Amok
Künstler: Atoms For Peace
Label: XL Recordings
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 44:35
Bewertung: 4/5
In den alternativen Gewässern gibt es nur wenige so mutige Experimentatoren, denen es herzlich wenig kümmert, wie sie allgemein aufgenommen werden, wenn sie sich blind in noch unerforschte musikalische Gewässer stürzen. Einer dieser Abenteurer ist der Frontmann der Oxforder Band Radiohead, Thom Yorke, dem ich mich bei jeder einzelnen Platte mit Präzision, ehrfürchtigem Respekt und zunächst auch einer gehörigen Portion Vorsicht nähere, um nicht allzu enttäuscht zu sein vom sonischen Diskurs eines nicht immer direkten und nicht immer vollkommen klaren musikalischen Zugangs zu epischer Schönheit. Ähnliche Gefühle überfielen mich auch bei der Nachricht, dass er sich mit dem bislang sehr produktiven, aber eher »straightforward« ausgerichteten Flea zusammengetan hat, und aus dem totalen Experiment der Band Atoms For Peace ist dieses Jahr das vielbesprochene Album Amok hervorgegangen, das, Hand aufs Herz, die kritischen Fans spaltet und dem laufenden Jahr mit mosaischer Göttlichkeit einen ganz besonderen Stempel aufdrückt. Hand aufs Herz – ganz ähnliche Gefühle haben mich bereits bei allen musikalischen Eskapaden Yorkes seit Kid A erschüttert, und Atoms For Peace ist eine Geschichte, die ich am leichtesten und elegantesten mit dem Soloalbum The Eraser verknüpfe. Warum? Weil die volle Bedeutung des Albums Amok irgendwo dazwischen liegt – zwischen all diesen Universumsbruchstücken, wegen derer es schwer ist, im Handumdrehen Urteile über Genialität ohne echte Begründung zu fällen.
Thom hat seine Kräfte listig auch mit dem talentierten Programmierer und Produzenten Nigel Godrich vereint, und neben dem rhythmusaffinen Flea sorgen für den vollen Punch des treibenden Rhythmus noch der R.E.M.- und Ultraista-Schlagzeuger Joey Waronker sowie das Mitglied von Forro In The Dark, Perkussionist Mauro Refosco. Der verarbeitende Kern aller Ideen ist zweifellos Yorke, was jeder der neun Tracks des meditativ-melancholischen Albums Amok ausstrahlt. Anstelle einer klassischen Struktur steht hier die Klangfülle im Vordergrund, und Yorke webt in seine Mantra aus Rhythmus und knallender Elektronik genug Organisches ein, sodass die Aufnahmen lebendig und überzeugend klingen. Ähnliches zeichnete zwar auch die Radiohead-Eskapaden der jüngeren Millenniumsgeschichte aus, aber ich kann nicht behaupten, dass Amnesiac, Kid A oder In Rainbows in ihrer organischen Dichte eine direkte Assoziation zu Lebendigkeit wären. Eher höre ich hier die Präsenz eines modernen musikalischen Cyborgismus, der Anbindung des Menschen an die Maschinerie, die der Musik zwar etwas mehr eskapistische Weite, scheinbare Freiheit und metaphysische Körperlosigkeit verleihen kann, aber der Mangel an Schweiß, Tränen und Blut nimmt der Musik gleichzeitig auch so manches weg. Thom Yorke hat all diese Gebote bewusst gebrochen und mit seiner ihm eigenen melankolischen Herbe und Sturheit einen Schleier gewebt, den sich kein anderer so souverän und überzeugend umhängen könnte, ohne imitatorisch, mutlos und banal zu wirken.
Amok ist alles andere als das. Es ist ein exzellentes Geflecht aus U2-haftem Bass in einem Meer präziser rhythmischer Metrik, und die knallenden Samples fallen trotz der Statik eklektischer Kunst nicht nackt, kalt und bloß zum Lückenstopfen aus. Amok hat keine Lücken in der Textur, denn die Textur basiert einzig auf schematischen Entwürfen, und die Studio-Jam-Session trägt das Konzept von weichen Intros bis zum Höhepunkt und zum organischen Erguss. Der verrückte Doktor Yorke ist ein Genie darin, den intimen Trip sich wiederholender Muster zu steigern, und bei aller Repetitivität der Tracks, die ineinander überfließen, bleibt dir eher das Gesamtbild des Albums im Ohr als ein einzelner Vers oder Track. Und dieses Gesamtbild ist lyrisch unverwechselbar das von Yorke, und mit pessimistischen Reihungen postjugendhafter, ungelöster juveniler Konflikte bleibt es ein beständiges, anklagendes Echo der Ohnmacht. Und dieses Echo sickert aus dem Eröffnungstrack Before Your Very Eyes, in dem genau das Altern und das Verharren an Punkt X das Herzstück des gesamten Tracks ist. Und so geht die Szenografie auf demselben Gleis auch beim Track Default weiter, der zwar an Gorillaz erinnert, aber mit wesentlich mehr Herbe, Bitterkeit und aderschneidender Schärfe.
