Bang Your Head!!! 2017 (erster Tag) – Die Rückkehr des Adlers über Balingen!

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Balingen / Messegelände / Deutschland
Konzertdatum: 13.07.2017
Besucherzahl: 10.000
Kartenpreis: 109,00€

Das neunzehnte Bang Your Head Festival war angebrochen – und mit ihm eine neue RockLine-Expedition ins deutsche Balingen. Eines der wichtigsten europäischen Sommerfestivals, das sich stets mit einem bunten Mix aus überwiegend klassischen Heavy-Metal-Acts rühmen kann, dazu hard-rockige Genüsse und gelegentliche, freiwillige Abstecher in extremere Metalgewässer, brachte dieses Jahr ein äußerst interessantes und stilistisch abwechslungsreiches Lineup mit sich. Einen herausragenden Headliner, den man über alle drei Tage hätte ausrufen können, gab es zwar nicht – dafür sorgten die Support-Acts garantiert für reichlich Befriedigung.

Nach dem Warm-up-Tag, an dem Stormwarrior, Bloodbound, Angel Dust, Sanctuary und Death Angel das Messegelände zum Beben brachten, legte das berüchtigte deutsche Festival offiziell los – und zog auch dieses Jahr wieder satte 10.000 Besucher und mehr an. 

Den Eröffnungsslot übernahmen die Amerikaner Killcode. In den letzten zwei Jahren haben die Amis eine regelrechte Invasion in die deutsche Musikszene gestartet – das Festival besuchen sie bereits zum zweiten Mal in Folge, und zwei Wochen später tauchten sie »als versteckte Überraschung« auch beim diesjährigen Rock Of Ages Festival auf. Zu vermuten ist, dass dieselbe Management-Agentur, die Twisted Sister, Dee Snider, Vince Neil und – ja – auch Slaughter unter ihren Fittichen hat (die ebenfalls beim diesjährigen BYH!!! spielten), Killcode kurzerhand ins Paket schnürt. Heißt: Wenn du beispielsweise Vince Neil buchst, kriegst du Killcode, Slaughter und noch wen dazu. Killcode sind eine ordentliche Band. Im Grunde nichts Weltbewegendes – im Rock’n’Roll von heute ist es schwer, etwas Eigenes herauszuschälen, das man nicht schon irgendwo gehört hätte. Trotzdem kann sich das herzhafte Quintett wirklich sehen lassen: durchdachter Bühnenauftritt, tadellose Performance, und was reibungslose, vibrierende Eingespielheit betrifft – top. Ihr Set wirkte noch eine Spur entspannter und souveräner als im Vorjahr, als sie in der Halle spielten. Eine energiegeladene, ungemein dynamische Band, die auf der breiten Hauptbühne absolut aufgeblüht ist.

Danach betraten die polnischen Power-Metaller Crystal Viper die Bühne. Das Besondere an der Band ist eigentlich ihre sympathische Sängerin Marta Gabriel – musikalisch bringt sie nicht wirklich etwas Neues auf den Tisch. Gute Kontakte und Rückendeckung helfen ihr, sich immer wieder einen Slot auf dem Festival zu sichern. Ein solider Auftritt, ohne Ausreißer nach oben – schöne Eingespielheit, gute Interaktion zwischen den Mitgliedern, aber wie gesagt: ein wenig generisch und abgedroschen. Also haben wir uns während des Konzerts zum nächsten Getränkestand für deutsches Bier aufgemacht.

