Caught In the Crossfire
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Wetton, John
Label: Import
Erschienen: 1980
Laufzeit: 41:27
Wertung: 3/5
Der kultische Gitarrist und Sänger John Kenneth Wetton, eine der zentralen Figuren der Progressivrock-Bewegung, der als eine Art Nomade seinen Stempel im Schaffen von Bands wie Mogul Thrash, Family, Renaissance, King Crimson, Uriah Heep, Roxy Music/Bryan Ferry, UK, Wishbone Ash, Asia, Phenomena und Quango hinterließ, startete seine Solokarriere unmittelbar nach dem Zerfall von UK, als es ihn bereits deutlich sichtbar weg von den Progressivrock-Gewässern zog und er sich zunehmend für den ’neugeborenen‘ melodischen Rock/AOR zu begeistern begann. An dessen Entstehung hatte er in vielerlei Hinsicht schon vor der Gründung von Asia mitgewirkt – nämlich auf seinem Solo-Debüt »Caught In the Crossfire«, das vor Johns kurzer Wishbone Ash-Episode entstand, auch wenn er damit (noch) keinen großen kommerziellen Erfolg erlebte, der erst zwei Jahre später folgen sollte.
Ebenso schuf er später noch einige bessere Soloalben als dieses recht leichtgewichtige und radiofreundliche Werk – allen voran das exzellente »Battle Lines« (1994) –, doch besitzt »Caught In the Crossfire« zweifellos einen besonderen Charme, der Herrn Wetton einmal mehr als hervorragenden Instrumentalisten, Sänger und Komponisten entblößt, aber auch als nicht besonders glücklichen Texter (vorwiegend von Liebesliedern). Genau diese sind die schwächste Seite von »Caught In the Crossfire«, da sie voll von schalen Liebesmetaphern sind, mit denen er leider auch im weiteren Verlauf seiner Solokarriere nicht geizen wird. Wetton war eben die gesamten Siebziger hindurch daran gewöhnt, dass andere die Texte für ihn schrieben – etwa Richard Palmer-James, sein alter Kumpel aus den King Crimson-Tagen.
»Caught In the Crossfire« könnte stilistisch betrachtet kaum weiter vom Progressivrock entfernt sein, was einmal mehr erklärt, warum UK Ende der Siebziger sang- und klanglos auseinanderging – denn Wetton gelüstete es plötzlich danach, die Radiowellen zu erobern. Die Musik darauf ist bei Weitem nicht so ausgefeilt, produktionstechnisch hochglanzpoliert und gleichzeitig pompös wie jene Form von Arena-Rock/AOR, die Wetton zwei Jahre später mit Asia zu schaffen begann, doch befriedigt der Großteil der Kompositionen noch heute jeden, der melodischem (Pop-)Rock mit leichten Blues-Einflüssen nicht abgeneigt ist.
Meister Wetton versammelte für »Caught In the Crossfire« ausschließlich erstklassige Musiker um sich, unter denen – neben Roxy Music-Gitarrist Phil Manzanera, mit dem er später im Projekt Wetton-Manzanera zusammenarbeitete, und Schlagzeuger Simon Kirke (Free, Bad Company) – zweifellos der legendäre Jethro Tull-Gitarrist Martin Barre am meisten heraussticht. Genau diese Zusammenarbeit ist eine große Besonderheit, denn Barre arbeitete in seiner langen Karriere außerhalb der Jethro Tull-Familie kaum mit einem anderen Musiker zusammen. Die völlig unterschiedlichen, unverkennbaren Gitarrenstile der beiden Gitarrenmeister sind vielleicht die größte Besonderheit und das Spannendste an »Caught In the Crossfire«.
Barre glänzt auf den härteren, bluesgetränkten Kompositionen, wo er überzeugend von Kirkes entschlossenem Schlagzeugwerk unterstützt wird, während die softeren Stücke – wenig überraschend – von Manzaneras Gitarre geprägt werden. Weder Barre noch Manzanera verausgaben sich auf »Caught In the Crossfire« sonderlich und lassen viel von ihrem Potenzial völlig ungenutzt. Die großen Musikernamen aus der Welt des Prog-Rock und Blues-Rock ergänzt erfolgreich Malcolm Duncan am Saxofon. Wetton spielte persönlich auch alle Keyboards auf dem Album, die entsprechend recht durchschnittlich ausfallen und in den Händen eines professionellen Keyboarders zweifellos die Struktur der einzelnen Kompositionen spürbar verbessert hätten.
