Journey To The Centre Of The Eye

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Nektar
Label: Bellaphon
Veröffentlichung: 1971
Bewertung: 4/5

 Anfang der 70er, als der britische Progressive Rock in seine fruchtbarste Phase eintrat und sich auch der sogenannte Space Rock, den Pink Floyd in seiner primitivsten Form mit ihren psychedelisch-absurden Experimenten hervorgebracht hatten, zu denen auch intergalaktische Trips gehörten, die fast ausnahmslos das Produkt diverser psychoaktiver „Muntermacher“ waren, in mehrere Richtungen zu entwickeln begann, war der gemeinsame Nenner die Begeisterung dafür, dass Musik das Bewusstsein der Hörer auf eine Sternenreise mitnehmen kann, ohne dass man dafür eine Astronautenausbildung absolvieren müsste. Die Hauptakteure dieser musikalischen Galaxie-Ausflüge waren vor allem die britischen intergalaktischen „Falken“ Hawkwind, die damals noch fest an die Schlüsselrolle verbotener Substanzen glaubten und in ihre Weltraumtrips auch erotische Visionen mischten. Auf der deutschen Seite des Teichs griffen die damals bereits kultigen Tangerine Dream zu deutlich raffinierteren Mitteln, mit der Abkehr von den traditionellen Krautrock-Klängen und der Wende in eine völlig eigene Richtung, und etwas später auch Eloy, die aber die ganze Zeit mit einem Auge zum symphonischen Prog schielten. Irgendwo dazwischen, auf dem Mittelweg und sozusagen am Rand der Obskurität, fanden sich damals auch Nektar wieder, ursprünglich eine britische Band, die (vor allem wegen der niedrigeren Steuern) schon Jahre vor dem Erscheinen ihres Debüts im deutschen Hamburg aktiv war. Diese Verbundenheit mit der damaligen deutschen Krautrock-Szene prägte ihren Sound mindestens so stark wie Pink Floyd, die Band, mit der Nektar die größten Gemeinsamkeiten teilt.

Trotzdem beschränkten sie sich nach dem Debüt bei Weitem nicht nur auf psychedelische Ausdrucksformen, sondern spielten von Zeit zu Zeit auch exzellenten Art Rock, für den sich dank mehrstimmiger Vokalharmonien und geistreicher Gitarrenpassagen, die sich an Hardrock und Blues befruchteten, auch Meister wie Uriah Heep oder Wishbone Ash nicht geschämt hätten. Hin und wieder lockte sie auch das Symphonische. Diese Zerrissenheit zwischen Space-Rock-Reisen durch die Galaxie und bodenständigen Hardrock-Ausbrüchen sollte sie durch den Großteil ihrer Karriere begleiten, und ihre Grundzüge zeigen sich schon auf dem Debüt. Die treibende Kraft der Band ist ohne Zweifel der einzigartige Gitarrist und Sänger Roye Albrighton, neben Schlagzeuger Ron Howden bis heute das einzige Originalmitglied der Band und meiner Meinung nach einer der am meisten übersehenen Gitarristen aller Zeiten, der immer an den richtigen Stellen die nötigen Gewürze beizusteuern wusste, damit der klangliche Nektar sowohl honigsüß (episch und melodisch) als auch bitter (obskur, düster und roh) sein konnte. Seine harten Riffs und oft weinenden Passagen waren neben den vielschichtigen Keyboards des hervorragenden Allan Freeman der wesentliche Bestandteil einer Band, die schon mit ihrem ersten, sträflich übersehenen Album zeigte, dass es sich um ein außerordentlich ehrgeiziges und mutiges Kollektiv handelt, das seinen Ausdruck der Entdeckung des noch Unentdeckten unterordnete, jenseits der Rahmen und Grenzen traditioneller Rockmusik.

