Dream Theater begeistern Zagreb mit traumhafter Darbietung technischen Perfektionismus (2014)
Ort: Zagreb / KC Dražen Petrovič / Kroatien
Datum: 03.02.2014
Dream Theater braucht man eigentlich nicht groß vorzustellen, außer vielleicht all jenen, die die letzten fünfundzwanzig Jahre unter dem Eis des neunten Kreises von Dantes Hölle verbracht haben und sich nun langsam ans Leben an der Oberfläche gewöhnen – denn es handelt sich um die angesehenste Band ihres Genres, die es sogar in Slowenien schafft, mit neuen Studioalben regelmäßig in den Musikcharts zu landen. Die amerikanische Progressive-Metal-Institution hat sich seit 1989 bis heute Scharen von Fans erarbeitet, die vor allem auf das beneidenswerte technische Können und die virtuosen Fähigkeiten der einzelnen Mitglieder schwören – Musiker, die praktisch alles spielen können, was das Herz begehrt, die aber in erster Linie fleißige Komponisten mehr oder weniger komplexer Kompositionen sind, die häufig die traditionellen Prog-Metal-Grenzen sprengen und weit mehr Gespür für Sensibilität besitzen, als es auf den ersten Blick scheinen mag.
Nach einigen weniger inspirierten Studioalben in einer qualitativ ziemlich schwankenden Phase zwischen 2002 und 2009 und dem (un)erwarteten Abgang von Gründungsschlagzeuger Mike Portnoy (Transatlantic, Winery Dogs und Neal Morse) haben sich Dream Theater blitzschnell erholt und sind aus dieser kleinen ‚Krise‘ sogar noch stärker hervorgegangen. Portnoys Nachfolger Mike Mangini hat sich nämlich nicht nur als bestmöglicher Ersatz für den kultigen Schlagzeug-Alleskönner erwiesen, sondern Dream Theater können nach eigenen Worten mit ihm in der Besetzung nun Ideen umsetzen, die sie mit dem ziemlich autokratischen Gründungsmitglied zuvor nicht verwirklichen konnten. Mit Mangini haben sie zwei sehr gute Studioalben eingespielt: »A Dramatic Turn of Events« (2011) und das aktuelle »Dream Theater« (2013), das sie auf der laufenden Konzerttournee ausgiebig promoten – bei der sie auch bei unseren südlichen Nachbarn in Zagreb Station gemacht haben.
Die Atmosphäre in der Halle Dražen Petrovič, dem Heimstadion des Zagreber Basketballvereins Cibona, wo Legenden des jugoslawischen/kroatischen Basketballs wie Dražen Petrović, Mikovil Nakić, Krešimir Ćosić, Nikola Plećaš und Andro Knego ihre Trikots in Rente haben, war eine halbe Stunde vor dem Auftritt der Dream-Theater-Mitglieder auf der Bühne voller aufgeregter Vorfreude einer Schar von Prog-Metal-Fans. Das Parkett war bis zum Konzertbeginn nahezu vollständig gefüllt, während auf den Tribünen zwar einige Plätze leer blieben – was angesichts des Enthusiasmus der überwiegend intellektuell wirkenden Fans jedoch kaum auffiel. An allerlei ‚Musikdoktoren‘, brillentragenden Strebern und in Schwarz gekleideten Metallern herrschte erwartungsgemäß kein Mangel – die waren sogar in der Mehrheit –, doch waren auch einige Vertreterinnen des schönen Geschlechts zu sehen, die nicht unbedingt in Begleitung gekommen waren. Da drängt sich eine schelmische Bemerkung auf: Offenbar ist die Anwesenheit begeisterter Mädels beim Konzert einer der am wenigsten ‚coolen‘ Bands der Welt, die auf Trends pfeift, ein weiterer Beweis dafür, dass der kanadische Sänger James LaBrie mit den Jahren nichts von seinem Charme eingebüßt hat – auch wenn er seine grauen Strähnen schon längst nicht mehr verbirgt.
