Avtomobili : Mesta železniških postaj
Label: ZKP RTV Slovenija
Erscheinungsjahr: 2006
Produktion: Mirko Vuksanović & David Šuligoj
Albumlänge: 51.25 min
Genre: Art Rock / Pop
Nach dem Album Enakonočje (2000) brauchten die legendären slowenischen Art-Pop-Rock-Charmeure, die Avtomobili aus Nova Gorica, ganze sechs Jahre für ein neues Studioalbum. Über Avtomobili muss man nicht viele Worte verlieren. Sie sind schlicht die versiertesten Arrangeure – nicht nur in Slowenien, sondern auch darüber hinaus. Avtomobili haben schon immer mit ihrer einzigartig treffenden Mischung aus samtig ansteckendem Pop Rock überzeugt, der in der ersten Hälfte der Achtziger aus dem damals aktuellen New-Wave-Sound hervorging – einem Sound, der seine Wurzeln im Punk hat –, also in jener Zeit, als Avtomobili sich vorwiegend auf den damaligen jugoslawischen Markt konzentrierten.
Die Band, die bis zur Veröffentlichung von »Mesta železniških postaj« eine ganze Reihe von Hit-Evergreens hinterlassen und sich mit einem klar strahlenden Glanz auf der slowenischen Landkarte verankert hat – einem Glanz, der von keiner Generation slowenischer Rock-Fans mehr übersehen werden kann, und das gilt auch für alle künftigen Generationen –, hat mit »Mesta železniških postaj« einen neuen Entwicklungsschritt vorwärts gemacht, was die Pflege ihres einzigartigen und durch und durch charismatischen Art-Rock-Charakters betrifft.
Die erste Neuerung: Zum ersten Mal in der langen Karriere von Avtomobili spielt Frontsänger Marko Vuksanović keinen Bass mehr. Kurz nach der Veröffentlichung von »Enakonočje« (2000) stieß der hervorragende Bassist aus dem Küstengebiet David Šuligoj zur Avtomobili-Crew – er ist auch Besitzer des Studios Sonus in Nova Gorica. Beim Hören von »Mesta železniških postaj« musst du kein Einstein sein, um schnell zu bemerken, wie die Basslinie über das gesamte Album hinweg deutlich wärmer, lebendiger, geradezu spielerisch-neugierig und oft herrlich »funky« saftig wurde (in V teh mrzlih jutrih), oder im Rhythmus sogar tanzbar, wie im Opener Prihaja moj dan…). Šuligoj ist schlicht ein Großmeister mit einem raffinierten, angeborenen Gespür dafür, den verfügbaren Raum in den Leitmotiven der Songs zu füllen, wenn er seine melodischen Basslinien setzt – und Avtomobili haben das auf »Mesta železniških postaj« voll ausgenutzt. Als erfahrenem Klangmeister und Musiker haben Avtomobili in David sofort das Talent erkannt, Arrangements mitzugestalten – für den Löwenanteil davon sorgte wie stets der Dauertastaturist der Gruppe Mirko Vuksanović. Ebenso bekam David Šuligoj grünes Licht, das Klangbild des Albums im Studio mitzugestalten.
Die Alben von Avtomobili waren schon immer für ihr feines Klangbild bekannt – die Band hat stets nach einer ausgewogenen Verteilung der einzelnen Bausteine des Klangbildes gestrebt. Avtomobili sind nun mal Klangperfektionisten und Perfektionisten in der Suche nach der idealen Symbiose von Leitmotiven und der Ausnutzung des Arrangierraums. »Mesta železniških postaj« darf sich daher eines noch dichteren und natürlicher – organischer klingenden Klangbildes rühmen, in das die Bausteine noch kompatibler eingebettet sind – in optimalem Miteinander. Das Album hat den richtigen Moment einer überzeugend funktionierenden Studioarbeit-Chemie eingefangen. Als solches darf es sich erneut einiger hervorragender Arrangements rühmen, die sich locker mit einigen der größten Hits der Band messen können.
