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Interpret: Mastedon
Label: Frontiers Records
Erscheinungsjahr: 2009
Laufzeit: 59:53
Wertung: 5/5

Nach fast 20 Jahren entschließen sich die Brüder John und Dino Elefante zur Veröffentlichung des dritten Studioalbums von Mastedon. Woher der Name stammt, muss man nicht lange rätseln. Aus dem Nachnamen der beiden Herren. Na ja, fast – denn „Mastodont“ ist eine ausgestorbene Rüsseltierart und Vorfahre der heutigen Elefanten, deren Überreste 1964 auch in Škale bei Velenje ausgegraben wurden. Aber verlassen wir die Paläontologie lieber wieder und wenden uns der Musik zu!

John und Dino Elefante sind musikalische Meister, die 1989 und 1990 das erste und zweite Album von Mastedon veröffentlichten. Das zwar ausgezeichnete Debüt „It’s A Jungle Out There“ schwankte qualitativ noch etwas in den Kompositionen des melodischen Rocks, legte damit aber das Fundament für einen Genreklassiker und eines der zentralen Alben des christlichen (White) Rock: „Lofcaudio“ (1990), das in die Sammlung jedes rechtgläubigen Verteidigers des unerschöpflichen Reichs melodischer / AOR-Rock-Perfektion gehören sollte.

Fast 20 Jahre vergehen. Die Beteiligten reifen in dieser Zeit künstlerisch heran. So entdecken John und Dino erneut die expressive Kraft organischer Klangwärme. In den polierten Sound von „Lofcaudio“ kehrt die Wärme des Hammond-Orgel-Sounds zurück, ebenso wie andere Klänge, die dem Piano näherstehen. Das Gitarrenriffing hält sich im Klangbild zurück und übernimmt nicht die Führung. Dennoch baut es ein wichtiges massives Hintergrundklangfundament auf. Dieses Fundament ist beispielsweise in Slay Your Demons außerordentlich stark – ein Stück, über das die Band eine Arabeske legt, die (in instrumentaler Hinsicht) den Inhalt des Songs antreibt.

Interessant ist, dass Dave Amato von REO Speedwagon auch auf dem dritten Album Mitglied von Mastedon bleibt – diesmal jedoch nur für die Gitarre zuständig, obwohl er auf dem ersten und zweiten Mastedon-Album bewiesen hat, was für ein außergewöhnlicher Sänger er ist. Diesmal ist außerdem Kerry Livgren, ehemaliger Mastermind von Kansas, als Gitarrist auf dem Album vertreten. Sofort stellt sich die Frage: Ähnelt Mastedon „3″ in irgendetwas Kansas? Nicht wirklich – aber wenn du dich bis zum zehnminütigen Epos One Day Down by the Lake (See You Real Soon) vorgearbeitet hast, reich bewegt, vibrierend atmend in den Farbcollagen, die die einzelnen Bausteine der Mastedon-Musik und die himmlische Produktion bieten, wird es klar. Bestimmte Arrangements können nur aus Livgrens Kopf stammen. Das ist der progressive Moment des Albums. Der grandiose Klang, der einen harmonischen Hintergrundvorhang aufbaut, ist eine echte kleine Schule darin, wie man eine dramatisch feierliche Atmosphäre erzeugt. Harmonisierter Hintergrund mehrteiliger Gitarrenlinien und Keyboards. Darüberliegende Gitarren-Fills. Eine dynamische, voluminöse Basslinie mit einem gehörigen Maß an Melodie, aktive Schlagzeugarbeit. Alles funktioniert in einem außerordentlichen Geflecht, auf die richtige Arbeitstemperatur gebracht.

Die Vocals von John Elefante sind makellos. Die typische Soul-Prägung, die er geschickt nutzt, um die Vokallinien zu beleben, ein hochmelodischer Gesang, explosiv,  funkensprühend und befehlend, in den ruhigen Passagen aber subtil raffiniert und greifbar gefühlvoll. Dabei denke ich unweigerlich an Bobby Kimball von Toto. Und das Verrückte: Einmal  bekam John sogar das Angebot, sich Toto anzuschließen.

