AKA Neomi: Beautiful Disasters

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Label: Eigenveröffentlichung
Erscheinungsdatum: 18.01.2020
Albumlänge: 39.18 min
Produzent: Mario Babojelić
Genre: indie-rock / art pop
Bewertung: 9.5 / 10


AKA Neomi ist eine slowenische Indie-Art-Pop-(und Rock-)Band, die vor einiger Zeit ihren Namen »aufgefrischt« und etwas »verlängert« hat. Unter dem Namen Neomi erschien 2011 das Album »Poglej« – die RockLine-Rezension HIER. Hinter dem Namen Neomi steckt eigentlich die künstlerische Ausstrahlung und Natur der Sängerin Saša Vipotnik. Auf ihrer markanten Stimme und ihren Ideen baut überwiegend die Ausdrucksweise der Songs der Band auf. Acht Jahre zwischen dem Album »Poglej« und dem neuen »Beautiful Disasters« sind eine lange Zeit, und dazwischen ist eine Menge passiert. So hat sich auch die musikalische Vision nach und nach gewandelt und ist so weit gereift, dass Saša und ihr Team die Anpassung des Namens für die neue Band in neue Zeiten als sinnvoll erachteten – so wie es der Inhalt des Albums »Beautiful Disaters« begründet.

Ein wichtiger Baustein, der den neuen Kunstanspruch der Band antreibt und den Kern der Veränderungen klar widerspiegelt, ist auch der ausgezeichnete Musiker Mario Babojelić. Ja. Wann immer die Rede von Babojelić ist, wachsen die Erwartungen an die Erkundung unerforschter musikalischer Dimensionen. Das treibt sein oft spürbar intuitives Erkunden musikalischer Information im Äther an – nennen wir es direkt: die Erwartung an ein reichliches Maß an Experimentieren mit Klangcollagen, die eine Klanglandschaft erschaffen (die Briten haben dafür dank dem Phänomen Robert Fripp den tollen Begriff »soundscapes«). Saša Vipotnik hatte auf dem Album »Poglej« das Publikum mit ihrem unverwechselbaren vokalen Charme einer starken und allgegenwärtigen Soul-Ästhetik verzaubert; auf dem neuen Album erweitert und pflegt sie ihre Gesangsnatur mit reifer Hand. Saša besitzt eine ganz eigene vokale Ausstrahlung, die ansteckend und – was entscheidend ist – wiedererkennbar ist. Diesmal hat sie für AKA Neomi die Texte auf Englisch geschrieben, und interessanterweise verhält sich der Gesang (angesichts der neuen Charakteristiken im Umgang mit der Metrik) in den neuen musikalischen Arrangements deutlich anders als auf dem Album »Poglej«. Der wesentliche Unterschied ist der entschiedene Sprung des Albums »Beautiful Disasters« in die Felder elektronischer Arrangement-Konzepte, was es deutlich vom überwiegend akustischen Inhalt des Albums »Poglej« abhebt.

Das Album »Beautiful Disasters« findet äußerst erfolgreich den Anschluss an die weltweite (neue) Pop-Soul- und Indie-Rock-Ästhetik, wobei sein expressives »Konglomerat der Ursprünglichkeit« eine klare und unbeschwerte Note der strengen Kunstprämisse diktiert. Das bedeutet, dass das Album zwar für Radiofrequenzen durchaus tauglich klingt, aber nicht damit belastet ist, dass sein Inhalt dort um jeden Preis landen müsste. »Beautiful Disasters« wirkt in der Ästhetik delikater Feinmechanik der klanglichen Formgebung und Produktion nicht nur zeitgemäß, sondern äußerst attraktiv – denn in den Arrangements, mit ausdrücklich betonten Kontrasten der Klangbildbausteine, ist es außerordentlich vollkommen, ausgefeilt, poliert, was bedeutet, dass es als Manifest eines engagierten Perfektionismus einen langen Entstehungsprozess durchlaufen hat. Dass die Band in neue Zeiten einbricht, kündigten bereits die Songs Istanbul, She Knows und White Dove an, die die Band noch unter dem Namen Neomi 2015 auf YouTube veröffentlichte. Von den drei genannten hat nur der Song White Dove den Weg auf das Album »Beautiful Disasters« gefunden. Er ist zwischen Interlude und Outro eingebettet, hat einen Hauch von Jazz und bewahrt im Gegensatz zum raschelnden Wogen von Synthesizer-Pastellen und pastellfarbenen Gitarrenlinien mehr »traditionelle klangliche Erdung«. Den Grund für die Entscheidung der Band, ihn ans Ende der Albumtrackliste zu stellen, darf man wohl genau darin suchen, dass er sich in der Arrangierung etwas vom Rest des Albums entfernt.

