Cirkus – The Young Persons‘ Guide To King Crimson
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: King Crimson
Label: Discipline Global Mobile
Erscheinungsjahr: 1999
Bewertung: 4/5
Die Doppel-Live-Compilation „Cirkus“ war eine der ersten King-Crimson-Veröffentlichungen bei Discpline Global Mobile, dem bandeigenen Label unter der Kontrolle ihres stets disziplinierten und strengen Oberhaupts, Gitarrist Robert Fripp. Darauf versammelt sind ohne logische chronologische Reihenfolge einige Liveaufnahmen aus verschiedenen Phasen ihrer Geschichte. Die wurden vor allem deshalb ausgewählt, um Fans und Sammlern einige damals aktuelle Live-Veröffentlichungen vorzustellen, die bei eben diesem Label erschienen sind, etwa „Epitaph – Volumes One & Two“, „Ladies Of The Road“, „The Night Watch“, „Absent Lovers“ und so weiter. Die erste Frage, die sich da aufdrängt: Schafft es dieses Doppelalbum, Neulingen die Live-Geschichte der Band überzeugend näherzubringen und langjährigen Fans etwas Neues zu bieten? Die Antwort ist ja, braucht aber ein paar zusätzliche Erklärungen, damit es keine unnötige Verwirrung gibt.
Die erste CD mit dem witzigen Titel „Neon Heat Disease“ deckt die modernere Phase der Band ab, also 1984 bis 1998, in der sich zwei Besetzungen abgewechselt haben, dazu ein paar improvisierte Versionen unter dem Namen ProjeKcts. Entsprechend findet man hier größtenteils Aufführungen beliebter Stücke der beiden zentralen Inkarnationen dieser Zeit. Die von New Wave und Ethno-Rhythmen geprägte Version der Band aus den 80ern ist hier mit Klassikern wie „Thela Hun Ginjeet“, „Three Of A Perfect Pair“ und „Sleepless“ vertreten. Alle drei wurden in Montreal aufgenommen und erschienen auf dem Livealbum „Absent Lovers-Live In Montreal“. Die nächsten Aufnahmen gehören zur Band der 90er, die auch als „Double Trio“ bekannt war und neben der doppelten Rhythmusgruppe auch für ausgiebiges Improvisieren berühmt war. Neben Klassikern wie „Indsicipline“ und „Elephant Talk“ (beide bei einem Auftritt in Tokio 1995 aufgenommen) sowie „Dinosaur“, „Red“, „THRAK“, „Neurotica“ und so weiter (die stammen von einem Auftritt in Mexico City 1996) findet sich hier auch die Improvisation „1 ii 2“, die unter dem Namen ProjeKct One bei einem Auftritt in London 1997 mitgeschnitten wurde, sowie „Deception Of The Thrush“ und „Heavy ConstruKction“. Die beiden letzten wurden unter dem Namen ProjeKct Two bei einem Auftritt in Northampton 1998 aufgenommen. All diese Improvisationen erschienen später auf einigen künftigen Live-Veröffentlichungen, deshalb gehe ich hier nicht weiter ins Detail. Ich kann aber loben, dass die Auswahl der einzelnen Stücke ziemlich gelungen ist und schön zeigt, wie beide Besetzungen live geklungen haben, auch wenn mich wie üblich die chronologische Schlampigkeit stört.
