Ceremonial

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Pink Cream 69
Label: Frontiers Records
Veröffentlichung: 2013
Laufzeit: 51:27
Bewertung: 4.7/5

Fast 6 Jahre sind seit »In10sity« vergangen und Pink Cream 69 sind endlich zurück! Erinnert sich noch jemand an den Auftritt in Veliko Ubeljsko an jenem längst vergangenen Tag, dem 14.07.2007? RockLine hat damals ein Interview mit der Band geführt, dessen Aufnahmen sogar in die spätere Doppel-DVD-Ausgabe »Past & Present« … Die schönen Erinnerungen an eine großartige Band bleiben – das Wichtigste aber ist: Pink Cream 69 sind Pink Cream 69 geblieben. Großartig, natürlich.

Was der Grund für diese Langsamkeit beim Zusammenstellen des neuen Albums war, weiß nur der Teufel. Sänger David Readman hat sich in der Zwischenzeit mit einer Solokarriere beschäftigt und Vocals für Voodoo Circle beigesteuert – das Projekt des deutschen Gitarrenvirtuosen Alex Beyrodt. Der inzwischen ehemalige Schlagzeuger und Gründungsmitglied der Band Kosta Zafiriou kümmerte sich derweil um Managementangelegenheiten bei Helloween und wechselte kürzlich zu Unisonic  – »Ceremonial« ist nämlich das erste Album mit dem neuen Bandmitglied, Schlagzeuger Chris Schmidt. Die Frage nach dem Gesundheitszustand von Alfred Koffler in dieser Zeit drängt sich ebenfalls auf. Der Gitarrist leidet nämlich seit 2004 an einer Form der fokalen Dystonie (eine Nervenerkrankung, bei der die Muskeln in einem Körperbereich den Befehlen des assoziativen Kortex nicht mehr gehorchen) in seiner linken Hand.  Dass Pink Cream 69 noch immer kicken, haben wir vor zwei Jahren bestätigt bekommen, als wir die Band im deutschen Kaufbeuren erwischten (vor Helloween und Stratovarius). »Ceremonial« ist demnach eine Art Heimkehr der aktuellen Pink Cream 69-Formation. Wenn man zum ersten Mal auf die Tracklist des Albums »Ceremonial« schaut, überkommt einen unwillkürlich das Gefühl, ein Coveralbum in den Händen zu halten, wenn man Titel wie Land Of Confusion, Wasted Years, I Came to Rock,… auf der Liste liest – und auch der Albumtitel selbst kann darauf hindeuten.

Pink Cream 69 bleiben auch mit dem neuesten Album eine überzeugende Spielart des Hard Rock, die dem Heavy Metal am stärksten angenähert ist – in der kompakten Klangwucht des Gitarrenriffs. Pink Cream 69 bleiben mit dem neuen Album in der Liga der old-school Hard-Rock-Bands  aus dem deutschsprachigen Teil Europas, angefangen bei Krokus, Bonfire, Frontline, Max, Fair Warning, dem neueren Jaded Heart – zu denen sich auch die dänischen Pretty Maids zählen lassen. Auch Pink Cream 69 bleiben in der neuen Ära verdammt nochmal aufgedreht in ihren Gitarrenriffs. Die unsterbliche deutsche Hingabe eben! Dazu bleiben sie der melodischen Eingängigkeit mitreißender Refrainmelodien treu, die beim Arrangieren der Songs stets im Vordergrund stehen. Der unerbittliche Rock-Prügler Right From Wrong ist in dieser Hinsicht unter den Songs des neuen Albums der ideale Kandidat für eine Singleauskopplung. Ein kompaktes und kurzes »Schrapnell«, im Riff aufgeplustert und mit der Bombastik des Refrains vollgeladenes Manifest von Pink Cream 60 in der neuen Ära.  Auch Wasted Years, mit dem anfänglichen Refrainteil, der nach dem Queen-Evergreen Breakthru duftet, stellt eine handliche Wahl für die Vorab-Single des neuen Albums dar. Der atmosphärische Höhepunkt natürlich auch an dieser Stelle wieder im Refrain gesetzt.

Die alte Schule des Rainbow-Hard-Rocks zeigt ihre geschliffene Schärfe gleich beim Opener Land Of Confusion, da das stufenweise Steigern der Atmosphäre im Schimmer des Arabesken-Melos an einige entfernte Verwandtschaftsbande mit der Rainbow-Miniepik Gates Of Babylon erinnert. Eine düstere Eröffnungsentwicklung des Albums, im Einklang mit den düsteren europäischen Zeiten. Gitarrenphrasen, die eine ursprüngliche Verbindung zur klassischen  Hard-Rock-Schule tragen, gibt es auf dem Album noch einige, und das erfreut ungemein, denn solche Alben, die mit solch einer Intensität der leidenschaftlichen Wirkung der klassischen Hard-Rock-Schule gespielt werden, werden immer seltener.  Das führende Gitarrenriff in Big Machine verdankt einiges dem zentralen Eröffnungsriff des Whitesnake-Klassikers Still Of The Night. Natürlich ist die grundlegende Haltung des Albums die unverkennbare Typizität von Pink Cream 69, aber die so geschnittenen Riffs, die auf die Urväter des kreativen Schaffens wie Deep Purple hinweisen (I Came to Rock trägt in der Strophe etwas von der Frisur Speed Kings), sind stachelig reizvoll und befeuern genau richtig die Entwicklung des Albums auf eine Art, die den überzeugten Liebhaber harter, aber melodisch ausgearbeiteter Musikstrukturen bei sich hält.