Dream Theater haben beschlossen, dass die aktuelle Tournee – die nebenbei auch mit dem fünfundzwanzigsten Jubiläum des Debüts »When Dream And Day Unite« (1989) zusammenfällt – dem zwanzigsten Jahrestag des Albums »Awake« (1994) und dem fünfzehnten Jahrestag des Konzeptmeisterwerks »Metropolis Pt. 2: Scenes From a Memory« (1999) gewidmet sein soll. Entsprechend war auch die Setlist des Abends zusammengestellt, die viele Überraschungen bereithielt und sowohl neueres als auch älteres Material umfasste – wobei die Favoriten aus den Neunzigern bzw. von den beiden genannten Alben im zweiten Teil des dreistündigen Auftritts an die Reihe kamen. Auf der Leinwand im Hintergrund liefen zwischen den einzelnen Songs durchgehend fantastische Videoprojektionen, die die ohnehin außergewöhnliche Atmosphäre in der Halle noch deutlich aufwerteten.
Schon die Eröffnungsanimation begeisterte: Gezeigt wurden animierte Cover aller bisherigen Dream-Theater-Alben – zusammen mit dem eingespielten Stück »False Aweakening Suite« eine überaus unterhaltsame Ouvertüre zum Auftritt der Bandmitglieder auf der Bühne. Etwas Ähnliches haben übrigens schon vor Jahren auch die legendären Rush mit ihren Covern gemacht, die zu den wichtigsten Vorbildern dieser amerikanischen Prog-Metal-Meister zählen. Dream Theater sind wahrscheinlich eine der letzten Rockbands der Welt, denen man eine vorhersehbare Setlist vorwerfen könnte – deshalb war es schlicht unmöglich vorauszusagen, welche Songs sie an diesem Abend spielen würden. Für eine spaßige Überraschung sorgten sie damit, dass sie ihren einzigen Hit »Pull Me Under« aus der Setlist strichen – den die meisten an diesem Abend kaum vermissten, da wir so viele bessere und vor allem interessantere Kompositionen zu hören bekamen, darunter auch solche, die Dream Theater seit Jahren nicht mehr gespielt hatten. Von so einem Beispiel, wie man eine interessante Konzert-Setlist ohne jahrelange, abgenutzte ‚Dauerbrenner‘ zusammenstellt, könnten sich Iron Maiden durchaus eine Scheibe abschneiden.
Die Band eröffnete ihren Auftritt mit einem langen instrumentalen Intro des neuen, knackigen Songs »Enemy Inside«, der zu den besseren Werken der letzten Jahre zählt, Hand und Fuß hat und eine starke pazifistische Botschaft trägt – wovon uns auch das Video über einen traumatisierten Ex-Soldaten überzeugte, der die Schrecken des Krieges nicht verarbeiten kann. Noch bevor LaBrie die Bühne betrat, hatten die vier virtuosen Wahnsinnigen mit ihren technischen Fähigkeiten all jenen ‚die Köpfe weggeblasen‘, die sie nicht oft genug aus der Nähe erleben können und vielleicht schon leicht vergessen hatten, auf welch beneidenswert hohem Niveau ihre instrumentalen Fähigkeiten liegen. Gitarren-Maestro und Originalmitglied John Petrucci war beim Improvisieren wieder ‚in seiner Welt‘ und wechselte nach alter Gewohnheit während des Auftritts zwischen sechs- und siebensaitiger Gitarre. Sein Kollege und ebenfalls Originalmitglied, der sprichwörtlich ernste Bassist John Myung, sparte nicht mit seinen erprobten Finessen, wenn es um die Kunst komplexer und anspruchsvoller Basslinien ging.