Dann folgte einer der ersten Höhepunkte des ersten Festivaltages: der Auftritt der wieder aktiven, kultigen amerikanischen Thrash-Metaller Toxik. Ihr lest richtig. Die sind zurück. Die Wiederbelebung der Band 2014 hat funktioniert, und gerüchteweise arbeiten sie bereits an einem neuen Album. Josh Christian ist das einzige originale Mitglied; aus den Achtzigern gesellt sich Sänger Charlie Sabin dazu. Der langhaarige, lockige Rotschopf bringt eine magnetische Bühnenpräsenz mit. Er sorgte durchgehend für gute Stimmung – obwohl die Tageshitze bereits die Zähne zeigte. Auch seine Vokalkarisma hat ihn noch lange nicht verlassen. Die Rhythmussektion der neu erweckten Toxik ist allerdings neueren Ursprungs, und da die Band schon eine Weile nicht mehr aufgetreten ist, wirkte das Ganze eine Spur weniger kompakt – als würde man sich hier und da noch ein bisschen suchen und abtasten. So ist das halt, wenn man aus dem jahrelangen Schlaf erwacht und beschließt, die Karriere weiterzuführen. Toxik haben dieses Jahr eine Comeback-EP veröffentlicht und alle drei Songs daraus gespielt (Stand Up, Psyop, Breaking Glass); den Großteil der Setlist – mit Spontaneous, Heart Attack, Social Overload, Greed, False Prophets, Count Your Blessings, World Circus, der überraschenden Integration des Black Sabbath-Klassikers Symptom of the Universe und dem abschließenden Tobsuchtsanfall Think This – widmeten sie den Kultalben »World Circus« und »Think This«. Eine Bombe. Mit vollem Einsatz und Biss. Josh Christian ist ein außergewöhnlicher Virtuose – er hält halsbrecherische Geschwindigkeit und Blitzschnelligkeit. Kaum einer kommt ihm nach. Die Band hat bereits Herbsttermine bestätigt, darunter auch ein Stopp im österreichischen  Wien.  Toxik sind also zurück und versprechen ein neues Studioalbum. Definitiv eine der Hauptattraktionen des diesjährigen Bang Your Head Festivals – und des ersten Tages allemal.

Im weiteren Festivalprogramm schwenkten wir auf sanftere Töne um, und das Publikum am Bühnenrand wurde ein gutes Stück jünger. Denn auf der Bühne standen Gloryhammer. Eine Rekapitulierung dessen, was wir Anfang Februar genossen hatten, als Gloryhammer die Konzertabende auf der Tour mit HammerFall eröffneten. Parodie. Absurdität. Kitsch. Ein bisschen Film, ein bisschen Legende, jede Menge Fantasy-Geschichten – alles reingerührt. Jede Figur des Quintetts  auf der Bühne ist ihre eigene Geschichte und ihr eigenes Märchen. In ihren Kostümen war die Hitze deutlich anzusehen. Auch Kitsch hat seinen Preis. Aber Kitsch und Glitter sind wieder Trend, und leider ziehen die Hörer das der musikalischen Substanz der Künstler vor. Die allgemeine Generizität, die von den Ideen und Gitarrenlicks ausstrahlt, wird durch Bühnenszenografie und gut einstudiertes Spiel kompensiert – wobei es eigentlich nie langweilig wird und man die ganze Zeit (mindestens) herzlich grinsen kann, solange man kein glühender Fan ist, der sämtliche Textzeilen der Band auswendig kennt. Das schottisch-schweizerische Fünfergespann, in dem Christopher Bowes – Kopf der Piraten-Sauftruppe Alestorm – die Tasten bedient, hat zwei Alben im Gepäck: »Tales From The Kingdom Of Fire« (2012) und »Space 1992: Rise of the Chaos Wizards« (2015). Die Band bekam eine Dreiviertelstunde Spielzeit und begeisterte mit ihrem Bühnenpartytheaterstück die Scharen von Besuchern, die ihre große Zuneigung zur Band kein bisschen versteckten. Thomas Winkler erledigte unter anderem wieder geschickt den hässlichen grünen und langhörigen Troll. Mit einem riesigen Hammer. 

