Aqualung
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Jethro Tull
Label: EMI Records
Veröffentlichung: 1971
Bewertung: 5/5
Was haben der pädophile Landstreicher Aqualung, die minderjährige Prostituierte, die schielende Mary, und die frigide, notorische Dorflehrerin, die ihre Schüler Mother Goose getauft haben, gemeinsam? Das sind keine Figuren aus Kersniks „Kmetske slike“ oder Cankars „Hlapci“, sondern die Hauptfiguren eines der besten Alben in der Geschichte von Jethro Tull. „Aqualung“ ist ein halbes Konzeptalbum – offiziell hat es zwar kein Konzept, trotzdem spürt man das beim Hören die ganze Zeit, im ersten wie im zweiten Teil der Platte. Der charismatische Flötist und Sänger und die treibende Kraft der Band, Ian Anderson, hatte sich schon auf dem Vorgänger „Benefit“ (1970) nicht nur als erstklassiger Musiker etabliert, sondern auch als herausragender, gesellschaftskritischer Erzähler. Mit seinem messerscharfen schwarzen Humor, der den Alltag der verknöcherten britischen Klassengesellschaft ohne jede Schönfärberei schildert, hob er die Band im Handumdrehen auf ein höheres intellektuelles Niveau. Auf „Aqualung“ gönnte er sich zum ersten Mal einen ehrlichen und außergewöhnlich bildhaften Querschnitt durch die britische Gesellschaft, von der untersten sozialen Schicht bis zum fett gepolsterten Klerus. Im ersten Teil des Albums beschreibt die Band in den Texten vor allem das Elend und die Apathie der Menschen am gesellschaftlichen Boden, während der zweite Teil ein offener Angriff auf die Irrwege organisierter Religionen ist, in diesem Fall vor allem der anglikanischen Kirche. Auch das Cover sorgte bei der Veröffentlichung für reichlich Diskussionen: Ist Ian Anderson Jethro Tull, ist Aqualung Ian Anderson, oder umgekehrt? Mit diesem Album bekam die Band fast schon mythologische Dimensionen.
Musikalisch gelten die meisten Songs des Albums noch heute als das Beste, was die Band je gemacht hat, und sind fester Bestandteil ihrer Konzert-Setlists. Eine wichtige Neuerung im Sound brachte ganz sicher Bassist Jeffrey Hammond-Hammond, der den ursprünglichen Bassisten Glenn Cornick ersetzte, welcher die Band nach dem Ende der letzten Tour verlassen hatte. Außerdem kommt auf dem Album erstmals Keyboarder John Evans stärker zur Geltung, der schon auf dem Vorgänger inoffiziell zur Band gehört hatte. „Aqualung“ ist stilistisch härter als alle Alben davor, denn es ist voll von klassischen Barre-Riffs und zahlreichen knackigen Übergängen, mit vielen Variationen in Stil und Tempo der einzelnen Songs. Bis zu diesem Album sind außerdem praktisch alle Blues-Einflüsse verschwunden, die ihre Musik bis dahin spürbar dominiert hatten. Hardrocker hatten bei der Veröffentlichung wirklich keine Mühe, dieses Album zu schlucken, denn es steckt voller druckvoller Gitarrenriffs, dem Markenzeichen der meisten Hardrock-Musik. Natürlich bekommt der Hörer auch wieder reichlich Ians Flöte, die längst zum Markenzeichen und zum wichtigsten Träger der Musik von Jethro Tull geworden war. Die Stimmung auf dem Album ist unglaublich vielseitig, was zur stilistischen Vielfalt der einzelnen Songs passt.
