Chronicles of the Immortals – Netherworld – Path 1.
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Vanden Plas
Label: Frontiers Records
Erscheinung: 2014
Laufzeit: 55:59
Wertung: 4.5/5
Das Album »The Seraphic Clockwork«, 2010 von den altgedienten deutschen Progressive-Metal-Veteranen Vanden Plas veröffentlicht, markierte einen reifen Wendepunkt in der Karriere der Band. Es gilt als das Album der Band mit der am stärksten ausgearbeiteten musikalischen Konzeptvision, die sich aus der Begeisterung für das gewählte Konzept entwickelt hat. Mit diesem Werk haben sich Vanden Plas neuen Dimensionen des musikalischen Schaffens zugewandt. Schon Christ o (2006) galt bei seiner Veröffentlichung als das bei weitem abwechslungsreichste Album der Band, doch mit »The Seraphic Clockwork« erreichten Vanden Plas vier Jahre später ihren kreativen Reifegrad als Komponisten. Alben veröffentlichen sie im Schneckentempo. Das war schon immer so. Aber es sind erfahrene Musiker, die die Dinge stets gründlich angegangen sind, mit viel Perfektionismus und dem fleißigen Feinschliff aller Details. Vor 20 Jahren veröffentlichte die Band ihr Studiodebüt »Colour Temple« (allein dafür brauchte sie seit ihrer Gründung Mitte der Achtziger fast zehn Jahre), und zwanzig Jahre nach dem Studiodebüt erschien nun insgesamt erst das siebte Studioalbum mit dem Titel “Chronicles of the Immortals – Netherworld – Path 1.«
Auftritte in Theatern sind für alle Mitglieder von Vanden Plas so etwas wie ein zweiter Vorname. Solche Aktivitäten haben der Band in der Vergangenheit dabei geholfen, die Dimensionen der Musikwahrnehmung zu erweitern und damit die Ausdrucksreichweite durch eine schrittweise Ausdrucksevolution auszudehnen. Diesmal kamen sie in Kontakt mit dem renommierten deutschen Fantasy-Autor Wolfgang Hohlbein, der in seiner Berufskarriere bis heute über 43 Millionen verschiedene Werke verkauft hat. Angeblich soll Hohlbein, als großer Fan von Vanden Plas, die Band persönlich kontaktiert und ihr vorgeschlagen haben, sein Werk zu vertonen, das im Original »Die Chronik der Unsterblichen« heißt. Das Werk musste für eine theatralische Rock-Oper-Aufführung angepasst werden. Das Libretto steuerte Vanden-Plas-Sänger Andy Kuntz bei, zusammen mit Hohlbein und seinem Manager Dieter Winkler. Die Band Vanden Plas schuf so insgesamt 19 Musiknummern. Das bearbeitete Werk von Hohlbeins Original bekam in seiner neuen Gestalt den Titel »Blutnacht«. Die Uraufführung erlebte die Rock-Oper in Vanden Plas‘ Heimatstadt Kaiserslautern im Jahr 2012. In den Jahren 2012 und 2013 folgten noch fünfundzwanzig ausverkaufte »Blutnacht«-Aufführungen. Stell dir das mal vor. Vokalist Andy Kuntz auf der Bühne und die übrigen Mitglieder von Vanden Plas im Orchestergraben »eingepfercht«. Der begeisterte Hohlbein schrieb daraufhin aufgrund dieses Erfolgs eine neue Novelle mit demselben Titel (»Blutnacht«). Da die Geschichte komplex ist, entschieden sich Vanden Plas, die »Chronicles of the Immortals« in zwei Teilen aufzunehmen und zwei Alben zu veröffentlichen. Und das, obwohl das musikalische Konzept bereits für die gesamte Geschichte ausgearbeitet ist. Der zweite Teil, also die zweite CD, ist für Anfang 2015 angekündigt!
