30 Jahre Fuck Off Commercial Festival in den savinjischen Šešče und das Donnern von Interceptor (2018)

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Aufgetreten: Big Bad Wolf, Fuck Logic, Marax, Interceptor
Location: Šešče (Prebold, Žalec) / Kulturni dom Šešče / Slowenien
Datum: Samstag, 28.04.2018

30 Jahre sind seit der Gründung des Fuck Off Commercial Festivals vergangen. Es ist das älteste Heavy-Music-Festival Sloweniens, das in diesem Jahr ein schönes Jubiläum feiert. Dafür haben die legendären steirischen Metal-Gewitter Interceptor ihre leicht eingerosteten Gelenke wieder in Schwung gebracht – immerhin lagen sie eine stattliche Anzahl von Jahren auf Eis – und sich gehörig in die Hände gespuckt, um einen wesentlichen Beitrag zur Jubiläumsausgabe des geschätzten Festivals an der Savinja zu leisten. Das Festival ist schicksalhaft mit Interceptor und der gesamten Geschichte verbunden, die noch weiter in die Vergangenheit reicht – in die Zeiten von Epidemic Zone, aus denen Interceptor eigentlich hervorgegangen sind. Wir befinden uns also im unteren Savinjatal. Im schmucken Šešče; Prebold liegt auf der anderen Seite der Hügel, Žalec ist ebenfalls nicht weit entfernt. Wenn du dort jemanden fragst, wohin er gehört, antwortet er frei heraus, er sei ein Savinjaner.

Der Veranstalter hat an alles gedacht. Wirklich an jede Kleinigkeit. Und das Wichtigste war jener edle Wert, den wir irgendwie über die Jahre so richtig vernachlässigt haben: Zusammenhalt. Die Savinjaner haben an diesem Abend eine unglaubliche Geschlossenheit bewiesen – eine Geschlossenheit, von der man nur lernen kann. Von schmucken Eintrittskarten und Armbändern bis hin zu Presseausweisen. Freundliches und angenehmes Personal an der Kasse, in den Reihen der Security, hinter der Bar und überall sonst. Außergewöhnliche Energie, positive Vibes und natürlich eine echte Party. Abgestimmt auf die höllischen Noten schwerer Sounds.

Kurz vor neun Uhr abends. Auf der Bühne stehen die Ljubljanaer Big Bad Wolf. Eine Crew, die im Februar ihr Debüt »Outrage of Modesty« veröffentlicht hat. Das Quintett ist extrem scharf geschliffen und eingespielt wie ein Uhrwerk. Eine absolut gelungene Kombination aus Old-School-Revivalismus der Speed- und Thrash-Metal-Elemente und Rock’n’Roll. Die Band hat ihren Studio-Erstling komplett durchgespielt und am Ende noch den Track Ugly draufgepackt, der älteren Datums ist und von ihrer EP stammt. Auf Rattlesnake ist erwartungsgemäß Gastviolinist Andrej Kopač eingesprungen. Die Band hat erneut mit ihrer Konzentration, Charisma und kompositorischen Durchschlagskraft überzeugt. Das Quintett als Einheit. Ein kleines Wermutströpfchen war nur die Tatsache, dass im Venue diesmal weniger Besucher waren als erwartet. Das Festival hatte nämlich gerade erst geöffnet und das Gros des Publikums tröpfelte noch herein. Der rasende Wolf hat erneut potent geheult, vielleicht mit etwas weniger Dampf als Mitte März im Ljubljanaer Orto bar – aber ich glaube, bei mehr Unterstützung vom Publikum wäre das Gefühl ein völlig anderes gewesen.

Nach dem wütend heulenden, zottigen Burschen aus Ljubljana kletterten die Braslovčaner Fuck Logic auf die Bühne. »Jebeš logiko« halt. Das ist dieses Gefühl, wenn du mal ausnahmsweise der Mathematik den Mittelfinger zeigst. Ein potenter Mix aus Old-School-Thrash-Metal mit eingebauten Death-Metal-Elementen. Ein Quartett mit ausschließlich Eigenmaterial. Und ein Quartett, das einen besonderen Gast auf die Bühne eingeladen hat: Čedo von Radio Jam. Da Radio Jam Hardrocker sind, konnte man irgendwie ahnen, dass Fuck Logic mit Čedo auf der Bühne etwas außerhalb des üblichen Fuck Logic-Kontexts anstellen würden. Im Gedenken an Sergej Vučer, den großen AC/DC-Fan, spielten sie zusammen Hell’s Bells, und Čedo als Sänger lieferte eine absolut gelungene Vokalversion des Originals. Die Band kündigt ihr Studio-Debüt an. Nach dem Gesehenen und Gehörten mangelt es ihr nicht an Engagement – was sie jetzt braucht, sind mehr Auftritte und damit mehr Erfahrung und Bühnenmiles. Damit die Jungs zusätzliche Flügel und Durchschlagskraft bekommen. Sie sind auf dem richtigen Weg, und ich glaube, das Debüt wird eine Versuchung sein, die jeden Sünder überzeugt.