„Journey To The Centre Of The Eye“ ist als Debüt ein ausgesprochen ambitioniertes Werk, das ein spannendes Science-Fiction-Konzept schmückt, welches mehr als offensichtlich vom filmischen Meisterwerk 2001: Odyssee im Weltraum inspiriert wurde, was man auch am Cover erkennt, das eine der Schlüsselszenen des Films zeigt. Auch wenn die Geschichte wegen dieser Ähnlichkeit nicht gerade originell ist, haben Nektar sie gut durchgeknetet und erfolgreich mit Kalte-Kriegs-Paranoia, der Warnung vor totaler Vernichtung und der Transzendenz des Menschen jenseits der Grenzen von Körper und Geist verbunden. Musik und Texte erzählen die Geschichte eines Astronauten, der sich als letzte Hoffnung der Menschheit, die kurz vor einem Atomkrieg steht, mit einem Raumschiff auf eine wissenschaftliche Expedition begibt, um in den Tiefen des Alls eine Zivilisation zu finden, die mit ihrem Wissen die Menschheit vor der finalen Katastrophe retten könnte (Prelude, Astronauts Nightmare). Auf der Reise trägt ihn die Lichtgeschwindigkeit weit hinaus in die Tiefen des Weltraums, über die Grenzen unseres Sonnensystems hinweg (Countenance, The Nine Lifeless Daughters Of Sun, Warp Oversight). Als nur noch das letzte überlebende Mitglied der Besatzung übrig ist, gerät er durch einen geheimnisvollen Nebel in Form eines Auges, wo er eine seltsame evolutionäre Veränderung zu erleben beginnt (The Dream Nebula Part 1 & 2). Sein Körper und sein Geist durchlaufen in wenigen Sekunden eine Evolution, wie sie die Menschheit vielleicht in Tausenden von Jahren durchschreiten wird. Dabei sieht er sowohl seine eigene Vergangenheit und Zukunft als auch die Vergangenheit und Zukunft der Erde und des Universums und erkennt alle Dimensionen seines Geistes (It’s All In The Mind). Mit der Zeit zerfällt sein physischer Körper, Geist und Seele aber steigen auf die höchstmögliche Ebene der Existenz auf (Burnt Out My Eyes). Als er den Höhepunkt der Existenz erreicht, erkennt er, dass auch der Geist als grundlegender menschlicher Baustein jede Bedeutung verloren hat und wie sinnlos damit sein Weg geworden ist (Void Of Vision). Obwohl er die Macht hat, die Menschheit vor der Selbstzerstörung zu retten, beschließt er, sie ihrem Schicksal zu überlassen, als ihm klar wird, wie unbedeutend sie im Vergleich zu den unendlichen Tiefen von Raum und Zeit ist. Damit erkennt er seine neue Mission, wird Schüler einer „höheren Macht“ (wenn ihr wollt, Gottes) und damit einer der astralen Beobachter der Schöpfung (Pupil Of The Eye, Look Inside Yourself, Death Of Mind).

Nektar hätten als Pioniere in der Verbindung von Konzept und musikalischer Stimmung
total in die Hose gehen können, doch am Ende ist ihnen ein aussagestarkes Werk gelungen, das bis heute mit seinen zahlreichen psychedelischen Ausklinkern überrascht, die den Hörer mühelos von einer Seite des Bewusstseins zur anderen versetzen. Die allgemeine Stimmung des Albums ist ziemlich melancholisch, fatalistisch, obskur und stellenweise sogar düster, womit es sich deutlich von seinen weit positiver gestimmten Nachfolgern unterscheidet. Starke psychedelische Elemente und obskure Gitarren- und Keyboard-Sounds unterstreichen den Ton der fatalistischen Stimmung zusätzlich. Auf dem Album dominieren großteils kürzere, psychedelisch getränkte und ineinander verfließende Instrumentals, die statt längerer Stücke von epischen Ausmaßen das Konzept zusammenhalten. Als Leadsänger ist Albrigton eine Freude für alle Liebhaber melodischer Vokalharmonien im Stil von Uriah Heep oder Wishbone Ash.