„Aqualung“, einer der größten Klassiker der Bandgeschichte, eröffnet mit Barres unverkennbarem Hardrock-Riff. Dabei taucht vor dem inneren Auge sofort das Bild des zerlumpten Landstreichers von Cover und Rückseite des Albums auf, der Schutz vor dem ersten Schnee sucht und mit einem Auge verstohlen kleine Mädchen beim Spielen beobachtet. Einen Teil des Textes für dieses Meisterwerk steuerte Ians damalige Frau Jenny bei. Im Grunde ist „Aqualung“ ein relativ zugängliches Stück mit eingängigen Hardrock-Gitarrenriffs, ergänzt durch Schlagzeug, eine einzigartige Gesangslinie und Akustikgitarre als Rhythmusfundament. Besonders beeindruckt mich die Originalität der Idee, Ians Gesang „weit weg“ klingen zu lassen (in der Produktion wurde er etwas in den Hintergrund geschoben), genau in dem Moment, wenn im Refrain der Rhythmus der Akustikgitarre dazukommt. Der Song ist insgesamt extrem dynamisch und hat alle Merkmale des Progressive Rock, weil er über seinen ganzen Verlauf zahlreiche Tempo- und Stilwechsel enthält. Sein Klassikerstatus kam deshalb ganz von selbst. Gleichzeitig ist es auf seine Weise ironisch, dass eines der bekanntesten Stücke der Band ganz ohne Flöte gespielt wird (damit gehört es zu den wenigen Songs, die dieses Instrument nicht enthalten). In „Cross-eyed Mary“ ist Ians Gesang fast nicht wiederzuerkennen, weil er verschnupft-kreischend klingt. Der Song handelt von einer minderjährigen Prostituierten, die der Landstreicher Aqualung heimlich beobachtet und der damit im Text wieder auftaucht, was das Album stark in Richtung Konzept rückt. Das ist ein weiteres hervorragendes Stück und ein Klassiker, der im Intro intensive Flöte und Klavier bietet, gefolgt von einem enorm energiegeladenen Teil, in dem Ians verschnupft-kreischender Gesang und Barres druckvolle Gitarrenriffs glänzen. Das autobiografische „Cheap Day Return“ ist ein kürzerer Song, eine wunderschöne Folk-Ballade über die Apathie des Alltags, in dem jeder Tag wie der andere ist. Auch das ist ein mitreißendes Stück, das nach den ersten beiden ziemlich wuchtigen Nummern wunderbar reinläuft. Mit seiner nostalgischen Folk-Stimmung, getragen von Akustikgitarre, Flöte und Ians klarem Gesang, begeistert es immer wieder aufs Neue. Vor allem die tollen Füllungen der Akustikgitarre und die zentrale Melodie tun gut. Es folgt „Mother Goose“, noch so ein starkes Stück, bei dem sich der Hörer mühelos das Bild einer altjüngferlichen, unausstehlichen Lehrerin ausmalen kann, die ihre Schüler schikaniert. Der Song lebt von außergewöhnlichen Flötenarrangements sowie von den Übergängen auf Akustikgitarre und Flöte. Neben der herausragenden Melodie begeistern auch einige Folk-Elemente. Das Stück enthält außerdem eine glänzende Akustikgitarren-Passage, die perfekt mit der Hauptgesangslinie verschmilzt. Das ist wieder eines der vielen Meisterwerke auf dem Album. „Wond’ring Aloud“ ist eine weitere schöne, kurze Ballade, die auf Akustikgitarre und Gesang basiert. Hier überzeugen die Gesangslinie, gute Akustikgitarren-Passagen und auch einige Orchesterarrangements. „Up To Me“ ist ebenfalls einer der besten Songs des Albums, auch wenn er kein Klassiker geworden ist. Ein ungemein interessantes Stück, das mit dem Lachen von Betrunkenen in einer verrauchten Kaschemme beginnt und endet. Im Kern ist es fast reiner Folk Rock mit keltischen Motiven, tollen Riffs, Flöte und genialen Refrains. Noch ein hervorragendes Stück, das die Musik von Jethro Tull aufs Beste widerspiegelt. Dann kommt der zweite Teil des Albums, eine Art Halbkonzept namens „My God“, eine Kritik an organisierter Religion, die den Einzelnen auf jede erdenkliche Weise von Gott entfernt, statt ihn ihm näherzubringen. „My God“ ist, wie schon erwähnt, den Irrwegen der anglikanischen Kirche gewidmet, die einen „plastischen Gott“ verehrt. Der Song hat eine mächtige Melodie und im Intro glänzende Akustikgitarren-Passagen. Nach dem Einstieg mit Ians extrem spöttischem Gesang kippt er in einen energiegeladenen Rhythmus mit vielen Schlagzeugschlägen und Gitarrenriffs. Das Zusammenspiel von Ians Flöte und Martins E-Gitarre ist wirklich mitreißend. Vor allem Ians Flötensolo im Mittelteil. „Hymn 43“ ist ein weiterer toller Hard Rocker mit mächtigen Riffs und einer guten Kombination aus Evans‘ Klavier und Ians Flöte. „Slipstream“ ist eine weitere kürzere, angenehme Akustikballade. „Locomotive Breath“ ist ein legendärer Klassiker und das bekannteste Stück des Albums (vielleicht sogar ihrer gesamten Karriere), bei dem nach einem leisen Klavierintro Rhythmusfundament und E-Gitarre das Gefühl einer anrollenden Lokomotive erzeugen. Barres Hardrock-Riffs sorgen wirklich für herausragende Dynamik. Der Schlusstrack „Wind Up“ ist ein weiterer energiegeladener Song mit kräftigen Hardrock-Anteilen, in dem die Band ihre außergewöhnliche Mischung aus Folk und Hard Rock demonstriert und damit einen hervorragenden Abschluss dieses meisterhaften Albums liefert.
