Death Angel, Sacred Reich und Angelus Apatrida mit einer Lektion Thrash Metal von hier bis in die Ewigkeit (2023)
Auftretende: Death Angel / Sacred Reich / Angelus Apatrida
Ort: Ljubljana / Cvetličarna / Slowenien
Datum: Dienstag, 7. 11. 2023
Endlich haben wir in Slowenien nach dem Juni-Ritual mit Testament und Voivod wieder einen echten Tag für Thrash Metal erlebt! Ein Tag der Rückkehr in die Wiege des Ur-Genres. Nach Ljubljana kehrten nämlich die kultigen Bay Area Thrash-Metaller Death Angel zurück, in Begleitung der nicht minder kultigen arizonischen Thrash-Metal-Legenden Sacred Reich. Ein mit Dezibeln aufgeladenes Ritual, das man einfach nicht verpassen durfte!
Seltsam, dass beide Bands bei uns zuletzt (auf getrennten Touren) im selben Jahr aufgetreten sind. Das war vor vier Jahren, genauer gesagt 2019, als Death Angel damals Mitte Juni im Orto bar Station machten, Sacred Reich ihnen im Orto bar Mitte November folgten. Diesmal haben beide Bands ihre Kräfte gebündelt und gemeinsam eine Tour namens »Night Of The Living Thrash« bestritten. Auch wenn Death Angel nach dem Jahr 2000 bzw. nach ihrer Reaktivierung regelmäßige Gäste slowenischer Bühnen sind (in Tolmin und Ljubljana haben sie bis zur Rückkehr in die Cvetličarna insgesamt schon elfmal gespielt), traten Sacred Reich erstmals in Ljubljana bereits Anfang Oktober 1990 auf. Damals machten sie gemeinsam mit Atrophy in der Festivalna dvorana Station (einen Tag zuvor spielten sie in Zagreb, noch einen Tag davor in Belgrad)! Ironischerweise hörten Death Angel genau in jenem Jahr auf zu existieren (sie kehrten 2004 mit dem Album »The Art Of Dying« zurück). Ungeachtet der Tatsache, dass Sacred Reich mit dem Besuch der Cvetličarna „erst“ ihr viertes Konzert in Slowenien ablieferten, gelten sie hierzulande nach wie vor als eine Art Konzert-Exotik – sagen wir, eine sehr attraktive Version eines Konzert-Exklusivums. 2016 traten sie erstmals auch in Tolmin und beim Festival Metaldays auf. Wenn wir noch kurz bei der Statistik und den Aufzeichnungen vergangener Tage des Heavy-Metal-Pulsschlags auf den Konzertbühnen Sloweniens bleiben: Die Supportband dieser Tour, das hervorragende spanische Quartett und Vertreter der New Wave of Thrash Metal Revival Angelus Apatrida, kommt in Sachen Anzahl der geleisteten Konzertauftritte Death Angel fast gleich. Und das bei halb so langer Bandgeschichte. Deshalb kennen wir alle drei Bands sehr gut, und obendrein fühlt sich das Jahr 2019 an wie gestern.