Die Reise in die Tiefen der Galaxie beginnt mit „Prelude“, einem echten psychedelischen Abheben, in dem obskure psychedelische Klänge von Orgel und Gitarre regieren, für die sich keine Band aus der goldenen Ära des psychedelischen Rock schämen müsste. „Astronauts Nightmare“ bewegt sich mit seinen melodramatischen Übergängen und obskuren Klängen die ganze Zeit irgendwo an der Grenze zwischen psychedelischer Verträumtheit, die von der Orgel erzeugt wird, und brutalen Gitarrenausbrüchen. Beides verschmilzt effektiv mit dem expressiven Gesang, der zunächst durch einen Effekt geschickt wird und später in melodische Linien übergeht. Der dramatische Sound der Hammond-Orgel, durch den rohe Hardrock-Passagen an Gitarre und Rhythmus schneiden, sorgt für eine Stimmung der Spannung und der Erwartung eines baldigen Endes einer Ära. Bei „Countenance“ kommt noch die orchestrale Schicht des Mellotrons dazu, die die Stimmung von Einsamkeit und Verlorenheit im All noch betont. Albrighton spart nicht mit orgiastischen Soli, während der Rhythmus irgendwo Richtung Unendlichkeit totaler Leere rattert, die den Gemütszustand des Astronauten widerspiegelt, als ihm klar wird, dass er mitten in seiner unmöglichen Mission allein geblieben ist. Das zentrale, ungemein traurige Motiv, bei dem weinende Linien von Gitarre, Orgel und Synthies eine unbeschreiblich traurige Stimmung bilden, wiederholt sich auf dem Album noch einige Male. „The Nine Lifeless Daughters Of Son“ strahlt sowohl Schönheit als auch Obskurität aus, die Orgel dröhnt durch den obskuren Rhythmus des wiehernden Basses von Derek Moore (der auch das Mellotron bedient) und vor sich die vernichtenden Drums von Howden. Währenddessen schneiden rohe Gitarrenpassagen durch die psychedelische Entrücktheit. „Warp Oversight“ ist ein völlig psychedelischer, von der Stimmung her beinahe gruseliger Ausklinker und das reinste Chaos, in dem Nektar mit einer Reihe absurder Klänge den Schlüsselmoment der Geschichte ankündigen. „The Dream Nebula (Part 1)“ stellt einen wichtigen Klimax des Albums dar, als der Astronaut durch den Nebel gerät und seine große Veränderung zu erleben beginnt. Am Anfang hört man einen Herzschlag (ähnlich wie gegen Ende von 2001: Odyssee im Weltraum). Dann fallen ein marschierender Drum-Galopp, ein obskures Gitarrenriff und melodischer Gesang ein, die die Dramatik steigern. An dieser Stelle stellt sich die Frage, warum man diesen Song in zwei Teile getrennt hat, denn sie sind einander ziemlich ähnlich. „The Dream Nebula (Part 2)“ setzt nämlich dort fort, wo der erste Teil geendet hat, nur dass er noch mehr Subtilität bringt. Interessant, wie schön sie über den geschliffenen Rhythmus und das obskure, psychedelische Gitarrenmotiv hinweg in eine wunderschöne Melodie übergehen, die genau den richtigen Kontrast erzeugt. Damit beginnt „It’s All In Mind“, einer der Höhepunkte des Albums. An dieser Stelle zeigen Nektar zum ersten Mal auch deutlich ihr außergewöhnliches Gespür für saftige symphonische Arrangements am Mellotron. Danach ergeben sie sich wieder völlig der Obskurität und biegen in düstere Hardrock-Gitarrenpassagen ab, für die sich nicht mal so etwas wie Black Sabbath geschämt hätten. Diese obskuren Klänge strahlen wieder dieses Gefühl von Leere und Verlorenheit in der Unendlichkeit des Weltalls aus. „Burnt Out My Eyes“, das einzige Stück des Albums mit epischen Ausmaßen, ist vielleicht das saftigste und gehaltvollste Stück darauf. Gehaltvoll im Sinne der enthaltenen integralen Motive, die auch in Zukunft zu festen Bausteinen des Nektar-Sounds werden sollten. Ungemein schöne und melodische Linien von Freemans Keyboards und der durch einen Effekt geschickte Gesang, der unermesslichen Schmerz ausstrahlt, führen uns zum absoluten Höhepunkt dieser galaktischen Reise. Stimmung und Struktur wandeln sich ständig, und obwohl man die Einflüsse aller zuvor erwähnten Bands spürt, gelingt es Nektar, ihren völlig eigenen Sound herauszupressen. Neben den hardrockigen und psychedelischen Obskuritäten zeigen sie erstmals auch deutlicher ihre exzellenten Vokalharmonien, in denen sie in den folgenden Jahren zu echten Meistern werden sollten. Dann folgt wieder unbeschreibliche Obskurität, die von der quakenden Gitarre durch den Wah-Wah-Effekt, von Orgeln, die klingen, als würde sie der Teufel persönlich spielen, und von einem höllischen Rhythmus hineingetragen wird (da kommen einem manche Werke von Van Der Graaf Generator in den Sinn, den größten Meistern solcher Ausdrucksformen). Die instrumentale Kataklysmus endet im totalen Chaos, als der Körper des Astronauten in Atome zerfällt, damit sich aus ihm die innere Energie erheben kann. An dieser Stelle setzen für kurze Zeit wieder epische Vokalharmonien ein, die aber rasch in das ungemein obskure „Void Of Vision“ übergehen, in dem ihre Ähnlichkeit mit Barretts Pink Floyd geradezu verblüffend wird, vor allem wegen Gesang und Keyboards. Danach setzen wieder esoterische Vokalharmonien ein, die die Obskurität etwas aufklaren. Mit der verblüffenden Ähnlichkeit zu den frühen Floyds ist es auch beim psychedelischen Meisterwerk „Pupil Of The Eye“ nicht vorbei, wieder vor allem wegen der Klangfarbe des Gesangs, während der Einsatz der Orgeln stellenweise sogar an die erste Version von Deep Purple erinnert. Albrigton lebt sich hier wieder am Wah-Wah-Effekt aus, mit dem er die Verwandtschaft zu Uriah Heep erneut verstärkt. „Look Inside Yourself“ ist der emotionale Höhepunkt des Albums, als dem Astronauten bewusst wird, dass seine Mission und Reise sinnlos geworden sind und dass er sowohl alle Grenzen des physischen Körpers als auch des menschlichen Denkens überschritten hat. An dieser Stelle herrscht eine beinahe transzendentale Stimmung, die der ungemein herzliche Gesang am besten ausdrückt. Die abschließende Offenbarung „Death Of Mind“, in der sich epische Sequenzen zwischen Gesangslinien, Mellotron-Wogen, Orgeln und Gitarre abwechseln und angreifende Proto-Metal-Rhythmen aufziehen, ist der Moment, in dem alle besten Zutaten der Band aufblühen. Die wahnsinnige Menschheit hat sich selbst vernichtet, der Einzelne aber hat währenddessen die größtmögliche Erleuchtung erlebt, um die Geburt neuer Lebensformen beobachten zu können.

