Wall Of Sound
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Friedman, Marty
Label: Prosthetic Records
Erschienen: 2017
Laufzeit: 53:46
Wertung: 4.5/5
Höchste Zeit, noch vor Neujahr 2018 das aktuelle Werk des ehemaligen Megadeth-Shredders Marty Friedman unter die Lupe zu nehmen. Dieser hartgesottene Gitarrist und unerschütterliche Erkunder klanglicher Weiten und Landschaften begeistert auch damit wieder aufs Neue. Obwohl der Mann definitiv ein neoklassisch geprägter Musiker ist – und das trotz der Tatsache, dass er größtenteils Autodidakt ist –, da der Großteil der Tracks auf »Wall of Sound« auf die eine oder andere Weise in die Sphäre des Einmaleins der klassischen Musik »geworfen« wird, begeistert Friedmans hochintelligente Verschmelzung von neoklassischem Metal mit anderen Genre-Einflüssen einmal mehr. Die Arrangementprinzipien sind also konsequent in Richtung der Grundlagen klassischer Musik verschoben, oder Friedman fusioniert mit unglaublicher Raffinesse verschiedene Genre-Welten – und gleichzeitig auch die ausgewählten rhythmischen Grundlagen, auf denen er seine Kompositionen aufbaut. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: »Wall Of Sound« ist im Kern ein Metal-Album – was von Friedman ja auch erwartet wird!
Immer wieder zieht eine der Kompositionen in Richtung einer extrem metallisierten Filmmusik-Variante (Streetflight, For a Friend). Diese Stücke sind mit dem sogenannten feierlichen Pomp dosiert, dank der besonders dicht komprimierten Klangfülle, für die Friedmans Produktion sorgt. Von daher überrascht es nicht, warum der Mann seinem neuen Album diesen Titel gegeben hat. Diese dramatische Theatralik moderner Klangprinzipien lässt sich sogar mit dem massiven Bild der orchestralen Klangwelt der Devin Townsend Project vergleichen. Gelegentlich ist das Klangbild so dicht, dass die Komposition beinahe ins Chaos kippt, doch Friedman fängt im Stil eines außergewöhnlichen Seiltänzers stets rechtzeitig das Gleichgewicht wieder ein und sorgt dafür, dass die eigentlich komplexen Kompositionen eine kompakte Struktur bewahren. Auf diese Weise spricht bereits das Eröffnungsstück Self Pollution den Hörer an.
Interessant ist, dass Something To Fight, in dem Friedman auch einen Gastgesang einsetzt, unglaublich stark auf Kompositionsprinzipien ausgerichtet ist, die aus der Elementarität von Thrash und Speed Metal stammen – was Parallelen zu den Zeiten von Megadeth und Cacophony weckt –, auch wenn Something to Fight, in dem Jørgen Munkeby von Shining als Sänger zu Gast ist, komplex ausgearbeitet ist und sowohl Munkeby als auch Friedman in ihren Stärken und der theatralischen Zurschaustellung ihrer Talente über alle expressiven Grenzen hinausgehen. Beide ergänzen sich hervorragend, und der Track bringt – als einziger Vokal-Track des Albums – eine mehr als willkommene Abwechslung.
The Soldier bestätigt im Eröffnungsteil, dass Friedman durch die Jahre seines Aufenthalts in Japan durchaus von der traditionellen Melodik des Landes der aufgehenden Sonne berührt wurde, was sich vor allem im Sentiment und in der Atmosphäre des Eröffnungsteils des Stücks spüren lässt. Whiteworm gilt als eines der progressivsten Stücke des Albums, an Wechseln zwischen verschiedenen rhythmischen Strukturen und Motiven mangelt es nicht. Gleichzeitig zeichnet sich dieser Track auch dadurch aus, dass Friedman Latino-Melodik und Salsa-Elemente eingeflochten und diese hervorragend mit neoklassischem Metal kombiniert hat. Begeisternd ist auch Pussy Ghost, wo Friedman im Eröffnungsteil sogar zu Black-Metal-Elementen greift, denn das extreme Tremolo-Picking über die Saiten und die klangliche Wand dieser Linien werden von extremen Blast Beats unterstützt.
Was Marty Friedman auf diesem Album gelingt, ist einmal mehr das Aufbrechen konventioneller musikalischer Muster und Klischees sowie eine gedankliche Expansion, die den expressiven Stempel dieses Künstlers in unentdeckte musikalische Dimensionen führt. Es lässt sich unschwer feststellen, dass Friedman ein außergewöhnlicher Gitarrist und Musiker der besonderen Art ist und sein Spiel ein absolutes Unikat darstellt. Deswegen ist auch die Wahrnehmung der Musik einzigartig und damit auch seine Art, die Begriffe musikalischer Kollision bzw. musikalischer Fusion zu begreifen – was in einer neuen, reizvollen Sammlung von elf Kompositionen resultiert, die mit dem freiheitsliebenden »Friedman-Experiment« ausnahmslos begeistern. Mag die eine oder andere Wiederholung überflüssig sein und biegt sich das Album gelegentlich schon etwas zu sehr unter solistischen Abenteuern, ist eben jenes Album auf der anderen Seite für den Hörer unglaublich reizvoll – durch seinen Entdeckergeist, da es ständig den Kontakt zu einem hohen Niveau an Virtuosität und progressiver Komplexität in der Instrumentalmusik sucht, wie sie das heutige Spektrum des Gitarrenrocks und des Gitarren-Metals versteht. Es ist ein Album, bei dem man spürt, dass Friedman es mit vollem Einsatz und echter Freude erschaffen hat, denn es ist mit Leidenschaft und großem Feuer gemacht. Auf eine gewisse Weise hat er die Grundplattform bzw. den Entwicklungshorizont des Instrumentalrocks aufgefrischt, der die Gitarre in den Mittelpunkt der Expression stellt. Und da wir schon dabei sind: Auch das Album »Inferno« hat ein solches Gefühl geweckt, und bei künftigen Veröffentlichungen wird seine Musik – zumindest was Friedman betrifft – stets aufwühlen. So wird sie in ihrer kompositorisch-interpretatorischen Ästhetik eine außerordentlich besondere Konstante im Alltag selbst anspruchsvollster Musikgourmets bleiben.
Marty Friedman – Whiteworm (offizieller Audio-Stream):
Besetzung
Marty Friedman – Gitarre, alle weiteren Instrumente, Programmierung
GASTMUSIKER:
Jinxx (Black Veil Riders) – Violine auf Track Nr. 2
Jørgen Munkeby (Shining) – Gesang auf Track Nr. 8
Shiv Mehra (Deafheaven) – Gitarre auf Track Nr. 6
Produktion
Marty Friedman
Trackliste
01. Self Pollution
02. Sorrow And Madness
03. Streetlight
04. Whiteworm
05. For A Friend
06. Pussy Ghost
07. The Blackest Rose
08. Something To Fight
09. The Soldier
10. Miracle
11. Last Lament