Den Reigen im Festivalprogramm führten die deutschen Power-Metaller Orden Ogan fort. Die Band hatte zu diesem Zeitpunkt ihr neues Studioalbum »Gunmen« bereits fertiggestellt und präsentierte dementsprechend neue Kulissen sowie zwei brandneue Songs: den Titeltrack Gunmen und Fields of Sorrow. Den Rest der Setlist füllte das Repertoire des Vorgängeralbums »Ravenhead« – einem der interessanteren Werke in ihrer Diskografie. Den Auftritt begannen Orden Ogan allerdings auf etwas älteren Pfaden, nämlich mit zwei Songs des Albums »Easteren Hope«: dem Opener The New Shores of Sadness und direkt dahinter  We Are Pirates. Mal ziehen Orden Ogan ein bisschen Richtung Running Wild, dann wieder Richtung Blind Guardian oder Helloween – kurzum: typischer Power Metal, geschnitzt auf deutschem Terrain. Auf heimischem Boden haben Orden Ogan aber auch konkreten Support vom Publikum, das ihr Material gut draufhatte – das galt auch für die Songs von »Ravenhead«, angeführt vom abschließenden The Things We Believe In, dem noch Deaf Among the Blind, das hervorragende F.E.V.E.R. sowie Here at the End of the World vorausgingen.

Dann folgte der Auftritt einer weiteren Band, bei der ich mich nicht mehr entsinne, wann sie zuletzt in Europa gespielt hat – vielleicht bei einer der letzten Ausgaben des Sweden Rock Festivals. Die Rede ist von den amerikanischen Glam-Rockern Slaughter, die sich vor Beginn des Auftritts gleich selbst einstimmten. Slaughter haben in ihrer Karriere fünf Alben veröffentlicht, die sich durch die Neunziger zogen. Neben Bandchef, Sänger und Rhythmusgitarrist Mark Slaughter ist Originalbassist Dana Strum dabei; komplettiert wird die Band von zwei ausgezeichneten Musikern: Gitarrist Jeff Bland und dem aufgedrehten Schlagzeuger Zoltan Chaney. In knapp einer Stunde spielten sie einige Klassiker – angeführt von The Wild Life, Burning Bridges, Fly to the Angels, Real Love, Up All Night – und »stahlen« sich ein paar Minuten für das Durchspielen von kultigem Rock’n’Roll-Geschichtsmaterial, von Heaven and Hell bis hin zu Led Zeppelin-Anspielungen. Es handelt sich um äußerst erfahrene Musiker – aber man spürte, dass die Band etwas weniger eingespielt war, weshalb der Auftritt von einigen ordentlichen Patzern begleitet wurde. Dennoch: Der für die neuen Zeiten reichlich schwergewichtigere Mark Slaughter sanierte all diese kleinen Unannehmlichkeiten mit überwältigender Bühnenkarisma. Er ist ein geübter Performer! Den braucht man nur auf die Bühne stellen. Alles kommt ihm zugute, und selbst aus Kleinigkeiten weiß er ein echtes Theater zu machen. Das zweite unverzichtbare Element, das die Zuhörer geschickt bei der Stange hielt, war der verrückte Schlagzeuger Zoltan Cheney, der an den Drums eigentlich alles trieb – nur auf »normalem Wege« spielen tat er sie nicht. Fazit: Slaughter haben eine super Party gemacht, und die paar Liebhaber des süßen, guten alten Glam-Metal-und-Rock-Erbes, die sich vor dem Auftritt auch noch ordentlich herausgeputzt hatten, haben sich beim Konzert mehr als königlich amüsiert.

Gegen 18 Uhr erwachte auch das Geschehen in der Nebenhalle. Die Bühne dort besetzten die hervorragenden schwedischen Melodic-Rock-Revivalisten  Eclipse. Ihr Auftritt überschnitt sich leider mit dem der kultigen britischen NWOBHM-Fahnenträger Venom. Ja. Genau die Venom mit Konrad Lant alias Kronos in der Besetzung. Da ich Eclipse bereits ein paarmal gesehen hatte, verzichtete ich auf einen Teil ihres Konzerts und verfolgte stattdessen zum ersten Mal in meinem Leben einen Auftritt von Venom. Eclipse bestätigten jedenfalls ihre außerordentliche Form; Erik Martensson bleibt ein exzellenter Frontmann – in jeder Hinsicht. Und Eclipse stießen auf konkreten Support vom Publikum. Die Halle zählte während ihres Auftritts gut tausend Menschen. Die Band präsentierte überwiegend ihr aktuelles Studioalbum »Monumentum«, wobei natürlich das obligatorische Battlegrounds und das noch obligatorischere Wake Me Up nicht fehlen durften. Ins Set packten sie außerdem drei Songs des Vorgängeralbums »Armaggedonize«.

