Brutaler Auftakt der Herbst-Konzertsaison (2014)

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Autor: Primož Novak

Ort: Channel Zero / Ljubljana / Slowenien
Konzertdatum: 11.09.2014
Kartenpreis: 20€

Cryptopsy ist ein Name, der neben Gorguts und Kataklysm zu den Pionieren des kanadischen Death Metal zählt – eines Genres, das durchaus seinen eigenen Charakter hat und sich stets vom amerikanischen Death Metal abgehoben hat. Es muss wohl nicht extra betont werden, dass der kanadische Death Metal immer stärker auf Chaos und technischen Anspruch gesetzt hat. Doch auch Pioniere schlagen manchmal andere Wege ein: Kataklysm sind zugänglicher, melodischer und schlicht kommerzieller geworden. Gorguts sind nach einer langen Pause zurückgekehrt und haben der fast schon vergessenen Szene neue Hoffnung gegeben – allerdings gingen auch sie mit ihrem letzten Output einen deutlich anderen Weg. Cryptopsy hingegen haben sich irgendwie verloren. Mit zahlreichen Alben haben sie versucht zu beweisen, dass sie ihre brutale und technische Natur nicht einfach so aufgeben. 2008 jedoch fielen auch sie dem Zeitgeist zum Opfer und veröffentlichten Unspoken King, das ziemlich verhasst war, weil es zu sehr nach Deathcore klang. Vor zwei Jahren meldeten sich Cryptopsy mit einem selbstbetitelten Album zurück und schlugen wieder in der Art an, für die die Band bekannt ist.

Nach diversen Umbesetzungen sind Cryptopsy wieder konzertaktiv und begaben sich für die Herbsttournee gemeinsam mit Jungle Rot und den Brutalitätsspezialisten Disgorge auf die Straße. Leider ist die Popularität aller drei Bands nicht besonders groß, weshalb das Konzert nur im Channel Zero stattfand – unter den Besuchern waren größtenteils bekannte Gesichter zu sehen, die seit Jahren treu Death-Metal-Konzerte besuchen.

Als erste betraten Jungle Rot die Bühne – eine Band, die seit rund 20 Jahren aktiv ist und in ihrer Karriere eine stattliche Anzahl an Alben angehäuft hat, ohne jemals besonders aufzufallen. Die Musik von Jungle Rot zog mit ihrer Geradlinigkeit naturgemäß vor allem Anhänger des Old-School-Death-Metal an. Allerdings lässt sich bei Jungle Rot kaum behaupten, dass sie mit ihren ziemlich durchgekauten Anleihen im Stile von Obituary u.ä. etwas wirklich Eigenes gezeigt hätten. Was sich aber bestätigen lässt: Jungle Rot sind eine mehr als solide Liveband, die es nicht unnötig kompliziert macht, sondern mit ihrem beinahe minimalistischen Ansatz zum Headbangen einlädt. Jungle Rot könnte man schlicht als eine jener Bands beschreiben, bei denen man entspannt ein Bier trinken, das Hirn ausschalten und die Schlichtheit – und gleichzeitige Wucht – einfach genießen kann.

Mit den amerikanischen Disgorge wurde die Musik intensiver. Allerdings zeigte sich sehr schnell, dass Disgorge live ziemlich langweilig sind. Die Songs ähneln sich zu sehr, alles basiert auf hohem Tempo, permanent ist Blast Beat vorhanden, dazu eine undeutliche Gitarre und ein noch undeutlicherer Gesang, von dem man nur ein „wiii wiii iiiii“ heraushört. Da fragt man sich: Wozu braucht eine solche Band überhaupt Texte? Disgorge haben zwar den Teil des Publikums zufriedengestellt, der auf underground-lastiger Bands schwört, aber Hand aufs Herz – Disgorge würden wirklich ein ernstes Gespräch mit einem Produzenten brauchen, damit ihre Songs nicht so austauschbar klingen.

Nach dem Auftritt von Disgorge wurde die Bühne für Cryptopsy vorbereitet, was bedeutete, dass ein neues Schlagzeug aufgebaut werden musste, das den Anforderungen von Flo Mounier entspricht – der auch heute noch mit 40 Jahren zur Elite der Extremschlagzeuger gehört. Mit Cryptopsy begann das echte Chaos. Obwohl die Band nur als Quartett auftrat, gab es keine Kompromisse; bei manchen Soli fehlte zwar die zweite Gitarre spürbar, doch der Rest machte das locker wett. Das einzige Problem bei Cryptopsy ist, dass sie gelegentlich etwas anstrengend für den Hörer werden können – die Band ist mit jedem Album technisch anspruchsvoller geworden, was das allgemeine Chaos auf ein noch höheres Level gehoben hat. Entsprechend war beim Publikum am deutlichsten zu merken, dass die Songs von den ersten beiden Alben, Blasphemy Made Flesh und None So Vile, am besten ankamen, auf denen die Band noch nicht so sehr auf Komplexität gesetzt hatte wie später. Cryptopsy live sind zweifellos sehenswert. Die Band ist eingespielt und energiegeladen; was manchmal stört, ist der Gesang von Matt McGachy, der zwar ein handfestes Gegrunze beherrscht, aber ebenfalls kaum zu verstehen ist – genauso wie es zuvor bei Disgorge auffiel. Der Star des Abends war Schlagzeuger Flo Mounier, der auf dieser Tournee zwar nicht sein gewohnt riesiges Kit spielte, auf dem kleineren Setup aber mehr als überzeugte. Das einzige Problem bei ihm war, dass es zeitweise wirklich schwer wurde, ihm zu folgen. In knapp einer Stunde spielten Cryptopsy so etwas wie ein Best-of ihrer Karriere. Ausgespart blieb das Album Once Was Not, das zweifellos ein exzellentes Werk ist, leider aber ignoriert wurde. Das verrückte kanadische Quartett verabschiedete sich mit drei älteren Songs – am stärksten stach das abschließende Phobophile heraus, das wohl einer der eingängigsten Tracks ihrer Karriere ist.

Channel Zero bekam mit Cryptopsy, Disgorge und Jungle Rot eine ordentliche Dosis Brutalität und Technik. Auf jeden Fall ein guter Einstieg in eine abwechslungsreiche Herbstsaison.

Mehr Aufnahmen des Konzerts findet ihr auf unserem YouTube-Kanal.

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