Čista jeba
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: MI2
Label: ZKP RTV Slovenija
Veröffentlichung: 2014
Laufzeit: 43:45
Wertung: 4.5/5
Nach vier Jahren seit dem letzten Studiowerk »Rokenrol« (2010) melden sich Mi2 mit einem treffend betitelten neuen Studiowerk zurück. Die Schöpfer des rogato-rogaškega rock n‘ roll. Mi2 sind eine Volksband – die, die das Rezept des slowenischen rock ’n‘ roll (in Musik und Lyrik) am besten zu verpacken weiß, auf eine Art, mit der sich die Leute von der Straße damit identifizieren können. Der kleine Mann. Die am stärksten ausgebeutete Klasse. Die Mehrheit (leider). Die Aktualität der predigerartigen Botschaft der Band gewinnt an Ausdrucksgewicht. Das gesellschaftskritisch engagierte Songwriting reiht auf dem neuen Album wieder einige wuchtige Projektile auf, die mit ihrer unmittelbaren Glut direkt treffen und mit der ganzen Wucht großer Wahrheitsliebe. Wenn jemand ein Meister darin ist, die slowenische Sprache in Reim und musikalischem Wert zu verpacken, wie ihn die Verse der Lyrik herausholen, dann sind das zweifellos Mi2. In dieser schmeichelhaften Bezeichnung sind sämtliche Wirkungen der musikalischen Bestandteile des Mi2-Repertoires eingerechnet, die mit ihrer authentischen Botschaft jedem Zuhörer „den Boden unter den Füßen wegziehen“ und in ihm eine Kaskade von Emotionen wecken! Das ist es, was zählt. Und wenn sich die Masse damit identifiziert, giltst du als volksverbundener und im Volk verankerter Musikkünstler und Interpret. Das Album »Čista jeba« ist ein weiteres Dokument der Band, mit dem sie ihren Status als große Lieblinge der Bürger unserer Republik zusätzlich festigen wird.
Die Lyrik des Albums »Čista jeba« bleibt eine Konstante von Mi2. Durch die unverkennbare Manier eines verschmitzt-spöttischen Sarkasmuses, beschwert mit Momenten feinfühliger Tiefe (Visoka pesem, Strel v koleno, Beli grad), halten sie eine feste Verbindung zu den typischen Charakterzügen des Durchschnittsbewohners des Šentflorjanska-Tals. Das neue Album ist ein neues Makramee aus elf Geschichten, die Mi2 als feinfühlige Beobachter der Wirklichkeit in den letzten vier Jahren auf die Aufnahmespulen gewoben haben. Kregar und Dimek bleiben überzeugend ausdrucksstarke Lyriker. Im Titeltrack hat die Band den Kontrast beider Leadstimmen genutzt und sie zu einem wirkungsvollen Duett voller luzider Frotzeleien vereint. Ihre predigerhafte Sprache ist durchgehend wahrheitsliebend und direkt, aber punktuell genau richtig gewürzt mit der Manier luzider Verschmitztheit und einer kräftigen Dosis schwarzen Humors dieser Jungs von den Ufern der Sotla. Das Album trägt einige Tracks, die sich sehr schnell bei den Massen durchsetzen und sich so den Stücken des eisernen Repertoires der volksverbundenen Evergreens der Band anschließen werden. In diese Gesellschaft können wir sofort alle vier bereits veröffentlichten Singles einreihen: den Titeltrack, dann das tragische, für Mi2 ungewöhnlich düstere, aber hervorragend produzierte Hči vaškega učitelja, weiter die aufständisch-spöttische, aber aufrüttelnde Punkrock-Hymne Vstati inu obstati, sowie die intimer blickende und bluesig untermauerte Stara duša, die auf dem Album einen ernstzunehmenden Konkurrenten im Blues-Walzer Beli grad hat. Das Stück SMS würde in seiner musikalischen Aufmachung auch in Kombination mit orchestralen Arrangements hervorragend funktionieren.