In den fast sechs Jahren Abstand zwischen dem neuen und dem vorherigen Album haben sich viele Ideen angesammelt. Verwendet wurden natürlich wieder die besten. Daher entfaltet sich das Album im Schimmer einer kraftvollen Dynamik wechselnder Stimmungslagen. Der rote Faden des Albums ist durch die starke chemische Verbindung eines glühend heißen Spiels geschaffen, das ein echtes Konzertgefühl erzeugt. Typizität – aber essentielle Typizität für den Glaubwürdigkeitsstatus der deutschen Hard-Rock-Schule! Einer dieser Höhepunkte des Albums ist das mittelschnelle, düstere und hochatmosphärische Passage Of Time, wo Readman in seiner außerordentlichen Gesangshaltung besonders mitreißend wirkt, da ihm der Wechsel zwischen schnellen und ruhigen Passagen des Songs zusätzlichen Raum gibt, Soul-Elemente in die Melodiegestaltung der Strophen einzupflanzen. Die vollständig ausgekostete Bombastik der Refrainmelodie bleibt natürlich ebenfalls nicht unbemerkt. Ähnliches gelingt Readman auch bei King For One Day gegen Ende des Albums oder in den ruhigen Passagen des Openers Land Of Confusion. Diese mittelschnellen Stücke betonen die außerordentliche Vokalsubstanz des Albums, da Readman in ihnen am stärksten und intensivsten ist, was ihm zusätzlichen Raum gibt, sich maximal zu entfalten und auf diese Weise noch intensiver die sensitive Seite der Botschaften in den Strophen zu zeichnen. Die Gesangsdarbietung von David Readman bleibt ein Kapitel der Perfektion für sich bei Pink Cream 69. Auch auf diesem Album also!

Für eine Note Leichtigkeit auf dem Album sorgt gewiss das bluesbetonte, aber riffmäßig aufgeblasene abschließende Superman, in Kombination mit unterhaltsamen Strophen. Pink Cream 69 weisen hier einmal mehr darauf hin, wie bombastische Natur in der Frisur melodischer Hard-Rock-Eingängigkeit erschaffen wird. Dorthin wird euch eine weitere überaus mitreißende Refrainmelodie führen und euch gleichzeitig daran erinnern, dass Pink Cream 69 erneut ein hervorragendes Studioalbum geschnitzt haben, das ihr nach dem Ende sofort wieder in den CD-Player einlegen wollt.

Und die Unterschiede zu »In10sity«? Im Grunde ist es ein einziger, aber bedeutsam genug. »Ceremonial« klingt in der Gesamtbilanz retro. Es ist also mehr an die Schule der in den vorherigen Absätzen dieser Rezension zitierten klassischen Rock-Bands angelehnt. Daher wirkt es in den Riffs etwas aufgelockerter, während gleichzeitig Raum freigelegt wird, damit die Rhythmussektion auf der einen Seite kontrastreicher zum Ausdruck kommen kann, was gleichzeitig auch den sinnlichen Kern der Vokalinterpretation von David Readman betont. »Ceremonial« ist also ein Stückchen weniger giftig geschärft verglichen mit dem vampirhaft metallisch zugespitzten Vorgänger »In10sity«. Das neue Album ist daher im Klangbild zusätzlich saftig verdichtet, was bedeutet, dass es den Gleisen des Vorbilds der alten Rock-Schule der Übertragung von Spiel und Klang eines Orchesters auf das klassische Rock-Quintett folgt, obwohl Pink Cream 69 keine Keyboards verwenden, was bedeutet, dass bei ihnen geringere kontrastive Verschiebungen in der klanglichen und stilistischen Produktion schwerer zu erkennen sind als bei anderen Bands der europäischen Hard-Rock-Schule.

Eine reife, saftige Birne überragenden Hard Rocks, geliefert vom durch und durch vertrauenswürdigen künstlerischen Konglomerat von Pink Cream 69! Da die dänischen Pretty Maids in zwei Monaten ein neues Studioalbum veröffentlichen, wäre es einen Gedanken wert, dass sich beide Bands auf eine gemeinsame Europatournee begeben.

Besetzung

David Readman – Gesang
Alfred Koffler – Gitarre
Uwe Reitenauer – Gitarre
Dennis Ward – Bass
Chris Schmidt – Schlagzeug

Produktion

Dennis Ward

Tracklist

1. Land of Confusion
2. Wasted Years
3. Special
4. Find Your Soul
5. The Tide; Big Machine
6. Let the Thunder Roll
7. Right or Wrong
8. Passage of Time
9. I Came to Rock
10. King for One Day
11. Superman

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