Iron Maiden mit der Zeitmaschine bei der Landung in Prag – zweiter Tag (2023)
Iron Maiden (Vorband: The Raven Age)
Mittwoch, 31. 5. 2023
Prag / O2 Arena / Tschechische Republik
Das dritte Konzert der The Future Past Tour – beziehungsweise des europäischen Teils der neuen Welttournee von den einen und einzigen – Iron Maiden. Es war Dienstag, der 31. 5. 2023, was bedeutete, dass wir uns beim zweiten Prager Konzert der Band befanden. O2 Arena. So weitläufig wie sie ist. Mit dem gesamten Foyer, einer riesigen Promenade und dem angeschlossenen Einkaufszentrum. Ein kolossales Gebäude. Bis auf den letzten Winkel vollgestopft. Ähnlich wie bei der Zagreber Arena, nur dass in Prag alles noch größer und noch prächtiger ist (was das halbfertige Stožice-Wrack betrifft, verliert leider jede Debatte ihren Sinn). Außergewöhnlich.
Also: Tag zwei. Ein neues Metal-Fest! Eine neue Metal-Kommunion in Gesellschaft des titanischen Heavy-Metal-Sextetts Iron Maiden. Die Energie ist außergewöhnlich. Die Erwartungen nicht weniger. Tag eins, also das Dienstagkonzert vom 30. 5. 2023, war wunderschön – und schon gibt’s die nächste Portion. Fans der neuen Platte »Senjutsu« (2021, RockLine Rezension) kommen im Repertoire definitiv auf ihre Kosten, und das gilt genauso für alle Fans des Albums »Somewhere In Time« (1986, RockLine Rezension) – was bei den diesmaligen Konzerten der Band als eine besondere Art Magnetismus galt, der jeden automatisch in die Konzerte zog. Erwähnenswert: Alle Konzerte der The Future Past Tour werden vollständig aufgezeichnet. Mit mehreren Kameras. Kurzum – Iron Maiden bereiten auch von dieser Tour ein neues Konzertdokument vor.
Nebenbei: Im Vormittagsfußballspiel, das Bruce Dickinson beim Konzert am Vortag erwähnte, hat die Fußballmannschaft von Iron Maiden die Prager Slavia mit 10:6 abgeräumt. Das Protokoll bleibt auch am zweiten Konzertabend in Prag gleich. The Raven Age, die Band von George Harris, Sohn des berühmten Maiden-Bassisten Steve Harris, rockt bereits in der O2 Arena. Keine schlechte Band – nur passt sie für einen Iron Maiden-Fan leider nicht in den Kontext des klassischen Heavy-Metal-Geschmacks. Wir stehen inzwischen noch draußen. Vor der O2 Arena. Bei einem verdienten Schluck (oder zwei) tschechischem Bier. Mit der slowenischen Crew unerschütterlicher Maiden-Fans. Ich kann sagen, dass wir uns im Laufe der Jahre zu einer echten Bruderschaft entwickelt haben. Auch abseits der Konzerte.
Diesmal war es schwieriger, sich so nah wie möglich an die Bühne zu drängeln. Beide Konzerte hatten keinen Fan-Pit, und so musste man den Manöver zum Einnehmen der besten Positionen früher als sonst einleiten. Egal – das spielt keine große Rolle. Der Stehbereich ist da und der Kontakt zur Band wird garantiert wieder intensiv. Das Intro von Caught Somewhere In Time. Bis zum ersten Rhythmuswechsel in den klassischen Maiden-Achtziger-Galopp, durch den das Sextett über die Bühne fegt. Auch am zweiten Abend war der Sound während des gesamten Konzerts ordentlich. Auch wenn man das Konzert von der linken Seite des Stehbereichs aus und in ca. 30 m Entfernung zur Bühne verfolgte, hörte man alle wesentlichen Elemente – wobei Gers‘ Anteil oft im Dunkeln bleibt. Ob er gerade drauf eingespielt ist oder nicht, lässt sich häufig diskutieren. Im Konzertfinale, also von Fear of the Dark bis zum Ende des Repertoires (mit Zugabe), definitiv schon. Der Clown seines Kalibers schlich sich genau während Fear of the Dark an die rechte Bühnenposition (die sonst Murray einnimmt) und rammte immer wieder in einen Monitor, der absichtlich so aufgestellt ist, dass er sich frei hin und her schaukelt. Nachdem er auf seine Position zurückgekehrt war, trat Smith an genau diesen Monitor heran und wischte mit saurer Miene theatralisch Gers‘ Schweiß davon ab.
Dickinsons gute Laune und seine unglaubliche Spritzigkeit – über die wir bereits im Konzertbericht vom ersten Tag und auch in Ljubljana geschrieben haben – waren wieder der Hauptkatalysator dafür, dass die Ereignisse auf höchstem atmosphärischen Niveau abliefen. Diesmal war es nicht anders. Mit Schweißerbrille, wie man ihn sonst nicht gewohnt ist. Die trug er während der Opener Caught Somewhere In Time und Stranger In A Strange Land, bei dem uns zum ersten Mal der Cyborg-Eddie im Outfit von Clint Eastwood aus dem Film »Zwei glorreiche Halunken« besuchte. Es folgt ein längerer Konzertteil, der dem Album »Senjutsu« gewidmet ist, bei dem die Band wohl selbst am meisten Spaß hatte.