»Mesta železniških postaj« überragt seine Vorgängeralben in der reiferen, weiseren Weiterentwicklung des ohnehin einzigartigen Ausdrucksrepertoires von Avtomobili – vor allem dank der Tatsache, dass die Band neben ihren unverkennbaren Markenzeichen einen zeitgemäßen Ansatz zur Klanggestaltung im Studio beibehalten hat. Jahre des gemeinsamen Zusammenwirkens im Team haben starke chemische Bande geknüpft, und das Gespann Alan Jakin – Mirko Vuksanović agiert diesmal so intensiv wie seit 1988 nicht mehr. Außerdem spürt man, dass die Besetzung reifer denn je begonnen hat, in ihrem von jeher feinfühlig-pragmatischen Raffinieren der Arrangements Klanglandschaftsteppiche einzusetzen, an die sie auch einige programmatische Soundloops geknüpft hat, mit denen sie die gewünschten Stimmungszustände des Albums wirkungsvoll heraufbeschworen hat. Das deutet bereits der Opener Prihaja moj dan an, mit seiner verdichteten Begleitstruktur der Arrangements, in die Vuksanovićs Gesang gekleidet ist.
Interessant ist, dass der erste Song Prihaja moj dan das Album noch nicht maximal »würzt« – zum ersten kreativen Höhepunkt heben ihn erst die direkt darauf folgenden Songs April und Gorica. Drei Eröffnungssongs und ein schneller dreifacher Kontrast aus Arrangierkunst und Aneinanderreihen bildreicher Stimmungszustände – das typische Puzzle aus sehnsuchtsvoller Melancholie und Mystik, das aber niemals ins pathetische Jammern abgleitet. Ganz im Gegenteil. Das Album erschüttert dich mit der Wahrhaftigkeit, die Markos metaphorische Tiefe und sein Intellekt mitbringen – und seine Poesie steckt zugleich voller strahlender Aufbruchsstimmung. Dabei ist der Kerl ein Meister darin, Sangbarkeit im Umgang mit der slowenischen Sprache zu kombinieren – was eine durchaus knifflige Sache ist. »Auf einen Konsonanten zu kommen« in der Entwicklung der geforderten melodischen Sangbarkeit im Slowenischen ist eine deutlich härtere Nuss als im Englischen. Wir sind nicht weich wie die Kroaten oder Italiener, aber auch nicht hart wie die Deutschen. Marko beherrscht diese Kunst schon immer meisterhaft und bringt auf »Mesta železniških postaj« erneut eine funkensprühende, metaphorische Subtilität mit, die von seinem unverwechselbar charmanten, samtig streichelnden, meilenweit wiedererkennbaren Gesang gekrönt wird.
Die Besetzung komponiert schon immer Songs nach dem Gerüst: zwei Strophen, (optional) zwei Vor-Refrains, zwei Refrains, ein mittlerer Instrumentalteil und ein (optionaler) Vor-Refrain mit abschließendem Refrain. Das Kernprinzip der Pop-Dimension der Achtziger also. Die Songs unterscheiden sich natürlich in ihrem Ausdruck voneinander. Sie erhalten die motivische Lebendigkeit und die typische musikalische Ausstrahlung der Band aufrecht. Die Unterschiede zwischen ihnen liegen in der Arrangiergewichtung mit Genre-Einschüben aus der bunten Palette von Rock, Pop, Jazz, Funk, Soul und Blues. Das Markenzeichen der Band ist, dass sie auf listige Weise versteht, was es bedeutet, die Atmosphäre in ein finales Crescendo zu steigern, das in eingängigen Refrain-Melodien kulminiert. So gibt es auf dem Album einerseits Songs, die sich zu Beginn äußerst subtil, unaufdringlich, frisch, feinfühlig entwickeln – mit dem unschuldigen Aufschichten von Begleit-Teppichen, die Markos geschmeidigen Vokalausdruck umhüllen. Sowohl in April als auch in Gorica – den intensivsten Kontrast in dieser Hinsicht beschwört aber Obsedela sva sama, wo der schwere und dramatische Refrain eine rockige Intensität und eine unerwartete Blues-Konnotation erhält, ausgestattet mit einem Trompeten-Arrangement. Das genaue Gegenteil bringt der folgende Song namens V teh mrzlih jutrih, wo ein programmatischer Soundloop in der Strophe werkelt, wenn diese kontrastwirkend in einen positiv gestimmten, rockig-hüpfenden, melodisch ansteckenden Refrain übergeht. Nach dem pop-lastigen, etwas naiven und am wenigsten interessanten Song des Albums namens V jadrih – der allerdings spielerisch mit Mirkos Improvisationseinlagen gewürzt ist, die im Begleithintergrund schweben –, erstrahlt der Artismus der Band in vollem Glanz direkt danach, wenn Nocoj einsetzt. Nocoj ist ein in seiner Arrangierung optimierter Song von typischer Art-Rock-Charisma, den nur Avtomobili so zusammenschweißen können. Die Dosen an Einzigartigkeit, Pop-Zugänglichkeit und herausfordernd meisterhaftem Offenlegen der Grundmotive durch das Einlegen anspruchsloser Improvisationseinlagen (überragender mittlerer Instrumentalteil) sind in idealem Einklang zusammengefügt.
