Carolus Rex

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Sabaton
Label: Nuclear Blast
Veröffentlichung: 2012
Laufzeit: 45:09
Wertung: 3.8/5

Das Rezept, sich mit Kriegsgeschichte zu beschäftigen, geht auf – warum sollten Sabaton es also aufgeben? Schon allein das „Latinisieren“ der Albumtitel ist herrlich verlockend, oder Jungs? Da das Arsenal an historischen Geschichten sich aber nur langsam erschöpft, haben sich Sabaton clever ihrer Heimatscholle zugewandt und beschlossen, die Geschichte von Aufstieg und Fall des schwedischen Königreichs zu vertonen. Das ist die Story hinter dem neuen Album „Carolus Rex“.

Beginnend mit der Gründung des Königreichs und dem Erscheinen »des Löwen aus dem Norden« (Track: »Lion from the North«) – Gustav Adolf –, wobei die Jungs seine berühmte Schlacht bei Breitenfeld nicht vergessen haben (Track: »Gott Mit Uns«). Gustav Adolf war ein Meister der Kriegstaktik und eine der bedeutendsten Figuren des Dreißigjährigen Krieges (Track: »A Lifetime of War«), mit der abschließenden Phase – der Schlacht um Prag (Track: »1648«). Schließlich betritt  Karl XII. die historische Bühne (Track: »Carolus Rex«), verteidigt das Königreich gegen das Dreierbündnis aus Russen, Dänen und der sächsisch-polnischen Allianz, schafft die Unterwerfung Dänemarks und anschließend Polens (Track: »Killing Ground«), doch alle guten Dinge gehen irgendwann zu Ende. Für Karl XII. war das der frontale, aber verhängnisvolle Marsch gegen Russland und Moskau, als er in der Schlacht bei Poltawa geschlagen wurde (Track: »Poltava«).  Nach dem Misserfolg gelang ihm die Flucht ins Osmanische Reich, von wo er an den skandinavischen Rand Europas zurückkehrte, wo er während der erneuten Invasion Norwegens fiel – von einem präzise gezielten Projektil am Kopf getroffen (Long Live The King). Das Ende des schwedischen Königreichs besiegelt das Scheitern von Karls Armee – der Karoliner, die sich in der Schlacht bei Trondheim die Zähne ausgebissen haben (Track: Ruina Imperii). Das gesamte Booklet ist neben dem einleitenden historischen Aufsatz mit kurzen Interviews aller fünf Bandmitglieder ausgestattet, was die Verbindung des Hörers  zum Album »CArlous Rex« sicher vertieft und die Fantasie des Zuhörers zusätzlich beflügelt.  

Die Jungs haben im Studio also wieder jede Menge Spaß gehabt. Allerdings schwankt die Qualität der Tracks. Vom Album sticht der fantastische Titelsong hervor, der zweifellos mit den Jahren zum festen Bestandteil des eisernen Konzertrepertoires der Band werden wird. Es ist einer der besten Songs, den Sabaton bislang in ihrer gesamten Karriere geschaffen haben – mit einer außergewöhnlichen dramatischen Steigerung, die in einen bombastisch eingängigen Refrain von überragender atmosphärischer Zugkraft mündet. Direkt dahinter  kommt Killing Ground fast auf Augenhöhe, vor allem dank seines außergewöhnlichen Chorus-Hooks. Das sind die zwei Tracks, die zur qualitativen Spitze des Albums »Carolus Rex« gehören. Sehr interessant und ebenfalls einer der stärkeren Tracks ist die treibende Mini-Epos-Ballade The Caroleans Prayer, bei der Broden mit seinem kehligen Gesang und seiner Wahl der Leitmotive das Feeling von Grave Digger aus der zweiten Hälfte der Neunziger heraufbeschwört.

