Bayleys Komet über Zagreb (2012)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Zagreb / Boogaloo / Kroatien
Konzertdatum: 20.03.2012
Besucherzahl: 250
Kartenpreis: 80,00HRK

Blaze Bayley ist ein Mann, der sich eine erfolgreiche Solokarriere erkämpft hat, nachdem er die Vocals für die Iron Maiden-Alben »The X Factor« (1995) und »Virtual XI« (1998) eingesungen hatte. Der Mann hat im Laufe seiner Karriere bis heute ein stattliches Bündel äußerst hochwertiger Alben veröffentlicht – tatsächlich hat er sich mit ihnen durchgehend weiterentwickelt und ist ausdrucksstärker geworden. Seine Alben »The Man Who Would Not Die« und »Promise and Terror« darf man getrost als Höhepunkte seiner bisher veröffentlichten Diskografie bezeichnen; in ihr zeigt Bayley ohne Scham und mit großer Kühnheit ein angeborenes Gespür dafür, beißende Eingängigkeit mit großen anthemischen Melodien ansteckend zu verbinden – dabei bleibt er stets klar im strengen Fokus eines autoritären Kommandanten, was ihm sein einzigartiger und unverwechselbarer Stimmklang in der Vokalinterpretation ermöglicht.

Blaze Bayley hat gerade ein neues Studiowerk mit dem Namen »The King Of Metal« veröffentlicht. Das hat ihn auf einen neuen Konzertweg katapultiert. Die neue Tour hat ihn erneut nach Slowenien geführt, wo er zwei Konzerte spielte – in Maribor und Ljubljana. Trotzdem ließ mir der Teufel keine Ruhe, sein Konzert auch in der kroatischen Hauptstadt zu erleben; mich interessierte vor allem die Reaktion des Publikums – und tatsächlich war der Zagreber Termin der einzige, der in meinen vollgepackten Kalender passte, um mal kurz zu schnuppern, in welcher Gesangsform sich Blaze Bayley heute befindet.

Blaze Bayley ist ein Mann und ein halber. Er hält alle Fäden in der Hand, und was er gibt, das erntet er auch vollblütig für sich. Doch die Zeiten sind bei weitem nicht mehr so rosig und sonnenumstrahlt für Musiker wie früher. So fällt es auch Bayley immer schwerer, die besten Partner an seiner Seite zu halten. Ganz einfach: Es ist kein Geld mehr da. Deshalb hat er die exzellente Band aufgelöst, mit der er die Vorgängeralben aufgenommen hatte, und für das neue Album sowie die Tour günstigere Musiker angeheuert. Das sind * Matteo „Lehmann“ Grazzini von der italienischen Thrash-Metal-Combo Neurasthenia am Bass, Schlagzeuger Claudio Tirincanti sowie die Gitarristen Andrea Neri (Astarte Syriaca) und Thomas Zwijsen (Nylon Maiden – tribute to Iron Maiden).

Den Konzertabend eröffneten noch vor Blaze Bayley zwei junge, vielversprechende kroatische Bands: Vis Maior und danach Eat Your Brains. Beide passten mit ihrem Repertoire zweifellos gut zur Auflockerung des Abends. Aufgebaut auf den melodischen Grundlagen der alten Metal-Schule, mit wuchtigen, in hohe Lagen gezielten Lead-Vocals. Beide Bands haben bewiesen, dass sie aus exzellent technisch versierten Musikern bestehen und ein schönes Maß an Bühneneinspieltheit mitbringen. Trotzdem fehlt ihnen noch etwas mehr Konzerterfahrung. Bei Eat Your Brains, die in ihrem Auftritt eine gehörige Portion Selbstironie einbauen, stört es kaum, dass die Jungs auf der Bühne aussehen wie Nachmittags-Jogging-Freizeitler – während Vis Maior durchaus an einem giftigeren Image arbeiten könnten, denn optisch wirkten sie eher wie Rap-Musiker als wie Heavy Metal. Na ja, Meckern beiseite. Energisch genug – und auf jeden Fall vielversprechend!

