Better Days Comin‘

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Winger
Label: Frontiers Records
Erschienen: 2014
Laufzeit: 47:30
Wertung: 5/5

Kip Winger gilt im musikalischen Universum der Melodic-Rock-Tradition als derjenige Musiker, der ein überragendes Gespür und einen unglaublich feinen Sinn für das Arrangieren von Songs besitzt. Er ist einer der vollkommensten musikalischen Komponisten nicht nur des Genres, sondern der gesamten Rock-Ära. Seine Stärken und Qualitäten hat auch der große Rock-Guru Alan Parsons erkannt, mit dem Kip Winger regelmäßig auf Konzerttourneen zusammenarbeitet, wo er die Rolle des Hauptvokalsisten bei der Darbietung der zeitlosen Alan Parsons Project-Evergreens übernimmt.

»Better Days Comin’« ist erst das sechste Studioalbum der Band Winger. Bei ihnen lassen sich zwei Phasen der musikalischen Karriere mit einer Pause dazwischen erkennen. Die erste Schaffensphase ist jene »bad ass«-Ära der klassischen Winger, in der das Quartett sorglos auf der gewaltigen Welle des kommerziellen Erfolgs an der Wende von den Achtzigern zu den Neunzigern ritt. Einige von euch erinnern sich sicher noch lebhaft an ihren Auftritt, als sie 1990 in Zagreb das Konzert für The Scorpions eröffneten. Es folgte eine Pause bis 2001, die Reaktivierung und die Veröffentlichung des Comeback-Albums »IV« im Jahr 2006. Mit der Reaktivierung ihrer Karriere traten Winger in eine Phase kreativer Reife ein. Nach dem behutsamen »IV.« deutete das Album »Karma« (2009) mit seiner Ausgefeiltheit und größeren Dynamik an, dass die neuen Winger ihre etablierte musikalische Typologie in Richtung Art Rock weiterentwickeln können. Obwohl Karma von vorne bis hinten immer noch ein kompaktes, herausfordernd klingendes Hardrock-Album voller außergewöhnlicher inhaltlicher Frische und Witz ist, hatte Kip Winger bereits ein Jahr zuvor mit seinem Studiowerk »From The Moon To The Sun« erneut klar unterstrichen, dass es sich um einen Musiker handelt, der Musik unter dem Aspekt des Artismus viel, viel weiter wahrnimmt, als es die Sphären des Rocks reichen, die Winger bis dahin auf ihren Werken offenbart hatten.

Diesmal veröffentlichten Winger und Kip Winger keine getrennten Alben, sondern fünf Jahre nach »Karma« erschien nur das neue Winger-Album. Von ihm lässt sich sagen, dass es das künstlerisch bei weitem anspruchsvollste Album der Band in ihrer Karriere ist. Und doch gelang es der Band, dabei etwas Wesentliches zu erreichen. Trotz der außergewöhnlichen Variabilität, die das neue Werk mitbringt, ist in jeder Sekunde seiner Spielzeit unbestreitbar klar, dass das von vorne bis hinten ein echtes Winger-Album ist. Kip Winger hat Ideen, die zuvor auf sein eigenes Studioalbum gepasst hätten, in die typischen Merkmale des Winger-Sounds implementiert und dabei geschafft, dessen elementare Charakteristika beizubehalten. Auf diese Weise hat er die expressive Reichweite der Band, wie sie auf den vorherigen Studioalben zutage trat, aufgelockert – und so hat sich die Band mit dem neuen Album auf ein höheres künstlerisches Niveau geschwungen. Was »Karma« noch »leise« andeutete, setzt sein Nachfolger »Better Days Comin’« nun »laut« um. Hand aufs Herz: Die Keime dessen, was heute mit Winger passiert, lassen sich bereits auf dem komplexer ausgerichteten Album »Pull« aus dem Jahr 1993 suchen – und um das Bild noch vollständiger zu machen, muss auch Kip Wingers eigenständiges Studioalbum von greifbar eklektischem Inhalt aus dem Jahr 1996 mit dem Titel »This Conversation Seems Like a Dream« erwähnt werden