Der ausführende Gestalter der großen klanglichen Attraktivität dieses Werks, Drago Popovič Popi, hat seinen Job wieder mit Auszeichnung erledigt. Das Album besitzt ein lebendiges, organisches »feel«, das die kontrastierend betonten Elemente der Garagen-Schärfe (Moje muze, Heroji srednjega razreda, Vstati inu obstati) und der kernigen Wärme tiefer Töne vereint, die besonders in den klanglich raffinierten (intimer ausgerichteten) Momenten des Albums üppig aufblühen. Kregar reift wie alter Wein. Seine »samtige«, warm-kernige und tief bis mittel intonierte männliche Stimme verbirgt wieder nicht die sanfte punktuelle Verwandtschaft mit Zoran Predin. Der Kerl bleibt leidenschaftlich und ungemein nachempfunden beim Übermitteln von Botschaften, die so aufrichtig authentisch zum Leben erwachen. »Čista jeba« ist ein motivisch abwechslungsreiches Werk, das von elf Kompositionen vollendeter Arrangierung geformt wird. Den expressiven Höhepunkt erreicht es genau am Ende mit der ausdrücklich nostalgisch-sehnsuchtsvollen Visoka pesem, die wie eine Art Requiem wirkt. Für jeden in diesem Land. Ein Meer verpasster Chancen, alle Züge sind abgefahren, die Seele möchte, aber der Körper kann nicht mehr. Wir hatten unsere Siege, wir hatten unsere Niederlagen. Am Ende steht auf beiden Seiten der Gleichung eine Null. Gleichgewicht, der große Frieden, der nur einmal eintritt. In dem Moment, wenn die Seele gehen kann. Die Lyrik erweckt einen Toten und bringt ihn zurück in die Kindheit. Bis zum Embryo. Die Geschichte des Stücks lässt sich wie ein Kurzfilm verstehen, der dir in den letzten Momenten vor Augen läuft, bevor dich der Sensenmann in die andere Welt abholt. Das ist Dimeks genial verpacktes Stück voller nostalgischer Greifbarkeit. Das melancholische und tiefempfundene Stück trägt in seiner expressiven Tiefe so manche Parallele zur ausgezeichneten Klassik Zbudi me za prvi maj und beschließt als bewegender Höhepunkt von »Čista jeba« auch das neue Album.
Offenbar ist der Arbeits-Biorhythmus der Band, der einen Vierjahresrhythmus für die Entstehung einzelner Studioalben umfasst, genau richtig, um das künstlerisch-expressive Optimum zu erreichen. »Čista jeba« ist eben ein neues Dokument, das effektiv den Anschluss an seine älteren Studiobrüder gefunden hat. Darauf gibt es keinen schwachen Moment, es besitzt eine hervorragende Produktion, einen außergewöhnlichen Touch kompositorischer Vollendung und bestätigt die große künstlerische Reife einer erfahrenen Band sowie ihren konsequenten Kurs entlang einer ausgefeilten musikalischen Vision, mit der Mi2 erneut die Kraft ihrer großen expressiven Ausstrahlung erreichen. Durchdringend, mehr geht nicht!
Besetzung
Tone Kregar – Tonč – Gesang
Jernej Dirnbek – Dimek – Gitarre, Gesang
Egon Herman – Srajca – Gitarre
Robert Novak – Flik – Bassgitarre
Igor Peter Orač – Mali – Schlagzeug
MITWIRKENDE MUSIKER:
Boštjan Imenšek – Gitarre
Davor Klarič – Keyboards
Miha Gorše – Slide-Gitarre, Akkordeon, Keyboards
Produktion
Drago Popovič Popi
Tracklist
1. Heroji srednjega razreda
2. Čista jeba
3. Strel v koleno
4. Moje muze
5. SMS
6. Stara duša
7. Vstati in obstati
8. Ljubi dve
9. Beli grad
10. Hči vaškega učitelja
11. Visoka pesem