Bard
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Bard
Label: Eigenveröffentlichung
Veröffentlichung: 2013
Laufzeit: 38:12
Wertung: 4/5
Bard ist das Musikprojekt des ehemaligen Niet-Mitglieds Aleš Češnovar. Das Debüt folgte kurz nach der Entstehung der Projektidee – nicht mehr als ein Jahr. Das ursprüngliche und Gründungsmitglied der Band Niet, einer Gruppe, die sich in all diesen Jahren in Slowenien einen ehrwürdigen Status erarbeitet hat, überraschte die Öffentlichkeit mit der Ankündigung seines Abschieds von der Band. Die Grundlage für die musikalische Ausrichtung des Projekts Bard lässt sich auf den Alben der Band Niet suchen. Besonders auf den letzten beiden, »Trinajst« und »Rokovnjači«. Auf beiden haben Niet mit einigen neuen musikalischen Arrangements mögliche Richtungen einer weiteren musikalischen Transformation angedeutet. Češnovar, der neue Ideen für ein künftiges Niet-Album ausarbeitete, war offensichtlich einer der Motoren des stilistischen Wandels der Band – denn als der Mann seine neuen Ideen dem »führenden Stab« der Band Niet präsentierte, schickte ihn eben dieser mit seinen Ideen nach Hause.
Verdammt. Entweder man wirft die Tatsache über die Schulter und schweigt – oder man entscheidet sich, dieses Material auf anderem Wege zum Leben zu erwecken. Als Aleš feststellte, dass er sich als Musiker über die Jahre so weit entwickelt und geformt hatte, dass er mit der musikalischen Philosophie der übrigen Niet-Mitglieder nicht mehr kompatibel war, entschloss er sich nach einem »Kurzschluss« der Bitterkeit über die Erkenntnis »unüberbrückbarer künstlerischer Differenzen« lieber, die Band zu verlassen. Ehrlich, mutig und aufrichtig!
Aleš Češnovar hat für dieses Album die Musik komponiert und die Gedichte verfasst. Seine Vision verlangte jedoch die Einbeziehung einer breiteren Palette von musikalisch-konzeptuellen Lösungen beim Ausbauen, Ausschmücken und Einfärben der Arrangements selbst – die im Kern keine anspruchsvollen sind, sondern durchgehend den roten Faden melodischer Zugänglichkeit und unmittelbarer musikalischer Eingängigkeit für den Durchschnittshörer besitzen.
»Bard« ist ein durch und durch organisch klingendes Album. Schlagzeug, Akustikgitarren, Raumfüllung mit improvisierten Einschüben von Bläsern, Streichern, Hammond-Orgeln. So beginnt das Album auch! Mystisch! Mit dem Stück Siberija. Gesang und Gesangslinien erinnern sofort an die Niet-Wurzeln von Aleš Češnovar und enthüllen gleich zu Beginn das Herzstück des Albums! Wenn wir uns im weiteren Verlauf mit dem Stück Umiranje in življenje befassen, schleicht sich in die Begleitkulisse der vertraute, warm vibrierende Klang der Hammond-Orgel des legendären Buldožer-Musikers Borut Činč. Der bekannte Orgelklangteppich, der über der Struktur der Leitmotive schwebt und sie zusammenhält, stellt sofort eine Verbindung zu den künstlerischen Parallelen der letzten Werke der Band Niet her. Das ist aber nicht der einzige Moment auf dem Album, der eine starke Verbindung zu den letzten Taten der Band Niet trägt. Stellenweise ist die Verbindung noch so stark, dass die Assoziation nicht abwegig ist, als würden NIet in einer »unplugged«-Variante spielen und dabei eine Reihe von Musikern als besondere Gäste eingeladen haben, um die Leitmotive mit improvisierten Einschüben zu beleben und zu färben und den verfügbaren Raum in den Stücken zu füllen. Auf dem Album „Bard“ sind das die musikalischen Asse: Perkussionist Nino Mureškič, Blasinstrument-Meister Vasko Atanasovski und der ehemalige Šifrer-Schüler und angesehene Gitarrenvirtuose Dejan Lapanja. Lapanja und Atanasovski sind so oder so alte gute Kameraden, obwohl im musikalischen Umfeld des Albums »Bard« diesmal der »immer heiße« Vasko viel stärker im Vordergrund steht.
