Civilized Evil

0 12

Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Ponty, Jean-Luc
Label: Atlantic Records
Erschienen: 1980
Laufzeit: 39:40
Wertung: 4/5

Jean-Luc Ponty, der bedeutendste, wenn nicht gar beste Jazz-Violinist aller Zeiten, der in seiner außerordentlich reichen Karriere mit solchen Musikgrößen wie Frank Zappa, Elton John, John McLaughlin, Mahavishnu Orchestra, Chick Corea, Al Di Meola, Stanley Clarke und Return To Forever zusammengearbeitet hat, um nur einige der bekanntesten Namen zu nennen, hatte Anfang der Achtziger bereits eine lange Laufbahn als Solointerpreter hinter sich und hatte bis dahin eine Reihe von Alben veröffentlicht, die zu Recht mit verschiedenen schmeichelhaften Auszeichnungen bedacht wurden. Der französische Virtuose, der neben seinem brillanten Violinspiel auch Klavier, verschiedene Keyboards und Klarinette beherrschte, schwor den größten Teil seiner Karriere auf Jazz Fusion, wobei er sich auch in der Phase, als das genannte Genre an Popularität zu verlieren begann, nicht beirren ließ und weiter das spielte, was ihm am meisten Freude bereitete.

Auf dem Album »Civilized Evil«, das 1980 erschien, setzte der abgebrühte Violinmeister die erfolgreiche Kompositions- und Arrangierformel seiner Vorgängeralben fort, allerdings mit der Neuerung, dass er die Synthesizer-Technologie der Achtziger, für die Keyboarder Chris Rhyne sorgte, aktiver in die Klangkollage einbezog. »Civilized Evil« war die erste Zusammenarbeit zwischen Ponty und dem amerikanischen Bassisten Randy Jackson. Letzterer wurde als gefragter Sessionmusiker bekannt und arbeitete im Laufe seiner Karriere mit so unterschiedlichen Interpreten wie Journey, Boston, Blue Ӧyster Cult, Billy Cobham, Roger Waters, Bruce Springsteen, Michael Bolton, Aldo Nova, Bob Dylan, Jon Bon Jovi, Stevie Nicks, Mariah Carey, Paula Abdul und Aretha Franklin zusammen, um nur einige zu nennen. Gerade das Spielen auf Pontys Alben vom Anfang der Achtziger und die Zusammenarbeit mit der englischen New-Wave-Gruppe Taxxi katapultierte Jackson in die Stratosphäre der begehrtesten Session-Bassisten.

Jean-Luc hatte die Gewohnheit, auf jedem seiner Solo-Werke mit einem Gitarrenvirtuosen zusammenzuarbeiten. Auf »Civilized Evil« war das kein Geringerer als der amerikanische Gitarrenheld Daryl Stuermer, vor allem bekannt durch seine langjährige Zusammenarbeit mit den Prog-Rock-Titanen Genesis und Phil Collins. Stuermer spielte auf dem Album allerdings nur zwei Soli, nämlich auf den Stücken »Happy Robots« und »Good Guys, Bad Guys«. Auf den übrigen Stücken glänzte der weit weniger bekannte Joaquin Lievano an der Gitarre. Pontys Zusammenarbeit mit amerikanischen Musikern vervollständigte der leider bereits verstorbene Schlagzeuger Mark Craney, den sich Fans der Prog-Rock-Legenden Jethro Tull durch sein Schlagzeugspiel auf dem Album »A« (1980) eingeprägt haben.

»Civilized Evil« ist, wie der Großteil von Pontys kreativem Schaffen, instrumentaler Natur, obwohl die Songtitel auf eine gesellschaftskritische Note hindeuten, die das verderbliche Treiben der menschlichen Zivilisation und die unkontrollierte Ausbreitung der (damals) modernen Technologie kritisiert. Das beeinflusst natürlich die Struktur und das Ambiente der Stücke in keiner Weise. Sinfonische Arrangements auf Klavier und Synthesizern sind im Überfluss vorhanden, was bedeutet, dass die meisten Kompositionen auf »Cvilized Evil« auch einen merklichen Symphonic-Prog-Rock-Einschlag haben.

»Demagomania« eröffnet mit einem düsteren Synthesizer-Motiv und verfeinerten Basslinien, die durch Pontys leidenschaftliche Violinpassagen verbunden werden. Jean-Luc lässt Keyboarder Rhyne hier viel improvisatorische Freiheit, sodass dieser auf seinem Korg-Synthesizer richtig aufblüht. Die zwischendurch eingestreuten Soundeffekte wirken heute leicht billig. Pontys Violinsolo ist dagegen ein voller Triumph und nur eine von zahlreichen Demonstrationen seines instrumentalen und kompositorischen Genies. Trotz ausgedehnter Variationen auf Violine, Bass und Synthesizer ist dieses Stück, wie die übrigen Werke auf dem Album, von der melodischen Natur der einzelnen Arrangements geprägt.