Mit Nekaj let kehrt die Band auf dem Album in ihrer Schwingung zu den Songs April und Gorica zurück. Noch eine außerordentlich starke Schöpfung, die in den Arrangements optimal dasteht. Offensichtlich ist die Melancholie, die dich aufweckt, erschüttert, bei der das Blut in den Adern gefriert, der Schlüssel zur vollen Wirkung von Markos Poesie – die einmal mehr von den raffiniert wohlklingenden Arrangements dieses Songs geschmückt wird. Balladeske bis halbballadeske Schöpfungen sind also die Basis der Ausdrucksstärke von Avtomobili. Du spürst das brennende Herz, das in seiner Unerfülltheit weiterglühen muss. Doch es bleibt unverrottet. Weder im Schmerz, noch in der Liebe. Es gibt kein Entkommen. Es bleibt nur der Amboss außergewöhnlicher Erdung und Wahrhaftigkeit, gehüllt in das wunderschöne Plasma der Subtilität von Vuksanovićs Poesie. Nekaj let ist also ein Song, der dir garantiert das Herz bricht – doch es hat keinen Sinn, sich dagegen zu sperren, denn das ist der einzige Weg, ihn vollständig zu genießen! Magie! »Zum Glück« folgt danach eine Vibrations-Wende mit Proti Luni! Proti Luni ist ein Song vom Typ Nocoj, den wir zweifellos auf der Stelle zum künftigen Evergreen und radiofreundlichsten Teil des Albums erklären! Das verspielte Pod tvojo obleko hält die schelmische Stimmung von Proti Luni aufrecht – und darin wächst der Gradient rockig-bluesiger Begeisterung, unterlegt mit einer ausgelassenen, funkigen Rhythmuslinie. Es folgt noch eine hervorragende Mischung aus Pop Rock und Blues im koketten Walzer In pride čas (der Song ist einer der herausragendsten Momente von Alan Jakin auf dem Album – aber zu Alan kommen wir später), dem der abschließende Sonderling des Albums namens Oblaki folgt.
Der Song Oblaki gilt als der Moment der intensivsten Auseinandersetzung der Band mit dem musikalischen Experiment auf dem Album. Noch ein Song, der dich bis auf die Knochen erschüttert. Er öffnet sich »soul-funky«, im Anfangsteil wird er von Alans Wah-Wah-Effekt diktiert, dem sophistizierten Trampeln auf dem Pedal, dem sanft diktierten Rhythmus, …. Denk an den Song von Fatih No More namens Evidence. Überrascht? Gut so! Dieser Song trägt den intensivsten Refrain melancholischer Sehnsucht mit einer idealen Melodielinie »a la Avtomobili«, die dem Zuhörer beim Folgen von Markos Poesie einen Kloß im Hals hinterlässt. Ein äußerst intensiver Abschluss des Albums, der dich vollständig wach und erschüttert zurücklässt. Genau das, was jedes gute Art-Rock-Album mitbringen muss. Auf dem Album kommt in der Intensität des Artismus der Band der Song Nekaj let dem Oblaki am nächsten – der in dieser Hinsicht genauso gut am Ende der Song-Reihenfolge des Albums stehen könnte.
Die Rezension ist noch nicht zu Ende. Man muss unbedingt bei Alan Jakin innehalten. »Mesta železniških postaj« stellt für Alan den Höhepunkt seines künstlerischen Reifeprozesses dar, charakterisiert durch die ausgeprägte expressive Vielschichtigkeit eines prächtigen Kokettierens mit vielen Genres sowie die Kraft eines sophistizierten, aber einzigartigen Gitarrenapproaches, der die scheinbare Unüberbrückbarkeit der Genre-Kluft mit federnder Leichtigkeit überbrückt. Avtomobili werden nach diesem Album nie mehr dieselben sein. »Mesta železniških postaj« ist nämlich Jakins Epitaph. Kurz nach den Aufnahmen des Albums ereilte Alan ein tragisches Unglück.
