Dobri možje
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Same babe
Label: Založba Pivec
Erscheinungsjahr: 2014
Laufzeit: 37:02
Wertung: 4/5
Same babe, ein Sextett, das sein musikalisches Dossier auf ironisch-sarkastischem, dabei stets bodenständigem Predigen durch das Theater des »anderen« Chansons aufbaut, hat in diesem Jahr endlich das offizielle Dokument veröffentlicht. Es ist ein gesellschaftskritisches Abbild des Lebens in unserem schönen »unbefleckten« Ländchen, voll serviler Gefälligkeit des kleinen Mannes gegenüber einer Handvoll »Vasallen«, die diese Gutmütigkeit grenzenlos ausnutzen und den mehrheitlich »ausgehungerten« Pöbel fest an der Kette halten.
Die Prämisse des Albums ist jedenfalls starke Lyrik, in den festen Vordergrund treten natürlich die Vocals, die Vokalchöre und die Interpretation der Verse, die prioritär auf das nacherlebte Vermitteln des Aussagewertes ausgerichtet ist. Dieses Element ist das entscheidende Pokerass der Gruppe, mit dem sie den Hörer animiert, ihn in ihre Welt zieht und in eine besondere künstlerische Erfahrung entführt. Trotz dieses Vorworts ist das Album »Dobri možje« ein ziemlich üppiges Stück musikalischer Torte und verlangt viel Aufmerksamkeit für sich. Es zündet keinesfalls, wenn du anfängst, es von hinten oder von der Mitte her anzuknabbern. Wenn du es in den CD-Player einlegst, musst du es am Stück genießen. Von der ersten bis zur letzten Sekunde. Alles andere kommt nicht in Frage. Da die Melodien eine Mischung aus dem Erbe des slowenischen Volksmelods sind, in die sich genremäßige Ausschweifungen in Richtung Rock einweben (Gospodarji – hier lassen sich sogar Zappa-Prinzipien erkennen), Funk (V kleti… / obešena Tončka), bis hin zu Blues, sogar Swing und akustischem Boogie, ist das Ergebnis eine musikalische Besonderheit der künstlerischen Vision, die die Gruppe pflegt. Der Vokalchor der Gruppe verwandelt sich etwa einträchtig in ein herzliches Nachtigallentrillern durch eine A-cappella-Darbietung des Stücks Pomlad. Die 18 Tracks des Albums bieten also eine ansprechende und abwechslungsreiche Gedankenmischung.
Auf dem Album finden sich jedenfalls auch Tracks, die der Radiofähigkeit nahekommen (Dobri možje, Skladba o Beti). In der gesamten luziden Form der Texte, die frontal kommunizieren (ohne Versteckspiel), ist viel Raum für ein Gefühl der Bitterkeit. Same babe vermitteln Botschaften, die Misere und Glanz der Realität unseres Alltags lebendig zeichnen. Die Mission ist also geglückt. Die Jungs passen die Vokalinterpretation mit engagierter Feinfühligkeit an. Ebenjene weckt verschiedene Empfindungen. Die Vocals können ruhig, feierlich wirken, im nächsten Moment beißend, ätzend, können voll von schwerem Jammern sein (Gospodarji, Repa, korenje). Die Dosis vokaler Grimassen ist außerordentlich. Wie gesagt. Alles auf dem Album »Dobri možje« steht und fällt mit den Vocals und dem Prinzip ihrer Interpretation.