Venom. Während Kronos‘ einstige Kumpane Abadon und Mantas  mit der zweiten Venom-Fraktion namens Venom Inc. weitermarschieren – die wir auf der diesjährigen Ausgabe des Metaldays Festivals angetroffen haben –, macht sich Kronos seit ungefähr 2007, seit dem endgültigen Zerwürfnis der kultigen Bandfiguren, keinen Kopf mehr darum. Damals zementierte er die Besetzung der neuen Venom, indem er Stuart Dixon auf die Gitarristenposition berief und Danny Needham ans Schlagzeug setzte. Kronos behielt seinen ganzen Schliff, seinen anstößigen dämonischen Charme und sein maximal giftiges Erscheinungsbild – auch stimmlich. An Energie mangelt es dem Mann in seinen reifen Jahren nicht. Seine »volksnahe«, aber immer noch ausdrucksstarke und durchdringende Stimme garantiert, dass die Kultklassiker dieser legendären Band auch heute noch auf der Bühne zünden. Das Trio ist erstklassig eingespielt, und Kronos ist schlicht und ergreifend der Inbegriff großer Karisma – die meisten Augen des vollgepackten Geländes hingen an ihm. Die Truppe stellte ein konkretes Repertoire von fünfzehn Songs zusammen und widmete etwa ein Drittel des Konzerts Songs des noch immer aktuellen letzten Studioalbums »From the Very Depths«. Das beweist, dass sich Venom musikalisch nicht viel verändert haben – und die Energie der neueren Nummern verschmolz hervorragend mit dem Bild der Kultklassiker aus der ersten Hälfte der Achtziger. Überraschend: Kronos schaut in der neuen Ära kaum in die Vergangenheit zurück. So ignorierte er die Alben »Possesessed« und »At League With Satan« komplett, und Venom spielten lieber Songs der neueren Ära – angeführt von Pandemonium (»Ressurection«, 2000), dem Titeltrack des Albums »Fallen Angels« (2011) sowie dem »Cast In Stone«-Song (1997) The Evil One. Wie dem auch sei: Die Truppe belohnte die hartgesottenen Anhänger mit den obligatorischen Kultklassikern des Black Metal. Den Titelsong spielten sie in der Zugabe, begleitet vom unvergesslichen Countless Bathory und Buried Alive. Das Konzert beschloss Venom mit der okkulten »Welcome to Hell«-Totenmesse Witching You, während der Titeltrack des genannten Albums bereits im regulären Teil erklungen war. Venom würzten die Setlist außerdem mit den Singles Bloodlust und dem allseits begehrten Warhead. Die Band stieß auf Scharen begeisterter Anhänger, die beim Konzert ausrasteten. Die Energie war extrem mitreißend – und unter anderen Umständen, ohne die zeitlichen Überschneidungen mit anderen Acts, hätte man sich an Venoms Auftritt gar nicht sattsehen können. Kronos ist nach wie vor wahnsinnig genug, satanisch genug, mit dem richtigen Überschuss Gift in seinen stählernen Adern, Dämonie und großen Funken in den Augen. Das Konzert war im Nu vorbei. Am Ende blieb die Gewissheit, dass in zehn Tagen beim Metaldays Festival in Tolmin noch eine ordentliche Portion Venom-Musik gespielt wird – nämlich von Venom Inc.  

