The Scourge Of The Light

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Jag Panzer
Label: SPV Records
Erscheinung: 2011
Laufzeit: 48:51
Wertung: 4.5/5

Auch wenn es keine neue Nachricht mehr ist, können wir nicht gleichgültig an der Tatsache vorbeigehen, dass die amerikanischen Power-Metaller aus Colorado Jag Panzer in diesem Jahr ihre letzte offizielle Studioplatte „The Scourge Of The Light“ veröffentlicht haben. Das Album erschien im Frühjahr 2011, und Mitte des Sommers gab Bandchef Mark Briody offiziell bekannt, dass Jag Panzer sich „zur Ruhe gesetzt“ haben und löste die Band damit endgültig auf.

Ungeachtet einiger wirklich markanter Alben dieser Band, die im vergangenen Jahrzehnt erschienen und den amerikanischen Ansatz im Power Metal des neuen Jahrtausends praktisch neu definiert haben, gelang es der Besetzung nie, das Eis zu brechen und internationale Bekanntheit zu erlangen – geschweige denn eine angemessene Ernte einzufahren, gemessen an ihrer reichen Saat. Jag Panzer bleiben eben in der Riege jener weltweiten Handvoll ungerechterweise übersehener Bands – eine Art „gut gehütetes Geheimnis“, zu dem sich nur die hartgesottensten Power-Metal-Liebhaber durchgraben. Erst das letzte Album, also „The Scourge Of The Light“, brachte der Band einen sichtbaren Erfolg: Es stieg eine Woche nach der Veröffentlichung auf Platz 117 der amerikanischen Billboard-Charts der meistverkauften Alben ein. Wie man es auch dreht und wendet – es ist genau das Dahinsiechen am Rand, das Briody höchstwahrscheinlich zur endgültigen Entscheidung gebracht hat, die Geschichte von Jag Panzer für immer zu beenden.

Aber das ist kein Testament irgendeines pathetischen Selbstmitleids. Stell dir den letzten Kampf des Spartaners Leonidas gegen die Perser vor! „Ihr bekommt meinen Kopf, aber als Preis dafür gebt ihr auch euren her!“ – so ungefähr ginge der Spruch. „The Scourge Of The Light“ ist nämlich ein fantastisches Album von Kopf bis Fuß, nach dem Jag Panzer jedoch nicht mehr aktiv sind. In allen Details ausgereift, speit die Band mit der vollen Kraft kreativer Inspiration Feuer, und das Material strahlt in seiner ganzen Intensität die Elementarität der traditionellen Markenzeichen aus, an denen der Name Jag Panzer allen echten Heavy-Metal-Enthusiasten bekannt ist!

Die Band, die in den frühen Achtzigern auf der Bildfläche erschien, griff natürlich die Tradition des amerikanischen Ansatzes im Heavy Metal auf. Ein altschulischer Ansatz, kühn und bissig aggressiv, dem sich schnell das Prädikat „Speed“ aufgeklebt hat, vollgepackt mit höllenartig schnellem Spiel, das über der angeborenen elementaren Aggression des Gitarrenriffs liegt, aber immer mit einem klar herausgestellten Gespür für melodisch-epische Bombastik. Natürlich „auf Amerikanisch“.  Dazu mischt man gelegentlich „angethrashte“ Riffs und übergießt das Ganze mit einem Überfluss an barocker melodischer Kosmetik, dem Zupfen melodischer Verzierungen über die Riffs, oft in Terzenharmonien eingefangen. Diese letztgenannten Merkmale rücken Jag Panzer generell seit dem Album „The Age Of Mastery“ (1998) den Ohren europäischer Power-Metal-Fans näher. So wurde diese Band in Europa immer mehr geschätzt als in Nordamerika, von wo sie stammt. Das ist der Fluch jener kleinen „nach Europa duftenden“ Power-Metal-Bands aus den USA, vom Typ Virgin Steele – auch wenn aus einer völlig anderen musikalischen Rhetorik heraus gebaut.

