Brutal Assault 2012 – Der dritte Tag!
Autor: Rok Klemše
Fotos: Nina Grad
Ort: Vojenska pevnost Josefov, Jaromer, Tschechien
Konzertdatum: 11.08.2012
Besucherzahl: 22.000
Alle guten Dinge haben ein Ende, und so brach am Samstag auch der letzte Tag des diesjährigen Brutal Assault an. Obwohl wir in einem nebligen und kalten Morgen aufwachten – die Nacht hatte uns ein bisschen nass gemacht –, entwickelte sich der Samstag zu einem schönen sonnigen Tag. Das Wetter hat ein Einsehen mit uns gehabt: Es war genau warm genug, dass das kalte Bier in der Hand nicht zu schnell warm wurde. Angesichts der raschen Aufheiterung am Morgen passte das Saufen in der Stadt wie angegossen, der letzte Festivaltag bot zumindest nach meinem Geschmack weniger Highlights als die Vortage und ließ Zeit, die letzten tschechischen Kronen zu verprassen und ordentlich »binge & purge« zu saufen (hätten die Tschechen diesmal statt Bier Wasser gezapft, sollten sie sich schämen).
Den Auftakt zum Ende machten um drei Uhr nachmittags die modernen progressiven Metalcore-Leute, die Niederländer Textures. Die haben diesmal eine gute Songauswahl getroffen und einen abwechslungsreicheren Querschnitt durch ihre Diskografie geboten. Es gab deutlich mehr Rumpeln beim Staccato-Riffing als Dahinschweben in atmosphärischen Passagen – Textures wirkten trotz energischer Performance und charismatischem Sänger irgendwie blass. Die ziemlich langen Songs kamen etwas zu repetitiv rüber, die mächtigen Riffs genauso zu einförmig, und auch der ziemlich generische »Cookie Monster«-Gesang hat der Sache nicht geholfen – den haben hoffnungslose Klargesangs-Strophen und -Refrains ruiniert, die wirklich zu sanft und quasi-emotional daherkamen.
Noch langweiliger kamen danach die isländischen Cowboys Solstafir rüber, die bewiesen haben, dass Isländer wirklich nichts anderes können als depressive, ambientale Wannabe-Atmosphären-Musik. Aber Solstafir gelang es beim langsam untergehenden Sonnenlicht trotzdem, eine ziemlich passende Atmosphäre depressiver isländischer Kälte zu beschwören – hauptsächlich, weil sie ausschließlich auf Isländisch singen, mit Ausnahme des Abschlusssongs Goddess of the Ages. Solstafir haben als rechtgläubige Viking/Black-Metal-Band angefangen und klingen heute wie Sigur Ros auf Acid und Distortion. Die langen Songs (eröffnet haben sie mit dem fast zwölfminütigen Geysirausbruch Ljos i Stormi) und der leidende, monotone Gesang sorgten für ein hypnotisches Erlebnis, das aber ziemlich schnell an Intensität verlor – und ein Gähnen hat mich dann endgültig aus den Wolken auf den Boden zurückgeholt.
