Die Weltraumpolizei patrouillierte durch München! (2014)
Autor: Urban Bolta
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: München / Backstage Werk / Deutschland
Konzertdatum: 30.09.2014
Besucherzahl: 1300
Kartenpreis: 34,00€ (an der Abendkasse)
Wenn sich am letzten Dienstag im September aus der Heimat Richtung Deutschland eine Blechkolonne in Bewegung setzte, dann vor allem wegen des Champions-League-Spiels zwischen dem deutschen Schalke und unserem Maribor — doch nicht nur die Fans der Veilchen machten sich ins Land des stets blühenden Wirtschaftswunders auf. Zumindest drei Bewohner des Landes unter dem Triglav hatten sich den Dienstagabend für ein Konzerterlebnis im Herzen der bayerischen Hauptstadt reserviert. Der Club Backstage Werk, der bei unserer Ankunft am „Tatort“ bereits mit vollen gesellschaftlichen Lungen atmete, war Gastgeber der „Space Police: Defenders of the Crown“-Tour, die unter einem Dach drei Vertreter des deutschen Heavy und Power Metal vereinte. Grund genug, dass auch Rockline dort auftaucht!
Kurz nach acht Uhr eröffneten Starchild den Konzertabend — ein neu gegründetes deutsches Heavy-Metal-Gespann, das in diesem Jahr mit der Veröffentlichung ihres selbstbetitelten Debüts auf sich aufmerksam gemacht hatte (Rezension hier). Als relativ junges Projekt können Starchild sich keine Solotour durch die Heimat leisten, doch als Vorband eines Abends mit Unisonic und Edguy kamen sie wie gerufen, pflegen sie doch dieselbe Heavy-Metal-DNA, die alle Liebhaber der deutschen Heavy-Metal-Schule anspricht. Wie auch nicht, wenn die Rhythmusfraktion aus Bassist Jens Becker (Grave Digger) und Schlagzeuger Michael Ehre (Gamma Ray) besteht. Der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der Band verbirgt sich allerdings anderswo. Den Dirigentenstab auf der Bühne hielt Sandro Giampietro in den Händen — Sänger, gelegentlicher Gitarrist und unbestrittener Motor des Abends, der die Fackel der Band durch den gut halbstündigen Auftritt hochhielt. Die melodischen Gitarrenlinien des jungen Dennis Hormes bildeten zusammen mit harmonischen mehrstimmigen Refrains das reinblütige Gerüst eines neuen, klassisch klingenden deutschen Heavy-Metal-Kollektivs — und die Frage bleibt offen, ob wir es noch einmal live erwischen werden. Starchild schlossen ihren Auftritt mit dem selbstbetitelten Stück ab, und die laute Reaktion des Publikums war Beweis genug, dass Giampietro und seine Leute in die richtige Richtung treten.
Als Zweite präsentierten sich dem bayerischen Publikum Unisonic — trotz erst weniger Jahre auf dem Buckel in der Metal-Szene bereits ein bestens bekanntes Quintett. Unisonic bestehen aus alten Hasen der deutschen Hardrockgemeinde, weshalb das Publikum sie schon bei der Veröffentlichung ihres selbstbetitelten Debüts vor zwei Jahren ins Herz geschlossen hatte. Doch die Karawane zog weiter, und Unisonic schmiedeten ihr neues heißes Szepter im laufenden Jahr mit ihrem zweiten Album „Light of Dawn“ (Rezension hier). Nach einem eingespielten Intro verteilten sich die Bandmitglieder auf der Bühne, für die eigentliche Explosion in den ersten Reihen des um neun Uhr abends bereits rappelvollen Backstage sorgte der Auftritt des Startenors Michael Kiske, dessen Stimme in der zweiten Hälfte der Achtziger als Teil der kultigen Helloween-Klassiker unsterblich wurde. Unisonic bewegen sich im Feld eingängigen Hard Rocks und Heavy Metals mit gelegentlichen Doppelpedal-Ausbrüchen; die energiegeladene Kombination traf gleich zu Beginn mit For The Kingdom. Die tausendköpfige Menge skandierte in der Pause „Kiske, Kiske“, was den Frontmann zusätzlich anfeuerte — im Refrain von Exceptional bewies er dann mit hochfliegendem Stimmregister, was er draufhat. Unisonic wirkten wie eine gut geölte Konzertmaschine, der bei allem Professionalismus auch ein Spaß zwischendurch nicht fremd ist: Der stets gut gelaunte Gitarrist Kai Hansen stellte Kiske mitten im Set ein Bein, doch der ließ sich nicht hereinlegen. Genau das Gitarrengespann Hansen / Mandy Meyer (Letzteren hatte ich in besagtem Club vor einigen Monaten bereits als Gitarristen der legendären Krokus erlebt) sorgt für hochoktanige Instrumentalpassagen mit geschickt platzierten ansteckenden Refrains — die Glanzpunkte des Unisonic-Schaffens. Erfreulich auch, dass das Repertoire des Quintetts nach gerade mal zwei veröffentlichten Alben bereits fast ausschließlich aus Eigenkompositionen besteht, in die vor dem Abschluss noch der Helloween-Hit I Want Out eingebettet wurde. Im fünften Gang ohne Handbremse traf er damit im Gegensatz zur heutzutage langweiligen Helloween-Version den Nagel auf den Kopf und sorgte für die perfekte Gedankenabschaltung vor dem Höhepunkt des Abends. Höhepunkt? Für viele waren das schon Unisonic!