Das Bang Your Head!!! Festival gilt programmatisch nicht gerade als Hochburg der extremen bis brutalen Ecken des Metal-Genres. Und doch. Jedes Jahr findet sich Platz auch für Acts aus dem Death- und Black-Metal-Lager. Am ersten Festivaltag betraten die legendären norwegischen Black-Metal-Götter Satyricon  in den späten Nachmittagsstunden die Bühne – und es war tatsächlich ihr erster Karrierebesuch in Balingen.  Dieses Mal spielten sie das Kultalbum »Nemesis Divina« nicht in voller Länge, sondern setzten wieder auf aktuelle Songs aus ihrer künstlerischen Visionsphase – eine Band, die zwar kultig und hoch angesehen ist, im Black-Metal-Genre aber auch als eine der experimentierfreudigsten gilt. Sie haben ihren eigenen Stil und Klang entwickelt und galten in ihrer Anfangszeit als Schlüsselkraft, die das Bild des modernen Black Metal geprägt und definiert hat. Satyr hat sich wieder die Haare abgeschnitten und mit Pomade nach hinten gekämmt. Echter Valentino-Look also – keine Neuigkeit; so trat er schon 2011 auf. Verstecktes schwarzes Leder, weiße Farbe im Gesicht – obligatorisch. Das Publikum während des Konzerts war sehr ruhig; man konnte »normal atmen« und sich näher an der Bühne bewegen (bei Venom war das in dieser Hinsicht reine Hundeshölle) – dafür hatte sich das Publikum altersmäßig durchgemischt. Die Liebhaber der extremen Metal-Spielarten bildeten dieses Mal wieder logischerweise eine deutliche Minderheit des Festivalbesuchs.  Die Band ordnete das Repertoire der neueren Schaffensphase unter und überließ die Führung dem Album »Now, Diabolical«, dem Songs aus »The Age Of Nero« sowie dem aktuellen »Satyricon« Gesellschaft leisteten. Im Unterschied zu den Vorjahresaktivitäten der Band auf europäischen Sommer-Festivals – als sie beispielsweise beim tschechischen Brutal Assault das Kultalbum »Nemesis Divina« komplett spielten –, erwischten wir dieses Mal daraus nur einen einzigen Song: Mother North, gespielt kurz vor dem Abschluss. Den markierte dann wieder das neuere K.I.N.G. Performancemäßig: erstklassig. Satyr ist ein Mann mit großer Karisma, die Bühne wurde durch riesige Nebelwolken überflutet – eine Stunde diabolischer Satansverehrung und seiner Scherereien. Wenn Venom das Album Black Metal veröffentlicht haben, dann haben Satyricon später das neue Genre gleichen Namens mitdefiniert. Black Metal.

Die großen Heavy-Metal-Veteranen, die britischen Demon, die vor einigen Jahren – genauer 2010 – beim Warm-up-Show des Balingers BYH Festivals gespielt hatten, bekamen dieses Mal eine konkretere Spielzeit und lieferten in einer Stunde und zwanzig Minuten eine der besten Darbietungen des ersten Festivaltages. Ohne Wenn und Aber. Das Konzert – nach Auftritten 1997, 2005 und 2010 insgesamt das vierte auf dem Bang Your Head für die Band –  überschnitt sich mit Satyricon, weshalb ich aufgrund fotografischer Verpflichtungen einen guten Teil davon verpassen und übersehen musste. Ich erwischte die ersten zwanzig Minuten und den Großteil der zweiten Hälfte. Und hatte einiges zu sehen. Das Publikum füllte die Halle bis auf den letzten Platz. Gestopft voll. Und eben dieses Publikum bekam definitiv sein Geld zurück. Die Legenden präsentierten sich als äußerst kohärentes, unglaublich eingespieltes und für ihr Alter nach wie vor messerscharf geschliffenes und energisches Team. Das Sextett eröffnete (erwartungsgemäß) mit Night Of The Demon, dem unter anderem Into the Nightmare, The Plague, Sign of A Madman, Standing On The Edge of the World, Life on a Wire, Liar, One Helluva Night, Nowhwere To  Run,  natürlich Don’t Break the Crcle sowie Cemetery Junction folgten – letzteres der Titeltrack des neuen, hervorragenden Studioalbums, das im März dieses Jahres erschien. Top. Hoffentlich sehen wir sie bald wieder in dieser Form.