Angelus Apatrida waren in den letzten Jahren sehr fleißig. In den Jahren 2021 und 2023 veröffentlichten sie die Alben »Angelus Apatrida« und das aktuelle und insgesamt achte, nämlich das diesjährige »Aftermath«. Die Band ist unglaublich, da sie eigentlich durchgehend in unveränderter Besetzung agiert und unter dem Kommando des schlagkräftigen Tandems der Brüder Guillermo (Gitarre, Gesang) und José J. Izquierdo (Bass) steht, die im Quartett von Schlagzeuger Victor Valera und Gitarrist David G. Álvarez begleitet werden. Die Band nutzte ihre 40 Minuten bis auf die letzte Sekunde aus und präsentierte sich als hochkarätige Thrash-Metal-Schleifmaschine, die bildhaft in den Fußstapfen einflussreicher Thrash-Metal-Bands wandelt (dabei kamen einem Phrasen und Tricks der alten Schule à la Megadeth, Testament und Exodus in den Sinn). Guillermo, der bei seinen Clubbesuchen in Slowenien im Laufe der Jahre das eine oder andere Kilo zugelegt hat, hält eine außergewöhnlich geschliffene Vokalform und kann sehr überzeugend Wut herausschütteln, wenn seine Stimme rau, gallig und bitterlich rasend wird, funktioniert aber ebenso trefflich, wenn er in eine sauberere und musikalischere Vokalform wechselt. Der Sound war in jeder Hinsicht sehr ansprechend (wir reden hier von der Vorgruppe), und die Crew entfachte mit ihrer stürmischen Show eine handfeste Eröffnungshitze und trieb das Publikum, das sich im Saal erst langsam zu versammeln begann, auf teuflische Touren. An Eingespieltsein und Souveränität mangelt es ihnen wahrlich nicht, und genau mit dieser darstellerischen Bühnendynamik, auf der giftige Gitarrenriffs voller ansteckender Wut und Schärfe rollen, schufen Angelus Apatrida in der Cvetličarna die richtige Temperatur und Atmosphäre für den Auftritt von Death Angel.
Noch eine Reflexion. Angelus Apatrida gelten als eine der fleißigsten Bands des Thrash-Metal-Revivals. Sie schlugen ungefähr zur gleichen Zeit auf der Szene ein wie ihre Generationsgenossen Havok, Evile, Warbringer, die (wandelbaren) Striker, doch all die Genannten schafften es in etwa derselben Wirkungszeit, breitere Massen zu erreichen. Möglicherweise zogen die qualitativ absolut ebenbürtigen Angelus Apatrida dabei den Kürzeren, eben weil sie Spanier sind.
Death Angel. Die Mehrheit des Abends war in erster Linie wegen Death Angel in die Cvetličarna gekommen. Der spürbare Publikumszustrom ging diesmal auf das Konto von Besuchern aus den Regionen südlich der Kolpa, was nur eines bedeutete: einen Zustrom heißblütigen Temperaments und überschäumender Gefühle! Und als sich das Publikum mit der weißglühenden Show von Death Angel verband, kroch durch diese außergewöhnliche chemische Verbindung das Teufelchen höchstpersönlich aus dem Untergrund ans Licht. Death Angel sind bekannt für den außergewöhnlichen Magnetismus, den sie während ihrer Auftritte entfalten. Wenn sie ihre brutale Bühnenenergie entfesseln, werden sie auf der Bühne quasi unschlagbar. Auch nach mehr als 40 Jahren Bandgeschichte bleiben sie ungezähmte Bühnenhengste, wobei Gitarrist Rob Cavestany und Vokalist Mark Osegueda als originale Mitglieder der heutigen Death Angel-Besetzung wie echte Jungspunde wirken, die alles beweisen wollen. Das Quintett agiert seit Jahren in unveränderter Besetzung und funktioniert hervorragend. Sowohl im Studio als auch auf der Bühne. Eine Reihe erstklassiger Thrash-Metal-Alben der alten Schule (das letzte, »Hominicide«, erschien 2019) und ständige Konzertaktivität halten Death Angel in außergewöhnlicher Vitalform. Das Publikum hat den Auftritt im Orto bar von 2019 noch nicht vergessen und genau nach dieser Energie ist es auch diesmal zurückgekommen. Wer Death Angel schon einmal live gesehen hat, weiß, was das bedeutet. Sie gelten nämlich als eine der überzeugendsten Bands ihrer Generation im Thrash Metal, die bei der Show immer das Beste liefert. Und auch diesmal war es nicht anders. Die Band stürmte gnadenlos vor und peitschte das hungrige Publikum. In einer Stunde und zwanzig Minuten brillanter Show streifte das Repertoire praktisch alle veröffentlichten Studioalben. Zum Auftakt schlugen sie mit voller Wucht mit Lord Of Hate los, entnommen dem Album »Killing Season« (2008), und brachten diesen Song damit nach zehn Jahren wieder ins Konzertrepertoire zurück. Death Angel steigerten von da an routiniert ihre Show. Direkt nach dem Auftakt setzten sie eifrig fort mit dem gnadenlosen Zuziehen der Schlinge beißender und spitzer Thrash-Metal-Blasphemie und schossen das Publikum mit Voracious Souls schnurstracks auf das Debütalbum »The Ultra-Violence« (1987).
