Chuckles and Mr. Squeezy

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Künstler: Dredg
Label: Superball Music
Erscheinungsjahr: 2011
Spielzeit: 41:30
Wertung: 3/5

Das fünfte Studioalbum in Folge bringt in die musikalische Ausrichtung von Dredg einige Neuerungen, die mittelfristig ein zweischneidiges Schwert sein können. Die Band, der manche noch bis einschließlich des Albums „El Cielo“ das Etikett der besten Tool-Kopisten anheften wollten, hat sich danach stilistisch und klanglich distanziert und mutig weiter an ihrer eigenen künstlerischen Identität gearbeitet. „Pariah, The Parrot, The Delusion“ war ein provokanter und äußerst gewagter Schritt nach vorne, der nur so vor Inspiration und ausdrucksstarker Durchdringung strotzte. Das Album vereinte Ansätze des Progressive Rock mit einer modernen Alternative-Rock/Indie-Rock-Ausrichtung! Es wirkte art-rockmäßig und in allem besonders. Das Gefühl war, dass Dredg hier ihren Sound definiert hatten und ihn noch viele Jahre in dieser Manier weiter polieren würden.

Doch „Chuckles And Mr. Squeezy“ liefert für die treuen Anhänger der Band eine echte kleine Schocktherapie. Denn auf dem neuen Album erkunden Dredg die musikalischen Dimensionen des Elektro-Indie-Rock, der sich mit verträumtem Ambient anfreundet. Das wird in erster Linie von der Produktion diktiert, die einen sanft ineinanderfließenden Kontrast aus Collagen ambient-retrohafter Achtziger-Synthkeyboards und schlichten, trivial abgesteckten Rhythmen geschaffen hat, die in ruhigem bis mittelschnellem Tempo geführt werden. Über allem aber gewinnt der melancholische Gesang von Gavin Hayes an verträumter Theatralik, wirkt geradezu „kosmisch“, alien-artig, entfremdet. Interessant ist die Positionierung der Gitarre. Sie hält sich an saubere, organische Sounds – keinerlei prätentiöse Geste, die lautes Brummen auslösen würde. Die Gitarre ist im Mix zurückgenommen und in den Hintergrund gedrängt. So kann sie gelegentlich sogar nur als zusätzliches optionales Füllmaterial wirken (Eröffnungssong Another Tribe, der eigentlich die Pointe des gesamten Albums enthüllt, The Rent).

Es gibt elf Songs, und trotz des überraschenden Sprungs in eine neue Klangausrichtung wirken Dredg beim Herausstellen ihrer Ideen noch immer überzeugend genug, einfallsreich, frisch.  Das Gesamtgefühl, wenn man sich durch das Album durchkämpft, ist grob gesagt wirklich verträumt, gelegentlich sogar transzendental. Auch der zweite Song Upon Returning, wo die Gitarre etwas mehr Dezibel aus sich herausbricht und damit der lauteste Moment des Albums ist, schafft es nicht, dieses allgemeine Gefühl der Gelassenheit zu zerstreuen, das das neue Album trägt.

Obwohl das Album eine neue Wegmarke in der Karriere darstellt, bestätigen die Songs in ihrer Ausgefeiltheit und der vielleicht nicht einmal beabsichtigten „Weichheit“ die außerordentliche Flexibilität des künstlerischen Verständnisses der Musiker, die sich eben mit Jahren der Erfahrung herausbildet. Einer dieser imposanten Momente ist der geschliffene Indie-Rock-Ohrwurm Somebody Is Laughing, der in der Kompaktheit der Strophe-Refrain-Verbindung und der eingängigen Melodie etwas „Coldplay-haftes“ trägt (Refrain und Gitarrenfigur im Übergang).

