All You Need Is Now

0 12

Künstler: Duran Duran
Label: Tapemodern
Erscheinungsjahr: 2011
Bewertung: 4/5

Duran Duran kennt so ziemlich jeder. Vor allem jene, die ihre Wackelzahnjahre mit den Achtziger-Hits wie Girls On Film, Hungry Like A Wolf, Save A Prayer, The Reflex, Union Of The Snake, Wild Boys,… verbracht haben. Bekannt ist auch, dass die Alben nach der Wiedervereinigung der Band in der zweiten Hälfte der Achtziger – sprich in der Post-Arcadia/Power Station-Ära – qualitativ stark schwankten. Das liegt vor allem daran, dass die Band kommerziellen Erfolg gewohnt war, der in der neueren Zeit längst nicht mehr allein an der musikalischen Qualität eines einzelnen Künstlers hängt.

Wie dem auch sei, Duran Duran haben nach „Notorious“ immer erst dann ein wirklich erfolgreiches Album rausgebracht, wenn sie sich dem klassischen Sound angenähert haben – jenem Sound, in dem die Parallelen zum zweiten New-Wave-Boom der Achtziger kaum zu übersehen sind, dessen Anführer sie einst waren. So half ihnen das Album „Duran Duran“ (1993), bekannt als „The Wedding Album“, durch die Neunziger, und die erste Dekade des neuen Jahrtausends überbrückten sie mit der überaus erfolgreichen Rückkehr zum klassischen Sound auf dem Album „Astronaut“ (2004). Was danach kam, ist nur ein blasser Abklatsch von „Astronaut“. In der Zeit nach dessen Veröffentlichung hatten die Jungs schon Material für ein neues Album bereit, doch Andy Taylor verließ die Band völlig überraschend, und die Gruppe war gezwungen, das mit Andy Taylor entstandene Material buchstäblich zu „löschen“ und ganz neue Songs zu schreiben. Man wandte sich Justin Timberlake zu (ja, du liest richtig), was ihnen die weniger erfolgreiche und ausdrucksschwächere Platte „Red Carpet Massacre“ (2007) einbrachte.

Offensichtlich hat sie das aufgeweckt, und sie blickten erneut auf ihre goldenen Achtziger zurück. Egal, dass Andy Taylor nicht mehr in der Band ist – „All You Need Is Now“ beweist, dass Duran Duran noch immer verdammt ähnlich wie ihr traditioneller Sound klingen können. In manchen Songs fällt es nicht schwer, Parallelen zu ziehen, wenn man den Einsatz des Retro-Synthesizer-Sounds sowie die Gitarrenbegleitung (die verwendeten Gitarrenphrasen) mit den Songs der ersten drei Duran Duran-Alben vergleicht. Angesichts einiger trivial lösbarer Leitmotive des neuen Albums, die sofort Assoziationen zur ersten Hälfte der Achtziger wecken, darf man zu Recht fragen, wie viel davon echter Wunsch der Band nach einer Rückkehr zur Retro-Nostalgie ist – und wie viel schlicht der Wunsch nach möglichst guten Verkaufszahlen des neuen Albums, das im Dezember 2010 über iTunes erschien (als bezahlter digitaler Download) und bereits ausgezeichnete Chartpositionen weltweit einsammelt. Das deutet zumindest darauf hin, dass die Wiederholung des Erfolgs von „Astronaut“ bereits gesichert ist.

Der Albumauftakt mit dem Titeltrack lässt in den ersten 50 Sekunden noch nicht ahnen, was der vorherige Absatz beschreibt – doch dann verwandelt sich die ganze Sache sehr unvermittelt in einen Chorus, der nach Gitarrenphrase und Rhythmus direkt auf New Moon On Monday verweist.