Zvenenje ist eine der integralen Kompositionen des Albums. Es ist eine gelungene Kollision zwischen den Prinzipien der musikalischen Wahrnehmung, was Češnovar von der Band Niet mitbringt (besonders der Refrain), und den Gästen des Vasko Atanasovski Trio – gestützt durch eine gelungene Integration eines SKA-Rhythmus. Als Komposition trägt das Stück das Potenzial eines Radiohits. Aleš versteht es, eine düstere Landschaft aufzubauen, die auf dem Album aber mehrfach von Strahlen entschlossenen Hoffnungslichts durchbrochen wird! Das Album zeichnet sich durch eine Mischung aus Melancholie und dem Gefühl süßer Erlösung aus. Einer dieser Momente auf dem Album ist das Stück Ljubim. Feinfühlig zart, besonders intim. Aleš‘ Gesang wirkt gleichzeitig distanziert, aber zugleich sehr nah und vertraut, wenn er das Wesen seiner wahren Berufung und Existenz ergründet. Diesen Elementen kommt auch Priča sehr nahe – mit einer ungemein düsteren Strophe, die aber in die sangliche »Niet-hafte« Melodiosität der Refrainlösungen übergeht. Achte auf die Entwicklung des Abschlusses, wo die Melodie der Bassgitarre besonders ergreifend »Niet-artig« zieht. Hier findet sich auch das Stück Ljubezenska, dessen Verse im Original dem französischen Dichter François Villon gehören. Dieses Stück war für das NIet-Album »Rokovnjači« bestimmt und ist offensichtlich ein »Left-over«, das so seinen Platz auf dem Album »Bard« gefunden hat. Ebenso selbstverständlich ist die Aufnahme einer Bearbeitung des Niet-Originals des legendären Niet-Stücks Zastave, das in erneuerter, beinahe kabarettistischer Manier und in neuen Qualitäten des inhaltlichen Ausdrucks außerordentlich angenehm überrascht. Češnovar hat sich auch entschlossen, in der Poesie von William Blake zu stöbern. So hat er sich an die Vertonung der letzten drei Strophen von Blakes Original des Gedichts Auguries Of Innocence gewagt, das durch einen donnernden, kraftvollen Gesang (die Originalverse auf Englisch bleiben erhalten) beinahe unheilschwanger widerhallt.
Mission erfüllt! Das Projekt Bard hat mit dem gleichnamigen Debüt »Bard« ein Studioalbum geliefert, das den Charakter musikalischer Außergewöhnlichkeit trägt. Stimmt schon, dass sich aus seiner Substanz manche Parallele zum Schaffen und Wirken der Band Niet ziehen lässt – was letztendlich aber völlig selbstverständlich ist, denn Češnovar war stets Teil des kreativen Kerns der Band Niet, und mit seinem Abgang aus Niet verließ auch ein Teil ihrer musikalischen Philosophie die Gruppe, der nun in Gestalt des neuen musikalischen Abenteuers des Albums »Bard« weiterlebt.
Die künftige musikalisch-künstlerische Evolution bietet für Bard mindestens zwei grundlegende Ausgangspunkte. Angesichts der starken persönlich-bekenntnishaften Note, die das poetische Erbe von Aleš Češnovar mitbringt, könnte Češnovar künftig als Kantautor wirken und dabei glaubwürdig den Künstlernamen »Bard« beibehalten – gleichzeitig ist der nicht unbeachtliche Anteil der Mitstreiter, die ihre kreativen Beiträge auf dem Album leisten, nicht zu vernachlässigen. Dieses gegenseitige Zusammenwirken ist so gelungen, dass das Projekt ohne größere Erschütterungen zu einer dauerhaft agierenden Band werden könnte. Das bestätigt der rockig zugespitzte Teil des Stücks Auguries Of Innocence – und überhaupt das außerordentlich schön gefügte und kompakt funktionierende Abschlussstück Vzhod & Zahod!
»Bard« ist ein Album, das man sich unbedingt anhören sollte, denn die Poesie funkelt in der sinnlichen Interpretation der angenehmen Stimmfarben von Aleš Češnovar in wirksamer chemischer Interaktion mit der akustischen Klanglandschaft überzeugend in der Wahrhaftigkeit des autorischen Bekenntnisses. Bard ist also schon in seinem Fundament eine solide musikalische Entität mit schönen Entwicklungsaussichten für die Zukunft!
Besetzung
Aleš Češnovar – Gesang, Gitarre, Bassgitarre
Vasko Atanasovski – Saxophone, Flöte
Dejan Lapanja – Gitarre, Schlagzeug
Borut Činč – Hammond-Orgel, Gitarre, Orchestrierungen
Nino Mureškič – Perkussion
Jure Kremenšek (Dandelion Children) – Hintergrundgesang, Slide-Gitarre (Track Nr. 4)
Severa Gjurin – Begleitgesang auf Track Nr. 11
Produktion
Borut Činč
Tracklist
1. Siberija
2. Umiranje – Življenje
3. Novo jutro
4. Simetrija vesolja
5. Zvenenje
6. Ljubim
7. Priča
8. Ljubezenska
9. Zastave
10. Auguries of Innocence
11. Vzhod & Zahod