Aqualung Live

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Jethro Tull
Label: RandM Records
Erschienen: 2005
Bewertung: 2/5

Jethro Tull haben mit dem Konzertalbum „Aqualung Live“ endgültig bewiesen, dass sie in ihrem fünften Jahrzehnt ihres Bestehens zum Paradebeispiel gealterter Musiklegenden geworden sind, die nur noch von den Früchten vergangener Lorbeeren leben, während die goldenen Tage kreativen Schaffens schon längst zu einer blassen Erinnerung verblasst sind. Die Hauptverantwortung für diesen Stillstand der Prog-Rock-Legenden trägt niemand anderes als der unverwüstliche Flötist und Sänger Ian Anderson, ihr Chefstratege und in letzter Zeit auch ihr größter Saboteur, der sich in den letzten Jahren weit mehr seiner Solokarriere und diversen Geschäftsinvestitionen seines gewaltigen Finanzimperiums gewidmet hat als der Schaffung neuer Jethro Tull-Musik (zum Zeitpunkt dieser Rezension werden bald zehn Jahre seit dem Erscheinen ihres letzten Studioalbums vergangen sein). Den Appetit alter Tull-Fans versucht er (erfolglos) mit jährlichen Konzerttourneen, diversen Kompilationsalben sowie offiziellen Konzertmitschnitten zu stillen. Einer davon ist „Aqualung Live“ – nach allem Anschein die einzige Konzertveröffentlichung in ihrer Geschichte, von der es besser gewesen wäre, wenn sie nie erschienen wäre.

„Aqualung Live“ war ein völlig verfehlter Versuch, die Magie ihres legendären Albums „Aqualung“ (1971) live neu zu beleben – eines der bedeutendsten Alben in der Geschichte des (progressiven) Rocks –, und gleichzeitig die Einnahmen aus dem Verkauf des Mitschnitts verschiedenen karitativen Organisationen zukommen zu lassen, die sich den Problemen der Obdachlosigkeit widmen, einem der zentralen lyrischen Themen dieses unvergesslichen Meisterwerks.

Dass „Aqualung“ unter langjährigen Tull-Fans nach wie vor die größte Beliebtheit genießt, ist keine Überraschung, enthält es doch die meisten ihrer immergrünen Klassiker wie den Titelsong, „Crosseyed Mary“, „Mother Goose“, „My God“ und „Locomotive Breath“. Während diese live bereits unzählige Male gespielt wurden, haben einige Stücke des Albums (etwa „Up To Me“, „Slipstream“ und „Wind-Up“) seit Jahrzehnten oder gar nie eine Konzertinterpretation erlebt. Die Idee, diesen Klassiker nach mehr als drei Jahrzehnten erstmals wieder in seiner Gesamtheit aufzuführen, war daher keineswegs falsch, und unter anderen Umständen hätte diese Veröffentlichung ein wirklich schönes Geschenk für alle treuen Fans werden können.

Leider waren sowohl der Kontext als auch der Zeitpunkt der Aufführung völlig verfehlt. Erstens: Dieser Auftritt fand in irgendeinem kleinen Theatersaal mitten in der amerikanischen Hauptstadt Washington vor gerade einmal 40 speziell eingeladenen Gästen statt. Den Auftritt übertrug das lokale Radio XM Radio live, das auch Hauptsponsor des Events war. Die Produktion ist dem kleinen Rahmen entsprechend wenig beeindruckend, und Ian hat sich auch nicht bemüht, sie mit Studioschminke aufzupolieren – was zwar lobenswert ist, aber andererseits zeigt, wie ärmlich sie bei diesem Auftritt klangen. Weit größere Kritik trifft die Art der Ausführung der großen Mehrheit der Stücke. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich bei irgendeinem offiziellen oder inoffiziellen Tull-Konzertmitschnitt gehört habe, dass sie so vollständig inspirationslos und leer klangen. Diese Aufnahme ist nahezu vollständig ohne jenes schelmische Feuer, das so charakteristisch für Ian ist und das stets auch seine musikalischen Mitstreiter mitgerissen und ihren Auftritten eine einzigartige Energie verliehen hat.