Duran Duran gehen auf dieser Retro-New-Wave-Platte ganzheitlich vor, auf der Suche nach dem richtigen Gleichgewicht beim Schichten der einzelnen Bausteine, die den reichen, aber „polierten“ Sound ausmachen. Besonders geht es hier um das Zusammenspiel von Keyboards und Gitarre, während Le Bons Gesang erwartungsgemäß in der Produktion dominant platziert ist und das gesamte Album auf einem starken tänzerisch-rhythmischen Fundament basiert. Manche Rhythmen sind ganz bewusst mit Übergängen verwoben, die sogar Momente des Debüts von 1981 wiederaufleben lassen. Natürlich ist das neue Album kein „Rio II“, eher lässt es sich als „Astronaut II“ bezeichnen. Sein Flirt mit dem Erbe der ersten Hälfte der Achtziger ist aber deutlich direkter als bei „Astronaut“. In der Produktion ist die melodische und enorm aktive Basslinie von John Taylor klar hervorgehoben – was in Momenten, wo die Gitarre nur noch sanft die Hintergrundsaiten zupft, zusammen mit den retro-klingenden Keyboards eine direkte Anlehnung an New Wave beschwört, eine intelligent weiterentwickelte Fraktion des Siebziger-Punk, die man sogar als „Synth Art Punk Pop“ bezeichnen könnte. Dem folgt das Album im weiteren Verlauf sowohl über Blame the Machine als auch noch offensichtlicher mit Being Followed. Letzterer wirkt unter punkigem Schleier, die Strophen wie ein „zeitgenössisches“ Planet Earth.

Die Gitarre ist zufriedenstellend saniert. Sie flirtet auf dem Album durchgehend mit dem, was Andy Taylor einst in die Band einbrachte – auch wenn die Lücke, dass Andy eben nicht dabei ist, nie vollständig geschlossen werden wird. Hier bleiben die neuen Duran Duran beim Ausdruck von Retro-Nostalgie im neuen Jahrtausend eben ein Stück weit gehandicapt. Und hier stellt sich die Frage, ob das überhaupt der gesamte Zweck des neuen Albums ist.

Das sanft verträumte Leave A Light On ruft Vergleiche mit Save A Prayer hervor und zählt bereits zu den engeren Anwärtern auf den nächsten Hit-Kandidaten. Logisch, dass auch alle Fans des Hits Come Undone auf so einen Track abfahren werden. Es ist ein perfekt ausgearbeiteter, kompakter Strophe-Refrain-Verbund, der die Stimmung des Albums hervorragend auf neue Gleise lenkt. Den Schwenk zu tänzerischen Disco-Rhythmen der Siebziger mit Einsatz einer funkigen Gitarre bringt Safe – klingt wie ein verlorener Track vom Album „Astronaut“, ganz besonders wegen der verwendeten Harmonien der kokett arrangierten weiblichen Backgroundgesänge. Girl Panic ruft nicht nur durch den Titel Assoziationen zum Hit Girls On Film wach – das gesamte Grundgerüst des Songs ist auf den Gleisen besagten Hits aufgebaut. Vor allem die Rhythmuslinie kann das kaum verbergen.

The Man Who Stole A Leopard setzt die Tradition der oft bewusst gewählten Unlogik bei Songtiteln fort, die aus dem unverwechselbaren Achtziger-Image der Band herrührt, und die Einleitungsstrophe erinnert im Einsatz der Keyboards sogar an den Song The Chauffer. Wenn Nick Rhodes sich bei der Integration von Synthesizern an irgendeinem früheren Duran Duran-Album orientiert hat, dann definitiv am Album „Rio“ (1982). Die geschmackvolle Einbindung von Streicherklängen weckt Assoziationen an die „Night Version“-Mixe von Songs wie Planet Earth oder  My Own Way. Und schließlich gibt es noch einen Song, der sich bei Rhythmen und Synthesizer-Einsatz direkt bei Rio und Hungry Like A Wolf bedient. Die Rede ist von Runaway Runaway. Ungeachtet aller Anmerkungen zu den Ähnlichkeiten trotzen Duran Duran dem auf dem Album durch die erfolgreiche Integration vielfältiger Lösungen in den Kombinationen der Leitthemen. Das bedeutet: Kreative Frische und Inspiration haben sich im neuen Jahrtausend noch nicht verflüchtigt.