Alan hat auf dem Album einige außergewöhnliche Gitarren-Momente entwickelt! Zum ersten Mal sticht Alans Gitarre im Intro von April hervor, mit einem ergreifend sanft platzierten Rocker-Intro-Riff, unterstützt von einer Wah-Wah-Linie – im Outro desselben Songs erstrahlt der Gitarrist in der Kühnheit, einige betont jammernde Töne zu platzieren, was ihn dem Gitarrenspiel der Großmeister des sophistiziertesten Ansatzes wie David Gilmour (Pink Floyd), Andy Latimer (Camel) oder Steve Hackett (Genesis) nähert. In dieser Hinsicht ist Alan Jakin zweifellos ein großes Gitarren-As und Guru seines Fachs. In Gorica glänzt er erneut beim Füllen des verfügbaren Raums mit verschiedenen »Gilmouresques«, am interessantesten ist aber die Interaktion von Alans Gitarre mit Mirkos Keyboards in der Leitmelodie des Refrains, die äußerst kontrastreich auf Markos Strophen-Melodie folgt. Und dann kommen wir zu einem der herausragendsten Momente von Alan Jakin auf dem Album! Das bereits erwähnte In pride čas, wo der Musiker in einem einzigen Song seine vielschichtige Formung und alle Charakteristiken der Ausdrucksverfeinerung, der absoluten Kontrolle über den Klang, über jeden einzelnen Ton, den er anschlägt und »biegt«, wie es ihm beliebt, unter Beweis stellt. Das Outro-Solo aber ist der Höhepunkt von alldem. Dieses Solo ist eigentlich der Stimmungshöhepunkt des Songs selbst. Noch mehr Weichheit und Stimmungsintensität presst Jakin aus sich heraus im abschließenden Oblaki, wo seine »Gilmouresque«-Landschaft im Vor-Refrain erneut einmalig mit dem Teppich von Mirko Vuksanovičs Keyboards funktioniert, in der Strophe aber seine Soul-Pop-Funk-Weichheit werkelt.
»Mesta železniških postaj« ist Alan Jakins »beste Stunde«! Er ist einer der herausragendsten, ausdrucksmäßig charismatischsten, in ideellen Lösungen hellsichtigsten und im Ansatz sophistiziertesten Gitarristen, die Slowenien in der Geschichte der Rockmusik hervorgebracht hat. Mit seinem Einstieg auf dem Album »Krenimo« konnte die Band in der zweiten Hälfte der Achtziger einen markanten evolutionären Sprung auf ein höheres Ausdrucksniveau vollziehen – Alan Jakins vielschichtige Versiertheit ermöglichte der Band fortan, bis einschließlich des Albums »Mesta železniških postaj«, ein kontinuierliches künstlerisches Reifen und eine entwicklungsmäßige Weiterentwicklung.
Das Album »Mesta železniških postaj« zählt zu den herausragendsten Werken der Band in ihrer langen Karriere und zugleich zu den bedeutendsten Momenten in der Geschichte des slowenischen Rocks. Reife, Erfahrung, ein starkes Geflecht chemischer Bande, die mehr als erfolgreiche Integration Šuligojs als Bassist, das einmalige Gespann Mirko Vuksanović und Alan Jakin sowie natürlich das unersetzbare vokale Siegel von Marko Vuksanović haben auf »Mesta železniških postaj« eine volle künstlerische Blüte erreicht – und Avtomobili haben mit diesem Album bewiesen, dass ihr Feinmechanik-Spiel noch lange nicht zu rosten vermag.
Autor: Aleš Podbrežnik
Bewertung: 9.5 / 10
Trackliste:
1. Prihaja moj dan
2. April
3. Gorica
4. Obsedela sva sama
5. V teh mrzlih jutrih
6. V jadrih
7. Nocoj
8. Nekaj let
9. Proti luni
10. Pod tvojo obleko
11. In pride čas
12. Oblaki
Besetzung:
Marko Vuksanović – Gesang
Alan Jakin – Gitarre
Mirko Vuksanović – Keyboards
David Šuligoj – Bassgitarre
Marko Lasić – Schlagzeug