Ein besonderes Kapitel ist Ians vokale Interpretation, die diesmal, milde ausgedrückt, unter aller Kritik ist. Nicht nur, dass der Mann bestimmte Parts nicht mehr singen kann – er gibt sich nicht mal die Mühe, sie zu singen, und klingt oft vollkommen lässig (und das liegt bei weitem nicht nur an seinem Stimmbruch Mitte der 80er). Auch die übrigen Bandmitglieder schlagen sich nicht viel besser. Anders als es die Tradition gebietet, versuchen sie hier allzu getreu den Studiooriginalen zu folgen, meiden Improvisationen und Solo-Einlagen – was für eine abenteuerlustig ausgerichtete Band wie Tull nie die beste Wahl ist. Das originale „Aqualung“ war bekannt für seinen überwiegend harten, Hard-Rock-Sound, während diese Interpretationen regelrecht beraubt – um nicht zu sagen kastriert – aller Saftigkeit zugunsten einer stärkeren akustischen Präsenz sind, und das auf vollkommen unausgegorene Weise. Daher klingen sie so gut wie vollständig unkenntlich. Auch Barres E-Gitarre spielt eine zu geringe Rolle – sie tritt in entscheidenden Momenten nur selten in den Vordergrund, während die Keyboards dafür umso mehr Raum einnehmen. Der komplette Verlierer ist auch Schlagzeuger Doane Perry, der mit einem ziemlich verwaschenen und repetitiven Schlagzeugsound kaum mehr wie er selbst klingt, während Noyce am Bass und Giddings an den Keyboards zumindest solide sind, wenn schon nichts anderes.

Echtes Lob verdient einzig Ians Flötenspiel, das nach wie vor auf bewundernswertem Niveau ist, obwohl er in seiner Karriere schon weit bessere Momente hatte. Eine so erlebnisarme und blutleere Interpretation ist das Letzte, was man von einer Band dieses Kalibers erwarten würde. Müsste man noch den besten Auftritt dieser Aufnahme auswählen, wäre es ihr bekanntester Klassiker – und ewiger Konzert-Evergreen – „Locomotive Breath“, den sie allerdings schon so oft gespielt haben, dass sie ihn auch mit geschlossenen Augen spielen könnten.

Es ist schlicht traurig, dass das Einzige auf dieser Veröffentlichung, das für treue Fans vielleicht noch halbwegs interessant sein dürfte, die kurzen informativen Zwischensequenzen sind, die ursprünglich zwischen den einzelnen Darbietungen platziert waren, aus logistischen Gründen aber ans Ende der Aufnahme gestellt wurden. Ian und Martin Barre (mit den üblichen Scherzen) sagen ein paar Worte über den Entstehungsprozess von „Aqualung“ und den einzelnen Songs. Und selbst daraus werden sie nur wenig erfahren, was sie nicht schon wissen – außer vielleicht dem Hinweis, dass amerikanische religiöse Fanatiker bei seiner Veröffentlichung Kopien des Albums auf Scheiterhaufen verbrannten, wegen seiner antikirchlichen Ausrichtung.

Nein, „Aqualung Live“ ist definitiv nicht das, was Liebhaber dieser Musiklegenden gerne in ihrer Sammlung hätten, zeigt es ihre Helden doch als eine ausgezehrte Gruppe, die nicht mehr einmal zu überzeugenden Interpretationen der Klassiker aus ihrem reichen Erbe fähig ist. Wer wie wir ihre Auftritte Jahr für Jahr besucht, weiß glücklicherweise, dass das nicht immer so ist und dass sie noch immer in der Lage sind, außerordentlich energiegeladene Auftritte hinzulegen und ihre Klassiker sowie weniger bekannte Werke mit Hingabe zu interpretieren. Es ist irgendwie ironisch, dass die Einnahmen aus dem Verkauf dieser Aufnahme wohltätigen Aktivitäten für Obdachlose zugutekommen sollten, denn das Album wird kaum jemand kaufen außer den treuesten Fans, die eben alles haben müssen, was bisher erschienen ist – was bedeutet, dass es nur wenig Einnahmen generieren wird. In gewisser Weise durchaus passend, denn bei „Aqualung Live“ merkt man allzu deutlich, dass es Ian nach so vielen Jahren in seinen Konzertinterpretationen zunehmend schwerer fällt, sich mit der zentralen Figur des Albums zu identifizieren, das ihm seinen größten Ruhm eingebracht hat. Immerhin war er so ehrlich, es den Besuchern ihrer Auftritte während der amerikanischen Tournee 2005 kostenlos anzubieten, während es im Handel (und das gilt auch bei uns) zum halben Preis verkauft werden soll.

Besetzung

Ian Anderson – Gesang, Flöte, Akustikgitarre
Martin Barre – E-Gitarre
Jonathan Noyce – Bass
Andrew Giddings – Klavier, Orgel, Keyboards
Doane Perry – Schlagzeug, Perkussion

Produktion

Ian Anderson

Trackliste

1. Aqualung (7:56)
2. Cross-Eyed Mary (4:34)
3. Cheap Day Return (1:43)
4. Mother Goose (5:39)
5. Wond’ring Aloud (2:00)
6. Up To Me (3:35)
7. My God (8:27)
8. Hymn 43 (4:22)
9. Slipstream (0:59)
10. Locomotive Breath (5:19)
11. Wind-Up (6:40)

Interviews:
12. Riffs – another monkey (1:27)
13. Recording the original (2:05)
14. Choosing my words with care (1:17)
15. Hummmmmm 43 (0:35)
16. A different kettle of very different fish (1:02)
17. But is it any good? (1:42)

Spieldauer: 59:22

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