Erinnert ihr euch noch an die magische Synthese von „Post-Punk“ und „New Wave“? Der Song Down Withouth A Fight ist der eindrucksvollste Song des Albums. Er führt uns direkt in die Achtziger, dank der Kombination warmer Basslinien und retro-nostalgischer Synthesizer-Klänge. Die Gesangslinien erinnern in ihrer Melodieführung an den Stil einer Band vom Kaliber The Smiths – aber wenn man nüchtern die Fakten zusammenfasst, dass wir uns im Jahr 2011 befinden, würde man bei der Suche nach Vergleichen weniger daneben liegen, wenn man an dieser Stelle des Albums eher den ein oder anderen Gorilazz-Song ins Spiel brächte. Ein kluges Überführen des musikalischen Erbes in eine neue Ära. Eingebettet in den Kern einer weich klingenden Indie-Elektro-Rock-Komposition mit Trendzeichen. Mit ebensolcher Weichheit setzt die Ballade The Ornament die Entwicklung des Albums fort. Sie hinterlässt, zusammen mit den hinzugefügten akustischen Gitarrenornamenten, einen treffenden Wink an eine typische Duran Duran-Ballade, die versucht, den Duran Duran-Hit Ordinary World zu replizieren. Dann wäre da The Thought Of Losing You. Es bringt einen weiteren imposanteren Moment des Albums, der dank der ausgefeilten, sauberen Melodielinien des Refrains wie gemacht fürs Radiodrehen ist. Ähnlich wie Somebody Is Laughing.

Dennoch schwankt das Album qualitativ und verliert gegen Ende an Interesse, wenn Kalathat, Sun Goes Down und das fast schon „countryeske“ Where I’ll End Up aufeinanderfolgen. Ja. Ihr werdet es nicht glauben! Auch das ist bei Dredg möglich.  Das Album schließt das einfallsreiche, düstere Before It Began ab. Das Gros der Melodie bringt der Kontrabass ein, geführt von einem geliehenen Latino-Beat. Die Melodik zieht hin zu etwas, das aus dem Geist von Gilbert Getz entsprungen sein könnte. Ein äußerst gelungenes Experiment, an dem es auf dem neuen Album sonst mangelt. Eine willkommene Abwechslung genau am Ende des Albums! In ihre Melodik würde sich mühelos eine Flamenco-Gitarre einfügen.

Dredg haben ihren Sound drastisch gewaschen. Sie wirken geradezu entrückt, als wären sie für einen Moment in eine andere Galaxie abgedriftet und hätten knapp dreiviertel Stunden verträumter, entspannter Ableitungen eines nun unkomplizierten Rocks angeboten, der die Band in einem Licht zeigt, das wir so noch nicht kannten. Von Stimmungen, die nicht nur durch die düstere Drama-Atmosphäre vertieft werden, die das Album durchdringt, sondern auch durch den Leadgesang. Über die neue Ausrichtung werden sich die Fans sicher nicht freuen, da sie die Band in einem weniger interessanten künstlerischen Licht darstellt. Offensichtlich wollte die Band ein anderes Album liefern, weshalb sie auch eine andere Richtung in der Klangproduktion gewählt hat. Hoffen wir, dass dies nur eine vorübergehende Laune ist und dass Dredg bald zur Vertiefung der künstlerischen Reichweite zurückkehren, die das Vorgängeralbum begründet hat. Die Fans der Band werden diesmal zu weicheren Tönen tanzen – der Band sei aber ins Ohr geflüstert, dass die Regel „weniger ist mehr“ nicht immer überzeugend genug zündet.

Besetzung

Gavin Hayes – Gesang, Slide-Gitarre, Gitarre
Mark Engles – Gitarre, Hintergrundgesang
Drew Roulette – Bassgitarre, Synthesizer
Dino Campanella – Schlagzeug, Piano, Orgel

Produktion

Dan the Automator

Trackliste

1. Another Tribe (3:46)
2. Upon Returning (3:51)
3. The Tent (4:46)
4. Somebody is Laughing (3:31)
5. Down Without a Fight (3:51)
6. The Ornament (4:06)
7. The Thought of Losing You (3:34)
8. Kalathat (3:23)
9. Sun Goes Down (3:48)
10. Where I’ll End Up (3:56)
11. Before it Began (2:58)

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