Blackwood Creek
Künstler: Blackwood Creek
Label: Frontiers Records
Erscheinung: 2009
Länge: 43:38
Wertung: 3.5/5
Die Namen Kip Winger oder einfach Winger braucht man eigentlich nicht groß vorzustellen. Winger — die berüchtigten Rocker, die ordentlich Staub aufgewirbelt haben, als sie auf der Szene auftauchten, kurz vor dem Untergang der goldenen Hair-Rock-Jahre. Und genau in dieser Ära erlebt Kip Winger als Musiker eine echte künstlerische Blütezeit. Dem hervorragenden Soloalbum „From The Moon To The Sun“ (2008) — Rockline-Rezension HIER, das von einem intensiven, persönlich bekennenden Art-Rock-Moment geprägt ist, den man von einem eingefleischten Hard-Rocker so nicht erwartet hätte, folgte einer der Höhepunkte des Jahres 2009. Das neue Winger-Album „Karma“ (Rockline-Rezension HIER), mit dem Winger den neuen Winger-Sound für neue Zeiten definiert haben.
Blackwood Creek ist eine Sache, die sich noch vor Winger abgespielt hat. In den frühen Achtzigern. Die Wurzeln reichen eigentlich bis in die Kindheit der Brüder Kip und Nate Winger zurück. Rechnet man noch den Namen von Gitarrist Peter Fletcher dazu, der auf dem Album nicht bloß als Statist fungiert, bekommt man ein Trio, das keine Saiten zupft, die von wehleidiger Country-Nostalgie beschwert sind — stattdessen geht das Trio die Sache direkter an, bodenständiger, im Einklang mit den Wurzeln der Hard-Rock-Tradition. Hard Rock ohne zusätzlichen Studio-Makeup-Schnickschnack, befreit von programmierten Patterns und Unterrhythmen, ohne überspitzte Beach-Boys-artige Soli — die Keyboards dienen lediglich als gelegentliche Ergänzung zum Sound der Gitarrenriffs.
Schaut man sich allein die Stimmfarbe von Kip Wingers Gesang an, braucht man in dieser Hinsicht nichts zu befürchten, denn er ist der (und kann es sein) Hauptträger des emotionalen Stimmungsflusses. Und Blackwood Creek stützen sich diesmal stark auf dieses Kip-Element und nutzen es voll aus. Diese Ausdruckskraft von Kip Wingers Stimme hat er auch mit seiner Solo-Akustik-Tour durch Europa vor zwei Jahren selbstbewusst unter Beweis gestellt. Kip ist in der mittleren Lage zu Hause. Er besitzt einen angenehmen, harmonischen, warmen, samtigen Gesang mit einem leichten Hauch von Rauheit, der nicht den Eindruck von Jon Bon Jovis aufgesetzter Künstlichkeit erweckt, sondern deutlich natürlicher aus der Kehle kommt.
Also so: starke Stütze auf dem soliden Rhythmusfundament von Nate Wingers Schlagzeug, die exponierten Gitarrenriffs roh, lebendig und dabei stets wachsam darüber, die Melodiosität des gemeinsamen Klangbildes zu bewahren. Jegliche Ausflüge in moderne „Verstimmtheit“ oder kratzige Verwaschenheit würden natürlich in einen unerwünschten Touch von Alternative-Rock-Inhalten führen. Also klassischer Hard-Rock-Sound ohne Bügelfalten. Darin eingebettet sind Soli, die häufig auch die Ausgangsteile der Songs begleiten, besonders in den Refrainwiederholungen, wo die Stimmung gesteigert werden muss und die Arbeit der Klangbausteine deshalb möglichst abwechslungsreich sein sollte.
Trotz der Rigidität des Trio-Formats Gesang/Bass plus Schlagzeug plus Gitarre gelingt es dem Trio, eine Platte abzuliefern, die ausreichend Abwechslung erreicht. So bewegen wir uns von beschleunigten Rock-Ausbrüchen in Rack Of Greed oder dem Opener Out in Outer Space. Die mittelschnellen Momente, die in ihrer kernigen Gitarrenriff-Schärfe besonders der Blackwood-Creek-Atmosphäre zugutekommen, funktionieren hervorragend in Love Inspector, wo dem anstößigen Charakter des Songs Kip Wingers betont rauer Gesangsansatz noch Öl ins Feuer gießt. Dem entgehen auch Joy Rider oder Nothing But The Sun nicht. Die Band bricht an solchen Stellen geschickt den eindimensionalen Gesang mit einem melodisch eingängigen Refrain auf, den sie durch den Aufbau exzellenter mehrstimmiger Harmonien gestalten. Letzteres hat Kip natürlich aus Winger mitgebracht. Dann gibt es intimere Momente, wo besonders die subtile Kraft von Kips Gesang unter die Haut geht. Natürlich in den ruhigeren Teilen des Albums, wie Albatross (einer der am stärksten definierten Songs in der Prägnanz der Strophe-Refrain-Beziehung und im Erreichen intensiver Gefühle des Albums) oder die Ballade After Your Heart in der Albummitte und das abschließende Wooden Shoe. In letzteren füllt die Band den Sound zusätzlich mit Orgel auf. So trägt der Albumabschluss auch einen Hauch von Feierlichkeit, der über dem melancholischen Rauschen der Gesangsharmonien wie auch den subtilen Seiten von Kip Wingers Stimme thront.
Das Album strahlt Positivität, Lockerheit und Unbeschwertheit aus, wirkt natürlich, wirkt authentisch. Und das ist die Hauptsache. Es ist bis oben hin vollgepackt mit dem richtigen Maß, das auf der Mittellinie zwischen rockiger Schärfe und effektiver Melodie wandelt. Ungeachtet des Covers und des Albumtitels, aufgrund dessen man den ersten Eindruck gewinnt, das werde ein Rock-Album sein, das durch und durch von einem seichten Country-Einschlag durchdrungen ist — gedacht als Hauch von Nostalgie für eine unausgelebte gemeinsame Kindheit der Winger-Brüder —, ist diese Angst vor einem totalen pathetischen Ausbruch völlig unbegründet. Kip Winger hat auch diesmal mit seinen beiden Gefährten alles unter der absoluten Kontrolle der richtigen Rock-Sprungfedern. Ein neues, tolles Album, nach dem alle Fans von Winger wie auch von Kip Wingers Soloprojekten greifen werden.
Besetzung
Kip Winger – Gesang, Bassgitarre, Keyboards
Peter Fletcher – Gitarre, Hintergrundgesang
Nate Winger – Schlagzeug, Hintergrundgesang
Produktion
Kip Winger
Tracklist
1. Out In Outer Space
2. Nothing But The Sun
3. Your Revolution
4. Dead Stung
5. After Your Heart
6. Albatross
7. Jimmy And Georgia
8. Rack Of Greed
9. Love Inspector
10. Joy Ride
11. Wooden Shoe