Die Geburt des gefallenen Engels! (2012)

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Autor: Urban Bolta
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Postojna / Ambasada Jugoslavija / Slowenien
Konzertdatum: 24.02.2012
Besucherzahl: 350
Kartenpreis: 8,00€ / 10,00€

Auf der Fahrt nach Postojna überkamen mich ziemlich seltsame Gefühle – nach zwei Jahren kehrte ich zurück an den Ort des ehemaligen Rock Cafés, das in zwei Jahren Betrieb für eine ganze Reihe ausgezeichneter Rock-Events gesorgt hatte, bevor die gewinngeile jugoslawiennostalgische Mafia es übernahm und mit allem Schönen Schluss war. Am meisten verloren haben dabei natürlich die Rock-Fans aus dem Landesinneren und der Küstenregion, die sich gerade erst daran gewöhnt hatten, den Club regelmäßig zu besuchen, als dieser schon seine Türen schloss beziehungsweise genauer gesagt begann, ein anderes Zielpublikum anzusprechen. Nun, da aber auch Wunder geschehen, hat die Ambasada Jugoslavija, wie der Club jetzt heißt, nach langer Zeit wieder »zerlumpte, betrunkene und stinkende Langhaarige« in seinen Schoß eingeladen.

Nach Postojna waren Requiem eingeladen, die kernigen Urgesteine des slowenischen Heavy Metal. Nachdem sie bereits mit dem Dezemberkonzert im Kino Šiška in Ljubljana ganz Slowenien daran erinnert hatten, dass sie da sind und atmen, war der diesmalige Anlass zum Zusammenkommen noch süßer: die Veröffentlichung des neuen, insgesamt fünften Albums »Fallen Angel«!  

Den Eröffnungsakt des Abends übernahmen die Newcomer auf der slowenischen Musikszene, die Band Evil Eve. Angesichts der überwiegend negativen Kommentare derer, die »die Bösen« bereits live gesehen hatten, war ich vom Wind, der in ihre Segel bläst, positiv überrascht. Den anfänglichen Mangel an eigenem Material kompensierten Evil Eve mit Covers von Künstlern wie Nirvana, Billy Idol und Cranberries, die sich gut in ein stimmiges Gesamtklangbild der Gruppe fügten. Zwar sind Evil Eve aufgrund ihres unorganischen und modernen Alter-Sounds nicht die glücklichste Wahl als Vorband für Requiem, aber ihr professionelles Auftreten und ihre klar abgesteckten musikalischen Ambitionen kann ihnen wirklich niemand vorwerfen. Das Bühnengeschehen stützte sich auf die erfahrene und sexappealgeladene Eva Breznikar, die mit einem Lady Gaga-Cover und dem abschließenden Eigenstück Ideal den Auftritt mühelos in den Hafen brachte.

Als Zweite in der Reihe unterhielten Shutdown, die Heavy-Metal-Jungs aus Nova Gorica, das versammelte Jung und Alt – stilistisch Requiem verwandt und deshalb umso einladender. Im Saal hatte sich eine stattliche Anzahl überwiegend bartloser Langhaariger versammelt, was den Jungs auf der Bühne sichtlich Auftrieb gab. Nachdem ich Shutdown drei Wochen zuvor in schlechter Form gesehen hatte (der Bericht hier), haben sie diesmal, als hätten sie meine Worte gelesen, jeden Atom Energie aus sich herausgepresst und ihre beste Vorstellung gezeigt, der ich bis heute beigewohnt habe. Geglänzt hat der (noch immer einzige) Gitarrist Domo, der von seiner angestammten Position auf der linken Seite der Bühne schwungvolle Kapriolen vollführte. In den Instrumentalteilen, wenn Sänger Egzi die Bühne regelmäßig verließ, legte das Instrumentalisten-Trio Domo / Dejan / Pejo im Stil der alten Triumph- oder Krokus-Schule als echtes »power rock trio« klassisch ausgerichtete Heavy-Metal-Riffs hin. Auch Egzi war in ausgezeichneter Tagesform! Der Kerl trainiert fleißig seine Stimme, und wenn der Ansatz stimmt, weiß er sowohl mittlere als auch hohe Lagen aus ihr herauszupressen – alles ohne spürbare Einbuße an stimmlicher Kraft! Shutdown platzierten in ihr Eigenmaterial Ozzys Crazy Train, bei dem es Domo mit einem gut ausgeführten Solopart gelang, dem verstorbenen Randy Rhoads zu huldigen, sowie als perfekten Abschluss noch den Judas Priest-Klassiker You’re Got Another Thing Comin‘. Shutdown – setz dich, eine Eins!

