Act Of Hybris
Interpret: Aperion
Label: Eigenveröffentlichung
Veröffentlichung: 2010
Spielzeit: 47:57
Bewertung: 4/5
Aperion, eine aufstrebende slowenische Gothic Symphonic Folk Metal-Band aus Žalec, hat es endlich geschafft, ihr Studio-Debüt auf den Markt zu bringen. Es ist eine ausgezeichnete Sache, mit bis ins kleinste Detail ausgefeilten Arrangements, die den eigenständigen kompositorischen Ansatz der Band offenbaren. Dieser Ansatz verleiht der Band einen so klar definierten Wiedererkennungswert. Das ist ein sehr wichtiger Ausgangspunkt für den weiteren Durchbruch auf der Musikszene und die Festigung des eigenen Namens.
Natürlich habt ihr Kenner beim obigen analytischen Etikett wahrscheinlich aus dem Meer der Assoziationen Bands wie Nightwish, Epica, Delain, Within Temptation, Leave’s Eyes,… heraufbeschworen. Nichts davon, damit das klar ist. Aperion erinnern nur in einzelnen Momenten an Nightwish, und das dank der operntechnisch geschulten, ansonsten phänomenalen Stimme von Sängerin Zala Hodnik.
Von verwandten europäischen Bands unterscheidet Aperion ein klar ausgeprägter und hervorgehobener Ansatz der Gestaltung natürlicher Klangstrukturen, Verflechtungen und Schichten, die ihren Sound aufbauen. Organischer Sound. Ohne Synthesizer! Viele Gleichgesinnte aus dem westlichen Teil Europas lösen das symphonische Element häufig so, dass sie all diese Arrangements aus Keyboards herausholen und die Keyboards im Grunde die Rolle des Orchesters übernehmen. In der Regel haben Keyboarder bei solchen Bands eine entscheidende Rolle bei der Evolution des Sounds und des Stils (Nightwish, Delain). Ebenso faszinierend ist, wie bei all diesen Bands die E-Gitarre dennoch in den Vordergrund gedrückt wird. Die Kosmetik des künstlichen Synthesizens im Streben nach einem symphonisch „breiten“ Klangbild verbergen solche Bands oft dadurch, dass sie der E-Gitarre durchgehend die Initiative bei Soli, Gitarrenharmonien überlassen – auch das Riffing wird in der Produktion betont. Das ist eine Art Kompensation für das Fehlen organisch gestalteter Klangcollagen.
Aperion hingegen minimieren die Bedeutung der E-Gitarre bis zu dem Punkt, an dem man sie dennoch jederzeit unbedingt zu den Metal-Bands zählen kann. Aber das ist das Minimum. Riffs. In der Produktion so abgestimmt, dass sie keine dominante Position im Klang einnehmen – oder nur an den Stellen, wo die Band bewusst eine bestimmte Atmosphäre erschaffen will (Ocean, The Concept). Doch beim Überfluss an harmonischen Verflechtungen des natürlichen Klangeinsatzes, den Streicher und Flöte erzeugen, erhält der Hörer eine tiefer definierte Dynamik voller klanglicher Prägnanz und farbenprächtig lebendiger Beweglichkeit der Arrangementstrukturen. Aperion sind in diesem eigenen Ansatz zum musikalischen Artistentum sogar so kühn, dass sie Keyboards nirgendwo einsetzen. Und wisst ihr was? Man vermisst sie nicht eine Sekunde.
Bei Aperion sind es ganze sieben Leute. Neben der Flöte ist ein echtes Mini-Streichorchester in der Besetzung enthalten (Viola, Cello). Keyboards gibt es in der Besetzung nicht. Im Booklet kann man die Begriffe „Programmierung“ und „orchestrale Arrangements“ finden, aber das kann vieles bedeuten. Also mag die Band zusätzliche Samples verwendet haben, doch ich zweifle stark daran. Eher behaupte ich, dass bestimmte Parts mehrfach eingespielt und durch schichtweises Zusammenfügen im Studio in das finale Klangspektrum harmonisiert wurden, das die Hintergründe bestimmter Songs trägt und die Atmosphäre mitkonstituiert.
Das Album wurde im renommierten Studio Finnvox gemastert, und der noch renommiertere finnische Tonmeister Mikka Jusilla hat im finalen Sound den melancholischen Moment hervorgehoben, der in der Band kernig präsent ist. Für das Soundmixing haben Bandmitglieder Martin Bezjak und Črt Birsa im Studio Epixproductions gesorgt. Es ist ein perfekt gestalteter Sound des Albums, der anderen slowenischen Bands als Vorbild dienen kann, die Perfektion und das Beste anstreben.
Die Gitarren werden nur genutzt, um die Riff-Wucht zu halten und das Klangbild kontrastreich zu füllen. Hand aufs Herz, eine „übermäßig verzerrte“, massive Gitarrenwand ist nötig. Die Gitarre liefert das nötige Element, das Aperions Musik für Liebhaber von Metal-Sounds attraktiv macht, womit sich Aperion sicher eine langfristige Relevanz gesichert haben. Metaller kehren dir nämlich erst dann den Rücken zu, wenn du aufhörst, Metal zu spielen.