Der mit grauem Ziegenbart geschmückte Jordan Rudess, neben Petrucci zweifellos das ‚ausgeflippteste‘ Mitglied der Band, bewies bereits in den ersten Minuten, dass er nicht nur ein phänomenaler Keyboarder mit ’supersonischem‘ Anschlag auf den Tasten ist, sondern auch ein erstklassiger Entertainer, der mit seinen burlesken Grimassen – besonders für die Kamera – für etliche Lachsalven sorgte. Während »Enemy Inside« waren seine Keyboards – darunter auch zwei rotierende Synthesizer sowie ein tragbarer, gitarrenartiger Synthesizer in Form einer Art Meeresmuschel – ein kleines bisschen höher gestimmt als auf der Studioversion, was sofort zu hören war. Mikes Manginis futuristisches Drumkit ließ nichts der Fantasie übrig und erinnerte an einen silbernen Ticketkiosk, während sein spartanisches Schlagzeugspiel dafür sorgte, dass während des Auftritts kaum jemand im Publikum auch nur an seinen berühmten Vorgänger dachte. LaBrie ist trotz seiner nicht mehr ganz jungen Jahre immer noch ein exzellenter Sänger, und meistens ist es gerade sein Gesang, der die Band nach längeren instrumentalen Ausflügen wieder etwas ‚erdet‘ und ihr Seele einhaucht.
Auf den dramatischen Energie-Katalysator »Enemy Inside« folgte »The Shattered Fortress« vom letzten Portnoy-Album »Black Clouds And Silver Leanings«, bei dem noch mehr ’supersonische‘ Improvisationsausflüge der Meister ihrer Instrumente folgten. Der Sound – am besten am Mischpult – war zu Beginn des Konzerts nicht optimal, besserte sich aber bis zum dritten Song, »On The Backs of Angels« vom Album »A Dramatic Turn of Events«, als die Band schon gut eingespielt war, merklich – sodass LaBries Gesang im weiteren Verlauf des Auftritts deutlich klarer zu hören war. Mit »The Looking Glass« machten sie nochmals darauf aufmerksam, dass sie ‚draußen‘ ein neues Album haben, das keinen treffenderen Titel tragen könnte. Für die erste große Überraschung sorgten sie mit der epischen Suite »Trial of Tears«, die vom oft übersehenen Album »Falling Into Infinity« (1997) stammt – eine erste Zeitreise zurück in die Neunziger, als sich Dream Theater den Ruf von Prog-Metal-Champions erarbeiteten. Die Darbietung von »Enigma Machine«, einem weiteren begeisternden Werk vom aktuellen Studioalbum, bei dem wir auch eine äußerst witzige Animation im Videospielstil mit den Bandmitgliedern in den Hauptrollen genossen, enthielt Manginis atemraubendes Drum-Solo, bei dem alle jungen Schlagzeuger, die in ihrer Zunft technisch die Versiertesten werden wollen, in Nirvana versanken. Mangini besitzt zwar (noch) nicht Portnoys Entertainer-Bühnencharisma, doch andererseits ist es gut, dass die Band mit ihm die nötige Stabilität und eine konfliktfreie Persönlichkeit gefunden hat.
Mit »Along For The Ride« und »Breaking All Illusions«, bei denen Petrucci und Rudess reichlich Gelegenheit für gegenseitige Improvisationsduelle bekamen, wurde der erste Konzertteil abgeschlossen, gefolgt von einer fünfzehnminütigen Pause. In der Pause sorgten Dream Theater dafür, dass sich niemand langweilte – die ganze Halle amüsierte sich beim Anschauen satirischer Werbefilmchen, in denen die Bandmitglieder auftraten, die durchaus einen Sinn für selbstironischen Spott haben. Mangel an Humor könnte man allein dem ewig ernsten Bassisten Myung vorwerfen, der während des Auftritts trotzdem mehr Lächeln zustande brachte, als die meisten von ihm gewohnt sind. So konnten wir satirische Werbeclips für spezielle Plastikfiguren von Rudess und LaBrie sehen, während Petruccis Figur zum neuen Mitglied der Transformers-Roboter wurde. Petrucci machte sich auch über seinen alten Freund Joe Satriani lustig, der in einem akustisch bearbeiteten verbalen Schlagabtausch mit italienischem Akzent beim Gitarren-Prahlen herumquietschte, während John ihm – wie eine Figur aus Mortal Kombat – drohte, ihm das Herz herauszureißen. Natürlich war die Aufnahme zum Spaß inszeniert, denn Satriani und alle Mitglieder von Dream Theater sind alte Freunde.
