A Touch Of Evil: Live
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Judas Priest
Label: Sony BMG
Veröffentlichung: 2009
Bewertung: 3/5
Judas Priest braucht keine besondere Vorstellung. Es handelt sich um eine Band, die Heavy Metal auf den Thron gehoben hat. „A Touch Of Evil: Live“ ist ein Konzertalbum, das Aufnahmen von Judas Priest-Konzerten aus dem Zeitraum zwischen 2005 und 2008 vereint. Es vereint Songs, die die Band mit Sänger Rob Halford noch nie live offiziell veröffentlicht hat. Natürlich taucht beispielsweise Beyond The Realms Of Death auf der Veröffentlichung „Priest, Live & Rare“ auf, die zum Beispiel 1996 auf dem japanischen Markt erschien – doch wenn man nur die offiziell veröffentlichten Konzertalben zählt, nämlich „Unleash In The East“ (1979) und „Priest Live“ (1987) mit Rob Halford als Sänger, dann stimmt die Rechnung darüber, was uns das neue offiziell veröffentlichte Konzertalbum von Judas Priest bringt, ziemlich genau.
Die Scheibe ist eine Einzel-CD mit 11 „sorgfältig ausgewählten“ Songs. Judas Priest runden damit auch die aktuellen Veröffentlichungen „Angel Of Retribution“ (2005) – Judas Rising, Hellrider – und „Nostradamus“ (2008) – Death, Prophecy – ab, enttäuschen dabei aber auch langjährige Anhänger keineswegs, wenn die Klassiker aufeinanderfolgen: Between The Hammer And The Anvil, Painkiller, A Touch Of Evil (alle drei aus „Painkiller“, 1990), Eat Me Alive („Defenders Of The Faith“, 1984), Beyond The Realms Of Death („Stained Class“, 1978), Dissident Agressor („Sin After Sin“, 1977), Riding On The Wind („Sreaming For Vengeance“, 1982).
Dieses Konzert hat also mehr oder weniger nur eine symbolische Bedeutung: Es bietet eben die Aufführung von Songs der Besetzung, die die Fangemeinde bislang mit offiziellen Veröffentlichungen noch nicht zu hören bekommen hat. Der historische Wert ist dabei fast völlig verschleiert, da uns die Aufnahme keinen Einblick in die echte Setlist des gespielten Repertoires bietet – auch ist nicht klar, wann und von welchen Locations die einzelnen Aufnahmen stammen, aus denen das Album zusammengesetzt wurde. Wir wissen, dass Judas Priest noch 2008 eine verdammt starke Setlist spielten, mit einzelnen saftigen Perlen, die sie nach langer Zeit wieder ins Programm zurückbrachten, wie z.B. (neben den auf der Veröffentlichung enthaltenen) Hell Patrol, Rock Hard, Ride Free, Sinner und Devil’s Child. Zum Fingerlecken. Und warum also ist das Album keine Doppel-CD und fasst nicht einen der vielen Konzert-Gigs der Band zusammen?
Judas Priest haben, mit Ausnahme der Zeit mit Ripper, ihre Konzertalben stets sorgfältig poliert und den Sound im Studio nachbearbeitet. So bekam das Album „Unleash in the East“ sogar den Spitznamen „Unleashed In The Studio“, während „Priest Live“ aus einigen Konzerten der nordamerikanischen Tournee zur Unterstützung des Albums „Turbo“ von 1986 zusammengestückelt wurde. Tatsache ist, dass die Stimme von Rob Halford nicht mehr dieselbe ist. Das ist nicht mehr der Rob Halford, der noch zur Zeit seines Halford-Albums „Crucible“ aus dem Jahr 2002 oder der ersten Post-Reunion-Priest-Tournee durch Europa im Jahr 2003 auf den Bühnen wie in seinen besten Zeiten der goldenen Judas Priest-Ära schrie. So sichteten Judas Priest die Songs für das Album „A Touch Of Evil: Live“ und kombinierten sie mit dem Gesang, der am wenigsten Abnutzungserscheinungen zeigt. Painkiller ist zum Beispiel mit einigen zusätzlich eingebauten Growls unterlegt, die Halfords erschöpfte Stimme begleiten. Beyond The Realms Of Death wird im Refrain eine Oktave tiefer gesungen. Die meisten Lebenszeichen beim Erreichen der erforderlichen Höhen zeigt Halford etwa im Song Riding On The Wind – und noch viele weitere „Lücken“ ließen sich finden. Am souveränsten gesungen ist das neueste Material der letzten beiden Studioalben. Gerade bei den „Nostradamus“-Songs ist das nachvollziehbar, da Halford schon im Studio darauf geachtet hat, die Linien nicht in allzu große Höhen zu legen. Daher verwundert der Ausschluss des Songs Angel – der ansonsten hervorragenden Ballade aus dem Album „Angel Of Retribution“ – von dieser Compilation-Konzert-CD, zumal Priest ihn bei den letzten Tourneen live gespielt haben.
Ansonsten ist der Sound vernichtend. Er schneidet giftig, die Gitarren sind aufgedreht – im berühmten Priest-Sound! Sie kreischen und spucken Feuer, was sofort jeden Liebhaber harter Klänge auf seine Seite zieht, dem Metal wirklich am Herzen liegt. Außerdem hat Scott Travis am Schlagzeug einmal mehr gezeigt, was für ein Meister er mit den Doppelbassdrum-Pedalen ist, welch gewaltig fetten und vernichtend aufgedrehten Lärm er hinter seiner Schlagzeugfestung entfaltet. Der Sound ist grenzenlos zerstörerisch, K.K. Downing und Glenn Tipton servieren erneut auf geistreichste und großartigste Art einen Einblick in eine echte kleine Schule des geteilten Gitarrensolospiels, das sie sich völlig mühelos und federleicht gegenseitig zuspielen. Daraus lässt sich also schließen, dass „A Touch Of Evil: Live“ ein überragendes Album von wahrer monströser Priest-Dimension sein könnte, wenn Halfords Stimme in reifen Jahren (lies: im neuen Jahrtausend) besser gehalten hätte. So aber kitzelt es uns beim Hören dieses Konzertprodukts neben der bereits erwähnten attraktiven Authentizität des biblischen Heavy-Metal-Sounds des einzigartigen Judas Priest-Designs gelegentlich auch unangenehm im Ohr.
Trotzdem gehört dieses Dokument in die umfangreiche Judas Priest-Sammlung jedes klassischen Judas Priest-Fans. Hand aufs Herz! Die Jungs spielen mit unglaublicher Potenz für ihr Alter, die auch heute noch jeder Metal-Band jüngerer Generationen als Lehrstunde dienen sollte! Dabei kannst du einmal zur Abwechslung aufatmen, denn du musst nicht wieder die tausendmal durchgekauten Versionen der Judas Priest-Klassiker Breaking The Law, Metal Gods oder You’ve Got Another Thing Comin‘ anhören.
Besetzung
Rob Halford – Gesang
Glenn Tipton – Gitarre
K.K. Downing – Gitarre
Ian Hill – Bassgitarre
Scott Travis – Schlagzeug
Produktion
Judas Priest & Tom Allom
Trackliste
1. Judas Rising
2. Hellrider
3. Between the Hammer and the Anvil
4. Riding on the Wind
5. Death
6. Beyond the Realms of Death
7. Dissident Aggressor
8. A Touch of Evil
9. Eat Me Alive
10. Prophecy
11. Painkiller