»Better Days Comin’« ist ein Album von gewaltiger Variabilität, das einem aufgrund der Definiertheit und großen Ausstrahlung aller zehn Tracks sofort den Kopf dreht. Der Opener Midnight Driver of a Love Machine bewahrt den echten »bad ass«-Spirit der klassischen Winger. Es ist ein »party time«-Song, mit dem Winger kraftvoll auf der Lauer nach heißen Katzen bleiben!  Jeder Gedanke des Textes, der meisterhaft metaphorisch verpackt ist, läuft auf nur eine Sache hinaus (»…by remote control she’ll save your soul…«). Gleichzeitig deutet bereits dieser Eröffnungstrack – vor allem in der Art seiner kompositorischen Entwicklung – auf künstlerische Reife hin. Auf dem Album gesellen sich zum Opener in der Party-Time-Vibration noch der Titeltrack hinzu, der besonders in seinem eingängigen und äußerst verlockenden melodischen Refrainmotiv von außergewöhnlichem positivem Charme aufblüht – eines, das du dir sofort zu eigen machen wirst. Der dritte solche Moment ist Rat Race. Er steht für eine rasante Rock-’n‘-Roll-Rallyfahrt im höchsten Gang. Ein kolossaler Schuss über Stock und Stein, bei dem man unschwer den Geruch von brutzelndem Motoröl, Reifen und Bremsen wahrnimmt – und gleichzeitig einen äußerst kritischen Blick auf die heutige korrupte westliche Welt wirft, in der alles der Kapitalakkumulation untergeordnet ist.

Bereits im Eröffnungstrack machen Winger auf die außergewöhnliche Kompaktheit aller Elemente des Quartetts aufmerksam. Rod Morgenstein hat nicht umsonst bei The Dixie Dregs »geübt«, und Reb Beach und John Roth erzeugen eine wahre chemische Überlegenheit im Überfluss eines breiten Spektrums extravaganter solistischer Kunststücke von großer spielerischer Brillanz, die ihr Gitarrenspiel zu bieten vermag. Wenn wir kurz bei Reb Beach verweilen: Erst bei Winger ist dieser Meister wirklich an der richtigen Adresse, wo er all seine Qualitäten unter Beweis stellt und sein außergewöhnliches Talent sich völlig frei und ungehindert in seiner ganzen Größe entfaltet. Denn bei Whitesnake muss er sich »zügeln« und die Anweisungen von Boss Coverdale befolgen. Ohnehin hat man bei Whitesnake-Konzerten das Gefühl, dass Coverdale Doug Aldrich leicht den Vorzug vor Beach gibt. Wie auch immer – Beach wird dich mit seinem Facettenreichtum verzaubern, der erst bei Winger so richtig aufleuchtet!

Bereits der zweite Track Queen Babylon bietet in der Strophe progressive Elemente, die Winger bisher so nicht geboten haben – und diesem gesellt sich im weiteren Verlauf noch spürbarer das außergewöhnliche Tin Soldier hinzu. Einer der Höhepunkte des Albums, der von vorne bis hinten tatsächlich progressiv strukturiert ist und dabei die rote Melodielinie kompakt hält. Es handelt sich fast um einen frenetisch-schizoiden Vokalausbruch Kip Wingers, der mit seiner rauen, kehligen Farbe aus vollem Hals brüllt. In diesem Song lassen sich in der »mid eight«-Passage sogar Ansätze von Jazz ausmachen. Eine geniale Komposition, die ständig in Richtung Fragmentierung »driftet« – Winger balancieren das aber meisterhaft, indem sie diese experimentellen Momente immer wieder zur kompakten Gitarrenfrase zurückführen.

Den rasanten Verlauf der ersten Albumhälfte bremst erst der sechste Track Ever Wonder. Es ist einer der schönsten Songs des Albums, mit einer stimmungsvollen Kulisse aus dem wirkungsvollen Kontrast zwischen dem Leitmotiv der Keyboards und der betonten (verdickten), pulsierenden Basslinie, die die Lässigkeit des Rhythmus auflockert! In diese Kulisse tritt Kips außergewöhnlicher Gesang ein, der dem Song Ruhe und Frieden einbringt. Die Sinnlichkeit von Kip Wingers Gesang in diesem Song verzaubert buchstäblich. Da Ever Wonder direkt nach Tin Soldier platziert ist, kann man unmittelbar zwei grundlegende Vokalansätze Kip Wingers genießen. Chaos und Gleichgewicht! So Long China zeichnet sich durch eine weitere der markantesten Refrainmelodien des Albums aus. In diesem Song variiert Kip Winger mit seiner Stimme vom ausgesprochen Kehligen (Strophe) bis zum sophistisch Liebkosenden (Refrain). Die Besonderheit dieses Songs ist ein außergewöhnliches »mid-eight«, das mit der Melodiösität seines definierten Motivs bzw. dem atmosphärischen Sprung in Richtung AOR-Bombast eine dominante Position im Song einnimmt – was eigentlich eine große Seltenheit ist. Aber angesichts der bereits bekannten Weisheit des trefflichen Kip Winger ist das keine Überraschung mehr! Vor allem gießt der abschließende Ausgangsteil der »mid eight«-Passage Öl ins Feuer – kurz vor der Rückkehr zum Pre-Chorus, wo Winger zu östlichen melodischen Verzierungen „abbiegen“ und den Grundrhythmus mit zusätzlichen Unterrhythmen östlichem »Klingeln« untermauern.

