Annihilierung des Kino Šiška! (2015)
Autor: Rok Klemše
Fotos: Jernej Vene
Ort: CUK Kino Šiška, Ljubljana
Konzertdatum: 15.10.2015
Dass Thrash Metal trotz seiner Höhen und Tiefen auch 2015 noch lebt, beweisen weiterhin die Veteranen Exodus, Testament, Death Angel, Slayer – und auch die kanadischen Legenden Annihilator, die kürzlich ihr bereits fünfzehntes Studioalbum Suicide Society veröffentlicht haben. Zugegeben, als Band unter der Führung des großen Jeff Waters bedeutet das Studiowerk schon lange nicht mehr allzu viel – aber live sind Annihilator eine Band, der kaum jemand das Wasser reichen kann. Dass das stimmt, haben sie auch mit ihrem ersten Konzert in Ljubljana seit vierundzwanzig Jahren eindrucksvoll bewiesen!
Pünktlich zur angekündigten Zeit betraten die australischen Thrasher Harlott die Bühne – interessanterweise als zweite australische Vorband im Kino Šiška nach nur einem Tag Abstand. Schon einen Tag zuvor hatten Tracer als Vorband für Apocalyptica gespielt und das Publikum überzeugt, und Ähnliches gelang nun auch Harlott, die zwar nichts sagen, was im Thrash nicht schon gesagt worden wäre – ihre Thrash-Vision ist aber explosiv und vor allem vollgepackt mit halsbrecherischer Energie. Harlott sind ihrem Namen nach echte Thrash-Huren, die mit großartiger kinetischer Bühnenenergie überraschten und mit Thrash Metal überzeugten – zwar mit offensichtlichen Einflüssen von Bands wie Exodus, Slayer, Death Angel und einer Prise tektonischem Thrash, aber das Ganze war nicht billig wie die geschmacklose Prostituierte Patty aus My Name Is Earl, sondern dank abwechslungsreicher Riffage, druckvoller Rhythmussektion und solidem Gesang reich und aufgetakelt wie eine »High-Class«-Begleiterin. Du australische Schlampe, du.
In ganz andere Genre-Gewässer führten danach die kalifornischen Archer, die auf die energische Wucht ihrer Mischung aus Hard Rock und Heavy Metal setzten – das Ljubljanaer Publikum konnten sie diesmal aber nicht überzeugen, denn es begleiteten sie sogar noch weniger Leute als Harlott. In erster Linie machte ihnen ein etwas schwächerer Sound zu schaffen, in zweiter noch mehr das Gepfusche des Schlagzeugers, der gleich mehrfach komplett danebenhaute. Archer punktet zwar mit dem außerordentlich versierten Gitarristen Dylan, der mit einigen spektakulär zerfetzten Soli aufwartete – die Band hat aber einen großen Makel durch den Einsatz nur einer einzigen Gitarre, denn gerade während der Soli klingt das Ganze verzweifelt leer. Komplett am Ziel vorbei lagen die Jungs mit ihrem Cover des Megadeth-Klassikers Tornado of Souls, das thematisch völlig fehl am Platz war – und mit nur einer Gitarre gespielt obendrein. Archer haben Potenzial, schöpfen es aber (derzeit) noch nicht aus.
Die legendären kanadischen Veteranen Annihilator, respektive el jefe Jeff Waters, waren bei uns zuletzt vor gut zwei Jahren auf den Metaldays 2013 zu Gast, wo sie begeisterten – uns mit ihrem knapp einstündigen Auftritt aber auch ein wenig unbefriedigt zurückließen. Wir Fans bekamen diesmal eine üppigere Portion: Annihilator kehrten zum ersten Mal seit 1991 (damals in der phänomenalen Gesellschaft von Pantera und Judas Priest) mit einem Hallenkonzert zu uns zurück – und das überhaupt zum ersten Mal als Headliner. Schon der einleitende Scorpions-Klassiker Rock You Like A Hurricane weckte mächtigen Appetit, den Waters und seine Gang mit einem Aperitif in Form des klassischen Brechers King of the Kill stillten. Auch wenn die Šiška diesmal nicht so voll war wie beim genre-verwandten Megadeth oder dem kürzlichen Machine Head-Konzert, antwortete dem Jeff das rund vierhundertköpfige Publikum schon von Anfang an im Refrain eifrig mit dem Ruf »Kill!«. Die Vorspeise mit einem Dreierpack Neuheiten vom neuen, bereits fünfzehnten Studioalbum Suicide Society war zwar kein besonderes Schmankerl, doch die neuen Tracks zeigten, dass die Sorge, Jeff würde vokal nicht gut genug abschneiden (Waters übernahm die Gesangsarbeit nach dem Abgang von Dave Padden, dem einzigen dauerhaften Bandmitglied der letzten zehn Jahre), unbegründet war. Obwohl der Gesang im Klangbild etwas leiser als gewöhnlich war, überraschte Waters als Vokalist tatsächlich sehr positiv – auch in guter Form, vor allem in Stücken, in denen er vokal in die deutlich größeren Schuhe von Randy Rampage, Coburn Pharr oder Aaron Randall schlüpfen musste. Über das Instrumentalbild bei Annihilator braucht man keine Debatte zu führen – Waters ist ein Mann, der mit seiner Gitarre auf der Bühne eins ist, sein Spaziergang über das Gitarrengriffbrett war wieder eine wahre Augenweide, und auch die beiden Neuzugänge, Gitarrist Aaron Homma und Bassist Rick Hinks, schlugen sich souverän. Der energische und charismatische Waters sieht seinen 49 Jahren kein bisschen an – seine großartige Bühnenform steigerte er noch durch humorvolle Kommunikation mit dem Publikum, noch mehr aber durch die Bonbons in der Setlist. Die unvergesslichen Hymnen Set the World On Fire, Never, Neverland und Alison Hell durften natürlich nicht fehlen, und das Herz machte einen Sprung bei Tricks and Traps (von der echten Waters-Soloplatte Remains), dazu Brain Dance und das Gourmet-Medley Chicken And Corn/Kraf Dinner. Nach gut anderthalb Stunden verabschiedeten sich Annihilator in der zweiten Zugabe mit Human Insecticide, und Jeff ließ durchblicken, dass wir uns vielleicht nächstes Jahr wieder in Tolmin treffen. Und Annihilator haben wirklich erschüttert wie ein Orkan! Eh!
Setlist
ANNIHILATOR:
1. King of the Kill
2. Snap
3. Suicide Society
4. Creepin‘ Again
5. No Way Out
6. Set the World On Fire
7. W.T.Y.D.
8. Never, Neverland
9. Trick And Traps
10. Bliss/Second to None
11. Refresh the Demon
12. Ultraparanoia
13. Brain Dance
14. Phantasmagoria
15. Chicken and Corn/Kraf Dinner/21/Reduced to Ash
16. Alison Hell
17. Human Insecticide
Bildergalerie





