A Place In The Queue
Interpret: Tangent, The
Label: Inside Out Records
Release: 2006
Bewertung: 3/5
„A Place In The Queue“ ist kein Studio-Nebenprojekt von Roinne Stolt (Flower Kings) mehr! Roinnes charakteristische Gitarre wirst du auf der Platte vermissen, das ist aber auch ihr einziger Minuspunkt. Und selbst der verblasst, weil die neuen The Tangent so viele Genüsse bringen, dass diese Review sie bei Weitem nicht alle einfangen kann. The Tangent sind damit zu einer echten Band geworden! Schluss mit dem Gelegenheitsprojekt, dessen Mitglieder zusammenfanden, weil sie halt nichts Gescheiteres zu tun hatten. The Tangent sind jetzt ohne Scherz eine richtig professionelle Band. Das ist ihr drittes Album. Reicht es, um uns zu überzeugen? The Tangent machen mit ihrem „Canterbury meets Yes Crossover“ weiter. Unter den jungen Revivalisten sind sie darin wahrscheinlich sogar die Besten.
The Tangent haben den Platz auf der Scheibe gerade so ausgereizt, denn die Spielzeit des Albums liegt bei satten 79 Minuten, mit zwei sinfonischen Epen, die deutlich über 20 Minuten lang sind. Nur wenige neuzeitliche Prog-Bands trauen sich heute so etwas. Das haben in den Siebzigern die legendären Bands gemacht. Beim Hören von The Tangent drängen sich natürlich Parallelen zu den großen Epen von Yes, Van Den Graaf Generator und Camel auf, und wegen der typischen Flötenklänge kann ich noch Jethro Tull dazunehmen – die Vergleiche kommen ganz von selbst immer und immer wieder. Die Musik von The Tangent vereint einen enormen Reichtum, um nicht zu sagen das Königreich der Prog-Sinfonik. Also fantastische Melodien, geschmackvolle Einsätze von Saxofon und Flöte, Duelle langer Moog- und Hammond-Soloeruptionen, atmosphärisches Klavier und ständige Wendungen der lebhaften Rhythmuslinie. Die Stimmungswechsel sind grandios, und in den längeren, ausgedehnten „Jams“ spürt man mühelos, wie die Band jede Note genießt, die sie zündet – niemand diktiert ihr, was und wie, alles läuft spontan und nach ihrem eigenen Willen ab.
Die Gesangslinien ziehen wegen der bewussten Dissonanz manchmal Richtung Van Der Graaf Generator, ansonsten hat Tillison im Vergleich zum Debüt beim Gesangsgefühl einen großen Schritt nach vorn gemacht. Man merkt, dass ihn in der Band englischsprachige Kollegen begleiten, die ihn schön fit gemacht haben im „Nehmen“ englischer Verse durch den Gesang. Auch die Produktion seiner Stimme ist viel überzeugender, und der Gesang klingt nicht mehr so dünn und eintönig, sondern wogt jetzt auf einem akzeptablen Niveau.
Bei alldem muss ich den funkigen Dreiminüter The Sun In My Eyes hervorheben. Ja! The Tangent können „Funky-Hit-Single“. Schade nur, dass die Siebziger nicht mehr bei uns sind. Das ist ein Track, der die Chartspitzen erobert hätte. Mir ist tatsächlich ganz automatisch der Mund zu einem weit klaffenden „AAAAA????“ aufgegangen, als ich nach kilometerlangen Soli plötzlich auf Barry-White-Streicher-„Disco“-Arrangements stieß, gekreuzt mit „Funky Beat“. „What the fuck“…. was für ein wilder Mischmasch… aber auf jeden Fall eine tolle Auflockerung der Platte!
„A Place In The Queue“ ist ein Konzeptalbum. Das Konzept erzählt nichts Neues, sondern symbolisiert einen Menschen, der in einer langen Schlange steht und ständig der Mehrheit gefallen und sich mit ihr identifizieren will, indem er die modernsten Trends nachäfft, mit denen wir von Geburt an malträtiert werden! Das Konzept entdeckt keine Diamantenmine, ist aber wieder eine dieser typischen, todernsten Mahnungen aus den Reihen aufgeklärter Rockmusiker. Obwohl das Album für The Tangent nichts Neues entdeckt, ist es eigentlich eine Art Triumvirat. Die Jungs haben sich endlich abgenabelt. Sie haben solide Fundamente gelegt und ziehen einfach ihr eigenes Ding durch! Ich will nicht bescheiden sein. Das Album ist ein grandioser progressiver Mix. Der Beitrag aller darauf ist außerordentlich, und wie gesagt, The Tangent genießen es wirklich, das zu sein, was sie sind! Diese Platte unterhält wirklich und fordert den Hörer ständig, und von The Tangent können wir definitiv noch weitere Schritte nach oben erwarten.
Das ist ein Album, das vor 30 Jahren hätte entstehen müssen, damit man es ein „großes rock album“ hätte nennen können. Alles darauf klingt schon so! Stimmt, The Tangent sind Revivalisten, aber Gott sei Dank sind sie das! Besser, die Jugend hört heute junge Bands wie The Tangent, statt Gorillaz!
Besetzung
Andy Tillison – Orgel, Klavier, Moog, Gitarre, Gesang
Sam Baine – Klavier, Synthesizer, Backing Vocals
Krister Jonsson – E-Gitarre (außer bei 4.)
Theo Travis – Saxofon, Flöte, Klarinette, Backing Vocals
Guy Manning – Akustikgitarre, Mandoline, Backing Vocals
Jonas Reingold – Bass
Jaime Salazar – Schlagzeug
Special Guest:
Dan Watts (Po90) / electric guitars (4)
Produktion
Andy Tillison, Jonas Reingold & Theo Travis
Tracklist
1. In Earnest (20:03)
2. Lost In London (8:08)
3. DIY Surgery (2:16)
4. GPS Culture (10:07)
5. Follow Your Leaders ( 9:21)
6. The Sun In My Eyes (3:44)
7. A Place In The Queue (25:19)
Spielzeit:78:58
DIE BONUS-CD DER SPECIAL EDITION ENTHÄLT:
Part One – Other songs recorded at the same time as the main CD
1. Promises Were Made (7:26)
2. The First Day At School DEMO* (5:30)
3. Forsaken Cathedrals (4:54)
Part Two – Alternative Version
4. The Sun In My Eyes – Extended Mix (9:12)
Part Three – Instrumental Ambience
5. Grooving On Mars (LIVE at Karlsruhe Germany 2005) (6:16)
6. Kartoffelsalat Im Unterseeboot (13:37)