In völlig andere Sphären haben uns dann Kylesa katapultiert – plötzlich standen wir mitten in den schwülen, dampfenden Florida-Sümpfen auf einem Trip, der Thompsons Fear And Loathing in Las Vegas perfekt vertont: »Suddenly, there was a terrible roar all around us, and the sky was full of what looked like huge bats, all swooping and screeching and diving around the car, and a voice was screaming!« Kylesa haben ihre Zähne mit Sludge-Riffs, dreifachem Vokalangriff und gelegentlichen Psychedelia-Ausbrüchen in die Kehlen des Publikums gebohrt; eine perfekte Mischung aus Stoner-Gedöns, psychedelischem Rock, Black-Sabbath-mäßigen Doom-Riffs und aggressiven Metal-Parts! Die Erfahrung wurde noch vertieft durch die wie die Sonne brennenden Gitarren, das Aufeinandertreffen zweier Drumkits (was leider nicht so gut ist wie es klingt, da beide meistens die gleichen Linien spielen), die exzellente Kombination aus vielfältigen Vocals, Bandkopf Phillip Copes Spielereien mit dem Theremin sowie die mal sirenhaft-hypnotischen, mal brutalen Vocals der Gitarristin Laura Pleasants (auf der der männliche Teil des Publikums seine Augen auch ordentlich ausgeruht hat). Zusammen mit Corrosion of Conformity und Crowbar das weltbeste Sludge/Stoner-Trio des diesjährigen Brutal Assault! »No. We can’t stop here. This is bat country.«
Zu meiner großen Enttäuschung haben sich die deutschen Thrash-Metal-Veteranen Sodom im vietnamesischen Dschungel verloren – die sind nämlich um halb drei nachts auf die Bühne gestiegen, was eine unmenschliche Uhrzeit ist (erst recht, wenn am nächsten Tag noch eine 700 Kilometer lange Heimfahrt wartet). Trösten konnte ich mich erst nach gut einer Stunde, als auf dem Gelände weder Geist noch Gehör (hehe) vom Humppa-Metal der finnischen Trolle Finntroll zu vernehmen war (Entschuldigung für diese äußerst einfallsreiche Bezeichnung… mir fällt bei Finntroll nun mal nichts Intelligenteres ein). Die Höllentore geöffnet haben dafür die New Yorker Veteranen des blasphemischen Death Metals Immolation. Diese legendäre Band aus Yonkers ist seit gut zwei Jahrzehnten aktiv, bildet zusammen mit Incantation und Suffocation die unheilige Dreifaltigkeit des New Yorker Death Metals und hat in ihrer Diskografie keinen schwachen Moment. Auch live sind Immolation eine Spitzenband – einzig der Sound hat sie diesmal im Stich gelassen, der für eine Band dieses Kalibers viel zu schwach, zu undeutlich und zu leise klang. Aber das bedeutet nicht, dass sonst irgendetwas an diesem Konzert falsch war – ganz im Gegenteil! Ross Dolan hat wieder bewiesen, dass er ein phänomenaler Frontmann ist, der beim brutalen Gebrüll – man meint, er gurgelt seit zwei Jahrzehnten vor jedem Auftritt Batteriesäure – überzeugt, Steve Shalatys Schlagzeug knallte wie die Ostfront 1942 (hör dir nur den höllischen Refrain von Swarm of Terror an), und die gottlosen Gitarrenlinien des Gitarren-Death-Metal-Gottes Robert »Bob« Vigna waren wie immer unheilvoll und voller einzigartiger Kniffe, die nur Bob draufhat. Immolation haben von jeder Platte einen Song gespielt (mit Ausnahme von Shadows in the Light) und gaben auch einen Vorgeschmack auf die kürzlich veröffentlichte EP Providence mit dem Song What They Bring, der beweist, dass Immolation eben noch immer eine Death-Metal-Institution ohnegleichen sind. Was Wagner für die Sinfonie, das sind Immolation für den Death Metal!
Auch die weitere Entwicklung des Abends stand im Zeichen des Death Metals – nur war dieser nicht in eine Wolke aus Blasphemie gehüllt, sondern in eine Rauchwolke. Six Feet Under sind nicht nur mit Kunstnebel auf die Bühne marschiert – ich würde meine Hand ins Feuer legen, dass Chris Barnes sich vor dem Auftritt einen monströs großen tschechischen Joint gedreht hat. Die Death-Metal-Vertonung des Stoner-Duos Cheech and Chong stürzte sich ohne Erbarmen gleich mit dem Cannibal Corpse-Klassiker Stripped, Raped and Strangled ins Set und machte dann mit einer ziemlich unglücklichen Songauswahl weiter. Warum? Weil die Setlist, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, nur einen einzigen Song von der aktuellen Platte Undead enthielt – die den diskografischen Höhepunkt der Six Feet Under-Karriere darstellt. Wahrscheinlich funktioniert Barnes‘ Kurzzeitgedächtnis nicht mehr und er hat Undead schlicht vergessen. Die Band hat ihr einstündiges Sturm-Set ansonsten tadellos gespielt, was keine große Überraschung ist, da Barnes diesmal eine Truppe technisch erstklassiger Musiker um sich geschart hat, allen voran den phänomenalen Schlagzeuger Kevin Talley (ex-Misery Index, ex-Dying Fetus, ex-Decrepit Birth, Daath, usw.). Von Barnes haben wir auch diesmal genau das bekommen, was wir erwartet haben – brutales Gurgeln, schweineartiges Quietschen und das Rotieren meterlagen Dreadlocks, aus denen die ersten Reihen wahrscheinlich das ein oder andere Souvenir erhascht haben. Six Feet Under haben ihrem Namen alle Ehre gemacht, bewiesen dass sie in Topform sind, und den Auftritt glänzend mit einer weiteren Cannibal Corpse-Hymne abgeschlossen: Hammer Smashed Face.