Dickinson rannte non-stop hin und her. Mal entlang der Bühnenkante, mal auf dem zusätzlichen Podest, das sich an der kolossalen Bühnendekoration der Kombination beider Hauptalben der aktuellen Tour erstreckte, hoch über McBrains Schlagzeugfestung. Bei Heaven Can Wait inszenierten er und der Cyborg-Eddie wieder ein neues Schießduell. Bruce lieferte vokal erneut eine exzellente Vorstellung. Der Fokus der Menge ist beim Konzert größtenteils auf ihn gerichtet, und bei jeder „Dummheit“, die er sich auf der Bühne leistet, sind die Reaktionen der mehrere Tausend Köpfe starken Masse außergewöhnlich. Während des Konzerts verfolgte in der ersten Reihe ein Fan die Band, der einen Hopliten-Helm mit Helmbusch trug. Klar – wir sprechen vom Klassiker Alexander The Great. Als die Band sich zu der Aufführung dieser brillanten Komposition vorarbeitete, was automatisch einen der Höhepunkte des Konzertspektakels bedeutete, gelang es diesem Fan, den Helm an Dickinson weiterzugeben. Der schlich sich damit hinter Harris und drückte ihm ihn ruckartig auf den Kopf. Harris, dem solche und ähnliche unerwartete Dickinson-Scherze offensichtlich überhaupt nicht liegen, riss ihn noch ausdrucksstärker vom Kopf und warf ihn vor sich hin.
Das dritte Konzert wirkte noch kompakter als die ersten beiden der aktuellen The Future Past Tour. Patzer gab es noch weniger als bei den beiden vorigen Konzerten – was bestätigt, dass Iron Maiden in den letzten Jahren eine Band sind, die von Auftritt zu Auftritt ihre Konzertform steigern. Man muss wissen, dass das diesmalige Repertoire im Vergleich zu dem aus dem letzten Teil der »Legacy Of The Beast«-Tour tatsächlich auf den Kopf gestellt ist – aber das rechtfertigt keine schlechtere Eingespieltheit der Band, als zu erwarten gewesen wäre. Und noch ein kleiner Einwurf: Nicko! Wo sind denn deine Rolls?
Can I Play With Madness (nach 10 Jahren wieder ins Repertoire zurückgekehrt) und The Prisoner erwiesen sich als exzellente Ergänzungen, denn an deren Stelle hätte mancher Standards wie 2 Minutes To Midnight, Run To The Hills oder The Number of the Beast erwartet. Und noch mehr: Material von der Platte »Powerslave« fiel diesmal komplett aus dem Repertoire raus, ebenso das Album »Killers«. Aber wenn du dazu noch eine Aufführung von Alexander The Great hinzufügst, bleibt alles rundum makellos. Sogar überdurchschnittlich. Ein alter Hase meines Schlages hätte nicht gedacht, dass er eine Konzertaufführung von Alexander jemals live erleben würde. Und The Prisoner live? Ein Klassiker, der eine brillante Portion Nostalgie bleibt! Unglaublich, was Maiden bei der Aufführung von Fear Of The Dark erreichen. Wie heftig die Menge bei diesem Song reagiert. Sogar am intensivsten im gesamten Konzert. Dieser Klassiker bleibt ein unglaublicher Favorit. Während der Aufführung von Iron Maiden, das wie immer das Ende des regulären Konzertteils ankündigt, „bläst sich“ im Hintergrund eine riesige Samurai-Eddie-Skulptur auf. Es folgt die Zugabe. Das großartige neue Hell On Earth – ich kann sagen, es ist einer der stärksten Kompositionsmomente des »Senjutsu«-Albums – eröffnet sie zu Recht, und ein Adrenalinstoß erfasst die O2 Arena im vollen Galopp der Schlacht von Balaklawa – die das sinnlose Massaker der britischen leichten Kavallerie im Krimkrieg 1854–1856 beschreibt –, als die ersten Takte von The Trooper erklingen. Nein, es ist noch nicht vorbei. Bruce Dickinson schreit: »Every fucking day we do this is the best day of our lives«. Es folgt eine megalomanische Aufführung von Wasted Years, bei der im Hintergrund Eddies Inkarnationen durch die Karriere der Band gezeigt werden. Wahnsinn. Aber auch dieser Wahnsinn muss irgendwann enden.
Was soll man zum Schluss sagen? Eigentlich nichts. Maiden haben mit der neuen Tour wieder mit etwas anderem aufgewartet. Etwas, das sie noch nicht ausprobiert hatten, das aber natürlich auch unglaublich nostalgisch wirkte. Sie zogen also den Trumpf aus dem Ärmel, der alle Fans des Planeten in einem vereinte. Und das war das Ziel der Band. Und wenn man sich alles anschaut – den manchmal fast kindlichen und überschwänglich draufgängerischen Esprit, den einzelne Bandmitglieder bei den Konzerten ausstrahlen – wissen wir, dass die Geschichte noch längst nicht abgeschlossen ist. Kaum sind drei Iron Maiden-Konzerte hinter uns, werden wir schon wieder hungrig nach mehr Zeit mit dieser legendären Band. Höchstwahrscheinlich erwischen wir sie auf den Bühnen schon nächstes Jahr wieder, wenn nicht früher. Bis dahin: »Up the Irons!«
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen
Setlist:
1. Caught Somewhere in Time
2. Stranger in a Strange Land
3. The Writing on the Wall
4. Days of Future Past
5. The Time Machine
6. The Prisoner
7. Death of the Celts
8. Can I Play With Madness
9. Heaven Can Wait
8. Alexander the Great
9. Fear of the Dark
10. Iron Maiden
—Zugabe
11. Hell On Earth
12. The Trooper
13. Wasted Years























