Brutal Assault 2016 – erster Tag!
Autor: Rok Klemše
Fotos: Nina Grad
Ort: Militärfestung Josefov / Jaromer / Tschechische Republik
Konzertdatum: 09.08.2016
Besucherzahl: 15.000
Drei Jahre sind seit dem letzten Besuch des größten tschechischen Metal-Festivals Brutal Assault vergangen, und die 21. Ausgabe des Festivals war der perfekte Anlass für eine erneute Rückkehr in die Arme der ehemaligen Militärfestung Josefov. Nach einer Nachtfahrt erreichten wir in den frühen Morgenstunden die nahe gelegene Stadt Hradec Kralove, wo eine der Unterkunftsmöglichkeiten auf uns wartete – der gut organisierte Busservice brachte uns kurz vor drei Uhr aufs Festivalgelände, gut 20 Kilometer von der Stadt entfernt.
Am Eingang warteten wieder endlose Schlangen, die offensichtlich jedes Jahr ein großes Problem des Festivals sind (dank unserer Pressepflichten konnten wir sie zum Glück umgehen). Für etwas Ärger sorgten auch die Chips auf den Armbändern, die in diesem Jahr das einzige Zahlungsmittel auf dem Festival waren (im weiteren Verlauf erwiesen sie sich allerdings als sehr bequeme und unkomplizierte Lösung). Brutal Assault hat dieses Jahr außerdem mit einigen Neuerungen positiv überrascht – mehr dazu in der weiteren Berichterstattung. Der Mittwoch war noch vor nicht allzu langer Zeit ein reiner Warm-up-Abend mit überwiegend tschechischen Bands und einem größeren Headliner (2013 zum Beispiel Testament), doch seit einigen Jahren ist der Mittwoch ein offizieller Festivaltag, der bereits einige klangvolle Namen bietet.
Auf einer der Hauptbühnen begrüßte in den frühen Nachmittagsstunden die tschechische Posthardcore-Band The Truth Is Out There, die eine Katastrophe war. Mit ihrem generischen Thrash Metal konnten auch die deutschen Dust Bolt nicht im Geringsten überzeugen – die bessere Wahl war also, sich ans Festivalgeschehen zu gewöhnen, statt sich Klischee für Klischee zu langweilen.
Die erste ernsthafte Band des Aufwärmtags waren mit Sicherheit die großen amerikanischen Thrash-Hoffnungsträger Vektor, die mit ihrem aktuellen Studioalbum Terminal Redux bewiesen haben, dass Thrash im einundzwanzigsten Jahrhundert noch immer frisch und mörderisch gut klingen kann (im Gegensatz zu Dust Bolt). Hatten uns das Quartett aus Philadelphia letztes Jahr im Ort noch bloß einen Appetizer auf das neue Album gegönnt, war diesmal alles anders: Vektor widmeten vier Fünftel ihres (zu) kurzen Auftritts dem dritten Studioalbum. Dass es sich um eine immer begehrtere Band handelt, bewies schon das laute Skandieren ihres Namens – auf die Bühne stürmten sie mit dem neunminütigen Eröffnungsepiker Charging the Void von Terminal Redux. Trotz etwas schwächerem Sound tauchte Vektor das bereits beachtlich große Publikum mit einem wahren Feuerwerk unvergesslicher Gitarrenläufe von David DiSanto/Erik Nelson mühelos in Sternennebel, ferne Galaxien und sterbende Planeten, während die wild aufgedrehte Rhythmusfraktion das Publikum wie ein Asteroidenschwarm bombardierte. Ein großes Plus: DiSanto hat für das neue Album das manchmal ziemlich nervige, schrille Gekreische fast vollständig aufgegeben und durch typisches Thrash-Geknurre ersetzt. Das Minus: Nach dem Terminal Redux-Quartett blieb Vektor nur noch Zeit für den aggressiven Angriff mit Hunger For Violence vom Debüt.
Das exzellente Eröffnungs-Menage-a-trois setzte sich mit den schwedischen Vampiren Tribulation fort, die wir vor etwas mehr als einem Jahr auch bei uns erwischen konnten, im Ljubljaner Channel Zero mit Melechesh. Die Schweden bauen in ihrer Musik auf einer Death-Metal-Grundlage auf, angereichert mit Black-Metal-Einflüssen und einem Retro-Ansatz im Geiste der Rockbands der Siebziger. Tribulation reiten noch immer auf dem Erfolg ihres aktuellen Studioalbums Children of the Night und begrüßten auch Brutal Assault mit der ersten Single daraus, dem gruseligen Strange Gateways Beckon. Tribulation hatten diesmal auf der Bühne mehr Bewegungsfreiheit, was vor allem Gitarrist Jonathan – der aussieht wie eine Balletttänzerin – für seine Tanzschritte weidlich nutzte. Die Atmosphäre klassischen Grauens vervollständigten auch die drei anderen Mitglieder mit bleich geschminkten Gesichtern, noch mehr aber der charismatische Frontman Johannes mit seinem herrschaftlichen, rohen Gesang. Am stärksten eingeprägt hat sich das unvergessliche The Motherhood of God, bei dem es während des harmonischen Gitarrenausgangs kräftig zu regnen anfing – Tribulation sind live nach wie vor ein außergewöhnlicher Konzertgenuss und zugleich die perfekte musikalische Entsprechung zu Kinskis Nosferatu oder Bela Lugosis Dracula.