Das Instrumental fe+ enthüllt direkt den Reichtum der ausgearbeiteten Arrangements der Kollision von Flöte und Streichern, was eine exzellente Ausgewogenheit des stabilen Gangs zwischen Folk- und klassischen Musikelementen bietet. Diese Exzellenz und diesen Perfektionismus bestätigt der Song Dajte. Es ist der einzige Song, der auf Slowenisch gesungen wird, wo ihr durchgehend Zeuge eines exzellenten Zusammenspiels der harmonischen Verbindung von Folk-Elementen und Elementen der klassischen Musik werdet. Der Song enthält ein echtes fröhliches slowenisches Folk-Motiv, in der Mitte umhüllt ihn wieder ein melancholisches Sehnen, in dem der Vokalansatz von Sängerin Zala besonders effektiv und überzeugend ist. Den Song charakterisiert ein einzigartiger Übergang zwischen Stimmungszuständen, gerade wegen des Schwankens zwischen Fröhlichkeit und Melancholie. Die Arrangements sind zu einem kompakten Puzzle vereint, das ein klarer roter Faden flüssig zusammenhält. Das ist ein gesunder Ansatz des künstlerisch-expressiven Suchens und im Fall von Aperion folglich das Erreichen des Optimums bei der Hervorhebung der führenden melodischen Motivstrukturen.
Insgesamt gibt es dreizehn Songs. Der erste ist ein Intro. Das Album dreht sich, wie wenn man kurz wegschaut. Man spürt, dass das Album längere Zeit entstanden ist, dass die Songs in Bezug auf ihre Arrangements gereift sind. Ebenso in der Erzielung gegenseitiger Vielfalt. Deshalb haben wir ein bewegtes und dynamisches Album vor uns, voller schwindelerregender Wendungen, die einzelne Stimmungszustände aneinanderreihen. Aperion stellen dabei vor allem die Suche nach der perfekten Melodie und einer melodisch ausformulierten Kombinatorik in den Vordergrund, was in einer einzigartigen Hörbarkeit resultiert.
Das bedeutet nicht, dass das Album leicht zugänglich ist. In der Genreschublade, in die ich sie gesteckt habe, sind Aperion ein härterer Brocken zum Kauen. Aber nicht wegen der Komplexität des musikalischen Inhalts, sondern wegen der motivischen Beweglichkeit. Wenn ich einige außergewöhnliche Kontraste aufzähle, die dieses wunderschöne Album zu bieten hat, würde ich zunächst das melodisch kompakte, akustisch ausgerichtete Fairytale Mind hervorheben, das geradezu für eine Single-Auskopplung gemacht wurde. Darauf folgt auf dem Album der tragischste Song des Albums Black Flies! Hier ist neben Didgeridoo auch ein zusätzlicher „Unterrhythmus“ der Perkussion eingewoben. Der Song trägt eine Prise Chaos und Tragödie in sich. Da sind Songs, wo die reiche symphonische Melodiosität hervorragend mit Riff-Wucht unterlegt ist (Shine, Maya, Ocean, The Concpet, Ü) … Offensichtlich hat die lange Entwicklung, durch die das Album in seiner embryonalen Phase gegangen ist, entscheidend dazu beigetragen, eine außerordentliche Wirksamkeit zu erreichen, was die Hervorhebung klar ausgearbeiteter, sauberer und melodisch eingängiger Strukturen betrifft. Beim vierten oder spätestens fünften Durchlauf dieser Scheibe wisst ihr, dass diese zweifellos euer bester Freund werden wird.
Aperion haben mit „Act Of Hybris“ nicht nur ein hervorragendes Studio-Debüt abgeliefert, sondern dieses bringt auch den Beweis, dass eine neue slowenische Band auf der Szene erschienen ist, die genau weiß, was sie will, mit klar ausgedrückten Zielen und einer Vision, die von Anfang an durch die Unverwechselbarkeit ihres eigenen Artistentums verkörpert wird. Mit dem Element des wirkungsvollen Präsentierens von Musik in Form eines reichen Geflechts natürlicher Klänge, kombiniert mit Metal-Wucht, können Aperion mit ihrem Debüt ein außerordentliches Vorbild auch für ausländische Bands mit „etablierten Namen“ sein, die im Gegensatz zu Aperion bereits vor Jahren musikalische Bekanntheit in der Genrenische des Symphonic Gothic Folk Metal erreicht haben.
Für Slowenien ist dieses Album eine außerordentliche Bereicherung. Es erreicht nicht nur den Entwicklungsschritt und das Niveau westeuropäischer Standards, sondern setzt bis zu einem gewissen Grad neue Maßstäbe und verschiebt Grenzen, indem es neue kreative Richtungen innerhalb eines scheinbar längst ausgereizten Genres entdeckt. Act Of Hybris ist sicher ein Kandidat für das beste slowenische Metal-Album des Jahres. Hoffen wir, dass es auch Westeuropa qualitativ hoch einschätzen wird. Aperion ist nämlich eine Band, die den Erfolg im Westen suchen muss! Die Voraussetzungen dafür hat sie zweifellos, und der Grundstein ist mit dem Debüt auch gelegt!
Besetzung
Zala Hodnik – Gesang
Martin Bezjak – Viola
Tina Anderlič – Flöte
Črt Birsa – Gitarre
Samo Dervišič – Cello
Dani Telebar – Bass
Nejc Kolar – Schlagzeug
Žiga Birsa – Didgeridoo, Perkussion
Nejc Oberčkal- Gesang auf Track Nr. 6
Miha Koren – Kontrabass auf Track Nr. 11
Produktion
Martin Bezjak & Črt Birsa
Trackliste
1. Source
2. Ocean
3. Shine
4. Urma
5. Light
6. Maya
7. Fairytale Mind
8. Black Flies
9. The Truth
10. fe+
11. Dajte
12. The Concept
13. Ü