Da auf dem Album Tracks zu finden sind, die aus verschiedenen Epochen stammen – die älteste Aufnahme reicht noch bis ins Jahr 2006 -, ist klar, dass sich das Konzept für das Album »Dobri možje« über längere Zeit entwickelt hat. Das Musikerteam trägt eine ausgereifte Vision und weiß genau, was wo stehen muss, wenn es sich ans Arrangieren der Kompositionen macht. Atmosphären und Stimmungen wechseln sich graduell durch die Tracks. Von angespannten Theaterdramamomenten bis zur lockeren Posse und allem dazwischen. Ungeachtet der gelegentlichen Banalität bereits gehörter und neu verpackter Melodien in den Gesangslinien liegt genau in dieser Banalität das Wesentliche der Ausdruckskraft, die die Gruppe im gegebenen Moment vermitteln will (Zjutraj ptički prav lepo pojo). Im Konzept hat auch die Reinterpretation des slowenischen Volkslieds Franček silni ihren sinnvollen Platz gefunden, das einst Andrej Šifrer auf seiner Platte »Nove pravljice za otroke in upokojence« aus dem Jahr 1983 arrangiert hatte.
Trotz allem stellt das Album die Kraft der Vokalinterpretation und des nacherlebten Botschaftsvermittelns in die erste Reihe, das Geist und Emotionen beim Zuhörer mit solcher Reichweite wirksam bewegen muss, doch die musikalische Begleitung ist dabei nicht immer »unschuldig«. Es stimmt zwar, dass sie untergeordnet ist und tatsächlich wie eine Art zerbrechlicher, leichter Hülle für die Vokal-Arrangements wirkt, aber ihre Rolle des Kontrastierens ist wichtig, damit die Tracks so greifen, wie gewollt. Darauf wird dich schon das bescheidene »Schminkchen« der Kazoo-Begleitung und der schlichten Gitarrenphrase in der Komposition Moj šef aufmerksam machen, auf die in ähnlichem Format Dobri možje folgt, bereichert durch den Rhythmus eines gemächlichen Galopps im Hauptgesang.
Same babe haben in Slowenien keine nahen Verwandten, wenn es um Vergleiche mit anderen Künstlern geht. Der Inhalt des Albums »Dobri možje« könnte jene aufhorchen lassen, die etwa die Werke der Band Nula kelvina kennen und in einer gewissen entfernten Assoziation auch die neueren Melanholikov. Das Album ist übrigens zu mehr als der Hälfte live aufgenommen, was seinen zusätzlichen Reiz ausmacht.
Das Cover ist beeindruckend. Es versinnbildlicht eine Ära kastrierter Männer, über die weibliche Dominas herrschen. Es geht also um eine Welt voller Weiber im wahrsten Sinne des Wortes. In der Verpackung (Covergestaltung) und dem Inhalt, der sich darunter verbirgt. Hand in Hand. Ein Konzept, das unglaublich durchdacht ausgearbeitet ist und sich genau deshalb so überzeugend an den Zuhörer heranmacht und ihm den Boden unter den Füßen wegzieht. Der Umgang mit Same babe und dem Album »Dobri možje« wirkt am intensivsten, wenn du beiden bei einem Konzertauftritt begegnest.
Besetzung
Miha Nemanič – Gesang, Mundharmonika, Tamburin, Shaker
Marko Voljč – Gesang, Trompete, Tamburin, Shaker
Marko Jelovšek – Gesang, Kontrabass, Gitarre
Uroš Buh – Gesang, Bongos, Schlagzeug
Matjaž Ugovšek – Ugo – Gesang, Gitarre
Viki Baba – Gesang, Gitarre
MITWIRKENDE MUSIKER:
Maja Marovr – Gesang auf Stück Nr. 14.
MPD Človek in Duh – Gesangsbegleitung auf Stück Nr. 18.
Borut Činč – Keyboards
Produktion
Borut Činč
Trackliste
1. Idila
2. Aplavz spodbude
3. Moj šef
4. Dobri možje
5. Kapitalistu kazal tiča
6. Zjutraj ptički prav lepo pojo
7. Repa, korenje
8. Pomlad
9. Cigaretna pesem
10. Franceljna nihče nikoli ne zafrkava
11. Franček silni
12. Gospodarji
13. V kleti … / Obešena Tončka
14. Balada o Beti »Blue« F.
15. Zares krvava najava
16. Zares krvava pesem
17. Aplavz navdušenja
18. Franček FF (Rave On!)