War der Sound der Band 1989 noch eine Brücke zwischen „Drastic Measures“ (der zweiten Platte, auf der John Walsh bei Kansas ersetzte) und den Bands des harten christlichen (White) Rock wie Stryper, Whiteheart, Guardian, Petra oder Idle Cure, so steht das Album „3″ – also Mastedon im Jahr 2009 – völlig eigenständig da, losgelöst von allen Vergleichskernen der Genregruppen. Was die genannten Bands gemeinsam haben, ist das Predigen durch Texte. Also ja. „3″ gehört von dieser Seite her zum christlichen Rock. Und ja. John Elefante und Neal Morse (ex-Spock’s Beard) sind auf MySpace befreundet!

Trotzdem lässt sich in aller zur Schau gestellten Perfektion der melodischen Bögen und der generell ausgearbeiteten Vokalharmonien der „Boston“-eske Refrain des dritten Stücks Nowhere Without Your Love herausgreifen. Wer nach dem gemeißelten Hit des Albums „3″ sucht, der die Radiofrequenzen der goldenen AOR- oder Arena-Rock-Zeiten der späten Achtziger füllen würde, sollte sich die Perfektion des kompakten Refrains You Can’t Take Anything ansehen – die Assoziationen entführen dich auch weit zurück ins Jahr 1988 und den Arena-Rock-Knaller Get Up von Mastedon.

Kurzum, alles ist hier. Die Inspiration, außergewöhnliche Ideen für kompakte Melodien mit hoher Atmosphäre, die Mastedon mit ihrem reichen Wissen und handwerklichen Können maximal verwerten. Der Hintergrund des massiven Klangteppichs lässt dich in vollen Harmonien von der ersten bis zur letzten Sekunde dieses Albums nicht aufatmen. Gänsehaut wirst du kriegen, wenn du auch nur ein kleines bisschen empfänglich dafür bist, die Magie wahrzunehmen, die der AOR/melodische-Rock-Ansatz der reinrassigsten Spielart bieten kann (natürlich für das Jahr 2009!). Ein Ansatz, der heute in den Untergrund gedrängt wurde, in dem er aber in Jahren der Unbemerktheit künstlerisch gereift, gewachsen und zu einem neuen qualitativen Gesicht musikalischen Ausdrucks herangereift ist. Das mittelschnelle Lying schöpft hier sicher die Sahne von der Torte ab, doch in den kompakten, prägnanten Stücken, die miteinander wetteifern, welches welchem den Vorrang in den perfekt abgeschmeckten Refrains abnimmt, lassen sich kaum Highlights hervorheben. Mit Ausnahme des erwähnten zehnminütigen Epos, das sich – wie gesagt – davon absetzt, da es nach Kansas riecht. Die übrigen, kürzeren Stücke begeistern mit Refrains, die allesamt nach demselben Prinzip aufgebaut sind, dabei aber eine außerordentliche motivische Abgrenzung erreichen. Das ist die Garantie für die hohe Dynamik des Albums, in dem die theatralischen, vielfältigen Stimmungslagen keinen Augenblick nachlassen. Ob das nun das eröffnende Revolution In Mind ist oder das Album abschließende That’s What You Do.

Interessant ist, dass sich die Band für eine Coverversion des Kansas-Klassikers Dust In The Wind entschieden hat, bei der akustische Collagen als einziges Mal auf dem Album in den Vordergrund treten. Zweifellos wieder eine erstklassige Ausführung, die sich trotz allem nicht mit der Unantastbarkeit der Größe des Originals messen kann. Ungeachtet dessen ist das restliche Material mit solcher kompositorischen und produktionstechnischen Perfektion gemeißelt, dass es nicht aufhört, den Hörer zu belohnen. Ein Album, das glatt eine Fünf verdient. Von Kopf bis Fuß. Als solches stellt es einen der Höhepunkte der Albumveröffentlichungen im Bereich des melodischen Rocks für das Jahr 2009 dar!

Besetzung

John Elefante – Gesang, Rhythmusgitarre, Keyboards
Dave Amato – Sologitarren
Kerry Livgren – Sologitarren
Dino Elefante – zusätzliche Gitarren, Akustikgitarre, Backing Vocals
Anthony Sallee – Bassgitarre
Dan Needham – Schlagzeug

Produktion

John Elefante

Tracklist

1. Revolution of Mind
2. Slay Your Demons
3. Nowhere Without Your Love
4. One Day Down by the Lake (See You Real Soon)
5. Water Into Wine (Fassa Rokka)
6. Questions (It’s About Time)
7. You Can’t Take Anything
8. Lying
9. The Western World
10. That’s What You Do
11. Dust in the Wind

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