Die Jungs sind erfahren und wissen sich im Studio noch sehr geschickt zu bewegen. Alle Tracks haben sie in ein außergewöhnliches Gewand voller wirkungsvoller Bombastik gekleidet, denn das symphonische Element ist in seiner Präsenz gleichwertig integriert wie das Element klassischer Metal-Wucht. »Carolus Rex« beweist nämlich auf der Produktionsseite, dass Sabaton ihren Perfektionismus in dieser Hinsicht zum Zenit getrieben haben. Das Album besitzt ein optimal betontes Kontrastspiel aller Elemente des Klangbildes. Neben dem klassischen Riff-Marsch wirkt der Einsatz der Keyboards – vor allem der Synthesizer-Flächen – so, als wäre ein echtes Orchester im Studio dabei und hätte gleichzeitig mit der Band konzertiert, und die Gesangslinien werden von chor-ähnlich multiharmonisierten Einlagen begleitet, die die dynamischen Wendungen der eingefangenen Stimmungslagen vertiefen und dabei den verfügbaren Arrangierraum ausnutzen und ausfüllen, um noch mehr Melodiosität, Klangdichte, Lebendigkeit und eingängige Zugänglichkeit (Hörbarkeit) auszustrahlen

Bis hierher liest sich das alles mehr als begeisternd. Trotzdem lassen sich aus den Grundmotiven und der Umsetzung der auf Band gebannten Tracks so manche Klischees herauslesen, die dem Werk an Reiz nehmen. Ohne Frage ist das ein Album, das produktionstechnisch auf Hochglanz poliert ist und auch arrangementmäßig sehr gute Lösungen bietet. Doch die Leitmotive der Tracks wie 1648, Gott Mit Uns, A Lifetime Of War, Long Live The King oder Ruina Imperii deuten darauf hin, dass Sabaton sich konzeptionell nicht mehr weiterentwickeln und phasenweise auch deutlicher Altbekanntes wiederkäuen. Auch wenn das alles so schön mit der Bombastik einer außergewöhnlich saftigen und klanglich befriedigenden Produktion verziert ist.

Das Album ist freilich ein sehr hochwertiges Werk und gehört zwingend in die Sammlung jedes rechtgläubigen Verteidigers der Sabaton-Diskografie. Genauso empfehlenswert ist diese Platte für alle frisch entfachten Power-Metaller, denn sie gehört neben dem Album »The Art Of War« zu den stärkeren Errungenschaften der Sabaton-Karriere. Damit überraschen Sabaton nicht mehr. Offenbar haben sie den entwicklungsmäßigen Ausdruckszenit ihrer Variante des Heavy Metal erreicht, die wir getrost mit dem Präfix »battle metal« versehen können. Auf jeden Fall stellt sich die rhetorische Frage, welche Herausforderung Sabaton heute überhaupt noch brauchen. Die Fanbasis ist außergewöhnlich, sie sind in den sicheren Händen eines gut aufgestellten Labels und touren konstant mit eigenen Headliner-Touren, die hervorragend besucht sind. Hoffen wir nur, dass das hohe Fliegen sie nicht in jene Lässigkeit stürzt, die eine bekannte Zeitgeistkrankheit ist – an der Helloween, ihre ein kleines bisschen älteren, darin mittlerweile tief versumpften Kollegen, schon seit zehn Jahren leiden. Das Album hat keine absoluten Überflieger, wirkt aber deutlich packender als sein Vorgänger »Coat Of Arms« und wird daher auf mittlere Sicht auch deutlich besser angenommen werden!

Noch das hier. Sabaton haben ihre Besetzung in diesem Jahr ordentlich durchgelüftet. Aus dem Lineup, das das Album »Carolus Rex« aufgenommen hat, sind gleich vier Mitglieder ausgestiegen. »Carolus Rex« ist also das Abschlusswerk des eigentlichen kreativen Kerns der originalen Bandbesetzung, die praktisch seit 1999 zusammengeblieben ist. So kann man sagen, dass mit diesem Album die Ära der klassischen Sabaton zu Ende gegangen ist. Es wird spannend sein zu verfolgen, wie die erneuerten Sabaton diese Herausforderung in den konzeptionellen Lösungen zukünftiger Alben meistern werden.

Besetzung

Joakim Brodén – Gesang
Oskar Montelius – Gitarre
Rikard Sundén – Gitarre
Daniel Mÿhr – Keyboards
Pär Sundström – Bass
Daniel Mullbac – Schlagzeug

Produktion

Peter Taegtgren & Jens Kjellgren

Trackliste

  1. Dominum Maris Baltici
  2. The Lion From The North
  3. Gott Mit Uns
  4. A Lifetime Of War
  5. 1 6 4 8
  6. The Caroleans Prayer
  7. Carolus Rex
  8. Killing Ground
  9. Poltava
  10. Long Live The King
  11. Ruina Imperii
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