Fettig klingender Schund bis auf `Tilt` aufgedreht im C.M.A.K. in Cerkno (2018)

ALEŠ PODBREŽNIK
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Datum: 05.05.2018
Ort: Cerkno / C.M.A.K. / Slowenien

Eine kleine Vorbemerkung. Wie bekommt man eigentlich eine Abrissgenehmigung für ein Haus, das Teil der Altstadt ist? Wer genehmigt so etwas – und reicht es für eine solche Abrisserlaubnis wirklich aus, dass man Eigentümer des Hauses ist und sonst nichts, um dann nach Belieben abreißen zu können? Ist so ein Gebäude, wie jenes, in dem sich in Cerkno der Club C.M.A.K. befindet, nicht Teil des slowenischen Kulturerbes? Der C.M.A.K. in Cerkno stand nämlich kürzlich vor dem Aus – was der ohnehin schon chronisch unterversorgten und ausgebluteten slowenischen Club-Musikszene einen weiteren harten Schlag versetzt hätte. Es ist längst keine Neuigkeit mehr, dass dieser Staat eben stiefmütterlich ist, wenn du kein Fan von Akkordeon und Polka bist. Na ja, der C.M.A.K. hat den ersten Schlag vorerst abgewehrt – ob er die restlichen auch noch abwehren wird, steht in den Sternen. Vorerst steht er jedenfalls noch.

So ist er heuer Teil des Programms des Festivals „Im memoriam prof. Peter Hafner“ geworden und hat im Rahmen dessen eine Combo aus drei außerordentlich interessanten Bands zu Gast gehabt. Zwei slowenische und eine kroatische. Die Hauptträger des Abends waren die Ljubljanaer Jegulja, die von sich selbst sagen, dass sie fettigen Sound-Metal spielen. Zumindest so fettig wie das Fleisch eines Aals eben fettig ist. Eine besondere Attraktion kam diesmal direkt aus Železniki, von wo Disdrug (This Fuck) angereist sind, die seit dem fernen Jahr 2000 aktiv sind. Den beiden Bands machten die Zagreber Noise-Schund-Post-Rock-Alternativler Nemeček Gesellschaft.

Der C.M.A.K. war schon lange nicht mehr so voll. Angeblich passen 80 Leute rein, wenn er knackevoll ist. Tatsächlich war die Zahl diesmal nah an 80. Kurz nach zehn Uhr abends watschelten Disdrug This Fuck auf die Bühne. Die Band besteht aus einem Trio von „Muzičisti“ (wenn ihr mir erlaubt, mich auf Cerkljanisch auszudrücken), die rein instrumental spielen. Matija Žumer, Andrej Podlipnik und Anže Krajnik sind die Mannen, die für eine wahre Humoreske des Eröffnungsakts des Konzertabends gesorgt haben. In einer anderen Geschichte wären sie mit Leichtigkeit eine ungemein treffende Parodie-Band, denn an Fantasie für exzellenten schwarzen Humor mangelt es ihnen nicht. Schon allein die Songtitel sind manchmal so bizarr, dass sie glatt die Bezeichnung „Gore“ verdienen würden, wie etwa Razstrup ta drek oder Sjebao me bog. Mit den Jungs ist aber nicht zu spaßen. Je mehr Witzbolde sie sind, desto verdammt besser spielen sie. Und mehr noch: Sie pflegen ein eigengewachsenes Profil, das ganz ihnen allein gehört. Sie sind komplex und eher progressiv als alternativ. In ihre Musik mischen sie alle möglichen Rhythmen, am liebsten solche, in die kein einziger Tanzschritt passt. Nur verknackste Knöchel und gerissene Kreuzbänder. In ihrer Ausführung wissen sie zu überraschen. Mehrfach. Wenn sie sich nämlich durch einen Song durchbeißen, wechseln sie die Rhythmen mehrmals darin, und auch das Phrasing ist äußerst abwechslungsreich, gespickt mit mehreren komplexen Übergängen. Man kann ruhig sagen, dass es ihnen in diesen instrumentalen Jams keineswegs an Jazz-Momenten mangelt. Sogar Balkan-Arabesken schleichen sich in die Musik, und ich sage es direkt: auch eine Prise Calypso ist dabei. Eine Band, die es nach fast zwei Dekaden des Schaffens endlich ernst nehmen muss, zumindest insofern, ein Album zu veröffentlichen. Zumindest eines in der Karriere, und sei es auch, dass darauf die gesamte Diskographie der Gruppe aus achtzehn Jahren drauf ist. Die Songs sind nämlich je etwa drei Minuten lang und ein bisschen mehr, sodass man vielleicht alles auf eine Scheibe pressen könnte. Noch eins: Beim Zuhören konnte ich das Gefühl nicht loswerden, dass die Jungs zu ihrer Zeit ziemlich viel Rush gehört haben, vor allem ihr musikalisches Schaffen der zweiten Hälfte der Siebziger. Also: Daraus könnt ihr auch selbst schließen, dass die Jungs so grotesk sind, wie sie sind – und das umso mehr mit außerordentlicher Qualität kompensieren, die mit einer kräftigen Dosis Humor exzellentes Spiel liefert.