Dann folgte die eigentliche Magie des Abends – Requiem, die auf heimischem Parkett stets das Meiste aus sich herausholen und die treuen Unterstützer der Band zufriedenstellen – deren gibt es bekanntlich die meisten gerade in der Küstenregion, daher füllte sich der Club gegen Mitternacht, als Requiem die Bühne einnahmen, mustergültig.

Nach dem eingespielten Intro verteilte sich das Quintett über die Bühne, und Mihas Schlag des Drumsticks bedeutete mit dem Song Let It Hurt den Beginn einer gut zweistündigen Reise durch die Wiederentdeckung des relativ reichen Requiem-Erbes.

Mit dem Einstieg des neuen Bassisten sind Requiem in vollem Glanz aufgelebt und haben sich, wie sie selbst behaupten, gut eingespielt. Diese Entspanntheit und das gegenseitige Verständnis haben Requiem auf die Bühne übertragen, wo sie als gut geöltes und eingespieltes Kollektiv agieren. Requiem rühmen sich einer ausgezeichneten Rhythmussektion, die aus dem erfahrenen Bassisten Martin Rozman und dem technisch außerordentlich versierten Schlagzeuger Miha Nedoh besteht. Fügt man dazu noch den gitarristischen Ehrgeiz des jungen Matjaž Marin auf der rechten und des erfahrenen Marko Slokar auf der linken Seite der Bühne sowie zwischen ihnen Frontmann Sergej Škofljanc, erhält man ein Team bewährter Musiker und damit die Grundlage der heutigen Kohäsion, mit der Requiem mühelos begeistern. Aber das ist noch nicht alles. Der glänzende Auftritt traf diesmal auf optimale Klangverhältnisse, sodass sich auch die anspruchsvollsten Musikgenießer der echten Heavy-Metal-Exekution hingeben konnten.

Requiem segelten zwischen altem, neuerem und neuestem Material. Kaja, Zvezdno nebo und Čarovnice rissen bereits in der Anfangsphase des Konzerts jede Barriere zwischen Band und Publikum nieder, das Sergej in der Regel mit Ansagen zusätzlich aufwärmte. Für Abwechslung sorgte (ähnlich wie bereits beim Comeback-Konzert von Requiem 2009) während Križarji ein »Priester«, der die Versammelten mit den moralischen Lehren der katholischen Kirche zu bekehren versuchte. Im ersten Teil reihten Requiem einige völlig frische Tracks aus dem neuen Album aneinander, wie Slovenska, Red Leather, Little Princess und den Titeltrack Fallen Angels. Im Nu waren wir schon in der zweiten Hälfte des Marathon-Auftritts, und die Intensität ließ nicht um ein Promille nach! Sergej bewies mit außerordentlicher Gesangsarbeit von Song zu Song, dass der Titel des besten Klassik-Rock-Sängers noch immer fest in seinen Händen liegt. Die akustische Fassung von Ogenj war ganz allein sein Ding, und bei der Rückkehr der übrigen Bandmitglieder auf die Bühne überraschten Requiem mit einer neuen Version des Songs zbudi se – sie haben ihn in den Sound des amerikanischen Südens umgearbeitet, wo der Duft endloser Savannen weht und wo amerikanische Rednecks noch heute hinter Rothäuten herjagen! Dem erschöpften Publikum gönnten Marko Slokar und seine Crew in der Zugabe noch eine finale Dosis echten slowenischen Heavy Rock, bevor sie endgültig von der Bühne stiegen und sich ein wohlverdientes Bier gönnten.

Der gefallene Engel ist also geboren! Requiem haben damit ein neues Kapitel in ihrer Geschichte aufgeschlagen, in der, so können wir zumindest hoffen, noch viele Geschichten geschrieben werden!

Setlist

SHUTDOWN:
1. Desert
2. Scream Machine
3. Križarji
4. Dedicated
5. crazy Train
6. Do It Now
7. Valkira
————
8. You’re Got Another Thing Comin‘

REQUIEM:
1. Intro – Let It Hurt
2. Slovenska
3. Pozabi na vse
4. Kaja
5. Zvezdno nebo
6. Čarovnice
7. All Night Long
8. Ti in jaz
9. Križarji
10. Red Leather
11. Little Princess
12. Gospa
13. Fallen Angels
14. Heroji
15. Ogenj
16. zbudi se
17. Pekel in raj
18. Začaraj me
19. Mr. Twister
20. 12 let
21. Udar nazaj
22. Stare device
————–
23. Rock’n’roll naj živi
24. Amsterdam

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