Blaze Bayley hat nach dem Aufwärmen mit dem neuen Will To Win die 250 Begeisterten mit dem Iron Maiden-Klassiker seines Konzert-Setlists Lord Of The Flies quasi mit dem kleinen Finger der linken Hand gekauft. Ab diesem Moment bis zum Ende des Konzerts fraßen ihm die Leute buchstäblich aus der Hand. Deshalb klang dieses Konzert – eine Stunde und vierzig Minuten lang – wie eine wahre, authentische Energiebombe der Hingabe an die Heavy-Metal-Religion aus. Nach The Launch legte das enorm beliebte Ghost In The Machine noch Öl ins Feuer, und Blaze – ein zutiefst charismatischer und überzeugender Bühnenspieler – ist im Clubraum buchstäblich ausgerastet. Das Publikum gleich mit. Und doch hat er nach diesem Lieder-Paket  zum ersten Mal eine längere Pause für eine ausgedehnte Ansprache eingelegt. Die sind wir von Blaze gewohnt – aber diesmal fielen sie wirklich störend aus. Mit seinen gelegentlichen Pausen und Bühnenansprachen hat er dem Publikum eher Zeit gestohlen, als es zu unterhalten. Vor allem jenen nicht, denen klar ist, dass ein Großteil seines Geredens pures Verkaufen von »süßen Phrasen« ist und bloße Promotion mit dem Ziel, dem Publikum noch den einen oder anderen Taler aus der Tasche zu ziehen. Hand aufs Herz: In dieser Zeit hätte Bayley zwei vollständige Songs mehr spielen können.

Die Begleitband ist bei weitem nicht so überzeugend wie die frühere Stammbesetzung, der wir zuletzt am 01.05.2010 bei seinem Konzert in Ravne na Koroškem (Klub Kompleks) beigewohnt haben. Man spürt, dass die Bindungen zwischen Blaze und den neuen Mitgliedern chemisch nicht so effektiv verwoben sind – und das spiegelt sich natürlich in einer weniger mitreißenden und weniger überzeugenden Interpretation wider, sowohl bei Bayleys eigenen Standards als auch bei den  Pflichtperlen des Iron Maiden-Katalogs. Dank  des tobenden kroatischen Publikums, das Bayley und seine Band buchstäblich auf Händen trug, hat der Mann auch diesen Konzertauftritt erfolgreich gemeistert – aber wie gesagt: Das Publikum hat er mit Iron Maiden-Klassikern gekauft, und das reichte vollkommen, damit das Boogaloo aus allen Nähten platzte und der Konzertabend von außergewöhnlicher Kommunikation auf der Linie Publikum – Band sowie einem Überfluss an Energie leuchtete!  

Doch bis zu diesem Konzertbesuch hatte mich die Tatsache, dass er die Massen mit der Aufführung von Iron  Maiden-Songs auf seinen Konzerten kauft, nie gestört. Schlicht wegen der großen interpretatorischen Überzeugungskraft der früheren Begleitband, mit der die neue bei weitem nicht mithalten kann. So wandelt Bayley langsam auf den Spuren von Paul D’Anno – egal wie sehr er in seinen Bühnenansprachen versucht, das Publikum vom Gegenteil zu überzeugen.  Der Unterschied liegt nur darin, dass Paul seine alten Iron Maiden-Kumpel ständig durch den Kakao zieht, während Bayley mit großem Enthusiasmus gern seine große Freundschaft mit Iron Maiden auch heute noch betont.

Der Sound war durch das gesamte Konzert hindurch sehr solide!  Erwähnenswert ist auch, dass Balyeys Konzert diesmal nicht im eigentlichen Saal des Klubs Boogaloo stattfand, sondern auf einer improvisierten Bühne, die in dem Raum (eine Art Foyer)  vor dem Saal des Boogaloo aufgestellt wurde. Dort, wo das Lokal ist, links zur Theke, an dem Platz, wo normalerweise die Garderobe für die Besucher aller größeren Konzerte steht, die im Saal stattfinden.

Ein schönes Erlebnis, ein ordentlicher Auftritt, eine ordentliche Darbietung – ausgezeichnete, beinahe fanatische Atmosphäre. Das macht es wett. Vor allem kamen alle auf ihre Kosten, die Bayley noch nie auf einer Bühne gesehen hatten, sowie alle, die Iron Maiden mit Bayley am Mikrofon in der zweiten Hälfte der Neunziger nicht live erlebt haben. Die Frage bleibt, wie Bayley seine hart erarbeitete Glaubwürdigkeit künftig aufrechterhalten wird. Mit einem mittelmäßigen Album wie „The King Of Metal“ und Saisonsöldnern sehr schwer. Allein mit dem ewigen „Anhängen“ an den alten Iron Maiden-Ruhm garantiert nicht, denn das ist ein Zeichen von Pathos Davor hat er zu viele gute, nennen wir es lieber exzellente, eigenständige Studioalben veröffentlicht.

Setlist

1.    Will to Win
2.    Lord of the Flies
3.    The Launch
4.    Dimebag
5.    Ghost in the Machine
6.    The King of Metal
7.    Silicon Messiah
8.    The Rainbow Fades to Black
9.    Fate
10.    The Brave
11.    The Black Country
12.    Leap of Faith
13.    Stare at the Sun
14.    The Clansman
15.    Man on the Edge
16.    Futureal
—Zugabe—
17.    Virus
18.    Faceless

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