Die zweite CD mit dem Titel „Fractured“ zeigt die frühe Phase der Band, also 1969 bis 1974, mit Ausnahme von „Larks‘ Tongues In Aspic-Part II“, das vom Double Trio gespielt wurde. Diese Phase gilt bei den meisten Fans bis heute als die höchstgeschätzte und wird vielen auch mehr Freude bereiten als der erste Teil der Compilation, auch wenn die Produktionsqualität mancher Liveaufnahmen nicht gerade top ist. Auch diesmal nervt die chronologische Schlampigkeit, und manche Stückauswahl ist auch nicht die glücklichste. Am Anfang stehen zwei Klassiker in der Version ihrer zweiten Live-Besetzung, zu der unter anderem der leider inzwischen verstorbene Sänger/Bassist Boz Burrell und der ebenfalls verstorbene Schlagzeuger Ian Wallace gehörten. Kaum eine Interpretation von „21 Century Schizoid Man“ durch Boz hat in meinen Ohren gelungen oder gar mit dem Original vergleichbar geklungen, und auch diese Aufnahme ist keine Ausnahme, hat aber sicher historischen Wert für alle Fans. Deutlich besser kommt „Ladies Of The Road“ rüber, das eben zum Album gehörte, auf dem diese Bandversion gespielt hat. Die originale und beliebteste Besetzung von 1969 mit Greg Lake am Gesang ist nur mit zwei Songs vertreten. Das sind „A Man A City“ (die Urfassung von „Pictures Of A City“) und das unverzichtbare „In The Court Of The Crimson King“, beide stammen vom legendären Auftritt im Filmore West in San Francisco. Beide wurden aufgenommen, als die Band schon zu bröckeln begann, strahlen aber trotzdem enorme Energie aus und zeigen, warum gerade diese Besetzung die meistverehrte war; man findet sie auch auf beiden „Epitaph“-Veröffentlichungen. Etwas mehr Platz bekommt die ebenfalls sehr beliebte dritte Besetzung mit John Wetton am Gesang. Die hervorragenden Versionen von „Easy Money“ und „The Talking Drum“ (beide mit Jamie Muir an zusätzlichen Drums und Percussion) gibt es auf „The Night Watch“, während die Improvisation „Improv: Besancon“, „Fracture“ und das epische Meisterwerk „Starless“ auch auf dem Boxset „The Great Deceiver“ zu finden sind. Erwähnenswert ist auch das Booklet mit Fotos aller aktuellen und ehemaligen Bandmitglieder, Postern und Eintrittskarten sowie einem schön gestalteten Stammbaum mit allen nötigen Angaben und Werbung für die aktuellen Live-Veröffentlichungen.
Auch wenn ich Compilations mit den sogenannten besten Songs und ähnliche Veröffentlichungen normalerweise nicht mag, muss ich hier nur Gutes sagen. „Cirkus“ ist nämlich eine richtig gute Sammlung verschiedener Liveaufnahmen aus verschiedenen Phasen der Band und zugleich ein toller Einblick in das bisherige Schaffen der Band sowie ein passender Einstieg für alle, die diese legendäre Band erst in all ihren Live-Formen kennenlernen (daher auch der Untertitel). Wer all die oben genannten Live-Veröffentlichungen schon hat, kann getrost auf den Kauf verzichten. Da diese aber immer noch ziemlich schwer in den Regalen der Läden zu finden sind, selbst im Ausland, wird vielen diese Compilation gerade recht kommen, um die Live-Seite der Band leichter kennenzulernen, die sich live immer noch besser geschlagen hat als im Studio. „Cirkus“ ist eine gelungene Sammlung, an der alle Generationen von Hörern der Band Freude haben können, um der Band durch ihre verschiedenen Live-Phasen zu folgen, die sich so sehr voneinander unterschieden und doch auch ähnlich waren, vor allem in einem verbindenden Element – Frippss Gitarre, deren Sound das Markenzeichen der Band war und blieb.
Besetzung
Robert Fripp – Gitarre, Mellotron, Soundscapes
Adrian Belew – Gesang, Gitarre
Bill Bruford – akustisches und elektronisches Schlagzeug, Percussion
Trey Gunn – Bassgitarre, Stick
Tony Levin – Bassgitarre, Stick, Backing Vocals
Pat Mastelotto – akustisches und elektronisches Schlagzeug, Percussion
John Wetton – Gesang, Bassgitarre
David Cross – Violine, Keyboards
Jamie Muir – Schlagzeug, Percussion
Mel Collins – Flöte, Saxofon
Boz Burrell – Gesang, Bassgitarre
Ian Wallace – Schlagzeug, Percussion
Greg Lake – Gesang, Bassgitarre
Ian McDonald – Saxofon, Flöte, Mellotron
Michael Giles – Schlagzeug, Percussion
Produktion
King Crimson
Trackliste
CD 1: 67:43
1. Dinosaur (5:05)
2. Thela Hun Ginjeet (5:15)
3. Red (6:09)
4. B’Boom (4:51)
5. THRAK (1:05)
6. 1ii2 (2:44)
7. Neurotica (3:44)
8. Indiscipline (6:36)
9. Vrooom Vrooom (4:40)
10. Coda: marine 475 (2:37)
11. the deception of the thrush (6:03)
12. Heavy construKction (3:50)
13. Three of a perfect pair (4:22)
14. Sleepless (6:09)
15. Elephant talk (4:33)
CD 2: 76:00
1. 21st century schizoid man (9:26)
2. Ladies of the road (5:59)
3. A man, a city (9:59)
4. In the court of the Crimson King (6:50)
5. Fracture (11:02)
6. Easy money (6:11)
7. Improv: Besancon (1:34)
8. The talking drums (6:25)
9. Larks‘ tongues in aspic part II (6:29)
10. Starless (12:05)