Der dritte progressiv gewürzte Track des Albums ist das schwer wallende, düstere, im mittleren Tempo dahintreibende Storm In Me. Kip Winger kämpft sich durch einen Sturm schwarzer Gedanken, der Song wirkt fast post-apokalyptisch, so schicksalhaft wie möglich – und gleichzeitig ist die Relation zwischen Rhythmus und führender Gitarrenfrase progressiv aufgelockert, vor allem dank dem Raum, den Rod Morgenstein mit seinen Schlagzeugeinlagen meisterhaft beherrscht. Das beruhigende Be Who You Are, Now ist ein weiterer Ruhepunkt, der dieses hochoktanige Album voller Spannung und kreativer Frische besänftigt und ihm noch einen melodisch erstklassig ausgearbeiteten Moment liefert. Gleichzeitig regieren auch in diesem Song zahlreiche Feinheiten – wie die stellenweise theatralisch platzierten Abweichungen der Melodie auf den Keyboards in Richtung Arabesken oder der außergewöhnliche Art-Rock-Ausläufer im Outro, wo Gitarrist Reb Beach mit seiner Sophistication imponiert. Das abschließende Out of This World wirkt feierlich und erweckend – Kip Winger kommt im Text mit sich selbst und der ihn umgebenden Außenwelt in Einklang. Auch dieses hält im Einleitungsteil eine leichte »Gebrochenheit« zwischen Gitarrenfrase und Rhythmus und damit ein Prog-Sentiment aufrecht. Noch ein Höhepunkt des Albums – ganz am Schluss!

Mit »Better Days Comin’« haben Winger ein Album erschaffen, bei dem sie der melodischen Hardrock-Komponente ein außergewöhnliches Maß an Ideen eingehaucht haben, die sie in dieser Ausdrucksweise bis dato nicht erprobt hatten. Der musikalische Körper der Band Winger hat diese Erprobungen erfolgreich bestanden, sie inkorporiert und sich auf eine höhere Stufe eigenständiger künstlerischer Evolution entwickelt. Das Album »Better Days Comin’« ist dank seiner progressiven Elemente eine perfekte Kombination aus melodischem Hard Rock mit einer ausgeprägten Art-Rock-Komponente eklektischen Inhalts. Das bedeutet, dass Winger die künstlerische Latte auf einen neuen musikalischen Horizont verschoben und Felder künstlerischer Frische entdeckt haben, auf denen sie diesen Artismus in Zukunft unbelastet pflegen und weiterentwickeln können. Ein außergewöhnliches Album ohne einen schwachen Moment. Ein Album künstlerischer Brillanz und großer Ästhetik kompositorischer Vollendung, dem man nichts nehmen und nichts hinzufügen kann. »Better Days Comin’« gilt als eines der herausragendsten Rock-Alben, die in diesem Jahr erschienen sind! Interessant wird es nicht nur für alle eingefleischten Fans von melodischem Rock und Winger, sondern vor allem auch für alle, die Eklektizismus in der Musik anzieht! Die Songs sind aus vielen subtilen Feinheiten gewoben, die du noch lange wie Schleier lüften wirst – lange nachdem das Album viele Runden in deinem CD-Player gedreht hat. 

Besetzung

Kip Winger – Gesang, Bassgitarre, Keyboards
Reb Beach – Gitarre, Hintergrundgesang
John Roth – Gitarre, Hintergrundgesang
Rod Morgenstein – Schlagzeug 

WEITERE MUSIKER:
Cenk Eroglu – Keyboards, Soundeffekte
Marco Giovino – Perkussion
Paula Winger – Hintergrundgesang 

Produktion

C.F. Kip Winger

Trackliste

1. Midnight Driver of a Love Machine (4:14)
2. Queen Babylon (4:31)
3. Rat Race (3:36)
4. Better Days Comin‘ (3:31)
5. Tin Soldier (3:49)
6. Ever Wonder (6:52)
7. So Long China (4:17)
8. Storm in Me (4:42)
9. Be Who You Are Now (5:11)
10. Out of This World (6:37)

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