Den Festivalhöhepunkt bildete die Rückkehr der Schwergewichts-Comebackband schlechthin: der legendären schwedischen Death-Metal-Band At the Gates, die in den frühen Neunzigern die Grundlagen des Göteborger Sounds gelegt und damit die Tore weit für die etwas später gekommenen In Flames und Dark Tranquillity geöffnet hat. At the Gates haben 1995 das wegweisende Meisterwerk Slaughter of the Soul veröffentlicht, kurz danach aber auf dem Höhepunkt ihrer Karriere die Reißleine gezogen. Das Trio der Björler-Brüder und Adrian Erlandsson machten mit The Haunted weiter, der unaufhaltsame Sänger Thomas »Tompa« Lindberg mit einer ganzen Reihe von Projekten (Lock Up, Disfear, Nightrage und viele andere), Gitarrist Martin Larsson hingegen bei Agrimonia. 2007 kündigten At the Gates ein großes Live-Comeback an und absolvierten eine einzige Sommerfestival-Tournee, nach der sie sich wieder in den Ruhestand zurückzogen. Aber die überwältigende Fanresonanz – viele hatten keine Möglichkeit gehabt, die Band in ihrer ersten Inkarnation zu sehen – hat zum Glück dazu geführt, dass AtG ihre Worte gefressen haben und 2010 für eine weitere Tournee zurückgekehrt sind, der diesmal, zumindest im Moment, noch kein Ende in Sicht ist. Der Sommer 2012 hat At the Gates erstmals seit 1996 wieder nach Slowenien geführt (wo sie beim diesjährigen Metalcamp gespielt haben) und vier Tage später erstmals seit 1995 wieder nach Tschechien. Entschuldigt den folgenden ultra-subjektiven Text, aber anders geht es diesmal wirklich nicht: Gänsehaut hatte ich schon in dem Moment, als auf der Bühne das »Backdrop« mit dem At the Gates-Logo entrollt wurde – die Schweden sind nämlich eine Band, die bei mir einen besonderen Platz einnimmt. Slaughter of the Soul war nach den Pflichtprogrammen Iron Maiden und Metallica das allererste Extreme-Metal-Album, das meine Ohren berührt hat. Die Fünf haben erwartungsgemäß, aber phänomenal ihr Set mit der Titelhymne Slaughter of the Soul eröffnet, und das kultische Tompa-»GO!« war der stürmische Auftakt zu einem unvergesslichen Spektakel aus Death Metal, unterlegt mit den verdrehten Melodien, die At the Gates so einzigartig gemacht haben. Die einzige wirkliche Schwäche war die wirklich schlecht abgemischte Gitarre von Anders Björler (aber seine fantastischen Soli haben sich mir durch x-faches Hören der AtG-Diskografie so in den Hirnkortex eingebrannt, dass sie in meinen Ohren schon von selbst mitklangen) sowie die mangelhafte Bühnenkommunikation von Tomas Lindberg, der über das Ansagen der Songs nicht hinauskam. Höchstwahrscheinlich wegen eines kolossalen Katers – er war nämlich nach dem Lock Up-Konzert einfach auf dem Festival geblieben. Seiner Gesangsdarbietung hat das aber keinen Abbruch getan: Tompas Stimme klingt noch immer aggressiv und brutal, und das einzigartige Halb-Growl/Halb-Scream kommt rüber wie ein tollwütiger Hund. Zusammen mit den unvergesslichen Gitarren-Eskapaden des Duos Björler/Larsson und dem zerstörerischen Schlagzeug von Adrian Erlandsson bauen At the Gates eine monumentale Klangwand voller epischer Momente, die dich so mit Energie aufpumpen, dass du am liebsten