Duran Duran haben ein wirklich gutes Retro-Nostalgie-Album auf den Markt gebracht, das alle Fans ihrer ersten drei Studioalben erfreuen wird – wie auch jene, denen das Album „So Red The Rose“ des Projekts Arcadia gefällt. Auch wenn die Zeiten neue sind und „All You Need Is Now“ die Band nie wieder an den Ruhm vergangener Tage heranführen wird, auch inspiratorisch nicht – Duran Duran haben mit dem neuen Album gezeigt, wo sie sich am wohlsten und heimeligsten fühlen. Sie stiegen hinab zu ihren Wurzeln, in das natürliche Klimakterium ihrer Geburtswiege, und haben die Ideen neuer Motive im Moment der Nostalgie überaus überzeugend – und in jeder Hinsicht glaubwürdig – herausgearbeitet. Le Bon singt wie vor 30 Jahren, Rhodes benutzt Klänge aus dieser Ära, die Produktion der melodisch bewegten Bassgitarre ist durch und durch „Eighties“, ebenso  das rhythmisch-tänzerische Pumpen der ansonsten vollständig organischen Drums. Dieses sehr solide Album wird noch durch das experimentelle Before The Rain gestützt – ein Song mit größerer motivischer und damit stimmungsmäßiger Variationsbreite, was angesichts des ansonsten eher trivial-minimalistischen Ausdrucksartismus der Band eine kleine Überraschung darstellt. Das ist ein Album, das in jede Sammlung aller „Retro-Eighties“-Nostalgiker gehört, und schon jetzt ist klar, dass das Material bei den Konzerten der bevorstehenden Tour mehr als bestens mit den älteren (klassischen Hit-)Freundinnen zusammenpassen wird.

Das Album garantiert von Anfang an die Rückkehr in die Charts weltweit und kommerziellen Erfolg. Der Wunsch nach echtem Artismus hin oder her. In erster Linie ist der Profit von vornherein gesichert. Deshalb ist „All You Need Is Now“ in allererster Linie ein sehr bedachtes und besonnenes Album, und Duran Duran haben damit (nach „Astronaut“) erneut bewiesen, dass sie alte abgebrühte Hasen sind, die mit Erfahrung und Wissen mühelos frische Ideen durchfließen lassen und diese mit der Ausdruckskultur des eigenen Artismus einer längst vergangenen Ära stempeln – einer Ära, die sie selbst mitbegründet haben. Deshalb gebührt auch dem Album „All You Need Is Now“ alle Glaubwürdigkeit!

Besetzung

Simon Le Bon – Gesang
John Taylor – Bassgitarre
Nick Rhodes – Keyboards
Roger Taylor – Schlagzeug

MITWIRKENDE MUSIKER:
Dominic Brown – Gitarre
Nina Hossain – Gesang (Tracks 2, 7)
Anna Ross – Hintergrundgesang (Track 3)
Jamie Walton – Cello (Tracks 3, 9)
Mark Ronson – Gitarre (Track 4)
Ana Matronic – Gesang (Track 5)
Tawiah – Hintergrundgesang (Track 5)
Kelis – Gesang (Track 7)
Owen Pallett – Streicherarrangements, Dirigat (Track 7)
The St. Kitts String Octet – Streicher (Track 7)

Produktion

Mark Ronson

Trackliste

1. All You Need Is Now (4:46)
2. Blame the Machines
 (4:06)
3. Being Followed
 (3:47)
4. Leave a Light On
 (4:36)
5. Safe (In the Heat of the Moment) (featuring Ana Matronic) (3:59)
6. Girl Panic!
(4:31)
7. The Man Who Stole a Leopard (featuring Kelis) (6:13)
8. Runway Runaway
(3:04)
9. Before the Rain (4:12)

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies