Steve Hackett erweckt die Magie der klassischen Genesis erneut auf grandiose Weise (2014)
Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Pordenone / Teatro Comunale Giuseppe Verdi / Italien
Konzertdatum: 24.05.2014
Besucherzahl: 1500
Steve Hackett, der brillante Gitarrenvirtuose und ehemalige Gitarrist der legendären Progressive-Rock-Band Genesis, gastierte diesmal in der italienischen Stadt Pordenone, wo der Auftritt für ihn das Jubiläum darstellte – der hundertste Gig der ‚Genesis Extended‘-Tour. Auf dieser Tour setzt Herr Hackett mit seiner langjährigen Begleitband die Darbietung einiger der beliebtesten Genesis-Klassiker aus ihrer klassischen Periode (die Siebziger) fort, die er an bestimmten Stellen geschickt neu arrangiert hat – mit dem Einsatz von Blasinstrumenten unter der Leitung von Rob Townsend –, dabei aber alle wesentlichen Merkmale bewahrt hat, was er auch an diesem Abend in der bis auf den letzten Platz gefüllten Halle des Teatro Comunale Giuseppe Verdi auf wunderbare Weise unter Beweis stellte.
Die Atmosphäre, die Steves Band zu zaubern vermag, ist fast auf demselben Niveau wie die, die Genesis in ihrer klassischen Progrockperiode zu erzeugen imstande waren – was vielleicht das schönste Kompliment ist, das man diesen ausgezeichneten Musikern machen kann. Die Auswahl der Darbietungen war diesmal ziemlich anders als bei unserem letztjährigen Treffen mit Hacketts Band in Vicenza, sodass wir an diesem Abend so manche höchst angenehme Überraschung aus dem reichhaltigen Genesis-Schatz zu hören bekamen. Diesmal stand kein einziges Stück vom Album »Wind & Wuthering« (1977) auf dem Programm, dafür lag umso stärkeres Gewicht auf dem Album »Nursery Cryme« (1971), während die Hauptüberraschung des Abends die Darbietung des kraftvollen Symphoprog-Epos »The Knife« darstellte. Letzteres stammt ursprünglich vom zweiten Genesis-Studioalbum, »Trespass« (1970), auf dem Gitarre noch Steves Vorgänger Anthony Phillips spielte, der die Band wegen seiner Bühnenangst verließ.
»The Knife« haben Genesis auch nach Steves Eintritt live gespielt, sodass ihm das Stück natürlich keineswegs fremd ist, dennoch ist es schön zu sehen, dass er auch eine Komposition ins Repertoire aufgenommen hat, an deren Entstehung er nicht beteiligt war. Sänger Nad Sylvan, der neben der stimmlichen Verwandtschaft die originale Bühnenmimik des legendären Peter Gabriel bis ins kleinste Detail nachgebildet hat, trug auch diesmal ein Musketierhemd mit barocken Ärmeln und war damit der Hauptgarant für die außerordentliche Theatralik, die bei einem Abend über die klassischen Genesis niemals fehlen darf. Rob Townsend brachte mit seinem vielfältigen Bläserarsenal Jazz- und Folk-Arrangements ein, die in den Originalversionen nicht vorhanden waren, aber die Klangkollage der einzelnen Stücke angenehm bereicherten, während er gelegentlich auch beim Hintergrundgesang aushalf.
Großartig schlug sich auch der mit Hut gekrönte Schlagzeuger Gary O’Toole, der Phil Collins‘ Schlagzeugtechnik bis ins kleinste Detail einstudiert hat, während er in der Hauptgesangsrolle beim Stück »Fly On a Windshield« glänzte. Keyboarder Roger King hatte an diesem Abend die sehr anspruchsvolle Aufgabe, die vielschichtigen Keyboard-Arrangements des unvergesslichen Tony Banks abzudecken, und erledigte seine Arbeit mit Bravour. Von allen Mitgliedern von Steves Band wirkte King am ernstesten und studiösesten, was ihm als ‚Banks-Stellvertreter‘ irgendwie gut zu Gesicht stand. Sein Sternmoment war erwartungsgemäß das Keyboard-Solo im »Selling England By the Pound« (1973)-Meisterwerk »Firth Of Fifth«.
An diesem Abend hatte Steve in seiner Band auch einen Musiker, der fast ebenso viele Ovationen erntete wie er selbst. Nach einer kurzen Abwesenheit, in der ihn Lee Pomeroy (It Bites) vertreten hatte, kehrte der charismatische Bassist Nick Beggs in Steves Band zurück – eine der markantesten Bühnenpersönlichkeiten überhaupt, die nicht nur ein phänomenaler Bassist und Innovator auf dem Chapman Stick ist, sondern auch ein glänzender Sänger, was alle Fans der Neue-Welle-Pioniere Kajagoogoo schon lange wissen. Beggs trug diesmal keine Zöpfe und kein Kilt, sondern sein neues Image erinnerte eher an einen übermütig aufgelegten Trash-Metaller, sodass er schon äußerlich unter den Mitgliedern von Hacketts Band herausstach, während seine Bassspiel-Technik manchmal eher an Gitarrenspiel erinnert. Beggs übernahm das Gesangszepter überall dort, wo die höchsten Lagen gesungen werden mussten, während er beim Eröffnungsstück »Dance On a Volcano« einen zweihalsigen Bass spielte. Ansonsten hatte er auch den Bühnenansatz von Mike Rutherford bis ins kleinste Detail einstudiert und wechselte je nach Stück geschickt zwischen stehender und sitzender Position sowie zwischen Bassgitarre und seinem Lieblingsinstrument, dem Chapman Stick.
Der Gitarrenmaestro, der bei seinen Auftritten schon seit den Siebzigern eine leicht gebeugte Haltung einnimmt, trug diesmal einen roten Schal um den Hals, um seiner Erscheinung wenigstens einen Hauch Theatralik zu verleihen – ansonsten war er an diesem Abend die Inkarnation bester Spiellaune und vollkommener Eingespieltheit, sodass wir ihm bei all seinen spezifischen Gitarrenpassagen und Improvisationen mit unverhohlenem Entzücken folgten. Nach der kraftvollen Eröffnung mit »Dance On a Volcano« entführte uns Steves hervorragend eingespielte Truppe sofort in die Gabriel-Ära mit der Darbietung des viktorianischen Epos »Dancing With the Moonlit Knight«, wo wir uns – was die Atmosphäre angeht – wieder irgendwo auf halbem Weg zwischen Realität und Fantasie befanden.
Die erste angenehme Überraschung des Abends war die Darbietung von »Squonk«, einer weiteren Klassik von »A Trick of the Tail« (1976), bei der Sylvan einmal mehr bewies, dass er neben Gabriels Stimmregister fast ebenso gut auch das von Collins erreichen kann. Mit den Darbietungen von »Fly On a Windshield«, bei dem O’Toole am Gesang begeisterte, und »Broadway Melody of 1974« befanden wir uns für einen Moment auf dem Album »The Lamb Lies Down On Broadway« (1974), von dem an diesem Abend auch mit der Darbietung von »Lilywhite Lilith« überrascht wurde. Zur großen Freude aller Fans des klassischen Albums »Nursery Cryme« spielte Steves Truppe an diesem Abend nacheinander alle drei zentralen, epischen Meisterwerke dieses unvergesslichen Werks, auf dem sich Hackett 1971, nach seinem Wechsel von der obskuren Band Quiet World, der Welt erstmals als Genesis-Gitarrist vorstellte.
Die Darbietung des kraftvollen Evergreens »The Return of the Giant Hogweed«, bei der Steve unter anderem mit einer Demonstration der Gitarrentechnik ‚Tapping‘ begeisterte (diese Technik demonstrierte er an diesem Abend auch während der Darbietung von »Dancing With the Moonlit Knight), die er 1971 als Erster in die Rockmusik einzubringen begann – rund sieben Jahre bevor sie Eddie Van Halen weit und breit popularisierte. Der epischen Geschichte vom invasiven russischen Unkraut, das durch die ‚Schuld‘ eines unbesonnenen englischen Forschers das viktorianische England versklavte, folgte die altgriechische mythologische Erzählung über die Entstehung des Hermaphroditen – und zwar durch die Darbietung des mit prächtigen Mellotron-Arrangements geschmückten Epos »The Fountain Of Salmacis«. Natürlich fehlte unter den drei »Nursery Cryme«-Evergreens auch der beliebteste von ihnen nicht, nämlich »The Musical Box«, bei dem sich Sänger Sylvan auf wunderbare Weise hervortat und uns mit seiner Gesangsdarbietung und Bühnenmimik für einen Moment davon überzeugte, dass sich auf der Bühne die Reinkarnation des jungen Peter Gabriel befindet.