Osegueda präsentierte sich erneut als einer der ansteckendsten Frontmänner des Thrash Metal. Nicht nur, dass seine gewaltige Stimme monströs funktionierte – er zeigte wieder einige turnerische Akrobatikeinlagen, schüttelte ständig Hände mit Fans in den ersten Reihen und feuerte das Publikum mit Ansagen zwischen den Songs so beharrlich an, dass es ihm aus der Hand fraß! Der Konzertauftritt verlief trotz der Tatsache, dass Mark diesmal mehr redete als gewöhnlich, mit außergewöhnlicher Dynamik. Die Band ließ uns nicht atmen. Der Sound sehr gut! In den ersten Reihen war Mark etwas weniger zu hören, weiter hinten waren die Bausteine des Klangbilds optimal verteilt!. Dazu kommt die beeindruckende neue Performance von Schlagzeuger Will Carroll, unterstützt durch die druckvoll stechenden Basslinien von Damien Sisson, und das Maß ist voll. Das messerscharfe und abgestimmte Riff-Maschinengewehrfeuer des Gitarrengespanns Cavestany/Aguilar bleibt eine Geschichte für sich. Diesmal hängten Death Angel an den Abschlussklassiker des Debütalbums The Ultra Violence noch den »The Art Of Dying«-Klassiker Thrown To the Wolves an – stachelig, äußerst spöttisch und verderblich – und lieferten ihren finalen Kinnhaken.
Wenn du Death Angel live erlebst – und wir reden hier von einer Band mit mehr als 40 Jahren auf dem Buckel –, weißt du, dass Thrash Metal kein bisschen gealtert ist und die Bestie nach wie vor hungrig und blutdurstig ist! Die Band wirkt ewig jung. Osegueda versprach am Ende, dass Death Angel zurückkommen. Und zwar mit einem neuen Album in der Tasche! Gleichzeitig fiel der Band angesichts des außerordentlichen Feedbacks des Publikums der Abschied sichtlich schwer. Nun ja, zumindest den Eindruck machte sie.
Als dritte erklommen Sacred Reich die Bühne. Noch ein Act von biblischen Ausmaßen, wenn wir vom Thrash Metal reden. Das Quartett repräsentieren heute zwei originale Mitglieder: Bassist und Vokalist Phil Rind und Leadgitarrist Wiley Arnett (nun ja – wenn Dr. House und Ian Anderson gemeinsam einen Sohn hätten, würde der mit Sicherheit Wiley Arnett heißen), die Besetzung vervollständigen noch der erfahrene und hochgeschätzte Schlagzeugmeister Dave McClain (bekannt durch seine Arbeit mit Machine Head) sowie der junge (hauptsächlich Rhythmus-)Gitarrist Joey Radziwill. Auch Sacred Reich gönnten sich zwischen 2000 und 2006 eine Pause, reaktivierten sich dann und hielten jahrelang zumindest die Konzert-Kontinuität aufrecht, bis wir 2019 endlich ihr fünftes Studioalbum »Awakening« erhielten (RockLine Rezension). Das Publikum hatte bis zum Auftritt von Sacred Reich einige Besucher verloren – offensichtlich waren manche tatsächlich in erster Linie wegen Death Angel gekommen, obwohl die Cvetličarna nach wie vor eine mehr als beneidenswerte Fülle bewahrte. Das wundert nicht weiter. Obwohl Generationsgenossen, sind beide Bands eigenartige und ziemlich unterschiedliche musikalische Bestien. Dafür ließ es sich etwas leichter atmen. Mosh Pits folgten auch im weiteren Verlauf – genau wie bei Death Angel, es gab sogar einen Versuch eines misslungenen Stage Dives (mit einem ziemlich harten Aufprall). Sacred Reich packten mit Ausnahme des Materials vom Album »Heal« (1996) in eine Stunde und fünfzehn Minuten Material aus den restlichen fünf Alben sowie natürlich das obligatorische EP »Surf Nicaragua«. Rind, der im März 2022 eine schwere Atemwegsinfektion überstanden hat, hat eine hervorragende Vokalform gefunden. Seine klare und autoritative Stimme erschüttert und packt noch immer, wenn er sich dem unnachgiebigen Growling widmet. McClain, der mit halb so vielen Toms ausgestattet war wie zuvor Carroll, bewies beim Konzert außergewöhnliche Präzision und Genauigkeit. Die zwei Bassdrums vergaß er auch nicht. Arnett bleibt in der Rolle der Leadgitarre darstellerisch konstant, und hervorragend fügte sich auch der aufgedrehte Jungspund Joey ein, der an der ersten Frontlinie beim Auftritt die meiste Kinetik auf die Bühne brachte. Natürlich dominierte reichliches Material aus den Jahren 1988 bis 1993, dazu webten Sacred Reich noch drei Nummern ihres neuesten Albums »Awakening« ein.
Kein Spaß, voller Ansturm. Auch wenn Rind als Bassist größtenteils ans Mikrofonstativ gefesselt ist, unterwarfen die Klassiker Love… Hate, One Nation, Ignorance, Free, Independant…. das Publikum vollständig. Als Sacred Reich The American Way anstimmten (das wurde während des Auftritts von einem lautstarken Publikum mehrmals gefordert) und danach noch das Black Sabbath-Cover War Pigs draufsetzten, das die ohnehin schon erhitzten Köpfe zusätzlich entflammte, spielten sie zum Abschied noch den großen Abschlussdetonator, den erwarteten eisernen Repertoire-Klassiker Surf Nicaragua, und setzten damit den Schlusspunkt unter ihren mehr als hervorragenden Auftritt!
»Night Of The Living Thrash« also! Nichts weniger, nichts mehr. Genau das, was der Tourneetitel verlangt! Die echte und ursprüngliche Energie des Old-School-Thrash-Metals mit einer Manifestation und im Licht einer Darbietung, die in dir auf der Stelle den Wunsch weckt, das so bald wie möglich zu wiederholen! Oder anders gesagt: Wer sich an diesem Abend nicht in der Ljubljanaer Cvetličarna befand, muss sich definitiv irgendwo ernsthaft verirrt haben!
Text: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen
Angelus Apatrida:
1. Bleed the Crown
2. Snob
3. Indoctrinate
4. Cold
5. Give ‚Em War
6. Sharpen the Guillotine
7. You Are Next
Death Angel:
1. Lord of Hate
2. Voracious Souls
3. Seemingly Endless Time
4. Buried Alive
5. 3rd Floor
6. I Came for Blood
7. Disturbing the Peace
8. The Dream Calls for Blood
9. The Moth
10. Humanicide
11. Relentless Revolution
12. Truce Play Video
13. The Ultra-Violence / Thrown to the Wolves
Sacred Reich:
1. Divide & Conquer
2. Love…Hate
3. One Nation
4. Ignorance
5. Manifest Reality
6. Free
7. Salvation
8. Who’s to Blame
9. Independent
10. The American Way
11. Death Squad
12. War Pigs (orig. Black Sabbath)
13. Surf Nicaragua














