Die Bühne in der Halle übernahmen die schwedischen Metaller Manegarm, die seit 1995 auf der Szene aktiv sind. Ihr Auftritt überschnitt sich leider mit Saxon, weshalb das eigentlich äußerst hochwertige und interessante schwedische Quartett auf etwas geringeren Besuch stieß. Das gesamte Festival strömte in diesen Momenten zügig zur Hauptbühne, um die Headliner des ersten Tages, die britischen Saxon, zu erwischen. Manegarm begannen ihren Weg unter dem starken Einfluss der damals aktuellen Black-Metal-Bewegung, schliffen und erweiterten ihren Sound im Laufe der Jahre aber konkret – Riffs, die noch immer steinig-rohe Elemente bewahren, durchzogen von nordischer Mythologie, Wikingerkultur und Heidentum. Sie haben sogar ein akustisches Album aufgenommen und integrieren heute bevorzugt auch Folk-Elemente in ihre Musik. Wie dem auch sei: Die Band ordnete das diesmalige Konzert der Geschwindigkeit und zerstörerischen Klangreizen unter. Manegarm schlossen den Auftritt mit I Evig Tid aus dem dritten Album »Dödsfärd« ab und belegten das Repertoire glücklich mit Nummern aus allen Schaffensphasen. Vom aktuellen neuen Album »Manegarm« (2015) spielten sie nur einen Song (Tagen av daga). Natürlich halfen sie sich auch mit Backdrops. Die Atmosphäre muss schließlich auf hohem Niveau gehalten werden. Fans der Band kamen sicher auf ihre Kosten. Und mehr. Auch jene, die auf vergangenen BYH-Festivalausgaben Saxon schon zum zigsten Mal gesehen hatten und sich deshalb lieber einige (nützliche) musikalische Abwechslungen und Entdeckungen gönnten.  

Saxon wurden als Headliner des ersten Festivaltages auserkoren. Über die Band muss man keine langen Worte verlieren. Je älter, desto mehr spielen sie live. Unglaublich. Ein neues Album haben sie bereits angekündigt; zuletzt, nämlich im Dezember letzten Jahres, haben sie im Kino Šiška das aktuelle »Battering Ram« promotet. Die NWOBHM-Legenden fühlen sich in Balingen natürlich wie zuhause – in dieser Rolle hätten sie eigentlich schon letztes Jahr auftreten sollen, als sie das unverhofft entstandene Programmloch stopften, das die amerikanischen Iced Earth hinterlassen hatten. Saxon schleppten an diesem Tag auch ihren stählernen Adler mit – bis auf den letzten Quadratzentimeter Blech mit starken Scheinwerfern bestückt –, und der Auftritt wurde von Pyrotechnik und Nebelwänden begleitet. Ein Spektakel also – allerdings nicht das erste von Saxon auf dem BYH!!! Festival und mit Sicherheit nicht das letzte, denn Saxon genießen auf deutschem Boden außerordentliche Beliebtheit. Beinahe blasphemische Verehrung. Da muss sich der unbestrittene Sänger Biff Byford nicht sonderlich anstrengen, um das Publikum zu erobern. Auch dieses Mal war es im Handumdrehen seins. Saxon lieferten wieder das Konzertspektakel, das nicht enttäuschen kann. Hand aufs Herz: Können Saxon live überhaupt enttäuschen? Naja – höchstens was die vorhersehbare Setlist angeht, die sich in den letzten Jahren kaum verändert. Die obligatorischen Kultklassiker des eisernen Repertoires, dazu drei neue Songs zu Beginn des Konzerts, angefangen mit dem Opener Battering Ram, dem Sacrifice sowie Let Me Feel  Your Power Gesellschaft leisteten. Den Rest der Setlist bildeten: 20.000 Feet, And the Bands Played On, Motorcycle Man, Solid Ball Of Rock, Dallas 1PM, Power Andf The Glory, Heavy Metal Thunder, 747 (Stranges In the Night), Strong Arm of The Law und natürlich der super-obligatorische Abschluss mit Denim And Leather, Princess of the Night und Wheels of Steel. Natürlich war auch The Eagle Has Landed dabei (sonst würde die Adler-Konstruktion ja keinen richtigen Sinn ergeben, oder?) Und? »Crusader« als zweiter Zugabensong – obwohl ein konkret betrunkener Teil des Publikums ihn zu dieser Abendstunde am liebsten sofort gehört hätte! Wo Saxon diesmal die Songs der Alben »Innocence is no Excuse« und »Destiny« vergessen haben, weiß wohl noch immer nur der Teufel selbst.