Schon die Albumeröffnung mit dem hymnischen Condemned To Fight  bringt die Beschreibung des vorherigen Absatzes sofort auf den Punkt. Ein gieriger Riff, eine kleine stahlharte barocke Nachtmusik, Conklins unverkennbarer Gesang, der (verglichen mit den früheren Werken der Band) mit unvermindert autoritärer melodischer Durchschlagskraft aufbrüllt. Die erste instrumentale Passage bestätigt, dass Christian Lasegue in jeder Hinsicht die richtige Antwort auf Chris Broderick ist, der die Band 2008 verließ, um den gewinnbringenden Megadeth beizutreten. Der Personalwechsel hat sich also als mehr als erfolgreich erwiesen. Die Stücke sind ansonsten wieder aus vielen abrupten Tempowechseln und der Aneinanderreihung von Leitmotiven zusammengesetzt – die Arrangierweise ist in dieser Hinsicht von Iron Maiden geerbt, natürlich auf Amerikanisch gespielt. Aggressiver, schneller, technisch deutlich besser und auf höherem Niveau.

Die Refrains besitzen ein atmosphärisches „Crescendo“, in dem Conklins Vokalrange ihren maximalen melodischen Ertrag erreicht – und damit gilt das gleichermaßen für die gierige melodische Verführungskraft der Stücke. Die Stimmung ist düster, dramatisch, aber an jedem Punkt des Albums feierlich und episch wirkend.

Die Stücke wetteifern geradezu miteinander auf dem Album, welches welchem das Primat als Leitstück in all der herausgestellten epischen Bombastik abluchsen kann. „The Scourge Of The Light“ ist im ideell-arrangierenden Sinne ein Album von flexibler Lebendigkeit der Leitmotive und hoher dynamischer Durchflusskraft. Erst bei Cycles wird der Pomp-Trend ein wenig zurückgehalten, da in diesem Stück die Düsterheit endgültig die feierliche Reichweite des Stücks überwiegt.  Direkt danach setzt der ultra-singbare Refrain des Stücks Overlord die Dinge wieder an ihren Platz.  Die Auseinandersetzung mit dem Erbe der Klassiker aus der Barockzeit kommt am deutlichsten im abschließenden Teil des Albums in den letzten beiden Stücken Burn und danach The Book Of Kells zum Ausdruck. Besonders letztere „Mini-Suite“, mit hinzugefügten Streicher-Arrangements und einem subtilen einleitenden Vokalansatz, belebt klassische Werke der Band wieder – wie etwa das Stück The Moors („The Age Of Mastery“) oder die ruhigen Momente des Albums „Thane To The Throne“ (2000) – und bringt das Album an seinem Abschluss zu einem atmosphärischen Höhepunkt. Das Album wurde erneut in Florida, im Morrisound-Studio, produziert, weshalb es die traditionelle Klangtradition der früheren Alben beibehält, direkt zuschlägt und mit vollen Eiern tritt. Das bedeutet, dass es im Hinblick auf das Power-Metal-Prädikat unvergleichlich heißer, echter und verführerischer wirkt, wenn man die Produktion auf „The Scourge Of Light“ mit den europäischen Zeitgenossen von Jag Panzer vergleicht (ich zeige mit dem Finger auf euch, Helloween!).

„The Scourge Of The Light“ hat also kein Quäntchen der klassischen Jag Panzer-Ausdruckskraft eingebüßt! Es ist das Dokument des ehrenvollen Abschlussschreies einer Band mit großem Herzen, die in der Darbietung ihrer musikalischen Botschaft, ungeachtet des Fluchs der ungerechten Übersehung, bis zum Ende ihrer Tätigkeit treu und ihrem Herzen ergeben geblieben ist. „The Scourge Of The Light“ ist das abschließende Dokument von großer Würde von Jag Panzer, Judas Priest würden sagen: „One Shot At Glory“. Hoffen wir, dass der „Ruhestand“ der Band nur ein längerer Pause-Zustand bedeutet!

Besetzung

Harry Conklin – Gesang
Mark Briody – Gitarre
Christian Lasegue – Gitarre
John Tetley – Bassgitarre
Rikard Stjernquist – Schlagzeug

Produktion

Jim Morris

Trackliste

01. Condemned To Fight
02. The Setting Of The Sun
03. Bringing On The End
04. Call To Arms
05. Cycles
06. Overlord
07. Let It Out
08. Union
09. Burn
10. The Book Of Kells

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