The Devil’s Hall of Fame
Interpret: Beyond Twilight
Label: Massacre Records
Release: 2001
Als ich mir die sonst meist ziemlich traurig bestückten Regale eines der slowenischen Metal-Läden ansah, hätte mich fast der Schlag getroffen. Fast ein Jahr nach dem offiziellen Release, als das Debüt der skandinavischen Düster-Progger quer durch Europa schon längst in den Läden stand, hat es „The Devil’s Hall Of Fame“ endlich (sicher nur aus Versehen) doch noch nach Slowenien geschafft.
Die Meister im Besingen der Trauer, im Hüllen in Schwarz und im Rufen des Todes sind natürlich die skandinavischen Seelen. Und wie drücken sie das durch progressive musikalische Mittel aus?
„Beyond Twilight“ haben knapp einen Monat vor dem 11.09.2001 („Dieser schöne Tag oder George goes to the pub“) eine Botschaft gelauncht, die eine echte Offenbarung sein kann. Nehmt sie nicht todernst (oder doch, wenn ihr stark genug seid), denn das kann sich (?) negativ auf euer Leben auswirken. Das Leben elektrischer Insekten mit gewaschenem Gehirn, von Implantaten mit Mikrochips. Sicher im Schoß der Institution, umgeben von Tablettenbergen, Materialismus und endlos der Religion ergeben. Ewige Gefangene der Angst. Angst vor wem? Die Angst ist implantiert. All das offenbart sich der Person mit dem Code 29031972 (Geburtsdatum), die ihren virtuellen Gott, die universelle Wahrheit berührt, als es ihr gelingt, mithilfe eines Computers in ihr eigenes Gehirn einzudringen. Alle ihre Erkenntnisse (die Wahrheit) sind so stark, dass die Implantate im Kontakt mit ihr augenblicklich verdammt sind. Genau die richtige Provokation für diese übersättigte, verrückte Welt, in der Genuss, Güter und Liebe (so nennt man das im Orden der Erleuchteten heute: „Ideale“) nur noch über Filme, Bücher, Boulevardpresse, kurz: für Geld zu haben sind. Auch die Ideale sind implantiert. Die Implantate werden aber immer fieser, deshalb werden sie den Jüngsten Tag nicht überleben, weil die damalige Offenbarung der Wahrheit sie umbringt. Das Leben ist mehr, den Tod gibt es nicht. Gott gibt es nicht. Alles, was wir wahrnehmen, ist nur eine unwichtige Illusion. Ein Zeitfragment. Zeit gibt es auch nicht, also ist da Ewigkeit.
Die konzeptuelle Musik basiert auf schweren, walzenden Riffs, und die Motive darin verweben sich ständig, deshalb wechselt die Musik mal von totaler Psychedelik in perfekt ausgefeilte Melodik („Shadowland“) und steht komplett auf Moll. Alles ist so traurig. Die Musik erzeugt über die ganze Platte hinweg eine muffige, neblige, in ewige Nacht und Regen gehüllte Stimmung ( wie z. B. im Film „Blade Runner“). Die E-Gitarre wird von den Keyboards ausbalanciert, und die Aufgabe ihrer schweren Riffs ist es, in den ruhigen Parts und an zahlreichen Übergängen die Atmosphäre anzuheben. Die ambienten Keyboards des genialen Finn Zieler, der sich dieses Konzept ausgedacht und exzellente Musiker für die „Beyond Twilight“-Besetzung zusammengetrommelt hat, sind die treibende Kraft. Die Motive passen perfekt zu den Botschaften in den Texten (und verstärken sie noch). Wo es dramatisch werden muss, schlagen Gitarren und Keyboards in einem Zug zu. Aber damit bloß niemand denkt, Anders Kragh würde sich hinter dem Riffspielen verstecken: Gleich im Opener „Hellfire“ zeigt er, was die schwedische E-Gitarren-Schule bedeutet, mit filigran sauberen Arpeggien, bei denen die Finger sanft rasend über das Griffbrett huschen.
Aber das Ganze wäre umsonst ohne das wichtigste Glied der Besetzung. Das ist zweifellos Jörn Lande mit seiner bunten Palette an gesanglichen Fähigkeiten. Ein Norweger, der für mich persönlich die absolute Spitze ist, was die Vocals der neuen Metal-Generation angeht. Wo es nötig ist, das Drama zu verwickeln, schreit er wütend, singt perfekt auch mit Atemtechnik (wie z. B. David Coverdale oder Robert Plant in der Ex-Zeppelin-Phase), kurz: An jeder einzelnen Stelle wirft er sich voll eingefühlt in die Rolle der Nummer 29031972. Kompromisslos energisch! Der Gesamteindruck rational weinerlicher skandinavischer Sänger verblasst beim Hören von Lande komplett.
Das ist zweifellos ein anderes Album. Schnappt es euch.
Besetzung
Jorn Lande – Gesang
Anders Kragh – Gitarre
Finn Zierler – Keyboards
Anders Lindgren – Bass
Tomas Froden – Schlagzeug
Produktion
Tommy Hansen & Beyond Twilight
Tracklist
1. Hellfire
2. Godless and Wicked
3. Shadowland
4. Devil’s Waltz [Instrumental]
5. Crying
6. Devil’s Hall of Fame
7. Closing the Circle [Instrumental]
8. Perfect Dark
Spielzeit: 45.48