Die größte Zeitscheibe des Abends gehörte den Headlinern der Tour, Edguy — den sympathischen deutschen Power-Metallern, die in der Metalwelt seit jeher als Besondere gelten. Edguy veröffentlichten in diesem Jahr ihr neues Album „Space Police: Defenders of the Crown“ (Rezension hier), mit dem sie zu ihrem klassischen Sound zurückgekehrt sind und ihr bestes Werk seit einem satten Jahrzehnt abgeliefert haben; im Rahmen der Promo-Tour touren sie im Herbst durch Europa — ihr uns nächstgelegener Stopp war genau in München.
Edguy eröffneten ihren Auftritt mit frischem Material aus dem aktuellen Album und bewiesen schnell, dass sie ein hervorragend eingespieltes Kollektiv sind. Die klangliche Frische (gewiss über die Matrix der Keyboards) und die lebendige Gesangslinie der vorderen Gitarrenreihe mit Tobias Sammet in der Mitte füllten mit der Eingängigkeit des Refrains des Titelstücks Space Police mühelos die Lippen des bis auf den letzten Platz besetzten Clubs. Nach einem ersten kurzen Blick zurück ins vergangene Jahrzehnt mit Out of Vogue („Rocket Ride“, 2006) ging es los! Frontmann Sammet, bekannt für seine Publikumsmanipulation, begann zwischen den Stücken Witze aus dem Ärmel zu schütteln und das Publikum damit gleich in der Muttersprache zu unterhalten. Am Plaudern ist grundsätzlich nichts auszusetzen, solange ein gesundes Maß nicht überschritten wird. Gegen Ende des Konzerts begannen sich die Einlagen in die Länge zu ziehen wie Kaugummi; Sammet klaute ein oder zwei Stücke der gemeinsam verfügbaren Zeit — auf Edguy-Solokonzerten offenbar gängige Praxis. Angesichts seiner nach wie vor sehr soliden Stimmform, die er mit einem himmelhoch reichenden Schrei im Abgang von Babylon bewies, ist der Zeitklau (vorerst) noch unnötig. Aber sei’s drum: Der Showman-Ansatz ist eines der Erkennungsmerkmale des Quintetts aus Mitteleuropa und landet besonders beim weiblichen Publikum, das auf Edguy-Konzerten prozentual stärker vertreten ist als bei den meisten anderen Metal-Events. Tobias Sammet als erster Bühnenakteur besitzt einen ausgefeilten und charismatischen Ansatz, bei dem er keine Geste dem Zufall überlässt. Seine angeborene Fähigkeit, die Menge zu führen, überstrahlte die übrigen Bandmitglieder; so bekam außer Bohnkes Schlagzeugsolo keines der anderen Instrumente genug Raum, um sich zu profilieren.
Aus den Favoriten der Menge stachen Superheroes, Vain Glory Opera und das stets gefühlvolle Land of the Miracle heraus. Auch wenn Edguy eine schlichte, fast naive lyrische Welt pflegen, greifen ihre Songs im Zusammenspiel mit dem augenzwinkernden Bandzugang dem Publikum auf Anhieb in die Krallen melodischer Ansteckungsgefahr. Der Höhepunkt des mitunter schon fast operettenhaften Ansatzes kam mit der Bearbeitung von Falcos Rock Me Amadeus, bei der hundert Fäuste spontan der Refrensthematik in die Luft folgten. Wie immer hatte Edguy das Beste für den Schluss aufgespart! Das Adrenalinfieber stieg auf Maximum, als das Backstage von Tears of a Mandrake erschüttert wurde und in der Zugabe noch Lavatory Love Machine sowie King of Fools folgten. Nach den zufriedenen Gesichtern in alle vier Himmelsrichtungen zu urteilen hat das aufgeräumt-ausgelassene Edguy-Fest das verwöhnte deutsche Publikum bestens bedient — und so kehren sie nach eigenem Versprechen bald wieder in die bayerische Hauptstadt zurück. Glaubt es oder nicht: In mehr als zwei Jahrzehnten Bandgeschichte war das erst ihr erster Soloauftritt in München; zuvor hatten sie in dieser Zwei-Millionen-Stadt nur als Vorband für die Großen des Rock gespielt (Aerosmith, Scorpions, Deep Purple…).
Setliste
EDGUY:
1. Love Tyger
2. Space Police
3. Out of Vogue
4. Superheroes
5. Defenders of the Crown
6. Vain Glory Opera
7. Drum Solo (Imperial March (Darth Vader Theme))
8. Ministry of Saints
9. Rock Me Amadeus (Falco cover)
10. Babylon
11. Land of the Miracle
12. Tears of a Mandrake
—Zugabe—
13. Lavatory Love Machine
14. King of Fools
UNISONIC:
1. Venite 2.0 (intro)
2. For the Kingdom
3. Exceptional
4. Star Rider
5. Your Time Has Come
6. When the Deed Is Done
7. King for a Day
8. Throne of the Dawn
9. I Want Out
10. Unisonic
STARCHILD:
1. It’s My Race
2. Runner
3. Eyes of History
4. Still My Planet
5. Reaching the Land
6. Starchild Theme (intro)
7. Starchild
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