Auf »In Case We Survive« kommt die E-Gitarre dann doch etwas stärker zur Geltung, steht aber klangtechnisch und quantitativ völlig im Schatten von Pontys Violine. Nach einem stürmischen Intro folgt ein ruhigerer Improvisationsabschnitt, in dem Jean-Luc und seine Mitstreiter langsam eine ätherische Atmosphäre entwickeln. Obwohl Ponty stets von Spitzenmusikern umgeben ist, ist jede Sekunde lang klar, wer der Hauptvirtuose ist, weshalb er bei jeder Komposition den zentralen Platz einnimmt, vor allem wenn er seine eigenwilligen Violinimprovisationen entfaltet. »Forms Of Life« eröffnet mit subtilen Klavierarrangements, die langsam eine zarte Melodie entstehen lassen, während die Synthesizer-Texturen in die romantisch-barocke Atmosphäre, für die vor allem Jean-Lucs Violine verantwortlich ist, einen leichten futuristischen Anstrich einbringen.

»Peace Crusaders«, bei dem Craney einige äußerst farbenprächtige Schlagzeugkanonade inszeniert, während Jackson mit einem dynamischen Angebot an fetten Basslinien begeistert, ist rhythmisch gesehen ein deutlich temperamentvolleres Werk. Auch Lievano blüht an der E-Gitarre richtig auf und beweist, warum Ponty ihn ins Team geholt hat, das dieses Album aufgenommen hat. Der Violinmaestro lässt sich von Rhynes provokanten Synthesizer-Variationen nicht unterkriegen und liefert erneut ein phänomenales Solofeuerwerk, das ein echter Ohrenschmaus ist. »Happy Robots« ist eine etwas ‚traditionellere‘ Jazz-Fusion-Schöpfung mit zahlreichen geschickten rhythmischen Windungen und einem verzweigten Synthesizer-Panorama, während der Violinmeister mit seinen virtuosen Passagen für die Entwicklung einer lebhaften und leicht nostalgischen Atmosphäre sorgt.

»Shape Up Your Mind«, bei dem der Maestro und seine Mitstreiter erneut mit der Verbindung von hoher technischer Versiertheit und ambienter Raffinesse begeistern, enthält ein außerordentlich melodisches Hauptarrangement, das man auch als Titelmelodie einer TV-Serie oder Sendung verwenden könnte. »Good Guys, Bad Guys« enthält lebhafte Harmonien zwischen Violine und E-Gitarre, während minimalistische Basslinien und bunte Becken-Schläge das Ganze vor symphonischem Beiwerk unterstützen. »Once a Blue Planet« eröffnet mit eleganten, neoklassizistischen Variationen auf Klavier und Violine, wodurch sich nach und nach eine melancholische und beinahe mahnende Atmosphäre herausbildet, die für einen tiefen und kontemplativen Abschluss des Albums sorgt.

Obwohl es der verwandten Musik Anfang der Achtziger kommerziell nicht gut erging, machte sich Jean-Luc darüber keine großen Sorgen. »Civilized Evil« war daher wieder einmal ein sehr guter Jazz-Fusion-Erfolg, der dank zahlreicher Synthesizer-Variationen mit einem Bein im symphonischen Prog Rock stand. Als einer jener wenigen musikalischen Mitstreiter, die Frank Zappa außerordentlich schätzte, modernisierte er mit dem Einsatz der damaligen Synthesizer-Technologie seinen unverkennbaren Sound nur minimal — was auch der einzige echte Makel dieses Albums ist, da die meisten dieser synthetischen Texturen in Pontys ansonsten traditionell warmem ambienten Ansatz etwas kühl klingen.

Besetzung

Jean-Luc Ponty – Violine, Keyboards, Backing Vocals, Bass-Synthesizer
Randy Jackson – Bassgitarre
Joaquin Lievano – Gitarre
Daryl Stuermer – Gitarrensolos auf 5 & 7
Mark Craney – Schlagzeug
Chris Rhyne – Keyboards

Produktion

Jean-Luc Ponty

Trackliste

1. Demagomania (6:25)
2. In Case We Survive (4:06)
3. Forms of Life (4:48)
4. Peace Crusaders (5:38)
5. Happy Robots (4:14)
6. Shape Up Your Mind (5:15)
7. Good Guys, Bad Guys (4:41)
8. Once a Blue Planet (4:02)

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies