Dream Theater und vierzig Jahre unfassbare Magie in Zagreb (2024)!

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2024
0 24.907

Dream Theater
Dienstag, 29. 10. 2024, von 19.30 bis 22.45 Uhr
Zagreb / Arena Zagreb / Kroatien


(für die englische Version bitte nach unten scrollen)

Dream Theater sind jene Institution aus fünf streng gedrillten Musikprofessoren, die die Welt der Musik in vielem auf den Kopf gestellt hat. Im Metal-Genre sowieso, aber ihre Musik zieht seit Jahren auch viele Musikbegeisterte an, die im Alltag nicht mal an Metal schnuppern. Mehr noch als ein unglaubliches musikalisches Opus ist es die atemberaubende Neuinterpretation davon, wann immer das Quintett die Bühne betritt. Zweieinhalb Jahre nachdem sie die Mala dvorana des Doma Sportova ‚zerlegt‘ haben (als ‚Anheizer‘ war Devin Townsend dabei), haben sie im Rahmen der Feierlichkeiten zu ihren ersten 40 Jahren zum insgesamt vierten Mal in der kroatischen Hauptstadt gespielt – und? Wieder umgehauen!

Was ist so Bahnbrechendes passiert, dass die Band nach gerade mal zweieinhalb Jahren von Locations für ein paar tausend Leute in Hallen gesprungen ist, in die sich über 20.000 Besucher quetschen können? Musikalisch: nichts. Zurückgekehrt ins Team ist allerdings das Originalmitglied und der Gründer der Band, Mike Portnoy. Da liegt unter anderem der Schluss nahe, dass es um die finanzielle Lage der Band nicht besonders rosig stand und ein radikaler Schritt nötig war. Der großartige Mike Mangini, der seine Rolle als Schlagzeuger von Dream Theater mehr als gerechtfertigt hat, musste sich nach dreizehn Jahren makellosen Dienstes verabschieden. An seine Stelle trat (unter anderem mit gleich drei Bassdrums in seiner Festung) also ein uns allen bestens bekanntes Gesicht, das 2010 mit der Entscheidung, die von ihm mitgegründete Band zu verlassen, die Musikwelt geschockt hat wie kaum jemand sonst.

Die Band hat also die größte Welttournee ihrer bisherigen Karriere geplant. Mit einer neuen atemberaubenden Setlist – die Ehre der Repertoire-Auswahl gebührte ausgerechnet dem Rückkehrer, ihrem ‚verlorenen und wiedergefundenen Sohn‘ Mike Portnoy. Drei Stunden volles Programm, mit Pause drei Stunden fünfzehn, und wir mittendrin! Dabei sein war Pflicht. Zum Glück sind Dream Theater so groß, dass man für ihr Konzert nicht besonders weit fahren muss. Entweder sie spielen in Slowenien, wo sie bisher sechsmal aufgetreten sind (die beiden Konzerte in Tolmin 2015 und 2019 mitgezählt), oder in Kroatien. Ein unvergessliches Spektakel stand bevor. Wir wussten es. Anders geht es gar nicht, wenn die Rede auf diese in vielem großen Meister kommt, auch in Sachen musikalische Pionierarbeit.

An diesem Abend hat alles gepasst. Alles fügte sich zu einem Ganzen. Wie der Schlüssel im Schloss! Es war sogar einer der wenigen Tage in diesem Jahr, der in klarem Himmelsblau strahlte. Rundum erstaunlich sonnig und trocken. Nur eine Sache war leicht überraschend. Der Besuch war bescheidener als erwartet. Tickets in allen Kategorien, auch ‚front of the stage‘, gab es noch am Konzerttag. Das schmälerte aber nicht die große Begeisterung und die katapultartigen Salven euphorischer Reaktionen des Publikums, in dem sehr laute und glühende Fans regierten, die der Band ihre Treue bis ins Grab geschworen haben! Zagreb beherbergte an diesem Tag eine bunte Truppe, die aus dem Friaul in Italien, aus Kärnten und der Steiermark in Österreich angereist war, ganze Bataillone von Anhängern aus Slowenien; auch Ungarisch war zu hören, und natürlich tauchte am Veranstaltungsort eine ganze Reihe von Kennzeichen aus Serbien und Bosnien und Herzegowina auf.

Also ab zum Konzert! Auf die Minute pünktlich fällt der Vorhang – die Gardine, die alle 15 Studioalben der Band von 1989 bis 2021 symbolisierte, stürzte herab, und die Band nahm uns mit ins Jahr 1992 und zu ihrem zweiten Studioalbum „Images And Words“, das bis heute bei den meisten Fans das beliebteste von Dream Theater bleibt. Das Warm-up also gleich mit einem der Höhepunkte dieses Albums – Metropolis – pt. 1: „The Miracle And The Sleeper“. In den ersten Reihen veranstalteten die Glühendsten eine wahre Euphorie und weckten mit ihren Reaktionen fast den Eindruck einer Besessenheit, die jeden gesunden Menschenverstand weggefegt hatte. Aber das ist dieses ‚Fantum‘, das in diesem Ausmaß nur auf Konzerten aufblüht. Und diese vorne zusammengepferchte Masse trug die Band mit obsessiver Unnachgiebigkeit auf Flügeln durch ihren Konzertmarathon, oder sagen wir lieber: Progressive-Metal-Marsch durch Zagreb. Als dann das fehlende fünfte Puzzleteil auf die Bühne kam, Sänger James LaBrie, verschmolz das Publikum in den Strophen buchstäblich mit ihm zu einer Einheit.

Die Band sorgte für eine hervorragende Setlist, in der eigentlich nur ein Song vom Debüt „When Dream And Day Unite“ (1989) vermisst wurde. Zwei Teile und dann eine halbstündige Zugabe! Fehlerfrei. Wo um alles in der Welt merken die sich das alles? Stürmisches, verheerendes Notengewitter auf Schritt und Tritt, bei dem sich die Haut kräuselt, Beschuss der Atmosphäre mit Rhythmen, die Beine und Knie brechen, ein atemberaubendes ‚Zusammenleben‘ endloser Solo-Eskapaden, in das alle vier (Portnoy, Rudess, Petrucci und Myung) mit orkanartiger, kaum beschreibbarer Geschwindigkeit, im Einklang und mit verblüffender Kontrolle über ihr Tun gemeinsam einstiegen, wobei Portnoy mit seiner Rückkehr den vermissten, unterhaltsamen Glam-Moment in die Band zurückbrachte, den er in der kurzen Zusammenarbeit mit Twisted Sister außerhalb von Dream Theater noch perfektioniert hat (Sportklamotten, Stirnband und Publikumsanheizen auf der Bühne). Bis zu seiner Rückkehr sorgten Rudess‘ Keyboards für den Glanz, die in ihrer Position im Hintergrund der Bühne mit ihrem drehbaren Aufbau und den schrullig geformten Tastaturen wieder die Aufmerksamkeit stahlen (auch das berühmte ‚Continuum Fingerboard‘ fehlte auf der Bühne nicht). Noch was. Um Mike Portnoys bewegliches Mikrofon kümmerte sich derselbe Techniker, wie beim Konzert von The Winery Dogs, heh – ist ja nicht wahr, genau vor einem Jahr, als Mike mit Richie Kotzen und Billy Sheehan am 29. 10. 2023 das CUK Kino Šiška in Ljubljana zum Kochen brachte!

Die weitläufige Bühne mit drei riesigen Projektionsleinwänden unterschied sich im Grunde nicht viel von denen, die die Band seit Jahren auf Tourneen nutzt. Die Band überraschte mit einigen Karrierestücken, die sie lange nicht gespielt hatte. Damit verzauberte sie schon zu Beginn, als sie sich lange nicht aus den Neunzigern wegbewegte, wo nach dem Abstecher aufs Album „Awake“ mit The Mirror der „Falling Into Infinity“-Klassiker Hollow Years den Nagel auf den Kopf traf. Constant Motion, ein neues Solo-Karussell, das dankbar an den ersten Besuch der Band in Zagreb am 7. 6. 2007 erinnerte, als sie das damals aktuelle Album „Systematic Chaos“ mitbrachte, dem der Song entstammt, der in gewisser Weise schon mit dem Titel von Album wie Song die Pointe von Dream Theater in vier Worten erklärt. Den ersten Teil beschloss die Band mit dem aufgedrehten, vampirisch aufgeladenen „Train Of Thought“-Schrapnell, dem sonst beliebten As I Am. Die Pause kam quasi unerwartet, denn der hypnotische Effekt der Parallelwelt, in der wir mit der einzigartigen Magie der Band gelandet waren, war unglaublich stark. LaBrie kündigt eine zwanzigminütige Pause an! Plötzlich!

Erfrischung für ausgedörrte Kehlen und ein Einleitungsfilm für den zweiten Konzertteil, und es geht wieder zurück ins Parkett der Arena! Dieser Teil verging noch schneller als der erste. Die Band kündigte zu Beginn die Veröffentlichung des sechzehnten Studioalbums „Parasomnia“ an (erscheint im Februar 2025) und spielte in düsterer Phrasierung den scharf geschliffenen Marsch Night Terror. In diesem Teil heizte die Band das Publikum vor allem mit dem fast obligatorischen Under A Glass Moon an sowie mit zwei weiteren „Train Of Thought“-Schrapnellen in Folge (Vacant, Stream Of Conciousness). Alles war bereit für den Höhepunkt. Octavarium! Die 24-minütige epische Sinfonie. Eine Progressive-Metal-Schlange, bei der die Band wieder einmal das Sprichwort rechtfertigte, das ihnen seit jeher anhaftet, wenn man zu ihrem Konzert kommt: „Das Unmögliche ist möglich“! Bei ihren Konzerten wird einfach alles möglich. Und ja. Das muss man hören (und sehen), denn Worte, die das, was in diesem ’systematisch geordneten Chaos‘ passiert, korrekt beschreiben könnten, hat die Menschheit schlicht noch nicht erfunden. Sie sind auch nicht nötig. Die Vibration erledigt den Rest! Ganz direkt gesagt – ’saukrAAAAss und total fertig‘!

In die obligatorische Zugabe, die satte halbe Stunde dauerte, startete die Band mit den vermissten Stücken eines der Lieblingsalben ihrer Karriere, „Metropolis Pt. 2: Scenes from a Memory“ (1999). Erinnert sich noch jemand an ihren ersten Besuch in Ljubljana am 18. 7. 2000, als sie in Križanke dieses Album komplett gespielt haben? Und der Einstieg in dieses berühmte Wah-Wah-Riff von Petrucci in Home? Wahnsinn. Alle Leidenschaften waren wieder entfacht! Und dann kam dieser Moment. LaBrie schockierte das Publikum mit der Ankündigung, dass sie den nächsten Song von Dream Theater Portnoys Schwester Samantha Leone Cattaneo widmen, die nur wenige Stunden vor dem Auftritt der Band in Zagreb verstorben war. Es folgte die fantastische The Spirit Carries On – eine der schönsten Kompositionen der gesamten Karriere von Dream Theater. Die Leute zückten ihre Handys (die analogen Zeiten von Feuerzeugen und Streichhölzern sind längst Vergangenheit). Die Stimmung kochte vor Emotionen und Leidenschaft. Petrucci, der während dieses Stücks zu Portnoy aufs Schlagzeugpodest trat, vergoss zusammen mit Mike sogar ein paar Tränen (Mike hielt sich das ganze Konzert über faszinierend – er bewahrte die ganze aufrechte Haltung strenger Professionalität). Nur das i-Tüpfelchen fehlte noch. Leicht zu erraten. Der Klassiker aller Klassiker von Dream Theater. Pull Me Under. Eine Metal-Kanonade zum großen Finale mit Synthesizer-Intro, das die Erinnerung an den Autor dieses Kultsongs von Dream Theater wachrief, Kevin Moore. Das Publikum riss sich voll rein. Nach drei Stunden und fünfzehn Minuten gingen im Saal doch die Lichter an, und wir mussten uns eingestehen, dass es nach Hause geht und dass es vorbei ist.

Wo haben diese unglaublichen Jungs angefangen und wie weit haben sie es gebracht – Jungs, die nicht aufhören, mit ihrer unfassbaren Besonderheit und ihren unglaublichen Kunststücken zu begeistern, bei denen man oft denkt, sie stammten nicht von dieser Welt? Und wohin geht es von hier aus? Die ersten 40 Jahre liegen hinter ihnen. Nächstes Jahr ist also ein neues Album angekündigt, und die Band bucht schon Sommerauftritte fürs kommende Jahr. Bestimmt werden wir die Jungs bald irgendwo wieder auf der Bühne erwischen, denn es folgt eine Tour zur Promotion des kommenden neuen Albums „Parasomnia“. Der Countdown dorthin hat begonnen, aber Hand aufs Herz. Wer dieses großartige Spektakel mit Dream Theater verpasst hat, hat garantiert eine Party mit einer Band verpasst, der zumindest in den nächsten zehn Jahren keine kommende Tour auch nur ähnlich sein wird. Ein Konzert also, das unter dem Etikett ‚unvergesslich und unwiederholbar‘ in die Annalen und Erinnerungen eingehen wird. Dream Theater haben beim Konzert in Zagreb bewiesen, dass sie eine unbezwingbare und uneinnehmbare Festung auf der Landkarte des Weltrocks und Metals bleiben, und so wird es auch bleiben! Der Status der großen Ikonen des Genres, das sie auf die Beine gestellt haben, bleibt unerschütterlich, und die Band wird ihn in den kommenden Jahren allenfalls noch festigen!

Autoren: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


Englische Version:

Dream Theater sind jene Institution aus fünf streng gedrillten Musikprofessoren, die die Welt der Musik in vielem auf den Kopf gestellt hat. Im Metal-Genre sowieso, aber ihre Musik zieht seit Jahren auch viele Musikbegeisterte an, die im Alltag nicht mal an Metal schnuppern. Mehr noch als ein unglaubliches musikalisches Opus ist es die atemberaubende Neuinterpretation davon, wann immer das Quintett die Bühne betritt. Zweieinhalb Jahre nachdem sie die Mala dvorana des Doma Sportova ‚zerlegt‘ haben (als ‚Anheizer‘ war Devin Townsend dabei), haben sie im Rahmen der Feierlichkeiten zu ihren ersten vierzig Jahren zum vierten Mal in der kroatischen Hauptstadt gespielt – und wieder umgehauen!

Was ist so Bahnbrechendes passiert, dass die Band nach gerade mal zweieinhalb Jahren von Locations für ein paar tausend Leute in Hallen gesprungen ist, in die weit über 20.000 passen? Musikalisch: nichts. Aber das Originalmitglied und der Gründer der Band, Mike Portnoy, ist zurück. Da liegt unter anderem der Schluss nahe, dass es um die finanzielle Lage der Band nicht besonders rosig stand und ein radikaler Schritt nötig war. Der großartige Mike Mangini, der seine Rolle als Schlagzeuger von Dream Theater mehr als gerechtfertigt hat, musste sich nach dreizehn Jahren makellosen Dienstes verabschieden. An seine Stelle trat (unter anderem mit gleich drei Bassdrums in seiner Festung) ein uns allen bestens bekanntes Gesicht, das 2010 mit der Entscheidung, die von ihm mitgegründete Band zu verlassen, die Musikwelt geschockt hat wie kaum jemand sonst.

Die Band hat also die größte Welttournee ihrer Karriere gestartet. Mit einer neuen atemberaubenden Setlist – die Ehre der Repertoire-Auswahl gebührte dem Rückkehrer, dem ‚verlorenen und wiedergefundenen Sohn‘ der Band, Mike Portnoy. Drei Stunden volles Programm, mit einer Pause von fünfzehn Minuten, und wir mittendrin! Dabei sein war Pflicht. Zum Glück sind Dream Theater so groß, dass man für ihr Konzert nicht besonders weit fahren muss. Entweder sie spielen in Slowenien, wo sie bisher sechsmal aufgetreten sind (die Konzerte in Tolmin 2015 und 2019 mitgezählt), oder in Kroatien. Ein unvergessliches Spektakel stand bevor. Wir wussten es. Anders geht es gar nicht, wenn die Rede auf diese in vielem großen Meister kommt, auch in Sachen musikalische Pionierarbeit.

An diesem Abend hat alles gepasst. Alles fügte sich zu einem Ganzen. Wie der Schlüssel im Schloss! Es war sogar einer der wenigen Tage in diesem Jahr, der in klarem Himmelsblau strahlte. Rundum erstaunlich sonnig und trocken. Nur eine Sache war leicht überraschend. Der Besuch war bescheidener als erwartet. Tickets in allen Kategorien, auch ‚front of the stage‘, gab es noch am Konzerttag. Das schmälerte aber nicht die große Begeisterung und die katapultartigen Salven euphorischer Reaktionen des Publikums, in dem sehr laute und glühende Fans regierten, die der Band ihre Treue bis ins Grab geschworen haben!

Zagreb beherbergte an diesem Tag eine große Menge, die aus dem Friaul in Italien, aus Kärnten und der Steiermark in Österreich angereist war, ganze Bataillone von Anhängern aus Slowenien; auch Ungarisch war zu hören, und natürlich waren auch viele Autos aus Serbien und Bosnien und Herzegowina da.

Also ab zum Konzert! Zur angekündigten Zeit fiel der Vorhang, der alle 15 Studioalben der Band von 1989 bis 2021 symbolisierte, und die Band nahm uns mit ins Jahr 1992 und zu ihrem zweiten Studioalbum „Images And Words“, das bis heute bei den meisten Fans das beliebteste von Dream Theater bleibt. Das Warm-up also gleich mit einem der Höhepunkte dieses Albums – Metropolis – pt. 1: „The Miracle And The Sleeper“. In den ersten Reihen veranstalteten die Glühendsten eine wahre Euphorie und weckten mit ihren Reaktionen fast den Eindruck einer Besessenheit, die jeden gesunden Menschenverstand weggefegt hatte. Aber das ist dieses ‚Fantum‘, das in diesem Ausmaß nur auf Konzerten aufblüht. Und diese vorne zusammengepferchte Masse trug die Band mit obsessiver Unnachgiebigkeit auf Flügeln durch ihren Konzertmarathon, oder sagen wir lieber: Progressive-Metal-Marsch durch Zagreb. Als dann das fehlende fünfte Puzzleteil auf die Bühne kam, Sänger James LaBrie, verschmolz das Publikum in den Strophen buchstäblich mit ihm zu einer Einheit.

Die Band sorgte für eine hervorragende Setlist, in der eigentlich nur ein Song vom Debüt „When Dream And Day Unite“ (1989) vermisst wurde. Zwei Teile und dann eine halbstündige Zugabe! Fehlerfrei. Wo um alles in der Welt merken die sich das alles? Stürmisches, verheerendes Notengewitter auf Schritt und Tritt, bei dem sich die Haut kräuselt, Beschuss der Atmosphäre mit Rhythmen, die Beine und Knie brechen, ein atemberaubendes ‚Zusammenleben‘ endloser Solo-Eskapaden, in das alle vier (Portnoy, Rudess, Petrucci und Myung) mit orkanartiger, kaum beschreibbarer Geschwindigkeit, im Einklang und mit verblüffender Kontrolle über ihr Tun gemeinsam einstiegen, wobei Portnoy mit seiner Rückkehr den vermissten, unterhaltsamen Glam-Moment in die Band zurückbrachte, den er in der kurzen Zusammenarbeit mit Twisted Sister außerhalb von Dream Theater noch perfektioniert hat (Sportklamotten, Stirnband und Publikumsanheizen auf der Bühne). Bis zu seiner Rückkehr sorgten Rudess‘ Keyboards für den Glanz, die in ihrer Position im Hintergrund der Bühne mit ihrem drehbaren Aufbau und den schrullig geformten Tastaturen wieder die Aufmerksamkeit stahlen (auch das berühmte ‚Continuum Fingerboard‘ fehlte auf der Bühne nicht). Noch was. Um Mike Portnoys bewegliches Mikrofon kümmerte sich derselbe Techniker, wie beim Konzert von The Winery Dogs, heh – ist ja nicht wahr, genau vor einem Jahr, als Mike mit Richie Kotzen und Billy Sheehan am 29. 10. 2023 das CUK Kino Šiška in Ljubljana zum Kochen brachte!

Die weitläufige Bühne mit drei riesigen Projektionsleinwänden unterschied sich im Grunde nicht viel von denen, die die Band seit Jahren nutzt. Die Band überraschte mit einigen Karrierestücken, die sie lange nicht gespielt hatte. Damit verzauberte sie schon zu Beginn, als sie sich lange nicht aus den Neunzigern wegbewegte, wo nach dem Abstecher aufs Album „Awake“ mit The Mirror der „Falling Into Infinity“-Klassiker Hollow Years den Nagel auf den Kopf traf. Constant Motion, ein neues Solo-Karussell, das dankbar an den ersten Besuch der Band in Zagreb am 7. 6. 2007 erinnerte, als sie das damals aktuelle Album „Systematic Chaos“ mitbrachte, dem der Song entstammt, der in gewisser Weise schon mit dem Titel von Album wie Song die Pointe von Dream Theater in vier Worten erklärt. Den ersten Teil beschloss die Band mit dem aufgedrehten, vampirisch aufgeladenen „Train Of Thought“-Schrapnell, dem sonst beliebten As I Am. Die Pause kam quasi unerwartet, denn der hypnotische Effekt der Parallelwelt, in der wir mit der einzigartigen Magie der Band gelandet waren, war unglaublich stark. LaBrie kündigte plötzlich eine zwanzigminütige Pause an!

Erfrischung für ausgedörrte Kehlen und ein Einleitungsfilm für den zweiten Konzertteil, und es geht wieder zurück ins Parkett der Arena! Dieser Teil verging noch schneller als der erste. Die Band kündigte zu Beginn die Veröffentlichung ihres 16. Studioalbums „Parasomnia“ an (erscheint im Februar 2025) und spielte in düsterer Phrasierung den scharf geschliffenen Marsch Night Terror. In diesem Teil heizte die Band das Publikum vor allem mit dem fast obligatorischen Under A Glass Moon an sowie mit zwei weiteren „Train Of Thought“-Schrapnellen (Vacant und Stream Of Conciousness). Alles war bereit für den Höhepunkt. Octavarium! Die 24-minütige epische Sinfonie. Eine Progressive-Metal-Schlange, bei der die Band wieder einmal das Sprichwort rechtfertigte, das ihnen seit jeher anhaftet, wenn man zu ihrem Konzert kommt: „Das Unmögliche ist möglich“! Bei ihren Konzerten wird einfach alles möglich. Und ja. Das muss man hören und sehen, denn Worte, die das, was in diesem ’systematisch geordneten Chaos‘ passiert, korrekt beschreiben könnten, hat die Menschheit schlicht noch nicht erfunden. Sie sind auch nicht nötig. Die Vibration erledigt den Rest! Ganz direkt gesagt – ’saukrass und total fertig‘!