Der dritte (persönliche) Höhepunkt des ersten Festivaltags hatte im Gegensatz zu den beiden vorherigen bei uns noch nicht gespielt. Das amerikanische Death-Metal-Ensemble Gruesome ist eigentlich eine »Tribute«-Band, obwohl sie eigenes Material spielt. Gruesome ist nämlich das Produkt einer Idee von Matt Harvey (Exhumed), der auf der Tour mit Death To All Lust auf das frühe Material der legendären Giganten Death bekam (also vom Debüt Scream Bloody Gore bis irgendwo zu Spiritual Healing). Da das im Rahmen der DTA-Tour nicht möglich war, machte Matt sich keine großen Gedanken darum und gründete Gruesome, deren Ziel die vollständige Emulation des frühen Death ist. Gruesome bekennen sich dazu ganz offen, und man muss sagen, dass es sich ohne Zweifel um eine der respektvollsten und aufrichtigsten Huldigungen an den verstorbenen Schuldiner überhaupt handelt. Die Amerikaner hatten von allen gesehenen Bands wohl sogar den besten Sound des Festivals: Bassistin Robin Mazen schüttelte die Eingeweide gnadenlos durch, die Gitarren von Harvey und Daniel Gonzalez (Possessed) bissen wie hungrige Kannibalen in dem Kultschocker Cannibal Holocaust (Ausschnitte aus dem bis heute vielerorts verbotenen Film verwendete Gruesome für das Musikvideo zu Savage Land), und Harvey heulte und schrie wie eines der Opfer, die besagte Kannibalen zum Abendessen servierten. Gruesome spielten in drei Viertel Stunden einen schönen Teil ihres Debüts Savage Land sowie der EP Dimensions of Horror, warfen außerdem das fantastisch gespielte Open Casket ein – mehr über die Band, Horror, Death und Chuck Schuldiner und vieles mehr gibt es bald in einem Interview mit Matt Harvey zu sehen und zu hören.
Während Devildriver war Zeit fürs Abendessen – auch dieses Jahr gab es reichlich Auswahl, und das Essen schmeckte deutlich besser als in den Vorjahren. Neben tschechischen Spezialitäten wie Bramborak und Trdelník standen mindestens auch Burger, Pizza, mexikanisches Essen, chinesische Nudeln, Beef Jerky und Fleisch auf hundert und eine Art auf dem Speiseplan; Veganer hatten erstmals sogar ihr eigenes »Village«. Auch das Getränkeangebot wurde aufgewertet: Neben Bier, Wein und Schnaps gab es anständige Cocktails zu moderaten Preisen.
Mit vollem Bauch ließ es sich gut bei den Patriarchen des Postmetal und Sludge, Neurosis, entspannen – auch wenn die Amerikaner schnell mit fetten, wuchtigen Riffs, dem rohen Gesang von Scott Kelly und ambient-psychedelischen Elementen auftrumpften. Die in der Regel ziemlich langen, repetitiven Stücke konnten mich trotz massivem Sound und exzellenter Darbietung nicht vollends überzeugen; Neurosis würden in einem Hallenkonzert in irgendeiner verrauchten Halle wahrscheinlich viel besser zur Geltung kommen.
Deswegen warf ich noch einen kurzen Blick auf das brutale amerikanische Trio Dying Fetus, das nach dem Gesehenen seinen Ruf durchaus rechtfertigte. Noch mehr interessierte mich aber eines der schwarzen Schafe des diesjährigen Festivals. Brutal Assault sorgt jedes Jahr für einige Acts, die mit Metal eigentlich nicht viel am Hut haben, durch ihre Düsternis oder andere Eigenschaften aber trotzdem perfekt ins Festivalkonzept passen. Der erste solche Vertreter dieses Jahres war der amerikanische Musiker King Dude mit bürgerlichem Namen Thomas Jefferon Cowgill. King Dude ist einer der bekanntesten Genrevertreter des sogenannten Neofolks oder Darkfolks und nach dem Gesehenen zweifellos der einzig wahre geistige Nachfolger des Mannes in Schwarz, Johnny Cash. King Dude kann in seiner Ausdrucksweise noch düsterer sein als jeder Black Metal und noch brutaler als Death Metal – auch wenn seine Musik meistens auf seinen tiefen Bariton und schlichte Gitarrenlinien reduziert ist. King Dude begeisterte mit seiner Mischung aus düsterem Folk mit starkem Geist des amerikanischen Südens, Okkultismus und Heidentum – in der sich Einflüsse von Elvis ebenso finden wie von Danzig, Nick Cave und Lou Reed – ein vollgepacktes Publikum auf der neuen, bereits vierten Bühne des Festivals, dem Octagon, und gilt als die schönste Überraschung des Festivals.