»Beutiful Disasters« ist durchgehend ein anspruchsvoll und angenehm abwechslungsreiches Album voller vielfältiger Ideen, die beständig eine charmante Note musikalischer Zugänglichkeit aufrechterhalten, dabei aber gleichzeitig auch eine prägnante Note seines ureigenen Kunstanspruchs. Im Verschmelzen der Welten von klanglichem Experimentieren und unmittelbarer musikalischer Eingängigkeit (Zugänglichkeit) ist der siebte Song des Albums, Empty Bottles, mit Sicherheit der expressive Höhepunkt des musikalischen Charakters des Albums »Beautiful Disasters«. In diesem Song kommt besonders das theatralische Steigern der Atmosphäre zum Ausdruck, das vor allem im abschließenden atmosphärischen Crescendo – wallend auf einer vielschichtigen Verschmelzung von Klangcollagen synthetisierter Gitarrenlinien, wobei Babojelić sogar etwas lawinenhafte Verzerrung einschmuggelt – das Optimum der Vereinigung zweier Welten erreicht. Der Begegnung mit reizendem klanglichem Experimentieren und der Pop- und Soul-Ausstrahlung, die die Gesangsmetrik in pittoreskem Kontrast versöhnlich aufrecht erhält.

Es ist schwer, Parallelen zur Band zu finden. Im Grunde gibt es keine. AKA Neomi können jedoch eine Fangemeinde der Liebhaber von Bands von Silence bis hin zu Pliš oder den verstorbenen Melodrom ansprechen. Das sagt eigentlich nichts aus, beziehungsweise deutet es darauf hin, dass die Ebene genreübergreifender Verschmelzung auf »Beautiful Disasters« allgegenwärtig ist und es sich also um ein genreübergreifendes Album handelt. Hier reichen sich in einem äußerst versöhnlichen Dialog beständig die Hände: die erwähnte Ausstrahlung neuer Soul- und Pop-Frisur, Kabarett-Chansons, betontes Experimentieren mit elektronischen Klängen, dazu tritt ein raffiniert getarntes Indie-Rock-Element, und da ist noch der flüchtige Hauch von Jazz. Deshalb ist klar, dass  AKA Neomi einzigartige musikalische Eigengewächse sind, mit einer Kunstrhetorik, die aus einem völlig ursprünglichen musikalischen Teig geknetet ist.

Der sanft streichelnde, milde und lebhaft sehnsuchtsvoll klingende Gesang von Saša, der in den Arrangements mit einem Hauch des Flüsterns anspricht – mit einem Effekt, als käme er aus dem Jenseits –, wird durch reiche Klangcollagen einer ausgefeilten Ästhetik der Beschäftigung mit elektronischen Klangcollagen veredelt, wobei gleichzeitig eine klare Stütze in organischen Tönen stets spürbar ist, die durch die Integration des Klaviers gebracht wird, sowie die Tiefe der Basistöne, für die an der Bassgitarre der ausgezeichnete Dejan Slak (Moveknowledgement, Dubzilla,…) sorgt. Saša hat das Team für das Album »Beautiful Disasters« gründlich umgekrempelt, was eine Änderung der musikalischen Ausrichtungen nach sich zog. Das spiegelt das Bild der Substanz des neuen Albums wider, dem eine neue Truppe erstklassiger slowenischer Musiker vorsteht, zu denen sich als besonderer Gast an der Trompete auch Igor Matković integriert hat.

Das Album hält an der bewährten künstlerischen Rezeptur fest und gibt in ihr nicht nach. Es wirkt durchgehend zerebral, »transzendental«, versucht den Hörer auf Felder zu führen, wo man das Rationale abschaltet und die Wirkung solcher Musik zu einer völlig neuen und eigenartigen Erfahrung wird. Es trägt nämlich ein Element der Psychedelik in sich. Wenn du dich dieser Musik hingeben kannst und dich dabei nicht fürchtest, das Rationale abzuschalten, kann sie dich weit, weit tragen. Weiter, als du je erwartet hättest. Deshalb lohnt es sich immer, sich für ein solches Album Zeit zu nehmen und es auch so auf sich einwirken zu lassen, dass du das Bewusstsein abschaltest und dir damit einen Raum zu einer neuen Dimension von Informationen öffnest, die dich sonst nicht erreichen könnten. Du wirst reichlich belohnt werden. Alles in allem eines der schönsten slowenischen Musikwerke, das bereits im Januar 2020 ankündigt, dass es unter den diesjährigen Veröffentlichungen slowenischer Musikalben mit Sicherheit eines der meistbeachteten werden wird.

Und zu guter Letzt. Endlich ein slowenisches Album, dessen Cover nicht schwarz, weiß, grau oder eine Kombination aller drei ist – was sonst unser unvergängliches Mantra ist –, sondern das mit einem wunderschönen bunten Motiv geschmückt ist, mit der unverhohlenen Botschaft des Albums, die die Zeit verkörpert, in der wir leben. In starrer Stille bewundern wir die ganze Schönheit des dystopischen Zerfalls der Welt.  

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Silent
2. 19 Years
3. Moviestar
4. Beautiful Distractions
5. Yellow Pill
6. Family
7. Empty Bottles
8. Interlude
9. White Dove
10. Outro

Besetzung:
Saša Vipotnik – Gesang
Mario Babojelič – Gitarre, Keyboards, Drum-Programmierung
Erik Marenče – Klavier, Keyboards
Dejan Slak – Bassgitarre, Bass-Synthesizer
Marko Grubar – Schlagzeug

Gastmusiker:
Jernej Kržič – Bassgitarre, Bass-Synthesizer auf Songs Nr. 3 und 4
Igor Matkovič – Trompete auf Songs Nr. 8 und 9
Boštjan Gradišek – Schlagzeug auf Song Nr. 4
Dorian Granda – Schlagzeug auf Song Nr. 3
Peter Jenko – Synthesizer auf Songs Nr. 3 und 4


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