Auf Zauberjagd beim Nova Rock – DevilDriver (2007)
Interview-Datum: 16.06.2007
Nach ziemlich höllischer Hitze war das Konzertfieber am Samstag in vollem Gange. Die Sonne hatte ihren Weg bis zur Himmelsmitte zurückgelegt und sich im Zenit eingenistet, als wir im Schatten des Pressezelts Zuflucht suchten. Das erste Interview des Samstags stand an, Gesprächspartner sollte John Boecklin sein, Drummer von DevilDriver, deren bekannteres Mitglied der Ex-Sänger von Coal Chamber ist, Dez Fafara. Und weil mit dem Album The Last Kind Words schon die neue Platte vor der Tür stand, war nicht zu befürchten, dass das Gespräch ins Stocken geraten würde …
RockLine: Ein richtig geiler Start in einen weiteren Tag auf den Weiten der Pannonischen Tiefebene. Herzlich willkommen beim Nova Rock, wo ihr gerade einen phänomenalen Auftritt hingelegt und den zweiten Festivaltag auf der Red Stage eröffnet habt. Wie war das für euch, hierherzukommen und mitten am Tag zu spielen?
John Boecklin: Hat richtig Spaß gemacht. Gestern Abend haben wir in Deutschland gespielt, danach ging’s gegen fünf Uhr morgens in den Flieger hierher, gelandet sind wir also so gegen zehn. Man hat uns einfach hergefahren, und wir hatten echt keine Zeit, wie sonst rumzuhängen und mit den anderen Bands abzuhängen. Und dann vergisst man das Gemecker tatsächlich, wenn einen mittags rund fünftausend Fans erwarten… (Lachen)
RockLine: Und einer dieser Tausenden war ich selbst. Ich habe mir euren Soundcheck und dann den Auftritt angeschaut, bei dem ihr schon ab dem ersten Song in den höchsten Gang geschaltet habt. Als wäre es null Problem, schon in aller Herrgottsfrühe das Maximum aus sich rauszuholen.
John Boecklin: Ist ja auch kein Problem. Ich muss aber zugeben, dass ich von der Reaktion des Publikums echt positiv überrascht war, die waren schon ab dem Auftritt der ersten Band bereit mitzumachen.
RockLine: Viele Fans konnten es kaum erwarten, dass ihr auf die Bühne kommt und auch die neuen Sachen vorstellt. Wenn ich mich nicht irre, haben wir nur einen neuen Song gehört…
John Boecklin: Genau! Not All That Wander Are Lost.
RockLine: Was kannst du uns über die neue Platte erzählen, auf die wir so sehnsüchtig warten?
John Boecklin: Wenn du einen Vergleich mit den ersten beiden Alben willst: Dieses Album ist zweifellos schneller und schwerer, stellenweise ein bisschen komplexer. Die Songs sind deutlich tiefgründiger und durchdachter.
RockLine: Und was waren die wesentlichen Leitlinien, denen ihr gefolgt seid?
John Boecklin: Ich mag keine Texte – Dez ist derjenige, der sie schreibt… Ich bezweifle, dass hinter unseren Letzten freundlichen Worten (Last Kind Words) irgendeine Philosophie steckt, aber ich kann sagen, dass der Name selbst aus einem Teil des Songtexts von ‚Tyrants Of Truth‘ gestrickt ist. Das sind die letzten Worte, die du in den letzten Momenten deines Lebens hörst, bevor dich die Engel in den Abgrund jagen. Das heißt nur, dass du eben ein Mensch bist, und die konstruktive Seite des Verstands lenkt dich dahin, dass es, auch wenn es nicht immer einfach ist, völlig in Ordnung ist, als Mensch zu existieren, der um sein Leben kämpft. Das verbindet uns, denn wir gehen alle diesen Weg.
RockLine: Wer hätte gedacht, dass erst vier Jahre vergangen sind, seit ihr das Ganze gestartet habt. Und schon könnt ihr euch mit drei Alben brüsten. Hat sich die Chemie in der Band seit 2003 irgendwie verändert?