Unter den Genesis-Evergreens durfte auch der Hit »I Know What I Like (In Your Wardrobe)« nicht fehlen – bei der breiten Masse das bekannteste Stück aus der Gabriel-Ära –, sowie Steves traditioneller, kurzer Soloauftritt mit dem Titel »Horizons«, bei dem alle Bühnenlichter auf ihn gerichtet waren. Die Darbietung von »The Knife«, das Sylvan mit einem hoch erhobenen Dolch ankündigte, war, wie bereits erwähnt, einer der Höhepunkte des Abends, während der große Höhepunkt mit der Darbietung des Genesis-Magnum-Opus »Supper’s Ready« anbrach. Sylvan zog sich zwar in den Schlüsselsequenzen dieses unvergesslichen Super-Epos‘ weder als Blume an noch setzte er sich Schachteln auf den Kopf, aber seine Version eines in schwarzen Mantel gehüllten Antichristen hinterließ dennoch einen äußerst beeindruckenden Eindruck. Damit endete der reguläre Teil des Konzerts.
In der Zugabe überraschte Steves Truppe mit einem weiteren »Foxtrot« (1972)-Evergreen, »Watcher Of The Skies«, der auf der vorherigen Tour als Eröffnungsstück gespielt worden war. Hier war wirklich alles der originalen Genesis-Bühnenchoreografie untergeordnet, denn auch die Lichtanordnung entsprach jener aus den Zeiten, als »Watcher Of The Skies« mit Gabriel in der Besetzung gespielt wurde. Das Konzert endete fast erwartungsgemäß mit der Darbietung der instrumentalen Kostbarkeit mit Jazz-Fusion-Elementen, »Los Endos«, in die Herr Hackett geschickt auch das zentrale Gitarrenmotiv seines Solo-Stücks »Slogans« einbaute. Das italienische Publikum rastete fast aus, als die nicht enden wollenden Ovationen folgten, während es den Bandmitgliedern ein wenig unangenehm war – oder sie mussten sich das Lachen verkneifen –, als sie von den Veranstaltern Rosen überreicht bekamen, wie sie sonst Operndiven verliehen werden.
Das Erleben von Hacketts Band bei der Darbietung einiger der besten Errungenschaften der Geschichte des Progressive Rock ist stets ein unvergessliches, beinahe transzendentales Erlebnis – als würde man mit einer Zeitkapsel in eine deutlich romantischere Musikära zurückreisen –, und ist derzeit wirklich die bestmögliche Annäherung an die originale Genesis-Magie aus ihrer klassischen Periode. Steve und seine virtuose Truppe haben also auch mit dem Auftritt in Pordenone unsere großen Konzerterwartungen erfüllt und sogar übertroffen und uns mit dem Wunsch nach einem baldigen neuerlichen ‚Wiedersehen‘ hinterlassen. Davon hatten die traditionellen italienischen Straßenhändler, die sich vor dem Eingang zur Halle tummelten und davor T-Shirts mit billigen Imitationen verschiedener Genesis-Grafikmotive aus den Achtzigern (sprich aus der ‚Pop-Rock-Trio‘-Ära) verkauften, natürlich nicht einmal geträumt.
Setliste
1. Dance on a Volcano
2. Dancing With the Moonlit Knight
3. Squonk
4. Fly on a Windshield
5. Broadway Melody of 1974
6. The Return of the Giant Hogweed
7. The Fountain of Salmacis
8. The Musical Box
9. I Know What I Like (In Your Wardrobe)
10. Horizons
11. Firth of Fifth
12. Lilywhite Lilith
13. The Knife
14. Supper’s Ready
—Zugabe—
15. Watcher of the Skies
16. Los Endos (inkl. Slogans)
Bildergalerie










































