Und die Geschichte? Kann ein Mensch unsterblich sein (verhält sich leider schon so)? Eine Frage, die die menschliche Fantasie schon immer aufgewühlt hat. Die Hauptfigur dieser Geschichte hört auf den Namen Andrej Delany. Der Kerl trägt die Gabe der Unsterblichkeit, und alles, was er sich wünscht, ist, sterblich zu werden wie alle »Normalen«. Er wandert durch die Jahrhunderte auf der Suche nach seiner endgültigen Erlösung, ahnt dabei aber nicht, dass er sich den Zorn und die Ungunst von Kräften zugezogen hat, die mit der Ewigkeit manipulieren können und so langsam die Schlinge um seinen Hals zuziehen. Aus der »Welt der Nacht« nähert sich Andrej ein Schattenwesen, das Menschengestalt annimmt und ihn zu überzeugen versucht, gemeinsam den Pantheon der alten Götter zu stürzen und den göttlichen Thron zu stehlen. Ihm entgegen kommen Chimären, die ihn vor der Gefahr gottloser Bündnisse warnen. Die Chimären schildern Andrej die Geschichte seiner verlorenen Liebe, von den Seelen verlorener Kinder, und weisen ihn auf den »verbotenen Weg«. Nämlich zu Marius, seinem Sohn, den er für tot hält, und zu Maria, der Liebe seines Lebens. So findet sich Andrej plötzlich zwischen zwei Welten (»Netherworld«), gefangen mitten im kriegerischen Toben der himmlischen Welt und der Welt der ewigen Finsternis. Doch welches der archaischen Schattenwesen ist die böse Versuchung und welches die Erleuchtung? Welches Wesen will ihm helfen und welches will ihn verraten und verderben? Deshalb muss Andrej selbst entscheiden, welcher der Visionen er folgen wird, denn die wahre Wahrheit kann er nur in sich selbst finden und nirgendwo sonst. Da wir aber vorhin gesagt haben, dass Vanden Plas die Geschichte auf zwei Alben aufgeteilt haben, endet der erste Teil an dem Punkt, wo die gesamte Situation für den Protagonisten hoffnungslos und verloren erscheint.
Genauso wie die Geschichte ist auch die Musik außerordentlich düster. Düster-epischer Pomp. Das außergewöhnliche Gespür für definierte Melodielinien wird diesmal von orchestralen Arrangements geschmückt, und Vanden Plas bleiben die großen Meister des bombastischen Showtheaters. Das Album wogt ständig auf plötzlichen Stimmungsumschwüngen, wenn die druckvollen und schwindelerregend beschleunigten sowie riff-gewaltig aufgebauschten Teile in sophistizierte Passagen überfließen, wo Klavier, der reine Gitarrensound (ohne Effekte) und gesamplete Soundschleifen den Klangraum füllen – in solcher Umgebung entfalten sich die stimmlichen Glanzleistungen des außergewöhnlichen Andy Kuntz einmal mehr im vollen Glanz einer Spitzeninterpretation.
Das Album entwickelt sich wie eine Geschichte. Der Held versinkt immer tiefer in der Versuchung und kracht am Ende auf den absoluten Tiefpunkt der Existenz. So geht auch das Album. Von Minute zu Minute wird das Album immer düsterer, das Gefühl eines endgültigen Endes wacht lebhaft über dem Zuhörer. In den Kompositionen dominiert die Verwendung von Mollstrukturen. Es steckt voller Emotionen des Sehnens, der Trauer um Verlust, des verzweifelten Suchens nach Antworten. Vanden Plas haben alles sorgfältig verpackt. Gezielt haben sie orchestrale Arrangements in die Kompositionen eingebettet, an anderen Stellen echte Chöre, Kuntzes Gesang durch zusätzliche Vokalharmonien verdoppelt und verdreifacht, und obendrein die Stücke mit zusätzlichen atmosphärischen Soundschleifen gewürzt, die die Stimmungen vor allem an den ausgefeilteren Stellen der Kompositionen dramatisieren. Da es in der Natur des Progressive Metal liegt, dass die Instrumente nicht einen Moment stillhalten, wenn es ums Vorführen virtuoser Akrobatik geht, werden die Motive zusätzlich belebt durch einige außergewöhnliche Übergangsteile von Andreas Lill am Schlagzeug sowie Wechsel der Rhythmustaktarten. Stephan Lills Gitarrenspiel ist jenes elementare, prägende Klang- und Stilmerkmal der Band, das die Hauptverbindung zwischen den alten und den neuen Vanden Plas darstellt. Günter Werno hat einige