Damit das klar ist – auch ich habe auf dem Album meine Favoriten. Darunter ist das außergewöhnliche Ingenue, das allerdings nur eine Verlängerung der Erzählung des farbenprächtigen In Rainbows auf Amnesiac-Art ist. Das ist nur meine persönliche Wahrnehmung und Präferenz, aber Tatsache ist, dass Atoms For Peace eine Reihe von Assoziationen und schlummernden Erinnerungen wecken. Die Kettenreaktion setzt sich fort mit dem für Yorke typischen Zynismus, der meditativen Tanzhaftigkeit und der intergalaktischen Ausgedehntheit des Tracks Dropped oder dem schwebend-unbestimmten Unless. »I couldn’t care less« singt Yorke, und ja, man kann ihm sogar glauben, dass der Faktor Publikumsgunst hier im Hintergrund steht. Amok entfaltet sich phänomenal zwischen dem linken und dem rechten Ohr, den vollen Effekt der genialen Produktion erlebst du aber erst, wenn du das Album in einen Player mit guten Kopfhörern legst, die Augen schließt und zulässt, dass sich vor deinen Augen leuchtende Fraktale entfalten und Schamanen ihren Tanz der Entfremdung tanzen, und dein Herz für einen Moment oder zwei in einen Zustand tiefer meditativer Verschmelzung mit dem Schmerz der Welt und des Universums kalibrierst, den Yorke auf seinen schmächtigen Schultern trägt. Und das deshalb, weil er sich selbst so als Richter, Geschworener wie auch Henker aufzutreten vermag, wie auch der Titel eines der Tracks bedeutungsvoll andeutet…
Und in dieser Haltung ist er galant und überzeugend, auch wenn vom Ganzen kaum vollständige Teile übrig bleiben, die man sich über den Tag summen oder singen könnte. Atoms For Peace ist eine Band, die vollständige Entladung mit vollständigem Klang bietet, und die Musik ist hier eher ein Schmetterlingsfangen des Augenblicks als ein einbetoniertes Konstrukt, das starr den Erwartungen der Massen trotzen und die Seelenlosigkeit des allgemeinen Massengeschmacks stützen würde. Genau deshalb, weil das Ganze so viel mehr an esoterischer Fülle bietet, die nicht nach dem Geschmack der durchschnittlichen Ottos und Micks ist, kann ich sagen, dass Atoms For Peace es geschafft haben, ein Album zu machen, das auf irgendeine unbegreifliche Weise faszinierend und ansprechend ist – die Antwort darauf aber müsst ihr euch durch viele mühevolle Wiederholungen beim Hören selbst erarbeiten. Ich selbst habe mich in Amok verliebt, weil es so wunderbar popoid-eklektisch allen Grenzen und Rahmen entflieht und bei aller Breite und Undefinierbarkeit keinen Deut Seele kompromittiert – trotzdem handelt es sich nicht um eine Platte, die dir an jedem beliebigen Tag Trost spenden kann, denn sie verlangt verdammt viel Konzentration und eine dicke Haut, durch die du dem möglichen Wunsch nach einer suizidalen Abrechnung mit dir selbst und all den angehäuften dunklen Gebilden und Dämonen nicht nachgibst…
Besetzung
Thom Yorke – Gesang, Gitarre, Keyboards und Programmierung
Flea – Bass
Nigel Godrich – Programmierung, Samples
Joey Waronker – Schlagzeug
Mauro Refosco – Perkussion
Produktion
Nigel Godrich
Trackliste
- Before Your Very Eyes
- Default
- Ingenue
- Dropped
- Unless
- Stuck Together Pieces
- Judge, Jury And Executioner
- Reverse Running
- Amok