Der größte Teil des Konzertabends gehörte dem Ljubljanaer experimentell-instrumentalen Trio Jegulja. Schon allein der Anblick der Jungs in Steven Wilson- und Frank Zappa-Shirts deutete darauf hin, dass da musikalische Sonderlinge auf die Bühne steigen. Na ja, wenn euch das Wort Sonderlinge Schwierigkeiten bereitet, sagen wir lieber: musikalische Eigenbrötler. Jegulja sind ein Trio. Und was für eines? Wie Van Der Graaf Generator. Ein Trio ohne Bassisten. Eine Gitarre ist tiefer intoniert, trägt sieben Saiten und ist stärker auf Shredding ausgelegt, die andere ist klanglich etwas präziser eingestellt und klingt auch ein wenig »klagender«, wenn sie es will. Zusammen bilden beide Gitarren eine außerordentlich gelungene Klangpassion, eine wunderschön aufgebaute Klanglandschaft. Eine massive Klangwand, eine Klangfülle, an der das ungezähmte Schlagzeug-Temperament von Jan Prosen emporklettert und sich emporzieht – Jan gilt ansonsten als ausgezeichneter Gitarrist. Jan hat früher u.a. Gitarre für Down Patrol und Dr. Evil gespielt. Die Gitarristen Jan Kozel und Jure Gašper spüren sich ausgezeichnet. Sie sind durchgehend auf einer gemeinsamen Wellenlänge und verdoppeln so trefflich die Ornamente in den Passagen. Beim komplexen Instrumentieren tauchen ständig jede Menge Feinheiten auf. All die kleinen Tricks, die beide Gitarristen über Phrasen und Übergänge legen. Jegulja sind aber alles andere als ein leichter Knochen zum Nagen. Der zugespitzte, fette Groove saugt dich in eine Trance, aber dafür musst du leicht abgekoppelt sein. Jegulja stellen den Zuhörer also auf die Probe. Musikalisch gesehen handelt es sich um eine hervorragende Fusion mehrerer Genres. Khmmm…. Post-Metal, Stoner, manchmal riecht es auch nach Sludge, einige psychedelische Passagen sind auch dabei. Jegulja haben sichtlich Spaß beim Spielen gehabt. Sie hatten reichlich Spielzeit und wollten wirklich das Beste aus sich herausholen, was sie können und vermögen. Und so war es auch. Die Band hat wirklich eine bravouröse Vorstellung geliefert, die vor außerordentlichem Einsatz nur so vibrierte und dabei puren Instinkt und Sinnlichkeit offenbarte. Jure, der Mann, der auch Mitglied der Band Uroš ist, erzählte in einer der Pausen, dass sie für den C.M.A.K. auch drei Tage am Stück spielen könnten, wenn nötig, dass sie im CMAK immer gern zurückkehren und sich hier natürlich immer bestens fühlen. Vor dem Konzert hatten mich Kenner der Band darauf hingewiesen, dass Jure sehr gern redet. Na ja, wenn er schon nicht zwischen den Songs singen kann, erzählt er zumindest in den Pausen viel. Ja. Auch auf eine obszön-kloakige Sprache wurde ich hingewiesen – wobei Niki bei Godscard auf seinem künstlerischen Höhepunkt in dieser Manier immer mit Leichtigkeit den ersten Platz belegt hat. Das ist aber auch nicht wesentlich. Es zählt nur die Musik, und jeder Musiker hat seinen eigenen Ansatz, das Publikum anzusprechen. Jures Ansatz ist also äußerst reizvoll. Jegulja muss man gesehen haben! Sie spielen hervorragend und können sich einer außerordentlich charismatischen Expression ihrer musikalischen Kunstkultur rühmen. Komplexe Metal-Jams also. Einer nach dem anderen, jeder eigensinnig und unverwechselbar. Progressiv ist das schon. Und jenes gelbe Frank Zappa »Weasels Ripped My Flesh« (1970)-Shirt von Jan deutet nur auf die Möglichkeit hin, dass Jegulja sich künstlerisch über die Jahre noch konkreter entfalten und damit die Metal-Genres noch entschiedener überschreiten könnten.

Die Stunde war bereits spät, als Jegulja ihren Auftritt beendeten. Auf die Bühne stiegen schließlich auch noch die Zagreber Nemeček. Das Publikum vor der Bühne war nun etwas weniger geworden, die Stunde war spät und die Gleichgewichtsorgane ebenfalls konkret angegriffen. Dennoch kamen die Zagreber bei der versammelten Menge gut an. Von allen drei Bands, die an diesem Abend in Cerkno versammelt waren, waren Nemeček am wenigsten instrumental, da einige ihrer Songs auch kürzere Texte besitzen – die man allerdings kaum herausfiltern kann, wegen des extrem kreischenden Vocals, was zur ausgeprägten Noise-Kontur des musikalischen Ausdrucks der Band passt. So wie es bei Nemeček »gequietscht« und gebrummt hat, war das bei den ersten beiden Bands bei Weitem nicht so. Der Groove ist da. Etwas einfacher angelegte Songs im Vergleich zu den vorangegangenen Bands, aber dennoch außerordentliche Rhythmik. Die Band hat den »Beat« im kleinen Finger der linken Hand. Riffs schwer und kräftig, das Quartett in bester Laune. So lieferte es eine außerordentlich dynamische Vorstellung. In jeder Hinsicht hat sich von allen drei Bands diese mit Sicherheit am meisten ausgetobt – und auch am meisten geschwitzt.

Angesichts der Schäden am persönlichen Gehirnprozessor, der in ausgesuchter Gesellschaft im Garten hinter dem Gebäude des ehemaligen Hotels Porezen von 8.00 bis 18.00 Uhr unaufhörlich eine Vielzahl von Kadavern gefrorener patagonischer Kalmare scannen musste, die während ihrer manuellen Reinigung von den Fotorezeptoren gnadenlos in den Assoziationskortex geschickt wurden, blieb nichts anderes übrig, als mich schließlich zur Ruhe zu begeben. So verließ ich den Schauplatz vorzeitig und habe das Konzert nicht bis zum Ende gesehen. Noch wundert es mich, dass meine EMŠO mich nicht schon früher umgehauen hat. Der C.M.A.K. hat also »auf ganzer Linie« gewonnen! Solche Bands wünscht man sich in einem Club!

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

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