An diesem Abend bin ich ziemlich ramponiert in Šešče angekommen. Direkt aus dem äußersten Westen Sloweniens, über einen Zwischenstopp in Kamnik, dann das seelenquälende Gekurve durch die endlosen Kehren und Tempolimits des Tuhinjsko-Tals – immerhin hab ich beim Florjan ein Bier für schlichte 1,80 € getrunken, um 16:00 Uhr –, aber ich hatte mich überhaupt nicht darum gekümmert, in welcher Reihenfolge die Bands auftreten. In Erwartung der Black-Metaller Marax bin ich also vor die Bühnenfläche getreten – aber da duftete es überhaupt nicht nach Black-Metal-Eröffnungstakten, schon gar nicht, als das zweite aufgenommene Intro lief: das Thema der legendären jugoslawischen Komödie »Maratonci tečejo častni krog«. Natürlich. Denn auf der Bühne war der berühmte, klingend benannte Interceptor gelandet. Angeführt von den Ultra-Marathonläufern der Band, Gregor Čulk junior und Marjan Pader (Gitarre), sowie Dragan Bagarič (Bass), Rückkehrer Simon Cukjati (Gitarre) und Davorin Štorgelj (Schlagzeug). Diesmal beruhigte Čule das Publikum gleich zu Beginn, es solle doch näher rücken, denn diesmal gedenke er nicht, von der Bühne zu springen: »Kommt näher, ich werd mich nicht von der Bühne schmeißen!« Wer die ein oder andere Geschichte zu diesem Čule-Kommentar kannte, brach natürlich in Gelächter aus.

Die Band widmete das Konzert Sergej und Tomaž Vučer. Zwei wichtigen Säulen dieses Festivals. Männer, die für die Geburt des Festivals verantwortlich sind – Sergej hat die meisten Texte für Interceptor geschrieben, Tomaž spielte Bass bei Epidemic Zone. Die Band hatte in der Ankündigung bereits geschrieben, dass sie eine ordentliche Dosis Songs von den ersten beiden Platten in ihr Konzertrepertoire einbauen würde. Man muss aber im Hinterkopf behalten, dass die Band schon eine ganze Weile inaktiv war und sich eigentlich nur für dieses Konzert zusammengefunden hat. Daher ist dieses Ereignis – angesichts des Rufs und des Status der Gruppe – eines jener, das sich definitiv in die Liste der wichtigsten Ereignisse des Metal-Universums in Slowenien für das Jahr 2018 einschreiben wird.

Die Band strahlte eine außergewöhnliche Eingespielheit des Gitarren-Duos Pader-Cukjati aus, und mit der Zeit übernahm das äußerst dynamische, aktive und präzise Rhythmusduo aus Bassist Dragan und Schlagzeuger Davorin das Kommando. Und dann war da natürlich er. Der Eine und Einzige. Master Čulk, »mit Leib und Seele«. Wie ich immer gesagt habe: Wenn du Čulk auf der Bühne siehst, weißt du, wohin er gehört. Auf die Bühne und nirgendwo anders hin. Der Mann ist von Kopf bis Fuß dafür gemacht, Menschen zu unterhalten. Von seiner bloßen Erscheinung, den Gesten, der Haltung, den Grimassen – allem, was er auf der Bühne macht. Auch mit all seinen Kommentaren und sonstigen »Blödheiten«, die ihm im jeweiligen Moment durch den Kopf schießen und die er großzügig mit dem Volk teilt. Natürlich hatte sich im Saal eine Klientel versammelt, die alle Musiker wie ihre Westentasche kennt – und umgekehrt. So hat Čule von der Bühne aus so einige Besucher begrüßt, den Verantwortlichen für Logistik und Durchführung des Festivals mehrmals gedankt – allen voran Mufi, der damit zum Master Mufi wurde –, und die Band spielte ausgezeichnet. Auch klangtechnisch. Das Klangbild in jeder Hinsicht also erstklassig.

