Crawling Wind

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Interpret: Univers Zero
Label: Cuneiform
Veröffentlichung: 2001
Bewertung: 4.2/5

Mit Ceux du Dehors hatten Univers Zero ihren kreativen Zenit wohl erreicht, aber Zeit zum Ausruhen gab es trotzdem nicht. Sie spielten wieder fleißig live, vor allem in kleineren Locations. Mitten in all dem Trubel schafften sie es 1983 tatsächlich, für den japanischen Markt eine Single mit drei neuen Stücken rauszubringen. Für eine Band wie Univers Zero waren Singles praktisch nicht existent, aber der japanische Markt war schon immer dafür bekannt, aus den meisten Acts noch ein bisschen mehr rauszukitzeln als andere Märkte.

Die Platte geriet fast zwanzig Jahre in Vergessenheit, oder besser gesagt: Sie wurde unter Sammlern extrem gesucht, bis sich der große Musikliebhaber und Cuneiform-Labelchef Steve Feigenbaum gemeinsam mit Daniel Denis (dem Kopf der Band) entschloss, die Mini-Platte auf CD rauszubringen. Ein zwanzigminütiges Album zu veröffentlichen, hätte aber nicht wirklich viel Sinn gemacht, also kamen zu den drei Originalstücken noch ein paar weitere Raritäten dazu.

Das erste Stück ist für Univers Zero jener Zeit ziemlich untypisch. Man merkt, dass Daniel Denis ein Magma-Anhänger war, denn diesmal gibt’s eine Mischung aus osteuropäischer Folkmusik und Avantgarde, die Magma auf ihren ersten beiden Alben so gern benutzt haben (später nur noch selten).
Bei „Before The Heat“ spürt man den Einfluss von King Crimson, vor allem von deren ambientlastigeren und avantgardistischeren Sachen. Das Stück hat eigentlich weder einen Höhepunkt noch eine Einleitung, meist sind es Improvisationen, dafür ist die Atmosphäre umso besser.
Beim nächsten Stück hört man, wie Univers Zero live geklungen haben. Reine Improvisation mit ähnlich dämonischer Stimmung wie beim Song davor.
„Influences“ ist das dritte Stück auf diesem Album, das im Studio aufgenommen wurde, es landete aber nicht auf der Single (diese Ehre hatten nur die ersten drei Stücke). Wieder typische kompositorische Finesse und außergewöhnlich vielschichtige Arrangements.
„Triomphe des Mouches“ stammt vom Album Ceux du Dehors (1981) und wird diesmal in einer etwas verlängerten Version mit anderem Arrangement gespielt – die Besetzung ist eine komplett andere, mit vielen anderen Instrumenten als auf dem Studioalbum. Besonders der Einstieg und der dynamischste Teil sind in die Länge gezogen. Bei vielen Bands würde mich das nerven, aber Univers Zero können so spannende Improvisationen, dass sie einen einfach in sich hineinsaugen.
Zum Schluss gibt’s noch die Live-Version von „Complainte“ vom Debüt 1313, bei der man sowohl die improvisatorische als auch die kompositorische Seite dieser hervorragenden belgischen Truppe hört.

Nicht, dass jetzt jemand denkt, bei Crawling Wind ginge es um irgendwelche Archiv- oder Second-Class-Aufnahmen. Alle neuen Stücke sind auf extrem hohem Niveau und, typisch Univers Zero, bis zur Perfektion genau gespielt. Natürlich fehlen auch die Improvisationen nicht, die bei den Live-Auftritten besonders wichtig waren. Auch da glänzen die Jungs nicht weniger. Wer jazzige oder rockige Improvisationen erwartet, kann sich gewaltig verrechnen. Hier gibt’s pure Avantgarde im Stil von King Crimson (die Instrumentals auf In The Wake of Poseidon und Larks‘ Tongues in Aspic). Auf ihren offiziellen Studioalben haben Univers Zero ihre Einflüsse nie so deutlich gezeigt (abgesehen von der klassischen Kammermusik), hier dagegen hört man den Einfluss von Magma genauso wie den von King Crimson.

Neben der Musik liefert auch das Booklet jede Menge Infos, mit einer ausführlichen Biografie der Band, von den Anfängen 1973 bis zu diversen Nebenprojekten, an denen Mitglieder beteiligt waren. Man sieht auch, welche Veränderungen die Band zwischen 1981 und dem Album Ceux du Dehors und 1984 und dem Album UZED durchlief, auf dem eine ganz andere Besetzung spielte. Man sieht, dass Daniel Denis nicht einfach über Nacht alle Musiker ausgetauscht hat, sondern dass das nach und nach passierte, angefangen beim Geiger und beim Bläser, die durch Spieler ähnlicher Instrumente ersetzt wurden.

Crawling Wind zähle ich nicht zu ihren besten Werken, trotzdem sind die Sachen, die hier gut sind, so gut wie ihre besten Kompositionen. Besonders stechen „Toujours Plus A L’est“ und „Influences“ heraus. Das Album zeigt anschaulich zwei Seiten von Univers Zero – die rein kompositorische mit extrem fortschrittlichen, fast klassischen Arrangements und die experimentellere, bei der wirklich alles möglich ist. Ein wichtiges Werk für alle Fans dieser klassischen Rock-in-Opposition-Band.

Besetzung

Daniel Denis – Schlagzeug, Percussion, Gesang, Harmonium, Violine, Klavier
Dirk Descheemacker – Klarinette, Bassklarinette, Casio
Andy Kirk – Harmonium, Orgel, Gesang, Klavier, Synthesizer, Bratsche, Percussion, Radio;
Guy Segers – Bass, Gesang, Violine, Percussion
Alan Ward – Violine
Christian Genet – Bass
André Mergenthaler – Cello
Jean-Luc Plouvier – Keyboards
Michel Berckmans – Oboe, Fagott
Patrick Hanappier – Bratsche
Roger Trigaux – Gitarre

Produktion

Univers Zero

Tracklist

1. Toujours plus à l’Est 5:34
2. Before the Hear 4:06
3. Central Belgium in the Dark 9:54
4. Influences 7:36
5. Triomphe des Mouches 9:55
6. Complainte 5:29

Spielzeit: 42:35

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