John Boecklin: Seit 2003 haben wir uns als Band zweifellos weiterentwickelt und sind vorangekommen. Wir sind Freunde geworden und so. Das Schreiben von Material, das Komponieren – das unterscheidet sich davon grundlegend. Alle in der Band (außer Dez) spielen Gitarre. Dez schreibt sämtliche Texte, der Rest von uns macht die Musik. Jeder weiß, was seine Aufgabe ist. Songs entstehen auch unterwegs, auf Tour. Dann treffen wir uns im Proberaum und werfen alles, was wir kreativ zu bieten haben, in einen gemeinsamen Topf, checken, was wir haben, und nehmen das Ganze dann als Quartett am Computer auf.
RockLine: Ganz ohne Einflüsse, die Musik formen und inspirieren, geht es aber nicht, oder? Was hört ihr Jungs denn so?
John Boecklin: Ich glaube nicht, dass man bei Einflüssen von einem Einfluss des ganzen Musikstils auf uns sprechen kann, denn wir hören wirklich allerhand Unerwartetes (wenn man nur nach unserem Aussehen und dem urteilt, was wir selbst spielen …). Uns beeinflussen gute Songs. Man kann sagen, dass auch Songs von Michael Jackson so wirken. Nicht weil sie schwer wären, sondern weil sie musikalisch geschickt und qualitativ hochwertig durchdacht sind. Was auf keinen Fall heißt, dass ich selbst so sein wollte! Der Stapel an Einflüssen ist wirklich ordentlich. Dez hört… Du wirst ihn zu Hause nie dabei erwischen, wie er Heavy Metal hört. Er hört lieber Billy Hollyday, Johnny Cash und ähnliche Musiker, mit denen ihr wahrscheinlich nicht gerechnet habt … (Lachen)
RockLine: Ich kann es kaum erwarten, euch in naher Zukunft auf Tour zu erwischen, wo ihr das neue Material allein vorstellt und die Farben des Banners namens DevilDriver verteidigt. Wann dürfen wir auf eine Europatour von DevilDriver hoffen?
John Boecklin: Ihr könnt euch auf unsere Ankunft Mitte September einstellen. Und ich freue mich drauf, denn ich spüre im Herzen, dass wir das beste Album gemacht haben, auf das wir bisher stolz den Namen DevilDriver drucken dürfen. Erwartungen? Warum sollten wir welche haben? Wenn alles so läuft, wie wir uns das wünschen, kann ich nur sagen: „Ich wusste und fühlte, dass es so kommt!“ (Lachen) Wenn aber nicht alles nach Plan läuft und das Ganze in die Hose geht, kann ich zumindest sagen, dass ich mein Maximum gegeben habe, und dann belastet mich die Sache auch nicht mehr. Das ist alles, was zählt.
RockLine: Wie siehst du die Lage in den Musikgewässern von heute? Die Bands, die Metal-Szene und so weiter?
John Boecklin: Soll ich übers Business reden oder über Metal? Business ist eben Business, stinkt oft zum Himmel und ist der nackte Kampf um sein Stück vom Kuchen.
RockLine: Ich meinte eher die Bilder und den Sound, den die Bands als neuen Ausdruck des Metal im neuen Jahrtausend schmieden …
John Boecklin: Es ist wie immer: Es gibt wirklich einzigartige Bands und erbärmlich miese Bands. Welche Band wohin gehört, ist nur Ansichtssache und nicht wichtig. So war es ja eigentlich schon immer, oder? Es gibt Spitzenbands. Es gibt durchschnittliche Bands, und es gibt musikalische Habenichtse, die langweilen.
RockLine: Ihr füllt zweifellos die Lücken im qualitativ besseren Teil dieses Spektrums…
John Boecklin: Sehe ich auch so … (Lachen)
RockLine: Und eine Botschaft an unsere Leser?
John Boecklin: Wir sind nicht gerade eine Band, die mit Botschaften um sich wirft, aber einen Teil davon könnt ihr euch gern aus unseren Texten ziehen, wenn euch danach ist. Die Botschaft ist ewig positiv: Selbst wenn sie euch zu Boden werfen und euch ins Gesicht treten – versucht auch dann immer, wieder aufzustehen, und folgt eurer Entschlossenheit und euren Zielen. Wir geben uns Mühe, euch nicht zu enttäuschen…
RockLine: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Danke für das Gespräch.
John Boecklin: Danke auch dir.
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