In die obligatorische, halbstündige Zugabe startete die Band mit den vermissten Stücken eines der Lieblingsalben ihrer Karriere, „Metropolis Pt. 2: Scenes from a Memory“ (1999). Erinnert sich noch jemand an ihren ersten Besuch in Ljubljana am 18. Juli 2000, als sie in Križanke dieses Album komplett gespielt haben? Und der Einstieg in dieses berühmte Wah-Wah-Riff von Petrucci in Home? Wahnsinn. Alle Leidenschaften waren wieder entfacht! Und dann kam dieser Moment. LaBrie schockierte das Publikum mit der Ankündigung, dass sie den nächsten Song von Dream Theater Portnoys Schwester Samantha Leone Cattaneo widmen, die nur wenige Stunden vor dem Auftritt in Zagreb verstorben war. Es folgte die fantastische The Spirit Carries On – eine der schönsten Kompositionen der gesamten Karriere von Dream Theater. Die Leute zückten ihre Handys (die analogen Zeiten von Feuerzeugen sind längst Vergangenheit). Die Stimmung kochte vor Emotionen und Leidenschaft. Petrucci, der während dieses Stücks zu Portnoy aufs Schlagzeugpodest trat, vergoss zusammen mit Mike sogar ein paar Tränen (Mike hielt sich das ganze Konzert über faszinierend – er bewahrte die ganze aufrechte Haltung strenger Professionalität). Nur das i-Tüpfelchen fehlte noch. Leicht zu erraten. Der Klassiker aller Klassiker von Dream Theater. Pull Me Under. Eine Metal-Kanonade zum großen Finale mit Synthesizer-Intro, das die Erinnerung an den Autor dieses Kultsongs von Dream Theater wachrief, Kevin Moore. Das Publikum riss sich buchstäblich voll rein. Nach drei Stunden und fünfzehn Minuten gingen im Saal die Lichter an, und wir mussten uns eingestehen, dass es nach Hause geht und dass es vorbei ist.

Wo haben diese unglaublichen Jungs angefangen und wie weit haben sie es gebracht – Jungs, die nicht aufhören, mit ihrer unfassbaren Besonderheit und ihren unglaublichen Kunststücken zu begeistern, bei denen man oft denkt, sie stammten nicht von dieser Welt? Und wohin geht es von hier aus? Die ersten 40 Jahre liegen hinter ihnen. Nächstes Jahr ist also ein neues Album fällig, und die Band bucht schon Sommerauftritte fürs kommende Jahr. Bestimmt werden wir die Jungs bald irgendwo wieder auf der Bühne erwischen, denn sie touren zur Promotion des kommenden neuen Albums „Parasomnia“. Der Countdown dorthin hat begonnen, aber Hand aufs Herz. Wer dieses Spektakel mit Dream Theater verpasst hat, hat garantiert eine Party mit einer Band verpasst, der zumindest in den nächsten zehn Jahren keine kommende Tour auch nur ähnlich sein wird. Ein Konzert, das unter dem Etikett ‚unvergesslich und unwiederholbar‘ in die Annalen und Erinnerungen eingehen wird. Dream Theater haben beim Konzert in Zagreb bewiesen, dass sie eine unbezwingbare und uneinnehmbare Festung auf der Landkarte des Weltrocks und Metals bleiben, und so wird es auch bleiben! Der Status der großen Ikonen des Genres, das sie auf die Beine gestellt haben, bleibt unerschütterlich, und die Band wird ihn in den kommenden Jahren allenfalls noch festigen!

Autoren: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
Act I
1. Prelude (orig. Bernard Herrmann) (Psycho Main Title)
2. Metropolis Pt. 1: The Miracle and the Sleeper
3. Act I: Scene Two: I. Overture 1928
4. Act I: Scene Two: II. Strange Déjà Vu
5. The Mirror (mit ‚Lie‘-Solo-Outro)
6. Panic Attack
7. Barstool Warrior
8. Hollow Years (Demoversion von ’96)
9. Constant Motion
10. As I Am
—20 Min. Pause—
Act II
11. Orchestral Overture (mit Ausschnitten aus jedem Album von Dream Theater)
12. Night Terror
13. This Is the Life
14. Under a Glass Moon
15. Vacant
16. Stream of Consciousness
17. Octavarium
—Zugabe—
18. There’s No Place Like Home (Filmausschnitt aus ‚The Wizard of Oz‘)
19. Act II: Scene Six: Home
20. Act II: Scene Eight: The Spirit Carries On (gewidmet Mikes Schwester Samantha)
21. Pull Me Under
22. Singin‘ in the Rain (Outro vom Band, orig. Arthur Freed & Nacio Herb Brown)


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