Dream Theater begeisterten in Zagreb mit einer traumhaften Darbietung technischen Perfektionismus (2014)

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Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Zagreb / KC Dražen Petrovič / Kroatien
Konzertdatum: 03.02.2014
Besucherzahl: 2500

Dream Theater braucht man eigentlich nicht groß vorzustellen – außer vielleicht denen, die die letzten fünfundzwanzig Jahre im Eis des neunten Kreises von Dantes Inferno verbracht haben und sich nun langsam ans Leben an der Oberfläche gewöhnen. Denn es handelt sich um die angesehenste Band ihres Genres, die selbst in Slowenien mit neuen Studioalben regelmäßig in die Charts einsteigt. Die amerikanische Progressive-Metal-Institution hat sich seit 1989 eine riesige Fangemeinde erarbeitet, die vor allem auf das beneidenswerte technische Know-how und die virtuosen Fähigkeiten der einzelnen Mitglieder schwört – Musiker, die praktisch alles spielen können, was das Herz begehrt. Dabei sind sie in erster Linie fleißige Komponisten mehr oder weniger komplexer Stücke, die traditionelle Prog-Metal-Rahmen oft sprengen und deutlich mehr Gespür für Sensibilität besitzen, als es auf den ersten Blick scheinen mag.

Nach einigen weniger inspirierten Studioalben in einer qualitativ stark schwankenden Phase zwischen 2002 und 2009 und dem (un)erwarteten Abgang von Gründungsschlagzeuger Mike Portnoy (Transatlantic, Winery Dogs und Neal Morse) haben sich Dream Theater rasend schnell gefangen und sind aus dieser kleinen ‚Krise‘ sogar gestärkt hervorgegangen. Portnoys Nachfolger Mike Mangini hat sich nämlich nicht nur als bestmöglicher Ersatz für den kultigen Schlagzeug-Allwissenden erwiesen – nach eigenen Angaben können Dream Theater mit ihm in der Besetzung jetzt auch Ideen verwirklichen, die mit dem ziemlich autokratischen Gründungsmitglied früher nicht umsetzbar waren. Mit Mangini haben sie zwei sehr starke Studioalben aufgenommen: »A Dramatic Turn of Events« (2011) und das aktuelle Werk »Dream Theater« (2013), das sie auf der laufenden Tournee ausgiebig promoten – bei der sie auch bei unseren südlichen Nachbarn in Zagreb vorbeischauten.

Die Atmosphäre in der Halle Dražen Petrovič, der Heimspielstätte des Zagreber Basketballklubs Cibona – wo die Trikots von Legenden des jugoslawischen/kroatischen Basketballs wie Dražen Petrović, Mikovil Nakić, Krešimir Ćosić, Nikola Plećaš und Andro Knego im Ruhestand hängen – war eine halbe Stunde vor dem Auftritt der Dream-Theater-Mitglieder auf der Bühne bereits voll aufgeregter Vorfreude der Prog-Metal-Anhänger. Das Parkett war bis Konzertbeginn nahezu vollständig gefüllt, während einige Tribünenplätze zwar leer blieben – was bei der Begeisterung des überwiegend intellektuell wirkenden Publikums kaum auffiel. An ‚Musikdoktoren‘, brillentragenden Strebern und schwarz gekleideten Metallern fehlte es erwartungsgemäß nicht, sie stellten sogar die Mehrheit – aber es waren auch einige Vertreterinnen des schönen Geschlechts zu sehen, die nicht unbedingt als Paar gekommen waren. Da drängt sich eine amüsante Beobachtung auf: Offenbar ist die Anwesenheit aufgeregter Mädels auf dem Konzert einer der am wenigsten ‚coolen‘ Bands der Welt, die sich einen Dreck um Trends schert, ein weiterer Beweis dafür, dass der kanadische Sänger James LaBrie mit den Jahren nichts von seinem Charme eingebüßt hat – auch wenn er seine grauen Strähnen schon längst nicht mehr versteckt.

Dream Theater haben beschlossen, die aktuelle Tournee – die nebenbei auch mit dem fünfundzwanzigsten Jahrestag des Debütalbums »When Dream And Day Unite« (1989) zusammenfällt – dem zwanzigsten Jahrestag von »Awake« (1994) und dem fünfzehnten Jahrestag des konzeptuellen Meisterwerks »Metropolis Pt. 2: Scenes From a Memory« (1999) zu widmen. Entsprechend war auch die Setlist dieses Abends zusammengestellt, die zahlreiche Überraschungen bereithielt und sowohl neueres als auch älteres Material umfasste – wobei die Favoriten aus den Neunzigern bzw. die Songs der beiden genannten Alben erst im zweiten Teil des dreistündigen Auftritts an die Reihe kamen. Auf der Leinwand im Hintergrund liefen zwischen den einzelnen Songs durchgehend fantastische Videoprojektionen, die die ohnehin schon außergewöhnliche Atmosphäre in der Halle deutlich aufwerteten.

Schon die Eröffnungsanimation war begeisternd: animierte Cover aller bisherigen Dream-Theater-Alben, die gemeinsam mit dem eingespielten Stück »False Aweakening Suite« eine höchst unterhaltsame Ouvertüre zum Auftritt der Bandmitglieder auf der Bühne bildeten. Ähnliches haben vor Jahren übrigens auch die legendären Rush mit ihren Covern gemacht – und die gehören zu den wichtigsten Vorbildern dieser amerikanischen Prog-Metal-Meister. Dream Theater sind wahrscheinlich eine der letzten Rockbands der Welt, der man eine vorhersehbare Setlist vorwerfen könnte – entsprechend war es schlicht unmöglich vorherzusagen, welche Songs an diesem Abend gespielt werden würden. Für eine amüsante Überraschung sorgten sie damit, dass sie ihren einzigen Hit »Pull Me Under« aus der Setlist strichen – den die meisten an diesem Abend kaum vermissten, weil wir so viele bessere und vor allem interessantere Stücke zu hören bekamen, darunter auch solche, die Dream Theater seit Jahren nicht mehr gespielt hatten. Iron Maiden könnten sich an diesem Beispiel ruhig eine Scheibe abschneiden, wenn es darum geht, eine interessante Setlist ohne jahrzehntealte, abgedroschene Dauerbrenner zusammenzustellen.

Die Band eröffnete ihren Auftritt mit einem langen instrumentalen Intro des neuen Songs »Enemy Inside« – einem treibenden Stück, das zu den besten Schöpfungen der letzten Jahre gehört, von Anfang bis Ende rund ist und eine starke pazifistische Botschaft trägt, was auch das Video über einen traumatisierten Ex-Soldaten, der die Schrecken des Krieges nicht verarbeiten kann, eindrücklich verdeutlichte. Noch bevor LaBrie die Bühne betrat, blies das Quartett virtuoser Wahnsinniger mit seinen technischen Fähigkeiten all jenen den Kopf weg, die sie nicht allzu oft live erleben können und vielleicht schon leicht vergessen hatten, auf welch beneidenswertem Niveau ihre instrumentalen Fähigkeiten liegen. Gitarrenmaestro und Gründungsmitglied John Petrucci war beim Improvisieren wieder einmal in ‚seiner eigenen Welt‘ und wechselte wie gewohnt im Laufe des Auftritts zwischen sechs- und siebensaitiger Gitarre. Sein Kollege und ebenfalls Gründungsmitglied, der sprichwörtlich ernste Bassist John Myung, geizte nicht mit seinen eingeschliffenen Finessen, was die Kunst des Legens komplexer und herausfordernder Basslinien angeht.

Jordan Rudess, mit seinem grauen Ziegenbart geschmückt und neben Petrucci zweifellos das ‚ausgerastetste‘ Bandmitglied, bewies schon in den ersten Minuten, dass er nicht nur ein phänomenaler Keyboarder mit einem ‚supersonischen‘ Anschlag ist, sondern auch ein erstklassiger Entertainer, der mit seinen burlesken Grimassen – besonders für die Kamera – für einige Lachsalven sorgte. Während »Enemy Inside« waren seine Keyboards, zu denen auch zwei rotierende Synthesizer sowie ein tragbarer, gitarrenförmiger Synthesizer in Form einer Meeresmuschel gehörten, einen Tick höher gestimmt als auf der Studioversion, was sofort zu hören war. Mike Manginis futuristisches Schlagzeug-Setup ließ keinerlei Raum für Fantasie und erinnerte an einen silbernen Kiosk, an dem man Eintrittskarten bestellt – während sein spartanisches Drumming dafür sorgte, dass während des Auftritts kaum jemand im Publikum überhaupt an seinen berühmten Vorgänger dachte. LaBrie ist trotz seiner nicht mehr ganz jungen Jahre immer noch ein hervorragender Sänger, und meistens ist es genau sein Gesang, der die Band nach längeren instrumentalen Ausflügen wieder ein bisschen ‚erdet‘ und ihr Seele einhaucht.

Auf den dramatischen Energiekatalysator »Enemy Inside« folgte »The Shattered Fortress« vom letzten Portnoy-Album »Black Clouds And Silver Leanings«, bei dem es noch mehr ‚supersonische‘ Improvisions-Eskapaden der Instrumentalvirtuosen gab. Der Sound, der am Mischpult am besten klang, war zu Konzertbeginn noch nicht optimal – hatte sich aber bis zum dritten Song, »On The Backs of Angels« vom Album »A Dramatic Turn of Events«, als die Band bereits gut eingespielt war, rasch verbessert, sodass LaBries Gesang im weiteren Verlauf des Auftritts deutlich klarer zu hören war. Mit der Darbietung von »The Looking Glass« wiesen sie erneut darauf hin, dass ein neues Album draußen ist, das kaum einen passenderen Titel tragen könnte. Für die erste große Überraschung sorgte die epische Suite »Trail of Tears«, die aus dem oft übersehenen Album »Falling Into Infinity« (1997) stammt und die erste Zeitreise zurück in die Neunziger darstellte – jene Ära, in der Dream Theater ihren Ruf als Prog-Metal-Champions aufgebaut hatten. Die Darbietung von »Enigma Machine«, einem weiteren beeindruckenden Stück vom aktuellen Studioalbum – bei dem wir auch eine herrlich witzige Videospiel-Animation mit den Bandmitgliedern in den Hauptrollen genossen –, beinhaltete Manginis atemberaubendes Drum-Solo, das alle jungen Schlagzeuger, die technisch die Besten ihres Fachs werden wollen, in einen Zustand absoluter Glückseligkeit versetzte. Mangini besitzt zwar (noch) nicht Portnoys unterhaltsame Bühnencharisma, aber andererseits ist es gut, dass die Band mit ihm die nötige Stabilität und eine unkomplizierte Persönlichkeit gefunden hat.

Mit den Darbietungen von »Along For The Ride« und »Breaking All Illusions«, bei denen Petrucci und Rudess reichlich Gelegenheit zu gegenseitigen Improvisationsduellen hatten, wurde der erste Konzertteil abgeschlossen, worauf eine fünfzehnminütige Pause folgte. In der Pause sorgten Dream Theater dafür, dass niemandem langweilig wurde – die gesamte Halle amüsierte sich köstlich bei satirischen Werbespots, in denen die Bandmitglieder auftraten und die beweisen, dass sie durchaus Sinn für selbstironischen Humor haben. Einen Mangel an Humor könnte man allenfalls dem ewig ernsten Bassisten Myung vorwerfen – der aber während des Auftritts trotzdem mehr Lächeln hinbekam, als man es bei ihm gewohnt ist. So gab es satirische Werbespots für spezielle Plastikfiguren von Rudess und LaBrie, während Petruccis Figur zum neuen Mitglied der Transformers-Roboter wurde. Petrucci nahm auch seinen alten Freund Joe Satriani auf die Schippe, der in einem stimmlich manipulierten verbalen Duell mit italienischem Akzent während seines Gitarren-Posierens ‚quäkte‘, während ihm John, wie eine Figur aus Mortal Kombat, drohte, das Herz herauszureißen. Natürlich war die Aufnahme zum Spaß inszeniert, denn Satriani und alle Dream-Theater-Mitglieder sind alte Freunde.

Die härteste Kritik, die Dream Theater von ihren Gegnern normalerweise zu hören bekommen, ist laut LaBrie die, dass sie keine Seele hätten – doch an diesem Abend genossen wir neben Demonstrationen enormen technischen Könnens auf den einzelnen Instrumenten auch zahlreiche wunderschöne Arrangements und Stücke mit tiefgründigen lyrischen Botschaften. Das gilt ganz besonders für die Werke aus den Neunzigern, die im zweiten Teil des Auftritts an die Reihe kamen: Da spielten sie gleich fünf Songs vom kultigen »Awake«, was bedeutet, dass wir die gesamte zweite Hälfte des Albums hörten. Dabei handelte es sich um einige Stücke, die Dream Theater seit Jahren nicht mehr gespielt hatten, darunter auch den Klassiker »Lie«, weshalb alle Fans hellauf begeistert waren über das prall gefüllte Fass neu ‚zum Leben erweckter‘ Prog-Metal-Standards. Als Finale des zweiten Konzertteils spielten die Prog-Metal-Größen noch das epische Meisterwerk »Illumination Theory« vom aktuellen Studioalbum.

Es folgte der dritte und abschließende Konzertteil, der den Songs des konzeptuellen Magnum Opus »Metropolis Pt. 2: Scenes From a Memory« gewidmet war – für viele schlicht ihr bestes Werk überhaupt, mit dem Dream Theater Geschichte schrieben und sich in die Reihe der wichtigsten Namen des modernen Progressiv-Rock einreihten. Für eine kurze Auffrischung des komplexen Konzepts über die Erinnerungen eines Menschen an ein früheres Leben sorgten sie mit der Darbietung zentraler Stücke dieses Albums: »Overture 1928«, »Strange Deja Vu«, »The Dance of Eternity« und »Finally Free« – allesamt kompositorische Höhepunkte ihrer Karriere.

Dream Theater haben erneut ihren Ruf als erstklassige Konzertattraktion für alle Musikfeinschmecker bestätigt, die vor allem überragende technische Könnerschaft, die Abkehr von aktuellen Klangtrends und eine möglichst reichhaltige Arrangements-Vielfalt schätzen – und bei ihrem ‚Spaziergang durch die Zeit‘ haben sie buchstäblich niemanden im Saal kalt gelassen. Ein besonderer Genuss war es, so viel Material von »Awake« und »Metropolis Pt. 2: Scenes From a Memory« zu hören, sowie auch »Trail of Tears« vom ewig ‚vergessenen‘ »Falling Into Infinity« – während auch die Darbietungen neuerer Werke für eine Fülle positiver Momente sorgten, vor allem jene von den beiden Studioalben mit Mangini. Immer wenn Dream Theater auftreten, ist es ein Vergnügen, so viele staunende Gesichter der ‚Musikdoktoren‘ zu sehen, die sich an dem grenzenlosen technischen Können der vier Instrumentalvirtuosen nicht sattsehen können – während die übrigen Konzertbesucher, denen es nicht wesentlich ist zu beobachten und zu hören, wer beim akademisch aufgeladenen Improvisationsduell eine bestimmte Passage schneller spielt, am meisten bei den Songs mit klarem Anfang und Ende und konkreter Botschaft genossen haben – Stücke, die an diesem Abend glücklicherweise überwogen und so auch diejenigen begeisterten, die sich selbst nicht zu den Prog-Metal-Fanatikern zählen.

Setlist

Act I
1. False Awakening Suite (intro)
2. The Enemy Inside
3. The Shattered Fortress
4. On the Backs of Angels
5. The Looking Glass
6. Trial of Tears
7. Enigma Machine (mit Drum-Solo von Mike Mangini)
8. Along for the Ride
9. Breaking All Illusions
Act II
10. The Mirror
11. Lie
12. Lifting Shadows Off a Dream
13. Scarred
14. Space-Dye Vest
15. Illumination Theory
—Zugabe—
16. Overture 1928
17. Strange Déjà Vu
18. The Dance of Eternity
19. Finally Free
20. Illumination Theory (outro)

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