Und so war es auch. Nach dem irgendwie erwarteten Homo Stupidus, mit dem sie das Konzert eröffneten – das ist ihre letzte Single, veröffentlicht 2008 –, machte sich die Band an die Revision der Songs der ersten beiden Alben, wobei es so manchem schwergewichtigen Veteran im Publikum schon ordentlich den Kopf verdreht hat. Die Band reiste also durch das Repertoire der Vergangenheit, und zwei Nummern widmete sie explizit dem Andenken an Sergej und Tomaž Vučer. Eine bewährt erstklassige Wahl also als Katapult in die gottlose und blasphemische Graveyard-Metal-Messe. Und Pomarančina Goba zla selbstverständlich mit dabei! Auch das abgerissene Paparazzo vom dritten Album »Mora«, in dem erwartungsgemäß auch der charismatische Marjan Pader seine Stimmbänder dehnte, durfte nicht fehlen. Misprized Death in Kombination mit Gastmusiker Boštjan Bahč an den Bläsern, Pader an der zwölfsaitigen Akustikgitarre und natürlich Čulk mit reinem Vokalklang. Die Band schloss den regulären Teil damit, dass sie noch Highway To Hell spielte. Das war das zweite AC/DC-Cover, dem großen Fan dieser Band Sergej Vučer gewidmet. Die Band hat das »auf ihre eigene Art« gemacht. AC/DC haben also ihre Version dieses Songs im Graveyard-Metal-Format bekommen. 

Im Encore dann noch Zadnja žrtev, das im Original von Epidemic Zone stammt und das die Band bereits auf dem Album »The Beginning« (1993) aufgenommen hatte – sowie der Abschluss des Konzerts mit Sepulturas Inner Self (Sepultura ist jene Band, die sicherlich eine wichtige Rolle bei der Definition des Sounds und Stils der frühen Interceptor gespielt hat). Kurzum: die gesamte kleine und große Geschichte dieser legendären Band in einem Stück, an einem Ort. Vollblütig und leidenschaftlich. Nach diesem Konzert sind Interceptor wieder in den Ruhezustand zurückgekehrt. Ob sie sich reaktivieren werden oder nicht, bleibt ein Mysterium. Ich werde auf nichts hinweisen, aber man spürt nach dem Gesehenen, dass in diesen Jungs Potenz, Energie und Leidenschaft geblieben ist. Die Energie ist da, das Feuer der Reinigung müsste die Dämonen der Vergangenheit vertreiben – und wenn auch die Sternenkonstellation am Himmel stimmt, dann ist kein Teufel der Welt, der verhindern könnte, dass die savinjische Metal-Maschinerie erneut über den slowenischen Metal-Himmel rollt und ihn wieder einmal in ihre Graveyard-Metal-Schwärze hüllt. Lassen wir also der Zeit ihre Zeit.

Die undankbare Rolle aber mussten diesmal die frischgebackenen Black-Metaller Marax übernehmen. Ein Quartett, das den weiblichen Black-Metal-Gesang von Sängerin Anin in seinen Reihen trägt. Dazu auch Corduras Tim Draksler, der einst bei Interceptor ausgeholfen hat, wie Bagarič bei seiner Cordura – und ihn bei seinem ordentlichen Corpse-Painting, seiner charakteristischen Erscheinung, Gitarrenhaltung und dem Bart war er nicht schwer zu erkennen. Die Band spielte ihre EP »The Abyss Of Illusion«, die Mitte April dieses Jahres erschienen ist und die sie eigentlich in einer Live-Premiere vorstellte. Als Nicht-Experte für Black Metal fällt es mir schwer einzuschätzen, wo man die Band stilistisch einordnen würde – fest steht aber, dass sie Inspiration aus der reichen skandinavischen Riege und dem Erbe dieser Musikrichtung zieht, allen voran Dimmu Borgir und Old Man’s Child; auch eine Assoziation mit dem Projekt Covenant blitzte auf. Die Band konkretisierte die Kulisse mit aufgenommenen Synthesizer-Schleiern und Orchestrierungen, zeigte ein schönes Niveau an kompositorischer Komplexität und auch ein schönes Maß an Theatralität – dafür sorgte Anin. Dunkelgestalten also. Schade, dass die Wartephase sehr lang war. Ich schätze fast drei Viertelstunden. Das Publikum hatte in dieser Zeit (bis zum Konzert) erheblich unter der Last des übermäßigen Alkoholkonsums gelitten, und auch die Zahl der Zuhörer in den Stunden, die sich bereits kräftig Richtung Morgen neigten, war schlicht dezimiert worden. Schade für die Band. Aber jeder Anfang ist schwerer als gewünscht. Die Band hängte ans Konzert auch einige Cover ihrer Vorbilder und kam so auf immerhin 40 Minuten Auftritt. Definitiv eine Band, die alle Aufmerksamkeit verdient – nicht nur weil sie im Black Metal eine eigenständige Figur pflegt, sondern auch wegen Sängerin Anin, die sicher die Besonderheit der Band ist.

Wie ich bereits begeistert zu Beginn angedeutet habe: Das Fuck Off Commercial Festival war in jeder Hinsicht ein Erfolg. Schon lange habe ich einen solchen Zusammenhalt, eine solche Verbundenheit unter den Menschen und eine solche Organisationskraft in Slowenien nicht erlebt wie genau hier in Šešče.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


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