Another Ticket
Interpret: Clapton, Eric
Label: Polydor Records
Erscheinungsjahr: 1980
Eric Claptons Karriere war um den Übergang in die Achtziger herum eine beliebte Zielscheibe für so manche Unannehmlichkeit. Nach seinem Abstecher in den Fernen Osten, der in Form des glänzenden Just One Night so brillant dokumentiert ist, hatte Eric erneut mit schweren gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, die den Gitarristen auf einer der folgenden Touren schließlich beinahe das Leben kosteten. Alkoholismus und das stets turbulente Treiben im engsten Clapton-Kreis führen uns schließlich zu Erics siebtem Album, einem seiner sentimentalsten Werke, das zugleich den letzten Akt der Zusammenarbeit des Gitarristen mit dem Label Polydor darstellt.
Another Ticket ist in jeder Hinsicht ein Meisterwerk. Das Album lebt von einer angenehmen Atmosphäre feinfühliger musikalischer Ansprache, passend gewürzt mit scharfem Gitarren-„Manipulieren“, das trügerisch zwischen spontan und extrem diszipliniert hin und her schlängelt. Die mittlerweile sprichwörtliche Kohärenz von Erics früheren Werken sorgt dafür, dass es auch auf Another Ticket nicht an Highlights mangelt – ganz im Gegenteil, sie reihen sich in geordneter Kolonne und vorbildlicher Reihenfolge schön eines nach dem anderen auf. Von inspiriert raffiniertem Gitarrengespiele in Something Special bis zu klaren bluesy Referenzen, die nach alter Clapton-Tradition beim Hörer langsam, aber zuverlässig das zuvor noch so tief vergrabene emotionale Funkeln freilegen. Auch diesmal spart Eric nicht an seinem eigensinnigen, aber durchweg erstaunlich konstant gesteuerten Qualitätslevel, das zu Beginn des neuen Jahrzehnts mutig die gewissenhafte Markierung der Eskalation im Ausdruck des Gitarristen fortsetzt.
Stimmungsmäßig ist das Album enorm kontrastreich und verlangt dank seines launischen Charakters wie ein verwöhntes Kind ständig ein gerüttelt Maß an Aufmerksamkeit. Dem Gitarristen ging damals wohl so einiges durch den Kopf, was sich auf Another Ticket auf Schritt und Tritt spüren lässt. Im unerbittlich rotierenden Roulette emotional aufgeladener Einfälle fehlen auch religiös inspirierte Motive nicht, die Eric zweifellos eine ganz eigene Zuflucht vor den Plagen der Welt und letztlich auch vor sich selbst bieten. Hold Me Lord ist in vielerlei Hinsicht genau das: eine retrospektive Seelenwallfahrt nach dem Vorbild von Presence Of The Lord, allerdings mit einer deutlich konkreteren Prise Verspieltheit beladen. Floating Bridge ist ein giftiges bluesy „Schlaflied“, das die tief in der mystischen Tradition des amerikanischen Blues vergrabenen Wurzeln des Gitarristen klar offenlegt. Nicht nur mit Gitarrenzauber bewaffnet, präsentiert sich Clapton mit der außergewöhnlichen Bearbeitung von Watersʼ Blow Wind Blow einmal mehr als unbestrittener König der innovativen Interpretation von Blues-Klassikern. Eric spielt diesmal sogar mit dem Gedanken, Muddys Linien vokal verschmitzt zu imitieren, was sich an der gelegentlichen Rauheit seiner Stimme erkennen lässt. Kein unbedingt erfolgversprechendes Rezept, doch Clapton bringt es diesmal ohne unangenehmere Nebenwirkungen über die Bühne. Auch durch I Cant Stand It kommt Clapton ohne Folgen hindurch. Dieser nette Song, der mit seiner deutlichen Hinwendung zu populären Gewässern punktet, schöpft seine Kraft kühn aus einer formal simpel angelegten Melodik, die sehr bald auch den Weg an die Spitze der weltweiten Charts fand. Schlichtheit, abgerundet mit einem Hauch scharfsinniger Romantik, prägt das Paar für diese Zeit unvorstellbar ruhiger Weisen, Black Rose und den Titelsong Another Ticket, mit denen Eric selbst die hartnäckigsten Skeptiker unermüdlich vom Sinn des Spielens mit hörbareren Themen überzeugt. Aber lasst euch von diesem Experimentieren nicht verwirren. Zum Schluss des Albums nimmt sich Clapton auf den Schwingen von Catch Me If You Can und dem schwindelerregenden Rita Mae, zwei phänomenalen Blues-Rock-Karussells, endlich auch wieder konkreteres Gitarrengezerre vor, das nach langer Zeit wieder an die besten Jahre des Gitarristen erinnert, als der damals noch enthusiastische Jüngling der Konkurrenz kompromisslos die Flügel stutzte. Gut fünfzehn Jahre später hat auch die Zeit selbstlos ihren Teil zur musikalischen wie persönlichen Entwicklung des Gitarristen beigetragen. Eric Clapton ist in der Zwischenzeit, sagen wir mal, bedingt ernster geworden, was sich schließlich am schönsten eben auf Another Ticket zeigt, das Lösungen eher im Geist von Kollektivismus und Eintracht sucht als im Individualismus. Vielleicht tatsächlich ein wenig ungewöhnlich, aber stets bewundernswert!
Another Ticket bestätigt, dass Eric Clapton allen fast verhängnisvollen Schiffbrüchen persönlicher Natur zum Trotz immer noch in glänzender Form war und zu noch so kühner musikalischer Erkundung fähig. Freuen werden sich vor allem diejenigen, die beim Stöbern im Erbe des großen Gitarristen Experimenten mit Reggae- und Country-Einflüssen lieber im großen Bogen ausweichen. Mit einem Album, das wohl für immer im Schatten der kommerziell gesehen viel mächtigeren Vorgänger Slowhand und Backless bleiben wird, öffnet sich dem Hörer eine breite Palette funkelnden musikalischen Spiels, eng verwoben mit einer stärker betonten bluesy Wendung, die nach Jahren des Experimentierens mit stilistisch vielfältigen Themen endlich wieder die wesentlichen Elemente des Blues ins Zentrum rückt.
Besetzung
Eric Clapton: Gesang, Gitarre
Chris Stainton: Keyboards
Albert Lee: Gesang, Gitarre
Gary Brooker: Keyboards
Henry Spinetti: Schlagzeug
Dave Markee: Bass
Produktion
Tom Dowd
Tracklist
1. Something Special
2. Black Rose
3. Blow Wind Blow
4. Another Ticket
5. I Can’t Stand It
6. Hold Me Lord
7. Floating Bridge
8. Catch Me If You Can
9. Rita Mae
Spielzeit: 38.34