Auch wenn Nektar in Zukunft deutlich vorankommen und mit der psychedelischen Obskurität zugunsten größerer Melodik einen Kaiserschnitt machen sollten, hat dieses exzellente Debüt zweifellos seine eigenen Reize, die nicht nur das Ergebnis des hervorragenden Zusammenklangs von Musik, geheimnisvoller Stimmung und intelligentem Konzept sind, das sie neben Eloy als die intellektuellste Band des Space Rock hervorgehoben hat. Nektar klangen nie wieder so traurig und fatalistisch wie auf diesem Album, denn die psychedelischen Ausklinker wurden mit der Zeit durch geistreichen Art Rock mit vielen Hard-/Blues-Rock-Elementen ersetzt, mit denen sie sich ein kleines Stück mehr „erdeten“. Ungeachtet dessen, dass es heutzutage immer mehr in Vergessenheit gerät, irgendwo in den Tiefen des musikalischen Universums, ist „Journey To The Centre Of The Eye“ ein Klassiker des Space Rock und eines der besten Debüts irgendeiner Prog-Rock-Band überhaupt. Andererseits sollten sie in Zukunft einige deutlich bessere Alben machen, allen voran ihre beiden größten Meisterwerke „Remember The Future“ (1973) und „Recycled“ (1975). Nektar sollten so von Album zu Album immer reifer und klanglich raffinierter werden, und jede psychedelische Obskurität des Debüts sollte Vergangenheit werden. Trotz kürzerer Zwischenlandungen auf festem Boden (die, ehrlich gesagt, normalerweise nicht zu ihren besten Momenten gehören) sollten sie weiterhin die unendlichen Geheimnisse des Weltalls erforschen.

Besetzung

Roye Albrighton – Gesang, Gitarre
Derek „Mo“ Moore – Bass, Mellotron
Allan „Taff“ Freeman – Mellotron, Klavier, Orgel, Backing Vocals
Ron Howden – Schlagzeug, Percussion
Keith Walters – statische Slides
Mick Brockett – Liquid Lighting

Produktion

Dieter Dierks, Peter Hauke und Nektar

Tracklist

1. Prelude (1:27)
2. Astronauts nightmare (6:22)
3. Countenance (3:30)
4. The nine lifeless daughters of the sun (2:41)
5. Warp oversight (4:28)
6. The dream nebula (2:14)
7. The dream nebula part II (2:25)
8. It’s all in the mind (3:22)
9. Burn out my eyes (7:48)
10. Void of vision (2:01)
11. Pupil of the eye (2:46)
12. Look inside yourself (0:53)
13. Death of the mind (2:52)

Spieldauer: 42:49

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