hervorragende Einfälle beim Keyboard-Arrangement beigesteuert. Das Ineinandergreifen von Synthesizer-, Klavier- und orchestralen Klängen ist das Werk brillanter Arrangier-Feinmechanik dieses erfahrenen Musikmeisters! Das Album wächst atmosphärisch von Minute zu Minute bis zum abschließenden Crescendo, das die »zehnte Vision« Inside beschließt. Im Stil der alten Vanden Plas erklingt in einigen außergewöhnlich fließenden Passagen die bekannt aufgedrehte, beinahe schon vernichtend vampirisierte, zerstörerische Riffwand von Stephan Lills Gitarre! Neben dem außergewöhnlichen Abschlussstück »Inside« erleben wir solche Momente vor allem in den mittleren Albumtracks New Vampyre und direkt danach in einem der stärksten Stücke des Albums, The King And The Children Of The Lost World. Letzteres ist besonders eindrucksvoll im Erreichen des perfekten Kumulationspunkts zwischen düster-theatralischer Atmosphärenverdichtung und metallischer Zerstörungswut. Natürlich ist auf dem Album alles gewürzt mit der Bombastik von Andy Kuntzes Refrainmelodien. Vanden Plas sind auch aus dieser Geschichte im kompositorischen Sinne einmal mehr als absolute Sieger hervorgegangen. Von jeher haben sie die Kompositionen der Suche nach der perfekten Melodie untergeordnet. Und auch diesmal ist es nicht anders. Die Atmosphären greifen nach einem mit ihrer Echtheit, und Gänsehaut bleibt beim Hören dieses Werks nicht aus. Es lohnt sich, sich Zeit dafür zu nehmen. Denn es ist auf höchstem Niveau detailreich.
“Chronicles of the Immortals – Netherworld – Path 1.« ist ein Garant für außerordentlich hörenswerte musikalische Substanz. Diese ist zwar durchaus düster – was durch die Geschichte bedingt ist, an die sie gebunden ist –, angesichts des ursprünglichen Erbes an musikalischer Komplexität der Band jedoch keineswegs unzugänglich. Vanden Plas wahren eine außergewöhnliche Kompaktheit der Kompositionen, die Leitmotive behalten ihre dominante Stellung innerhalb der Strukturierung, und die instrumentalen Passagen sind in den Stücken klar kontrolliert!
Das Album wird sich dir trotz der reichen Melodien nicht sofort ins Ohr schleichen, sondern ein paar mehr Durchläufe von dir verlangen. Genau das Richtige, um das Konzept zu erschließen, an das die Musik gebunden ist, was dich letztlich zum Kern seiner Aussagekraft führen wird! Ein Album der Feinmechanik, das die kraftvolle Botschaft der Geschichte mit der Meisterschaft des kompositorischen Schaffens der Band vereint. Es ist ein neuer Reifemeilenstein in der Karriere der Band und eine Art künstlerischer Brillanz, die heute in der Musikwelt nur wenige Künstler erreichen. Einzigartig und unwiederholbar. Da das musikalische Konzept für die Geschichte bereits ausgearbeitet ist, besteht keine Gefahr, dass der Nachfolger des ersten Teils qualitativ einknickt – wegen mangelnder kreativer Inspiration oder ausführungsmäßiger Unzulänglichkeit. Vanden Plas mussten die Energie und die Botschaft des Stücks »Blutnacht« von den Theaterbühnen auf CD übertragen. Angesichts der außergewöhnlichen Erfahrungen der Bandmitglieder aus der Vergangenheit und der zahlreichen früheren Auseinandersetzungen mit orchestralen Werken stellte das für die Band insgesamt kein größeres Hindernis dar. Allenfalls noch eine weitere »süße« künstlerische Herausforderung, der sie wieder gewachsen war!
Besetzung
Andy Kuntz – Gesang
Stephan Lill – Gitarre
Günter Werno – Keyboards
Torsten Reichert – Bassgitarre
Andreas Lill – Schlagzeug
GASTMUSIKER:
Julia Steingass – Gesang auf den Tracks Nr. 4, 5, 7, 8 und 10
Christian Köhler – Backing Vocals
Manuel Hochschütz – Backing Vocals
Chor
Produktion
Vanden Plas & Markus Teske
Trackliste
1. Vision One
2. Vision Two: Black Knight
3. Vision Three: Godmaker
4. Misery Affection Prelude
5. Vision Five: AGhosts Requiem
6. Vision Six: New Vampyre
7. Vision Seven: The King And The Children Of The Lost World
8. Vision Eight: Mysery Affection
9. Vision Nine: Soul Alliance
10. Vision Ten: Inside