Die amerikanischen Schwergewichte Mastodon waren das größte Headliner-Highlight des ersten Tages – aber ihren Status rechtfertigten sie nur zum Teil. Zunächst machte ein katastrophal schlechter Sound zu schaffen, bei dem Mastodon klangen wie ein kaputtes Radio in einem kleinen Badezimmer. Offenbar hatte der Tontechniker vergessen, die Hälfte der Speaker einzuschalten, denn der Sound besserte sich schließlich – allerdings erst nach fast der Hälfte des Konzerts – beim eingängigen Hitmaterial High Road. Sehr schade, denn Klassiker wie das zuvor gespielte Blasteroid und Oblivion waren kaum zu erkennen. Als der Sound sich endlich besserte, trübte außerdem noch reichlich Gestümper und Verhauer bei den mehrstimmigen Parts das Bild – sowie völlig danebengeschriene Teile, für die der animalische Brent Hinds zuständig ist. Sein Gesangsengagement mal außer Acht gelassen: Hinds begeisterte mit teuflisch guten Soli – und noch mehr mit einem wunderschönen weißen Fransenshirt, hehe. Auch für Schlagzeuger Brann Dailor waren die Gesangsaufgaben etwas quälend (am härtesten kämpfte er sich durch Ember City), aber ihm sei die Hälfte verziehen – denn hinter dem Schlagzeug drischt er wirklich wie ein Leviathan. Am besten schlug sich insgesamt der exzellente Troy Sanders; das Mastodon-Konzert war dieses Mal eine mittlere Enttäuschung, und ein bisschen störend war auch, dass fast die Hälfte der gespielten Songs vom aktuellen Album Once More ‚Round the Sun stammten, das nun wirklich kein Highlight ist.
Den Abend des ersten Tages beendeten wir mit dem berühmtesten Corpse-Paint des Black Metal, Abbath. Die Black-Metal-Ikone fliegt noch immer hoch auf Rabenflügeln, nachdem sein »Solo«-Debüt nach dem Fiasko mit Immortal exzellent aufgenommen wurde. Umso verwunderlicher, dass Onkel Olve Eikemo sich diesmal entschied, Brutal Assault lediglich mit zwei Songs seines Albums zu begrüßen und die restliche Spielzeit – mit Ausnahme von Warriors – komplett Immortal-»Coverversionen« zu widmen. Von Abbath hörten wir also nur To War! und Winterbane, danach wurden wir über die Eisebenen von Blashyrk und durch Immortal-Klassiker wie Nebular Ravens Winter, Tyrants und One By One geführt. Abbath begeisterte natürlich wieder mit seinen legendären Posen und seinen gewohnt schrägen Bühnenansagen, Gitarrist Farstad aber hat immer noch weniger Energie als eine Sequoia. Erwartungsgemäß verabschiedete sich Abbath mit All Shall Fall – hätte dem Publikum aber mindestens noch Count the Dead oder Ashes of the Damned schenken können.
Setlist
VEKTOR:
1. Charging the Void
2. Cygnus Terminal
3. LCD (Liquid Crsytal Disease)
4. Pillars of Sand
5. Hunger For Violence
TRIBULATION:
1. Strange Gateways Beckon
2. Melancholia
3. In the Dreams of the Dead
4. The Motherhood of God
5. When the Sky Is Black With Devils
NEUROSIS:
1. Lost
2. Times of Grace
3. Bending Light
4. Locust Star
5. Broken Ground
6. At the Well
7. Stones From the Sky
MASTODON:
1. Tread Lightly
2. Feast Your Eyes
3. Blasteroid
4. Oblivion
5. The Motherload
6. High Road
7. Aqua Dementia
8. Bladecatcher
9. Black Tongue
10. The Wolf Is Loose
11. Ember City
12. Crystal Skull
13. Divinations
14. Blood and Thunder
ABBATH:
1. To War!
2. Winterbane
3. In My Kingdom Cold
4. Nebular Ravens Winter
5. Warriors
6. Solarfall
7. Tyrants
8. One By One
9. All Shall Fall
Bildergalerie






































































