Die Neuauflage des Albums von 1998 enthält zahlreiche Bonus-Leckerbissen, die alle echten Fans ihrer Musik zufriedenstellen dürften. Zuerst wäre da das glänzende und ungemein witzige „Lick Your Fingers Clean“, das mit Hardrock-Riffs, geschmackvollen Flötensoli und besonderen Soundeffekten mit Volldampf nach vorne geht. Ein großartiges Stück, das den meisten anderen Songs auf dem Album in nichts nachsteht. Es folgt die alternative Version von „Wind Up“, die dem Original in nichts nachsteht. Dazu gibt es ein interessantes Interview mit Ian Anderson, in dem er die Hintergründe der Entstehung des Albums kommentiert und einiges Spannende verrät. Und zum Schluss kommen noch drei Songs aus ihrer frühen Phase, die live für den Radiosender BBC aufgenommen wurden. Das sind „Song For Jeffrey“ (This Was, 1968), „Fat Man“ und „Bouree“ (beide Stand Up, 1969).
„Aqualung“ ist ein Schlüsselalbum in der Geschichte der Band und eines der größten Werke in der Geschichte der Rockmusik, das Jethro Tull endgültig unter die unsterblichen Riesen der Rockmusik eingeschrieben hat. Gleichzeitig hob es die Band auf eine neue Stufe des Schaffens, was später zur Entstehung einiger ihrer Werke beitrug, die zur absoluten Spitze des Progressive Rock gehören. Nach diesem Album stürzten sich Jethro Tull in die aufregende und unberechenbare Welt des Progressive Rock. Das Album dürfte Fans von Progressive Rock genauso mühelos begeistern und zusammenbringen wie Liebhaber von Classic Rock und Hard Rock. „Aqualung“ ist außerdem eines der ersten Alben im Progressive Rock, das in den Charts „Gold“ wurde und zahlreiche Auszeichnungen sowohl von Fans als auch von Musikkritikern einheimste. Das ist ein zeitloses Meisterwerk, an dem kein Liebhaber guter Rockmusik vorbeikommen sollte. Dafür gibt es wirklich keine Entschuldigung.
Besetzung
Ian Anderson – Gesang, Flöte, Akustikgitarre, E-Gitarre
Martin Barre – E-Gitarre, descant recorder
Jeffrey Hammond-Hammond – Bass, alto recorder, Backing Vocals
Clive Bunker – Schlagzeug, Percussion
John Evans – Klavier, Orgel, Mellotron
Produktion
Ian Anderson und Terry Ellis
Tracklist
1. Aqualung (6:31)
2. Cross-Eyed Mary (4:09)
3. Cheap Day Return (1:23)
4. Mother Goose (3:52)
5. Wond’ring Aloud (1:56)
6. Up To Me (3:18)
7. My God (7:10)
8. Hymn 43 (3:18)
9. Slipstream (1:13)
10. Locomotive Breath (4:25)
11. Wind-Up (5:42)
Spielzeit des Albums: 42:57
Bonustracks der Neuauflage von 1998:
12. Lick Your Fingers Clean (2:46)
13. Wind Up (Quad Version) (5:24)
14. Excerpts From The Ian Anderson Interview“ [Mojo Magazine] (13:59)
15. Song For Jeffrey (BBC) (2:51)
16. Fat Man (BBC) (2:57)
17. Bourée (BBC) (3:58)