Die härteste Kritik, die Dream Theater von ihren Gegnern normalerweise zu hören bekommen, ist laut LaBrie die, dass sie keine Seele hätten – doch an diesem Abend konnten wir neben Demonstrationen enormen technischen Könnens auf den einzelnen Instrumenten auch viele wunderschöne Arrangements und Stücke mit tiefen lyrischen Botschaften genießen, was besonders für die Werke aus den Neunzigern gilt, die im zweiten Konzertteil an die Reihe kamen – als sie nacheinander gleich fünf Songs vom kultigen »Awake« spielten, womit wir die gesamte zweite Hälfte des Albums zu hören bekamen. Darunter waren Darbietungen, die Dream Theater seit einigen Jahren nicht mehr gespielt hatten, unter ihnen auch der Klassiker »Lie«, sodass alle Fans völlig begeistert waren über die randvolle Ladung wieder ‚zum Leben erweckter‘ Prog-Metal-Standards. Als Finale des zweiten Konzertteils spielten die Prog-Metal-Größen noch das epische Meisterwerk »Illumination Theory«, das auf dem aktuellen Studioalbum erschienen ist.
Es folgte der dritte und letzte Konzertteil, der den Songs vom Konzept-Magnum-Opus »Metropolis Pt. 2: Scenes From a Memory« gewidmet war – für viele gar ihr bestes Werk überhaupt, mit dem Dream Theater Geschichte geschrieben und sich unter die wichtigsten Namen des modernen Progressive Rock eingereiht haben. Für eine kurze Auffrischung des komplexen Konzepts über die Erinnerungen eines Individuums an sein früheres Leben sorgten sie mit der Darbietung zentraler Werke dieses Albums, nämlich »Overture 1928«, »Strange Deja Vu«, »The Dance of Eternity« und »Finally Free« – die allesamt zu den kompositorischen Höhepunkten ihrer Karriere zählen.
Dream Theater haben einmal mehr ihren Ruf als erstklassige Konzertattraktion für alle Musikgourmets bestätigt, die vor allem höchste technische Versiertheit, die Abkehr von aktuellen Soundtrends und eine möglichst reiche arrangementale Vielfalt schätzen – weshalb sie bei ihrem ‚Spaziergang durch die Zeit‘ niemanden in der Halle gleichgültig ließen. Besonders genussvoll war es, so viel Material von den Alben »Awake« und »Metropolis Pt. 2: Scenes From a Memory« zu hören – und auch den Song »Trail of Tears« vom ewig ‚vergessenen‘ Album »Falling Into Infinity« –, während für einen Überfluss an positiven Momenten auch die Darbietungen der neueren Werke sorgten, vor allem jener, die von den beiden Studioalben mit Mangini stammen. Immer wenn Dream Theater auftreten, macht es Spaß, so viele fassungslose Gesichter bei den Musikdoktoren zu sehen, die sich über das grenzenlose technische Können der vier Meister ihrer Instrumente einfach nicht sattstaunen können – während die übrigen Konzertbesucher, denen es nicht wesentlich ist zuzusehen und zu hören, wer in den akademisch aufgeladenen gegenseitigen Jams schneller eine bestimmte Improvisation herunterreißt, am meisten bei den runden, in sich geschlossenen Songs mit konkreter Botschaft genossen haben, die zum Glück an diesem Abend überwogen und damit auch jene begeisterten, die sich sonst nicht zu den Prog-Metal-Fanatikern zählen.
Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setliste:
Act I
1. False Awakening Suite (intro)
2. The Enemy Inside
3. The Shattered Fortress
4. On the Backs of Angels
5. The Looking Glass
6. Trial of Tears
7. Enigma Machine (with drum solo by Mike Mangini)
8. Along for the Ride
9. Breaking All Illusions
Act II
10. The Mirror
11. Lie
12. Lifting Shadows Off a Dream
13. Scarred
14. Space-Dye Vest
15. Illumination Theory
—Zugabe—
16. Overture 1928
17. Strange Déjà Vu
18. The Dance of Eternity
19. Finally Free
20. Illumination Theory (outro)






























