den nächstbesten Tschechen schnappen und ihn auf die Bühne schmeißen, dir den Kopf abreißen und damit buchstäblich headbangen und dir in einem Anfall von Melo-Death-Ekstase das Bein abbeißen würdest, um darauf Air-Guitar zu spielen. Die Setlist wäre in jedem Fall ein Traumgebilde gewesen, aber das fast vollständig gespielte Slaughter of the Soul ist ein Konzerterlebnis ohnegleichen, das sofort klar macht, warum diese Platte so ein Klassiker ist. Mächtig, wuchtig, episch – und noch schöner in Gesellschaft der älteren Klassiker Terminal Spirit Disease, Raped By the Light of Christ, Windows und All Life Ends. Den absoluten Höhepunkt bildete der Abschluss des regulären Sets mit Need, das Erlöschen der Lichter und das industrielle Dröhnen, das in den größten Hit der Band mündete: den erderschütternden Halsbrecher Blinded By Fear. »Sweet nauseating pain!« Viel zu schnell haben sich At the Gates (hoffentlich nicht zum letzten Mal) mit dem oldschooligen Kingdom Gone verabschiedet und mit dem aufgezeichneten The Flames of the End in Flammen aufgegangen. Zugegeben etwas subjektiv – aber ohne Frage das beste Konzert des diesjährigen Brutal Assault. Purgatory Unleashed!
Nach At the Gates habe ich irgendwie das Interesse an den übrigen Acts verloren, habe kurz bei »Sons of northern darkness« Immortal reingeschaut, die letzten tschechischen Kronen verprasst und noch ein Abschiedsbier getrunken. Moonspell und Godflesh sind leider auf das nächste Mal vertagt. Es ist klar, warum Brutal Assault wohl das am schnellsten wachsende europäische Metal-Festival ist. Die Tschechen überraschen jedes Jahr mit einer exzellenten Bandauswahl, die wirklich das Beste der extremeren Metal-Genres bietet, organisatorisch geben sie sich jedes Mal mehr Mühe (Schwachstellen der Vorjahre werden beseitigt, viele Neuerungen eingeführt) – der einzige echte Fauxpas des Jahres war der Wechsel des Bierlieferanten. Es bleibt nichts anderes übrig, als uns nächstes Jahr beim Brutal Assault 2013 wiederzusehen!
Setliste
TEXTURES:
1. Surreal State of Enlightenment
2. Regenesis
3. Storm Warning
4. Stream of Consciousness
5. Sanguine Draws the Oath
6. Awake
8. Laments of An Icarus
SOLSTAFIR:
1. Ljos i Stormi
2. Pin Ord
3. Fjara
4. Goddess of the Ages
KYLESA:
1. Tired Climb
2. Don’t Look Back
3. Said and Done
4. Running Red
5. Forsaken
6. Scapegoat
IMMOLATION:
1. Close to a World Below
2. Swarm of Terror
3. Majesty and Decay
4. What They Bring
5. Into Everlasting Fire
6. Under the Supreme
7. Unholy Cult
8. No Jesus, No Beast
9. Dawn of Possession
AT THE GATES:
1. Slaughter of the Soul
2. Cold
3. Terminal Spirit Disease
4. Raped By the Light of Christ
5. Under a Serpent Sun
6. Windows
7. World of Lies
8. The Swarm
9. Suicide Nation
10. Nausea
11. All Life Ends
12. Need
13. Blinded By Fear
14. Kingdom Gone
15. Flames of the End (outro)
IMMORTAL:
1. Withstand the Fall of Time
2. Sons of Northern Darkness
3. Damned in Black
4. Triumph
5. The Call of the Wintermoon
6. In My Kingdom Cold
7. Tyrants
8. One By One
9. All Shall Fall
Fotogalerie




















































