Der eröffnende Pop-Rocker »Turn On the Radio«, der dem Titel nach mit klarer Absicht geschaffen wurde, die Radiowellen zu erobern, ist ein ausgesprochen durchschnittliches Machwerk, bei dem die Gitarre in der Produktion völlig in den Hintergrund gedrängt wird, während die Hauptrolle Wettons Gesang und dem Wummern der Bassgitarre gehört. Die melodischen und einladenden Vokalharmonien im Refrain sind das Einzige, was einen etwas tieferen Eindruck hinterlässt. Der deutlich härtere »Baby Come Back« ist ein weiteres eher generisches melodisches Rock-Gebilde, das aber mit seinem eingängigen Refrain, einem völlig bescheuerten Liebestext, einer griffigen Gitarrenmelodie und fetten Basslinien trotzdem die Maßstäbe für zahlreiche spätere Werke aus Johns Solokarriere gesetzt hat. »When Will You Realise«, trotz seiner fröhlichen, positiv gestimmten Melodie und geschmackvollen Gitarrenimprovisationen, enthält einen ziemlich ’nervigen‘ Refrain und gerät daher verhältnismäßig schnell in Vergessenheit.
»Cold Is The Night« ist der reinste Prototyp einer Liebes-Power-Ballade, wie Wetton sie liebte und durch den Großteil seiner reichen Karriere schuf, auf der sein bewundernswerter gesanglicher Pathos in vollem Glanz erstrahlt. Das recht bluesgetränkte, melancholische »Paper Talk«, auf dem Herr Barre einen starken gitarristischen Stempel hinterlässt, ist arrangementtechnisch betrachtet einer der inspiriertesten Momente auf »Caught In the Crossfire«. Deutlich hörbar ist, wie Wetton damals die Kunst des Aufbaus hypnotischer Vokalharmonien bereits meisterhaft beherrschte, die er bei Asia gewissermaßen zur Perfektion entwickelte. »Get Away« ist ein temperamentvoller melodischer Rocker mit kräftigen Gitarrenphrasen und einem recht generischen, ausdruckslosen Refrain, obwohl die Vokalharmonien einmal mehr auf höchstem Niveau gesungen werden.
Der Titeltrack ist mit seinen bluesigen Gitarrenpassagen, dem verschmitzten Saxofon und dem ‚coolen‘ Refrain, der den Beginn der ‚MTV-Ära‘ deutlich widerspiegelt, als das ‚gute Aussehen‘ (sowohl männlicher als auch weiblicher) Musikacts immer wichtiger wurde, ein weiterer Lichtblick auf Wettons Debüt – zumindest wenn man auf AOR steht. Das härteste Stück auf »Caught In the Crossfire« ist zweifellos »Get What You Want«, wo Barre mit düsteren und kantigen Gitarrenphrasen begeistert, während auch ein kurzes Gitarrensolo nicht fehlt, das wie der experimentellste Moment des gesamten Albums wirkt.
»I’ll Be There« ist ein weiterer generischer AOR-Track mit einem völlig leeren Text, der in gar nichts besonders heraussticht – außer dass alle Instrumentalisten ihre Aufgaben ordentlich erfüllen und Wettons Gesangsdarbietung einmal mehr auf dem erwarteten hohen Niveau liegt.
Die abschließende Power-Ballade »Woman«, erneut ein Prototyp der typischen John-Solo-Ballade, hat wunderschöne Vokalharmonien und überraschend qualitativ hochwertige Keyboard-Arrangements, angesichts der Tatsache, dass sie von dem mit allen Wassern gewaschenen Bassisten/Sänger selbst eingespielt wurden.
»Caught In the Crossfire« war Wettons erste direkte, unverhüllte Begegnung mit AOR – wenn man die einzelnen ‚hybriden‘ Experimente aus der UK-Ära außer Acht lässt –, die noch heute alle Fans seiner Solokarriere begeistert, während der durchschnittliche Progressivrock-Fan beim Hören nur mit der Hand abwinken und das Ganze als Beginn der ‚Pop-Rock-Phase‘ einer der größten Bass-/Gesangslegenden seines Lieblingsgenres abtun wird.
Besetzung
John Wetton – Gesang, Bassgitarre, Gitarre, Keyboards
Martin Barre – Gitarre
Phil Manzanera – Gitarre
Simon Kirke – Schlagzeug
Malcolm Duncan – Saxofon
Produktion
John Wetton
Trackliste
1. Turn on the radio (3:47)
2. Baby come back (3:24)
3. When will you realise (4:34)
4. Cold is the night (5:22)
5. Papertalk (4:00)
6. Get away (4:30)
7. Caught in the crossfire (5:03)
8. Get what you want (3:18)
9. I’ll be there (3:33)
10. Woman (4:33)