rick Rubin. (Sie singen im Sprechchor den Namen Rick Rubin) (Lachen)

RockLine: Da man in eurer Musik so viele unterschiedliche Einflüsse hört: Was würdet ihr als musikalische Einflüsse hervorheben, die euch musikalisch verbinden, bzw. was findet man in euren Musikregalen?

Dejan: Das ist verdammt schwierig, weil jeder etwas Eigenes in der Musik sucht.

N’Toko: Wir hören völlig unterschiedliche Sachen und tendieren jeder in seine eigene Richtung. Da sind die Einflüsse zu verschieden, um sagen zu können, welche die Grundbausteine der Chemie von Moveknowledgement sind…

RockLine: Konzentrieren wir uns doch auf eure Einflüsse. Zum Beispiel NoMeansNo oder Tool, wofür ich brenne…

N’Toko: Das ist einfacher, ja.

Dejan: Tool auf jeden Fall auch (Lachen). Deftones, viel französischer Dub, alter Punk, Durchmarsch und ähnliche Szene. Halt unterschiedlich: alte Mucke – 70er, 80er … Voll viel Musik. Schwer zu sagen. In meine Richtung schlägt halt Dub aus. Zumindest in dieser Band.

N’Toko: Bei mir vielleicht eher die japanische Szene. Verschiedene Noise-Bands, das interessiert mich ziemlich…

RockLine: Mono…

N’Toko: Cool, ja. Ich selbst höre viel anders akustische Musik, Folk und so, was sich bei Moveknowledgement überhaupt nicht niederschlagen kann. Gott sei Dank! (Lachen) Aber…

RockLine: Dann macht ihr das nächste Album halt in der Vowen Hand-Szene…

N’Toko: Nein, nein… (Lachen) In letzter Zeit höre ich viel Dancemusic aus den Neunzigern, und darauf fahre ich gerade ab… (Lachen)

Dejan: Snap.

N’Toko: Snap und solche Sachen (Lachen)

RockLine: Na ja… Groove ist drin. Und kurz- und langfristige Ziele? Kurzfristig: Was Großes ist innerhalb eines Jahres in Vorbereitung? Langfristig: Was geht über diesen engen Zeitrahmen hinaus?

Dejan: Kurzfristig – wir haben Animateka am 9. Dezember im Kino Dvor. Das ist ein Projekt. Im Februar haben wir wieder eine Tour durch Deutschland und Frankreich. Das war’s vorerst.

N’Toko: Das ist, was wir wissen. Langfristig: irgendeine Platte machen. Eine bessere. Die Musik weiterentwickeln und möglichst viele Gigs spielen.

RockLine: Und zum Schluss – großes Finale – habt ihr unserer Leserschaft etwas mitzuteilen?

Dejan & N’Toko: DANCE !!! JUST DANCE!!!

Dejan: Ich dachte, du richtest die andere Botschaft der Neunziger aus?

N’Toko: Nein, weil du das falsche Stichwort gegeben hast, aber ist cool! DANCE!!! Mit drei Ausrufezeichen!!!

Foto: Jani Lah

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