Die hässliche Kinder

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Schelmish
Label: Napalm Records
VÖ: 2009
Wertung: 1/5

Schelmish bleiben auch mit ihrem achten Studioalbum eingefleischte Verfechter einer Mischung aus mittelalterlichem Rock, Punk und khmmm,… vielleicht sogar Metal? Letzteres kommt aufgrund der absichtlich „unbequemen“ Produktion des Gitarrenriffs nicht zur Geltung. Die Band aus Bonn feiert dieses Jahr ihr 10-jähriges Bestehen – das macht sie zu einer ungemein produktiven Truppe, was das Veröffentlichen angeht (dazu noch eine DVD und eine Konzert-CD).

Aber was nützt ihnen das, wenn man sich erst ordentlich mit bayerischem Bier volllaufen lassen und auf dem Oktoberfest gründlich mit Bierwürsten aufladen muss, um auch nur im Ansatz zu kapieren, worum es bei dieser Band geht. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Schelmish sind nämlich nichts für Nüchterne.

Klar, ihre Musik strotzt vor mittelalterlichem Krimskrams, Dudelsäcke hörst du auf Schritt und Tritt, aber sie degradieren diesen Moment buchstäblich mit Songstrukturen, die Parallelen zu fröhlichem Party-Punk à la Die Artzte, Farin Urlaub Racing Team, sogar Beatsteaks ziehen,… Ich wage sogar zu behaupten, dass nur Leute in deutschsprachigen Ländern Schelmish wirklich kapieren. Also Deutsche, Österreicher und eine Handvoll Schweizer.

Obwohl das Album „Die Hässliche Kinder“ interessant beginnt – mit dem Track Bist Du Berieit –, spitzt der Hörer sofort die Ohren, wenn sich das Album durch Soundloops kämpft, unterlegt von einem faulen Rhythmus, über den ein eindimensionales, scharfes Gebrummel auf Deutsch gelegt wird – etwas, das Schelmish schnell von Laibach oder Rammstein geerbt haben könnten, quasi scharf tiefer intonierten Rezitative. Hand aufs Herz, Deutsch funktioniert hervorragend in Rezitativen. Leider zeigt dann der nächste Track Boulevard schon den Hauptteil der Botschaft dieses Albums. Fröhlicher Punkrock auf vier Akkorden à la Andrej Šifrer’s „Ostani z nami“ – wobei unser ewiger Spaßvogel Andrej nichts mit Punk zu tun hat –, statt Soli gibt’s einstimmige melodische Motive auf dem Dudelsack, und das zieht sich durch den Großteil der restlichen Songs. Den dritten Track Überladen könnte man als Rock beschreiben, gemischt mit mittelalterlichen Einflüssen und einer Melodik, die typisch für eine unüberschaubare Horde deutscher Bands ist, die halt ihr deutsches Ding durchziehen. Damit lässt sich auch die detailliertere Analyse dieses Albums abschließen, denn alle übrigen Tracks wechseln zwischen den inhaltlichen Elementen der drei beschriebenen Songs.

Erwähnenswert ist, dass nicht alles nur Deutsch ist. Too Late mit englischen Texten und bewusster Nachahmung des irischen Dialekts ist das melodisch Interessanteste auf dem Album – auch wenn du es in einem Zug aufsaugst und verdaust. Die Band kämpft sich mit Mühe aus der Gefahr heraus, dem „Copy-Paste-Syndrom“ der Uninspiriertheit zu verfallen – längst erfunden –, mit dem obligatorischen Einbau motivischer Dudelsack-Einlagen, aber ein aufmerksameres Ohr lässt sich nicht täuschen. Echt. Es ist nämlich kaum irgendwo zu hören, dass man mittelalterliche Instrumente mit Punk aus echter deutscher Saufkultur kombinieren kann, wo das Bier in Strömen fließt und die stämmigen Kerle der deutschen Landschaft, nachdem sie sorgfältig ihre Traktoren und Mähdrescher geparkt haben, die letzten Dungreste von den Stiefeln klopfen, sich mit einer Kelle Sauermilch stärken und in die Kneipe ziehen, um sich fröhlich unter dem Gewicht alkoholischer Derivate auf dem Boden zu wälzen und über Tische zu kippen (der Titeltrack – ein echtes Begräbnis für Hörer außerhalb der deutschsprachigen Länder!). Und es war nur eine Frage der Zeit, wann es – angesichts der Dudelsäcke – nach schottischen Clans auf dem Album riechen würde (Instrumental For The Clansmen, mit englischem Titel – eine erschütternde Entscheidung, unterlegt mit einem Stammesrhythmus). Die Einstiegssekunden des „metalligsten“ Moments des Albums namens 1212 erinnern erschreckend an die Struktur des Eröffnungsriffs vom Porcupine Tree-Track Open Car – nur dass die Gitarrenphrase hier mit der Handfläche gedämpft ist („palm muted“). Tja, bei Schelmish erinnert sowieso schon alles an irgendetwas.

Kurzum, ich meine, genug Zeit mit  „Die Hässliche Kinder“ verschwendet zu haben. Viel zu viel. Gleichzeitig verstehe ich nicht, warum Napalm Records die Musikmassen außerhalb der deutschsprachigen Länder mit Musik belästigt, die eigentlich nur Deutsche und Österreicher verstehen und unterstützen können. Ein kompletter Schuss in den Ofen. Dabei denkt man ans Geldverprassen für eine weltweit völlig uninteressante und bedeutungslose Band, während eine Heerschar von Bands (mit genuiner Eigenkreativität) aus eigener Tasche phänomenale Eigenveröffentlichungen zusammenflickt, die unbeachtet bleiben. Kriminell. Schelmish hingegen bleiben selbstgefällige, selbstgenügsame Spaßvögel, die in öffentlichen Statements voll hinter ihrem neuen Opus stehen. Lasst euch nicht verarschen. „Noch einen Teller Rindersuppe mit Leber-‚Knödl‘ und ein ‚Weißbierchen‘ bitte!“

Besetzung

Dextro – Dudelsack, „bouzouki“, Flöte, Pfeifen, Gitarre, Drehleier, Gesang
Des Demonia – Dudelsack, Pfeifen, Gesang, Bouzouki
Luzi das L – Dudelsack, Pfeifen, Bouzouki
Samtron – Schlagzeug, Perkussion
Picus von Corvin – Davul, Perkussion, Programmsamples, elektrische Perkussion

Produktion

Schelmish & Sven Neumann

Trackliste

01. Bist du bereit
02. Boulevard
03. Überladen
04. Too late
05. Die hässlichen Kinder
06. For the Clansmen
07. 1212
08. Blähsucht
09. Goresh
10. Sommer
11. Strangers
12. Sag nur ein Wort
13. Mosaik
14. Für Euch

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