Eines der interessantesten Highlights des ersten Festivaltages brachten auch die ehemaligen Mercyful Fate-Gitarristen Hank Shermann und Michael Denner ins Programm, die als Denner / Shermann das Versprechen abgegeben hatten, die Zuhörer auch mit Mercyful Fate-Klassikern zu belohnen – Songs, die Fans dieser kultigen dänischen Heavy-Metal-Band schon lange nicht mehr live gehört hatten.  Als Sänger holte die Band den amerikanischen Shouter Sean Pack (The Cage) ins Team; am Bass half Marc Grabowski aus, an den Drums saß der kultische Snowy Shaw. Entgegen den Erwartungen spielten sie aber überwiegend Material der neuen EP »Satan’s Thomb« und des Erstlings »Masters Of Evil«. Das Publikum wartete also gespannt auf den ersten Mercyful Fate-Song, bis das Quintett schließlich Black Funeral anstimmte, gefolgt von Curse of Pharaohs und Into the Coven. Dann wieder zurück ins frische Eigenmaterial – bis zum siedend heißen Abschluss, den die schier geforderten Mercyful-Klassiker  A Corpse Withouth Soul und Evil krönten. Man spürt, dass Shermann und Denner seit vielen Jahren nicht mehr gemeinsam aufgetreten sind. Während des Konzerts wirkten sie sehr steif und eigentlich unbewegt, sodass den Großteil der Bühne der brillante Sean Pack für seine Performance nutzte – in einem Bühnenkostüm, bei dem man meinte, Rob Halford (Judas Priest) höchstpersönlich sei da aufgetaucht. Denner und Shermann werden ihre Auftritte in Zukunft sicher in Sachen Kohärenz und Eingespielheit weiterentwickeln – das ist sicher. Neues, hervorragendes Eigenmaterial öffnet ihnen die Türen für eine erfolgreiche Fortsetzung der reifen Phase ihrer kreativen Karriere. Der Kult von Mercyful Fate ist also für einen Moment wieder aufgelebt.

Das finale Set des ersten Festivaltages gehörte den brasilianischen Giganten des Extreme Metal, Sepultura, die in diesem Jahr eines der interessantesten Alben ihrer Karriere veröffentlicht hatten: »Machine Messiah« – womit sie bewiesen, dass sie noch lange nicht das letzte Wort gesprochen haben.  Den Auftritt ließ ich diesmal wegen allgemeiner Erschöpfung aus; Sepultura sind in der neuen Ära aber nach wie vor eine Garantie für wahnsinnige Shows. Das haben sie unzählige Male bewiesen. Dürfte wohl kaum zu raten sein, dass Sepultura Kultklassiker ins Repertoire aufnahmen – allen voran Territory, Arise, Refuse/Ressist. Wer tagsüber noch nicht genug Lärm und Getöse abbekommen hatte, hat sich beim extremen und unvergesslichen Death- und Thrash-Sound der einzigartigen Sepultura garantiert den letzten Schopf ordentlich zerzaust. 

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